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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Breiviks angebliche Hintermänner

Deutsche Mittäter, muslimische Opfer? Wie Linkspopulisten aus den Anschlägen von Oslo politisches Kapital zu schlagen versuchen

 

Neun Jahre lang hat Anders Breivik nach eigenen Angaben seinen Massenmord geplant und vorbereitet. Vor neun Jahren stand die Islam­kritik – ein paar Monate nach den Anschlägen vom 11. September – am Beginn ihrer womöglich kurzen Karriere, die Mohammed-Karikaturen waren noch nicht gezeichnet, weder Geert Wilders‘ Partij voor de Vrijheid noch ProKöln existierten damals, in Berlin war gerade ein SPD-Mann namens Thilo Sarrazin Finanzsenator geworden, und außerhalb Berlins kannte kein Mensch die Rütli-Schule. 

Heute lesen wir, dass Breiviks Tat auf einem „Nähr­boden“ wuchs bzw. sich einem „Klima“ verdankt, der bzw. das von Politikern wie Wilders und Sarrazin bereitet wurde. Mit den Worten von SPD-Chef Sigmar Gabriel: „In einer Gesellschaft, in der der Anti-Islamismus und die Abgrenzung von anderen wieder hoffähig wird, in der das Bürgertum Herrn Sarrazin applaudiert, da gibt es natürlich auch an den Rändern der Gesellschaft Verrückte, die sich legitimiert fühlen, härtere Maßnahmen anzuwenden.“

Nach Fukushima konnte man lernen, wie rasch gute Deutsche, nein, deutsche Gute ausländische Katastrophen in inländische zu verwandeln verstehen, und heuer darf man erleben, wie flexibel sie sich auch in der Zeit bewegen. Ein isolierter norwegischer Einzeltäter mit offenbar schwerstnarzisstischer Persönlichkeitsstörung ist so zu einem deutschen und europäischen politischen Problem erhoben worden. Obwohl kein ernst zu nehmender Mensch mit der Untat sympathisiert, obwohl Europas Rechte sie einhellig verurteilen, obwohl es weder die „klammheimliche Freude“ gibt, die nach den RAF-Anschlägen in gewissen Milieus herrschte, sind die Hintermänner und „Brandstifter“ ausgemacht: Europas „Rechtspopulisten“.

„Der Feind lauert im Herzen des Westens“, resümiert etwa „Zeit“-Feuilletonchef Jens Jessen – das ist der Mann, der sich verständnisvoll über zwei jugendliche Migranten äußerte, die 2007 einen nervenden deutschen Rentner in der Münchner U-Bahn halb totprügelten. Mit Feind meint er folglich eher den deutschen Rentner: „Zehn Jahre nach dem Anschlag auf das World Trade Center und zwei Wochen nach dem Massaker von Oslo“, so Jessen, verlaufe die Front zwischen den Freunden und den Feinden „der offenen Gesellschaft“, wobei unter Letzteren naturgemäß die Islamkritiker und Befürworter einer restriktiveren Einwanderungspolitik verstanden werden. Seit Breiviks Attentaten, so Jessen, wüssten die Freunde der offenen Gesellschaft, „dass sie nach den Muslimen als Nächste auf der schwarzen Liste stünden“ – wohl dem, der zum Ausleben seiner Paranoia Feuilletonseiten zur Verfügung hat!

„Wie gefährlich ist Thilo Sarrazins Buch?“, titelte wiederum das Online-Portal der WAZ-Gruppe „Der Westen“ und fand sowohl einen professoralen Zeugen für das von Sarrazin vergällte „Klima“ (den Rechtsextremismusexperten Klaus Ahlheim) als auch einen für den „Nährboden“ (den Antisemitismusforscher Wolfgang Benz). „Es gibt nicht den leisesten Zweifel daran, dass ein vergiftetes Klima den Nährboden für Gewalt bereitet, und es gibt nicht den geringsten Anlass, Autoren vom Schlage Sarrazins vor entsprechenden Vorwürfen in Schutz zu nehmen. Sie sind geistige Brandstifter“, fasste die „Westfälische Rundschau“ beides resolut zusammen – wenn erst einmal jemand zum Abschuss freigegeben ist, wird auch die Regionalpresse mutig. „Die ‚Tabubrüche‘, die mit Begriffen wie ‚Political Correctness‘ und ‚Gutmenschentum‘ Stimmung gemacht haben, führen in der Praxis zu Massenmorden wie dem in Oslo“, ließ sich auch der „Freitag“ in puncto Kausalitäts-Mythologie und Sprach-Einfalt nicht lumpen. Die niedersächsische Linkspartei nahm das Oslo-Attentat gar zum Anlass, Innenminister Uwe Schünemann (CDU) mit ihm in Verbindung zu bringen. „Politiker wie er sind mitverantwortlich für die Schaffung des ideologischen Umfelds, in dem Attentäter wie Breivik gedeihen können“, erklärte Linken-Landeschef Manfred Sohn, denn: Schünemann „hetze“ gegen Marxisten und Muslime. „Selbst Mainstream-Konservative müssen sich nun fragen lassen, was sie beigetragen haben zu einem Klima, in dem ein selbsternannter Weltenretter sich ermutigt fühlen konnte, zur Waffe zu greifen“, sekundiert der „Spiegel“.

Die kleine Unstimmigkeit, dass viele der „Rechtspopulisten“ gerade für eine offene Gesellschaft, also gegen islamistische Gewalt, Zwangsehen, importierte Kriminalität und die Inländerfeindlichkeit unter Zuwanderern kämpfen (und deshalb teilweise unter ständigem Personenschutz agieren müssen), wurde interessehalber ausgeblendet.

Unsere Linkspopulisten haben ein Gefühl für Nuancen; bei Breivik fragen sie insinuierend: „Nur ein Einzeltäter?“, wenn ein Muslim mordet, rufen sie beschwörend: „Nur ein Einzeltäter!“ Für Breiviks Tat sind die Islamkritiker mitverantwortlich; wenn Islamisten Anschläge verüben, heißt es sofort: Es liegt nicht am Islam! Sie insistieren, dass Breiviks Morde aus seinem christlichen, anti­muslimischen Weltbild resultieren, aber sie haben kein Auge für die verfolgten und ermordeten Christen in muslimischen Weltgegenden. Und die vermeintlichen linken Antirassisten sind geradezu verrückt nach Rassemerkmalen: „Blond, blauäugig, skrupellos“, ti­tel­te „Spiegel online“ nach Breiviks Massaker, und ähnlich las man’s überall in denselben Medien, die niemals einen muslimischen Terroristen mit der Überschrift „Schwarzhaarig, dunkelhäutig, braunäugig“ vorstellen würden.

Bei alledem fällt auf, mit welchem Tempo und welch konzertanter Einhelligkeit die konkreten Opfer und der konkrete Täter ausgeblendet wurden, um zu den vermeintlichen Hintermännern zu wechseln. Breivik hat anscheinend keine Sozialisation, keine Individualität, sondern kommt aus einem „Klima“, und die Opfer sind seltsam egal (vielleicht, weil es sich um viele Blauäugige und Blonde handelte?). Für Trauer blieb bei so viel inquisitorischem Eifer keine Zeit. Den Höhepunkt der Empathie­ferne erklomm eine taz-­Autorin, indem sie schrieb: „Die einfache Frage, die seit elf Tagen niemand stellt, lautet: Mitbürger, die ihr euch als Muslime seht oder gesehen werdet – wie geht es euch?“

Dass Breiviks Irrsinns­tat andere Gründe (nicht Rechtfertigungen!) haben könnte als ein „rechtes Klima“, dass im terroristischen Anschlag stets die narzisstische Flucht vor der eigenen Bedeutungslosigkeit mitwirkt, dass es Faktoren wie Entwurzelung, Atomisierung, fehlende soziale Kontrolle und – horribile dictu – eine fragwürdige Integrationspolitik gibt, davon war hierzulande natürlich kaum die Rede. 

In Norwegen ist man inzwischen weiter. Das renommierte „Morgenbladet“ druckte einen Essay des Autors und Heavy-Metal-Musikers Cornelius Jakhelln, dessen Band Solefald unter anderem deswegen zu einer gewissen Berühmtheit gelangte, weil sich anno 2007 ein finnischer Amokläufer auf sie berief. In der Brave New Kuschelworld Norwegens sei für Männer wie ihn und „tickende Bomben“ wie Breivik schon lange kein Platz mehr, schreibt Jakhelln. Es gebe keine Subkultur, um diese jungen Männer aufzufangen, jedenfalls keine wie die militante Religion, wie Dschihad und Anti-Dschihad. Wäre man genauso infam wie unsere Linkspopulisten, würde man fragen, inwieweit der von ihnen mitgeprägte Zeitgeist des Kulturrelativismus, der Männerfeindlichkeit, der Diskussionsverbote, der sozialstaatlich alimentierten Verwahrlosung und der Feindseligkeit gegen das national Gewachsene mitursächlich an den „tickenden Bomben“ sein könnte.

„Ist Europa im Bann eines mörderischen rechten Klimas?“, fragt der „Spiegel“ und antwortet gleich selbst, dies lasse sich nun „nicht mehr spontan verneinen“. Völlig unspontan bejahen lässt sich freilich, dass Deutschland im Banne von Linkspopulisten steht, die vor allem eins sind: selbstgerecht und schamlos.

 

Erschienen in: Focus 32/2011, S. 48-50