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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Zeitgeist? Ach was!

Der deutsche Denker Peter Sloterdijk – eine Anregung zur Lektüre

 

In den vergangenen Jahren sind hierzulande viele Diskussionen über die Bücher und den geistigen Rang des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk geführt worden, und zwar auf den verschiedensten Niveaus, von den Höhen der Online-Foren bis hinab ins Feuilleton. Sloterdijks Debüt „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983) war das meistverkaufte philosophische Werk der Nachkriegszeit, und „Du musst dein Leben ändern“ (2009) wurde neuerlich ein kleiner Bestseller. Dazwischen erschienen fast im Jahresrhythmus Bücher von ihm, in diesem Sommer „Zeilen und Tage“, ein privates Diarium der Jahre 2008 bis 2011, das bei Publikum und Kritik ebenfalls große Resonanz fand.

Das ist zunächst einmal insofern bemerkenswert, als philosophische Gedanken (oder gar ganze Werke) ja eher selten eine große Öffentlichkeit erreichen; Sloterdijk muss also entweder auf eine Weise denken und formulieren, die sich von der akademischen Philosophie unterscheidet, oder im Gegensatz zu dieser Themen behandeln, die auf allgemeines Interesse stoßen – oder beides zusammen. Auffällig an den Debatten war und ist ferner, dass sie weitgehend einem binären Schema folgen: Sloterdijk löst entweder Begeisterung oder Ablehnung aus, wobei Letztere oft mit dem Versuch einhergeht, ihm den Status des Philosophen insgesamt streitig zu machen. Der Autor dieser Betrachtung ist keineswegs die Instanz, darüber zu befinden, ob jemand in dieses exklusive Gremium gehört (das sich ohnehin sub specie aeternitatis formiert), und er verwendet das Wort in aller zeitgenössischen Unschuld.  Sloterdijk hat den Philosophen definiert „als jemanden, der wehrlos ist gegen Einsichten in große Zusammenhänge“ und sich selber als „philosophischen Schriftsteller“ bezeichnet. Dass er ein anregender und befruchtender Denker ist, soll hier als Ausgangspunkt genügen. Unser Thema wird nicht die Frage nach dem philosophischen Rang des Karlsruher Erzgescheiten sein, sondern die nach seiner Position im Kraftfeld des herrschenden Zeitgeistes.

Rein äußerlich ist Sloterdijk eine erfreulich unzeitgemäße Erscheinung. Man meint, dieses Antlitz aus der flämisch-niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts zu kennen. In seinen Tagebüchern bezeichnet er sich als „unfrisierbaren Oger, den man gelegentlich in nächtlichen Fernsehsendungen gesehen hat“. In diesem notorischen Unfrisiertsein lebt die auch äußerliche Geltendmachung einer gewissen Libertinage fort, wie sie spätestens seit Nietzsche und Marx im Orden der Meisterdenker etabliert ist – sofern es sich nicht bloß um eine beibehaltene Attitüde des in die Jahre gekommenen Achtundsechzigers handelt. Aber auch als solcher bliebe er ausweislich seiner Physiognomie ein seltener Mensch. (Das stärkste Argument dagegen, dass Richard David Precht etwas mit Philosophie zu tun haben könnte, sind ja nicht seine Bücher, sondern es ist sein Gesicht.)

Der Grundduktus von Sloterdijks Denken ist Heiterkeit. Er treibt, in den Worten Nietzsches, „fröhliche Wissenschaft“. Welchen Gegenstand er auch traktiert, stets scheint ein gewisses distanziertes Amüsiertsein dabei mitzuschwingen, wenn er ihn kraft seiner Formulierungskünste dreht und wendet. Deshalb gerät die Lektüre seiner Texte stets zu einer erbaulichen Angelegenheit. Sloterdijk vermag sogar gutgelaunt zu polemisieren, was ihm – mitsamt seiner Wortmächtigkeit, seinem Witz, seiner stupenden Belesenheit und seinen jederzeit aktivierbaren Neologismen-Geschwadern – in Auseinandersetzungen eine fast naturgegeben wirkende Überlegenheit verschafft. Und der Zögling der 68er-Bewegung macht, anders als viele Konservative, vom Recht des Zurückbeißens regen Gebrauch.

Unvergessen sollte etwa bleiben, wie er 1999 auf die nachträgliche Skandalisierung seines Vortrags „Regeln für den Menschenpark“ reagierte, die nach seiner unwidersprochenen Darstellung unter der Drahtzieherschaft des Soziologen Jürgen Habermas stattfand. Der Vortrag befasste sich mit der Anwendung der Gentechnologie auf den Menschen, wofür der Redner den Terminus „Anthropotechniken“ einführte. Ein im Publikum anwesender „Zeit“-Feuilletonist ergriff die Gelegenheit, diese Darlegung auf bewährte Weise in Richtung Eugenik, Züchtung und irgendwie NS-Rassenpolitik zu verdrehen, um daraufhin einen sich medial wie üblich fortzeugenden Alarm auszulösen. Sloterdijk ließ sich nicht lumpen, trommelte eine Pressekonferenz zusammen, nannte Habermas die „Starnberger Fatwa“ und dessen journalistische Vollstrecker „linksfaschistische Philosophenpaparazzi“ und „Borderliner des Humanismus“. Dem Erst-Alarmierer wiederum verlieh er in Anspielung an das kapitolinische Geflügel, dessen Schnattern anno 387 vor Christus die Römer angeblich vor einem gallischen Angriff warnte, den Titel „Problemgans“.

Dass sich ein Philosoph, der den Namen verdient, zu den jeweiligen Geistesmoden letztlich nur in einem Nichtverhältnis bewegen kann, bedarf keiner weiteren Ausführungen. Gleichwohl lautet eine Unterstellung, die immer wieder gegen Sloterdijk ins Feld geführt wird, er sei ein bloßer Zeitgeist-Denker. Tatsächlich steht er in fast allen Belangen quer zum herrschenden Zeitgeist. Was das unter den sanften Zwängen der mediendominierten Massengesellschaft bedeutet, hat er im Gesprächsband „Die Sonne und der Tod“ so beschrieben: „Ich provoziere deine Autonomie-Illusion nie zuverlässiger, als wenn ich dir am konkreten Beispiel zeige, dass du unfähig bist, eine Erregungskette in dir enden zu lassen.“ Die „Definition von Souveränität“ laute folglich: „sich von Meinungsepidemien distanzieren können“; Souveränität zeige sich allein darin, „dass ich den aufgenommenen Impuls in mir absterben lasse oder dass ich ihn in völlig verwandelter, geprüfter, gefilterter, umcodierter Form weitergebe“.

Ganz mainstreamfern zeigt der Impulsumcodierer aus Karlsruhe zum Beispiel keine Neigung zur trendigen Demontage der abendländischen Tradition, egal unter welchem akademischen Design sie daherkommt. (Im Gegenzug brachte er speziell dem geistig-spirituellen Kosmos Indiens stets großes Interesse entgegen, weilte als junger Mann sogar zwei Jahre im Aschram bei Bhagwan alias Osho und bezeichnete die dort empfangene Prägung als „unumkehrbar“, was ihn im akademischen Sektor auch wieder zum Sonderling macht.) Autoren, die erst 2.000 Jahre tot sind, hält er nicht für überholt, sondern für Zeitgenossen. Diskurse stoßen ihn wegen der Vorhersagbarkeit ihrer Resultate inzwischen ab. Er hat kein Problem damit, Homo sapiens als ein biologisch determiniertes Wesen zu betrachten. Bei ihm findet sich kein Wort über „Gender“. Der existentielle Mensch interessiert ihn mindestens so sehr wie der soziale, ihm hat er die drei Bände seines womöglichen Hauptwerkes gewidmet: Die „Sphären“-Trilogie in ihrer wundervoll abseitigen Perspektive ist eine Universalgeschichte des menschlichen Zur-Welt-Kommens, individuell wie gattungsmäßig. In der Nachfolge von Heideggers „Sein und Zeit“ stehend, könnte sie auch „Sein und Raum“ heißen.

Nie hat sich Sloterdijk an der moralisierenden Herabsetzung von Denkern beteiligt oder sich beflissen von „umstrittenen“ Autoren distanziert, ob es sich nun um Joseph de Maistre, Carl Schmitt oder Antonio Negri handelt. Oder um Thilo Sarrazin. Über letzteren heißt es in seinen Tagebüchern, er sei ein „Verdeutlicher“, „rücksichtslos im positiven Sinn des Worts“, denn er verfüge „offensichtlich über die Gabe, bei der Formulierung von spitzen Thesen mögliche Wirkungen des Gesagten außer Betracht zu lassen“. Von den „Angehörigen des radikalkonformistischen Milieus, von Politikern und Medienleuten, die ausschließlich in Wirkungsbegriffen denken und stets vom Effekt auf die Absicht schließen“, werde solch empathiefreie Rede stets als Provokation missverstanden: „Was man Denkverbot nennt, ist meistens ein Deutlichkeitsverbot – man möchte die Dinge wieder in die gewohnte Trübheit tauchen.“ Die Attitüde des Zensierens, Warnens oder gar Denunzierens ist Sloterdijk fremd. Keine politische Partei kann auf ihn zählen. Der Mann ist durchaus nicht willens, sich zu kompromittieren.

Dass er in der linken bis linksliberalen Medienlandschaft inzwischen als – gern auch mit Sarrazin in einem Atemzug geschmähter – Bösmensch figuriert, hat vor allem mit seinem „FAZ“-Essay „Die Revolution der gebenden Hand“ und einigen Folgetexten zu tun. Dort hatte er zunächst einmal konstatiert, dass die Erde rund sei, nämlich: „Voll ausgebaute Steuerstaaten reklamieren jedes Jahr die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus, ohne dass die Betroffenen zu der plausibelsten Reaktion darauf, den antifiskalischen Bürgerkrieg, ihre Zuflucht nehmen. Das ist ein politisches Dressurergebnis, das jeden Finanzminister des Absolutismus vor Neid hätte erblassen lassen.“ Aphoristisch heißt es weiter: „Ein moderner Finanzminister ist ein Robin Hood, der den Eid auf die Verfassung geleistet hat.“

Sloterdijk will die Wohlhabenden keineswegs von sozialer Verantwortung befreien, sondern „die unwürdigen Relikte der spätabsolutistischen Staatskleptokratie und deren Fortsetzung in der tief eingewurzelten Gegenenteignungslogik der klassischen Linken durch eine demokratische Geberkultur“ überwinden. In seinem Buch „Zorn und Zeit“ widmet er sich den „thymotischen Energien“ im Menschen – als da wären Stolz, Mut, Beherztheit, Geltungsdrang, Zorn, Gerechtigkeitssinn, Ehrgefühl – und gelangt zu dem Ergebnis, dass in der westlichen Welt der wahrscheinlich zum Scheitern verurteilte Versuch stattfinde, diese Energien gegen die erotischen des konsumistischen Begehrens auszutauschen und sie so quasi unter Dauernarkose zu halten. Sloterdijk schlug unter Verweis auf den „thymotischen Gebrauch des Reichtums in der angelsächsischen Welt, vor allem in den USA“ – sprich: die enormen Gelder, die in Übersee karitativ gespendet werden – folgende Überlegung vor: Angenommen, der moderne Staat brauche tatsächlich die Summen, die er heute durch Zwangssteuern eintreibt, „wäre es dann nicht viel würdevoller und sozialpsychologisch produktiver, dieselben Beträge würden nicht durch fiskalische Zwangsabgaben aufgebracht, sondern in freiwillige Zuwendungen von aktiven Steuerbürgern an das Gemeinwesen umgewandelt?“ Würde durch diese Umstellung von Enteignung auf Gabe nicht „die Wende von einer gierbeherrschten zu einer stolzbewegten Gesellschaftsform“ bewirkt? Das mag man naiv, utopisch oder illusionstrunken finden – die Ideologen des Umverteilungsstaats indes fanden es „antisozial“, witterten einen „Klassenkampf von oben“ und unterstellten ihm „Verachtung für den Sozialstaat“.

Es war die Rede von Sloterdijks beharrlicher Nichtbeteiligung an der Diabolisierung von Autoren. Der bedeutendste der vom Zeitgeist mit Schwefelgeruch umnebelten Denker ist Martin Heidegger, der bekanntlich 1933 ein kurzes Techtelmechtel mit der NS-Bewegung hatte. Die Heidegger-Rezeption hat Sloterdijk zufolge deshalb im Nachkriegsdeutschland nie zu sinnvollen Ergebnissen geführt. Stattdessen hielten sich Feuilletonisten für berufen, „moralisierende Gesamturteile abzugeben über einen Denker, der sich ohne Zweifel in die Höhenlinie der europäischen Philosophie eingetragen hat – vielleicht der einzige in unserem Jahrhundert, den man auf lange Sicht in einem Atemzug mit Platon, Augustinus, Thomas, Spinoza, Kant, Hegel und Nietzsche wird nennen dürfen“. Bei Heideggers postumer Anbräunung tun sich auch französische „Enthüller“ hervor (Sloterdijk spricht von „französischer Kampfgermanistik“), etwa Emmanuel Faye, der vorschlug, die Gesamtausgaben des Seinsbegrüblers aus Todtnauberg aus den geisteswissenschaftlichen Bibliotheken zu entfernen und sie stattdessen unter „Geschichte des Nationalsozialismus“ einzusortieren. Fayes Heidegger-Denunziation sei „nur als Teil eines seit Generationen praktizierten Leugnungsmanövers zu begreifen“, kommentiert Sloterdijk. „Man ist dort noch immer nicht bereit, vor der eigenen Haustür zu kehren.“ Dabei seien es im 20. Jahrhundert vor allem französische Autoren gewesen, „die das Parteilichkeitsdenken, das Bewegungsdenken, das Ereignisdenken in die Philosophie einbrachten, oft genug in flamboyanter Korrespondenz mit den Ungeheuerlichkeiten des Stalinismus und des Maoismus“.

In „Zorn und Zeit“ ist Sloterdijk einem anderen aus der hiesigen Öffentlichkeit verstoßenen Denker beigesprungen, vielleicht nolens volens, jedenfalls ohne ihn zu nennen, nämlich dem seit dem Historikerstreit als Paria geltenden Ernst Nolte. In seinen Betrachtungen über die „kommunistische Weltbank des Zorns“ konstatiert er trocken dasselbe, wofür Nolte exkommuniziert wurde (wobei unter Kommunisten diese These immer als unstrittig galt), nämlich dass „der Leninismus die Matrix des Faschismus war“. Das Publikum habe noch immer nicht zur Kenntnis genommen, „wieweit der Klassismus vor dem Rassismus rangiert, was die Freisetzung genozidaler Energien im 20. Jahrhundert anging“. Den Massenmord an den wohlhabenden Bauern der Sowjetunion nennt er „das dunkelste Kapitel in der schattenreichen Geschichte revolutionärer Zorngeschäfte“; die Kulaken bildeten „noch immer das größte Genozidopferkollektiv der Menschheitsgeschichte“. Auch der andere rote Massenmörder mitsamt seiner westlichen Clacque wird nicht vergessen: „Die holocaustartigen Rasereien der Kulturrevolution – von westlichen Beobachtern zu größeren Unruhen verharmlost – ereigneten sich in relativer Gleichzeitigkeit mit den Studentenbewegungen von Berkeley, Paris und Berlin, wo es auch überall engagierte Gruppen gab, die das wenige, was sie über die Ereignisse in China wussten, für einen zureichenden Grund hielten, sich als Maoisten zu präsentieren. Manche kokette Maoverehrer von damals, die sich wie üblich seit langem selbst verziehen haben, sind bis heute als politische Moralisten aktiv.“ In „Zeilen und Tage“ fragt sich der Diarist: „Wie war es möglich, dass die neo-autoritäre Bewegung jener Jahre als eine anti-autoritäre Bewegung in Erinnerung blieb?“

Womit wir beim Glutkern aller deutschen Zivilreligiosität angelangt wären, dem Dritten Reich und dessen täglich neue Lippenbekenntnisse, Relativierungsverbotsstammeleien und Unvergleichbarkeitsdekrete hervorbringender „Bewältigung“ (die man früher „Aufarbeitung“ nannte, bis man diesen Begriff wieder denen überließ, die mit ihm etwas anfangen können: den Tischlern). In „Die Sonne und der Tod“ hat Sloterdijk ausgeführt: „Je näher man an den Kern der deutschen Unfreiheit herankommt, desto mehr nehmen die zwanghaften Assoziationen zu – bis zuletzt nur noch das Nazi-Eine übrigbleibt. Es gibt bei uns offenbar ein Bedürfnis, die mentalen Gitterstäbe immer wieder zu justieren, hinter denen zu leben hierzulande Unzählige beschlossen haben.“ Dieses „Selbsteinsperrungsphänomen“ nennt er „das masopatriotische Syndrom“. In den öffentlichen Debatten „leben wir mehr denn je unter der Überwachung von Alarmsystemen, mit denen die Grenzen der Denkareale markiert sind“. An die Stelle der „guten intellektuellen Manieren“ sei das „Textmobbing“ getreten: „Das hat man zuerst bei Botho Strauß auf breiter Front eingeübt und dann bei Martin Walser und anderen systematisch eingesetzt.“ An anderer Stelle sprach er in diesem Zusammenhang von dem „beliebten deutschen Gesellschaftsspiel: Such den Faschisten!“ Diesen „Späterfolg der NS-Zeit in den Nervensystemen der Nachlebenden“ könne man „aufgrund seiner Obszönität nicht genug denunzieren“. Mehr Quertreiberei als die Aufforderung, die Denunzianten zu denunzieren, kann man von einem deutschen Akademiker nicht erwarten.

Einzig in seinem Antikatholizismus scheint sich der Denker an der Seite der mainstreamigen Plagegeister zu befinden. Freilich vollzieht er auch seinen nietzscheanischen „Privatkrieg gegen den Begriff Religion“ in Gelassenheit. „Im Grunde laufen die monotheistischen Lebensprogramme immer auf dasselbe hinaus: auf ein mutwilliges Sichvordrängen beim Dienen unter höchsten Adressen“, schreibt er (ein Schelm übrigens, wer hier prompt an die rot-grünen PrälatInnen denkt). Sloterdijk betrachtet die Religionen als anachronistisch gewordene Überlebenshilfen, die von einer „allgemeinen Immunologie“ abgelöst werden sollten. Wenn es keinen Gott gibt, müsse sich der Mensch selber transzendieren, über sich hinauswachsen, auch genetisch, um sein Überleben als Gattung selber zu organisieren. Die Beantwortung der Frage, wie dies genau geschehen solle, muss er schuldig bleiben. Wenn er darauf eine Antwort wüsste, schriebe er ja – in Abwandlung eines Bildes von Henry Louis Mencken – keine Bücher, sondern säße in einem prächtigen Saal aus Kristall und Gold, und die Leute würden viel Geld bezahlen, um ihn durch winzige Gucklöcher anstarren zu dürfen.

Die unverschwitzte Leichtfüßigkeit und schillernde Präzision von Sloterdijks Sprache führt in die Versuchung, ihn endlos zu zitieren. Nehmen wir eine Notiz zur im Schwange befindlichen Abwertung von Männlichkeit: „Adam war ein Handlungsreisender, der neunundvierzig Mal vergeblich klingelte und doch überzeugt blieb, an der nächsten Tür sein Zeug an den Mann zu bringen. Das ist der Anfang des heiligen Buchs vom männlichen Misserfolg. Wir existieren, weil wir Vorfahren hatten, die aus ihren Erfahrungen nichts lernten. Diese Burschen ließen die Niederlagen an sich abtropfen wie warmen Regen über der Savanne. Im Alltag wird diese Haltung als Selbstüberschatzung oder als männliche Großspurigkeit missinterpretiert. Man will nicht zugeben, dass Männer auf Ausgelachtwerden, Verhöhnung und Misserfolg genetisch besser vorbereitet sind.“ Freilich, es gibt Kontexte, in denen auch die feministische Perspektive zu ihrem Recht kommt: „Die Frauen sind der Schlüssel zur Zivilisierung. Der Islam hat sich vom Anfang des 20. Jahrhunderts, wo er zu einer marginalen Glaubensgruppe zählte, binnen eines Jahrhunderts verachtfacht, das heißt, hier ist Kampffortpflanzung in der Luft, und damit auch eine Form von zweiter Proletarisierung. In dem Augenblick, wo das weibliche Dabeisein – wir haben diese aufs Ganze wünschenswerte Entwicklung im Westen –, wo der weibliche Stolz gestärkt wird, stürzen auch die Geburtenraten auf vernünftige Werte herunter. Der Schlüssel liegt in der Ermächtigung der Frau.“

Über das sogenannte Regietheater schreibt er: „Was die heutigen Regisseure nicht kapieren, ist, dass man jetzt, nach dem Sieg der Diener im Realen, auf der Bühne den vornehmen Figuren assistieren muss.“ – „So gut wie alle Theatermacher stellen sich an, als ob die Revolution vor uns läge und mit den Mitteln der Bühne voranzutreiben sei. Die Wahrheit ist, Leporello, Despina und Co. führen Regie. Sie demonstrieren immer wieder, was seit 200 Jahren keiner Demonstration mehr bedarf: dass es für das Zimmermädchen keine große Dame gibt, für den Kammerdiener keine großen Herrn. Neu scheint nur, dass es für den Regisseur keine großen Dichter gibt.“

Mitunter sinkt sogar dieser heitere Denker in die Klüfte des Kulturpessimismus. „Nicht oft genug kann man nach Venedig fahren, wenn man wissen will, was Italien und Europa bevorsteht“, notiert er. „Es könnte passieren, dass von dem schönen Italien in Kürze nicht mehr übrigbleibt als von Ägypten nach dem Erlöschen der Pharaonen und ihrer stillosen Erben, eine entgeisterte Biomasse, in der es spukt.“ Und al fresco fährt er fort: „In tausend Jahren wird man sich an Europa erinnern wie an das Mittlere Reich am Nil. Man wird die Legende vom sozialdemokratischen Kontinent erzählen wie den Mythos von Atlantis. Philologen werden Untersuchungen zu antiken Wörtern wie ‚Arbeitslosengeld’, ‚Wohngeld’ und ‚Kindergeld’ anstellen, als wären es Hieroglyphen an der Wand eines der Göttin ‚Gesellschaft’ geweihten Tempels.“

Gleichwohl wird Sloterdijk bis heute nicht zurücknehmen, was er 1993 in seinem Buch „Weltfremdheit“ schrieb und womit diese Betrachtung enden soll: „Aber klagen gilt nicht, und es ist unanständig, sich klein zu stellen. Die Pflicht, glücklich zu sein, gilt in Zeiten wie unseren mehr denn je. Der wahre Realismus der Gattung besteht darin, von ihrer Intelligenz nicht weniger zu erwarten, als von ihr verlangt wird.“

 

 

Erschienen in: eigentümlich frei, Dezember 2012