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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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5. November 2018


Je eitler ein Autor von Rang, desto weniger Ressentiment vergiftet seine Prosa, desto reiner seine Bosheit.



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Die einen haben zu tun. Die anderen "setzen ein Zeichen".


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Wie Besucher meines kleinen Eckladens wissen, befinden sich öfter Schriften Peter Sloterdijks in der Auslage, in denen gemeinhin ein Klima des fröhlichen Denkens und heiteren Über-den-Dingen-Stehens herrscht, das auf mich so erfrischend wirkt wie eine trockene Riesling-Spätlese aus, sagen wir, dem Rheingau. Soeben las ich Sloterdijks "Neue Zeilen und Tage 2011-13", den zweiten Band seiner Tagebücher, die er lieber als tägliche Notizen verstanden wissen will – das Motto des Buches steht auf Seite 264: "Märchenweisheit: Aus Stroh Gold spinnen. Ein Freund sagt, dies sei die Arbeit des Diaristen" –, und als einem in dieser Technik durchaus Geübten bereiteten mir die Goldspinnereien des Philosophen neuerlich großes Vergnügen.

Einen eminenten Kopf erkennt man immer daran, wieviel Welt er sich erschließt (die genialischen Maniaks, die sich für eine einzige Idee verzehren, lassen wir hier mal außer Acht). Dem Genre entsprechend werden in täglichen Notaten die Gegenstände nur gestreift, allerdings bieten diese Aufzeichnungen eine Fülle von Themen und Perspektiven, und überdies, wie gewohnt, auch eine Fülle des Wohllauts. Das Problem des Peter Sloterdijk besteht darin, dass er zu gut schreiben kann. Es ist das Nietzsche-Problem: Die "Fachwelt" will und kann das nicht als "echte" Philosophie akzeptieren – 95 Prozent davon aus Ressentiment, 5 Prozent aus Distinktion –, es soll "bloß" Literatur sein. "Er wurde Philosoph, weil er das Erzählen verachtete; er wurde Erzähler, weil er das Argumentieren verachtete; er wurde Essayist, weil er sich weigerte, zwischen den Verachtungen zu wählen", notiert Sloterdijk. Die Frage aufgreifend, in welche literarische Kategorie man ihn einzusortieren habe, bezeichnete sich der Karlsruher einmal als "philosophischer Schriftsteller". Treffender finde ich den Titel seines frühen Nietzsche-Buches: "Der Denker auf der Bühne". Sloterdijk ist einer, der öffentlich denkt. Die multimediale Öffentlichkeit verdammt denjenigen, der sich in ihr exponiert, zur permanenten Bühnenpräsenz. Man könnte, den in der heutigen Öffentlichkeit waltenden Erbitterungs-Modus eingerechnet, natürlich auch formulieren: Der Denker in der Arena.

Am 30. Mai 2013, also zu einem Zeitpunkt, den das vorliegende Buch einschließt, schrieb ich in den Acta folgende Orakelworte: "Man mache sich nichts vor als allgemein anerkannter deutscher 'Star­-Intellektueller', von Sloterdijk bis hinab zu Precht: ein einziger falscher Satz, und die Karriere ist beendet, ein besonders falscher, und die Verlage stampfen ein, egal, als wie bedeutend man vorher galt. Deswegen empfiehlt es sich, falsche Sätze gar nicht erst zu denken (mindestens im Falle Prechts muss man da auch keine Sorge haben)." Sloterdijk sandte mir seinerzeit bisweilen leicht vergiftete Komplimente für meine Bücher, ungefähr der Art, er begreife, dass ohne eine gewisse Einseitigkeit nichts Bedeutendes zustande kommen könne, und er wird meine Prognose damals wohl für eine jener Übertreibungen gehalten haben, zu denen mich die einseitige Weltwahrnehmung treibe. Ein paar Sündenjährchen später machte der Diagnostiker des "Lügenäthers" einschlägige Erfahrungen mit dessen Produzenten; "umstritten" war er ja schon vorher, doch als Kritiker der Merkelschen Migrationspolitik wurden ihm von den Agenten des moralischen Manichäismus praktisch sämtliche Verdienste ex post aberkannt. Leider enden die vorliegenden Notizen 2013. Man darf also erwartungsfroh und gespannt sein.

Am 6. Januar 2012 auf Lanzarote schreibt Sloterdijk die Maxime nieder: "Sich vom pathologischen Mißfallen zum Standpunkt des interesselosen Mißfallens emporarbeiten". Ja, wer das schaffte! Wer seinen Ekel sonstwohin – aber wohin nur? und zu welchen Portokosten?– versenden könnte! Aber gut, von Sloterdijk lernen, heißt Heiterkeit lernen.

Die Versuchung dieses Buches besteht darin, seitenlang daraus zu zitieren. Da der Notizen schreibende Flaneur bei seinem Gang durch die nach gestern und morgen offene "breite Gegenwart" (Hans Ulrich Gumbrecht) keinem zentralen Gedanken folgt, sondern allenfalls da und dort einige Leitmotive wiederholt, wäre das der einzig angemessene Modus, die erwähnte Fülle zu würdigen. Eines dieser Leitmotive ist der Blick nach Frankreich. Gehörte nicht das Fehlen eines Registers als eine Art Wasserzeichen zur "Suhrkamp-Kultur", fände man sie dort alle: Camus, Lyotard, Foucault, Derrida, Malraux, Maurras (hui!), Philippe Nassif, Régis Debray, Talleyrand, Napoleon, Saint-Simon, Rousseau, Voltaire, Stendhal, Valery, Sartre, Paul Veyne, Houellebecq, Lacan, Rimbaud, Fénelon, Attali...

Im März 2012 sitzt Sloterdijk bei einem Podiumsgespräch in Strasburg mit Francois Hollande auf der Bühne des Opernhauses, wenige Wochen vor dessen als sicher geltendem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen. Der Politiker imitiere in allem Mitterand, notiert der Diarist, unter anderem, indem er den Gesprächspartner, den Moderator und das Publikum zwei Stunden auf seine Epiphanie warten lasse. Auf Sloterdijks Bemerkung, der Staat von morgen, zumal der semisozialistische, "müsse sich mit den Reichen neu verständigen, jenseits von Steuerfahndung und Abgabenerhöhung", habe der designierte Präsident bloß erwidert: "Je n’aime pas les riches" ("Ich mag die Reichen nicht"). "Da sah ich ein Männlein neben mir sitzen, das während der kommenden Jahre mit einer Stange im Nebel stochern würde." Die Reichen und diejenigen, die dafür gelten, speziell die Unternehmer, diese Menschen haben nirgends mehr eine Lobby, bemerkt der Philosoph an anderer Stelle. Marx und Engels hatten „die mehr theorieerzeugte als empirisch plausible Idee, den Begriff ‚Ausbeutung’ von der Kleptokratie der oberen Stände abzulösen, um es auf das Verhältnis zwischen Kapitalbesitzern und 'freien Arbeitern' zu beziehen", was nicht gelingen konnte "ohne die Übertragung des Hasses" auf die Unternehmer. Er habe mit Hollande "ein Gespräch über die Kunst des Versprechens in konfusen Zeiten" führen wollen, "ausgehend von Hannah Arendts Bonmot: Es gebe nur eine sichere Methode, die Zukunft zu erkennen: ein Versprechen abzugeben und es zu halten. Ein denkendes Gegenüber wurde in dem Gespräch nicht erkennbar. Hollande zeigte keine auf den Eingangsimpuls zu beziehende Reaktion", rekapituliert Sloterdijk. "Neben mir saß ein Individuum, das weder Spezies noch Exemplar darstellte, bis oben voll mit einstudierten Formeln, wie unter einem Schleier entrückt, hypnotisiert von der zum Greifen nahen Aussicht darauf, Präsident eines vormals großen Landes zu werden." In einem späteren Eintrag will es ihm scheinen, als sei die französische Linke dabei, sich unter Hollande "als Volksgemeinschaft der Nicht-Reichen neu konstituieren".

Ein anderes Leitmotiv ist Sloterdijks Vorbehalt gegen Glaube, Religion, Gottesidee (Gotteswunsch) samt seiner Aversion gegen priesterliche Figuren, die sich als von höchster Adresse Beauftragte notorisch in den Vordergrund drängeln. Religion sei "ontologischer Masochismus", statuiert der Denker. "Ein Analverkehr zuviel in Sodom, und schon fällt Feuer von Himmel. (...) Es ist für Menschen offenbar eher erträglich, sich selbst als bestrafungswürdige ‚Mängelwesen’ zu denken, als den Gedanken zuzulassen, es gebe einen Zufall, der in dummer Indifferenz auslöscht, was ihm über den Weg kommt." Er zitiert das Bonmot eines anonymen klugen Kopfes: "Religionen, das sind Schuldgefühle mit verschiedenen Feiertagen." Das ist witzig, doch selbst auf einen Atheisten wie mich wirkt die Reduktion des Glaubens auf "Ritualfitness" und Autohypnose kaum anders als der Hinweis, dass auch Velàzquez und Vermeer mit Ölfarben gemalt haben. 

Über den Massenmörder Anders Breivik und die Fahndung der Medien nach verantwortlich zu machenden geistigen "Hintermännern" des norwegischen Extremisten hält er fest: "Der Schütze von Oslo ist ein isolierter Nachzügler der Ideen-Krieger, die 1917 das Feuer eröffneten und erst in den siebziger und achtziger Jahren die Waffen niederlegten." So etwas wollte und will das gegen "rechts" kämpfende tonangebende Milieu aber nicht hören. "Die törichte Suche nach den Brandstiftern zerstört das Diskussionsklima, von dem die Demokratie in ihren besseren Tagen lebte. Jetzt ist jeder zu jedermanns Brandstifter geworden."

Nun bin ich beim Zitieren, also weiter: "In der näherkommenden Krise wächst der Haß der Ungesicherten auf die Gesicherten. Er entwickelt sich zu einer psychopolitischen Großmacht. Er ist eng verwandt mit dem Zorn der Leute, die bleiben müssen, wo sie sind, gegen die, die freibeweglich herumkommen." Sloterdijk, die AfD und Sahra Wagenknechts linke Sammlungsbewegung vorausahnend.

"Produkt, Proposition, Provision, Programm, Projekt – Leitwörter einer Zivilisation, die auf den Sturz nach vorn ausgeht. Eines ferneren Tages, man darf darauf schwören, werden die Pro-Wörter verpönt sein. Das Gros der Menschheit, das nicht ins Weltall oder in die Off-shore-Zonen ausweicht, wird vom 22. Jahrhundert an seinen Basiswortschatz auf Konzepte für Demobilisierung und Dekreativität umstellen. Einiges spricht dafür, daß man die Rechtsradikalen von heute im 23. Jahrhundert, falls es noch Menschen geben wird, als Avantgarde der Defuturisierung feiern wird." Sloterdijk zur konservativen Revolution 4.0.

"Seit Jahren hört man viel aufgespreizten Unsinn über das notwendige Ende der Nationalstaaten. (...) In Wahrheit sind die Nationalstaaten unentbehrlicher denn je – als Träger effektiver ko-immunitärer Strukturen: Rechtswesen, Schulwesen, Solidarsysteme, Infrastruktur-Garantien, Marktaufsicht, Kriminalitätsabwehr, Bestattungswesen." Sloterdijk zur Globalisierung als Ideologie.

"Der Euro: Was so viel Rettung nötig hat, gleicht einem Patienten im Langzeit-Koma, bei dem man es aus ethischen und anderen Gründen praktischer Natur nicht wagt, die Geräte abzuschalten." Sloterdijk zu finanzpolitischen Letzten Dingen. (Sogar das Kürzel "EUdSSR" zeigt sich kurz, nämlich auf Seite 354).

"Es war Andrea Nahles, die jüngst von ‚sedativer Transferlogik’ sprach. Sie wissen also selbst ganz genau, was sie bei Tag und Nacht betreiben, die besten unter den guten Menschen. Sie betätigen sich als Anästhesisten der Unterschichten. Im Aufwachraum lassen sie sich nicht blicken." Sloterdijk zur Selbstabschaffung der Sozialdemokratie.

Ob er die "Kitschangst" beschreibt, welche ganze Heerscharen von komponierender Modernskis "in die konstruktivistische Sterilität oder in die auftrumpfende Dissonanz" getrieben habe, ob er Heideggers "Gestell" und Max Webers "stahlhartes Gehäuse" mit der Bemerkung konterkariert, diese Denker hätten nie im Süden gelebt, wo "das Kaputte irgendwie funktioniert" und "von einer Kaputtheit ständig in die folgende übergeht", ob er den sogenannten Ehrenmord von seiner orientalisch-tribalen Herkunft löst, weil dieses Verbrechen „nahezu regelmäßig von der modernen Publizistik verübt" werde, "indem man Personen am Medienpranger existentiell auslöscht", ob er "das eigentliche Begehren" als keineswegs erotischer, sondern thymotischer Natur klassifiziert – "die zuständigen Kategorien sind Stolz, Ehre, Anerkennung, Geltung" –, von wo irgendein Seitenpfad zu der Sottise führt: "Nach sieben Jahren im Venusberg ist Tannhäuser mit seinem sexuellen Latein am Ende", immer sind seine Volten amüsant und seine Blickwinkel überraschend.

Dasselbe gilt für seine Bosheiten. Salzburger Festpiele, im August: "Wer kann dieses Défilé von welkem Zuviel beobachten, ohne die Wohltaten der Burka für die europäischen Damen zu wünschen?" Oder: "Mit Ulrich Beck beim Frühstück im Hotel von Gallen. Das Angenehme an ihm ist, daß er dir seine Polemiken gegen dich nicht nachträgt." Oder: "Wer Judith heißt, findet überall einen Holofernes“ (über Judith Butler). Oder: "Kurzer Schlußbeifall. Schon stürzt sich die Menge ins Averbale." Oder: "Nebenan ein Tisch mit deutschen Touristen der Kategorie ‚sechzig plus’, von der Art, bei der das Übergewicht die Faltenbildung mildert." 

Wie im Vorgängerband produziert er auch in diesem reihenweise zitierenswerte Aphorismen: "Höhere Kultur hängt an allergischen Reaktionen." – "Leben ab sechzig? Das klingt so, wie wenn jemand sagt, er habe noch Resturlaub."– "Geht das Theorem, kommt die Anekdote." – "Man darf Japaner nicht xenophob nennen. Sie sind einfach nur fremdenfremd." – "Irgendwann stellt jedes kluge Kind die Frage: Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?, und da die Väter in der Regel nichts sehen als einen Nebelstreif, fallen sie mit der Zeit als Partner für ernsthafte Gespräche beiseite." – "Der gestirnte Himmel über mir und der Schweinehund in mir." – "Was ‚Geist’ war, ist dabei, sich in Strandgut zu verwandeln." – "Man wehrt sich gegen völkerpsychologische Klischees so lange, bis man sieht, daß sie zutreffen." – "Groß ist die Macht der Unbelesenheit." – "Du hast eine Dekadenzstufe nicht schnell genug mitvollzogen? Schon giltst du als Mensch von gestern."

Als sensitiver Beobachter hatte Sloterdijk schon vor fünf, sechs Jahren einen Blick für die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft unter Barack Obama und die Verwerfungen durch den "Amok-Krieg in einem Teil der Welt, in dem sie (die Amerikaner – M.K.) wenig zu suchen hatten", für den nicht zuletzt Obamas kriegslüsterne Außenministerin verantwortlich war. "Als Joseph Nye 1990 den Begriff soft power lancierte, um zu begründen, warum die Attraktivität der US-Kultur für die übrige Welt auch nach dem absehbaren Abbau ihrer ökonomischen und militärischen Dominanz weiterwirken werde, konnte er nicht ahnen, daß der scheinbare Soft-Politiker Barack Obama einen folgenschweren Schritt zur Entzauberung des amerikanischen Musters in Gang setzen würde. Seither steuert der Zeitgeist im Sturzflug auf die Verhäßlichung der USA zu – um für den Augenblick von der Verzwergung Europas nicht zu reden." Ob der Philosoph für die Korrekturen, die Obamas beinahe pazifistischer Nachfolger und unternehmerfreundlicher working class hero unternommen hat (um hier wieder eine meiner Übertreibungen resp. Einseitigkeiten zu lancieren), ebenfalls ein Organ besitzt? Die nächsten Bände werden es zeigen ...


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Nachtrag 1: Sloterdijk äußert zweimal einen Degout gegen das "dümmliche Wort" Antisemitismus. Wer wisse schließlich heute noch, wer Sem war? "Was um alles in der Welt sollen seine Nachkommen, die Semiten, angestellt haben – außer daß sie semitische Sprachen sprechen?" Nach der alttestamentarischen Völkertafel (1. Mose 10) ist der älteste Sohn Noahs sowohl Stammvater Abrahams und des Volkes Israel als auch Ahnvater aller semitischen Völker. Diese Verallgemeinerung erfährt in der Torah freilich eine entscheidende Einschränkung. "Gepriesen sei Jahwe, der Gott Sems!", spricht Noah nach einem das Schamzentrum berührenden Trunkenheitszwischenfall (1. Mose 9, 26). Semiten im engeren Sinne sind diejenigen, deren Gott Jahwe ist, theologisch exakt: die von Jahwe – Sein Name ist unaussprechbar, stattdessen spricht man "Ha-Schem" (השם „der Name“, worin ebenfalls Sem vulgo Schem steckt) – erwählt wurden. Anti-Semiten meinen also die Juden, nicht alle Völker der semitischen Sprachfamilie. Von "antisemitischen Vorurteilen" sprach erstmals der Orientalist Moritz Steinschneider in einer Polemik gegen Ernest Renan, veröffentlicht in der "Hebräische(n) Bibliothek", Bd. 3, anno 1860. Wilhelm Marr hat den Begriff nicht geprägt, aber besetzt; seitdem ist er rassisch konnotiert, und seine Unheilsgeschichte begann.

Nachtrag 2: "Herr Kollege", sprach Sloterdijk zu Ulrich Beck, "die ‚Risikogesellschaft’, die ‚Erregungsgesellschaft’, die ‚Erlebnisgesellschaft’! Wie war es nur möglich, daß so viele Gesellschaften aus Bamberg kamen, und immer aus dem Flur Ihres Instituts!" Ein vergiftetes Kompliment? Ach was! Die Risikogesellschaft hat ihre beste Zeit noch vor sich, zumal auch die Erlebnisgesellschaft den Zenit allenfalls erst ansteuert und beide sich zum Pas de deux vereinen, am ausgelassensten derzeit wohl im lauschigen Freiburg.

                                   
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Mein Eintrag vom 1. November veranlasst Leser ***,  mir zur "Mär von den abschmelzenden Polkappen" folgendes zu schreiben: "Ich will Ihnen gern nachsehen, dass Sie den mit diesem Szenario verbundenen physikalischen Irrtum offenbar nicht erkennen, weil Sie, wie auch ich, Weintrinker sind; wären Sie hingegen Whiskytrinker, wäre Ihnen evtl schon längst ein Licht aufgegangen. Dann wäre Ihnen nämlich aufgefallen, dass das Abschmelzen der Eiswürfel im Glase das Niveau des Getränks NICHT steigen läßt. Und die Polkappe im Norden kann man schlankweg mit einem Eiswürfel vergleichen, weil Sie nämlich auf keinerlei Landmasse (wie etwa ein Gletscher) aufliegt. Aber auch am Südpol befindet sich der weit überwiegende Teil des Eises, der von Abschmelzung bedroht wäre, als Schelfeis vor der Landmasse des Kontinents. Und im Vergleich mit all diesen von der Schmelze bedrohten Eisesmassen stellen die paar echten Gletscher, welche da schmelzen könnten, nur einen verschwindend geringen Anteil dar; diesen dürfen wir bei dem drohenden Horror der Überflutung ohnehin vernachlässigen."

Aber ja, aber gern! Nur einen Einwand will ich äußern: Wer Eis in seinen Whisky wirft, trinkt entweder den falschen Stoff oder sollte als Nahrungsmittelverderber auf den Fahndungslisten der Geschmackspolizei auftauchen...

Leser **** widerspricht: "Grönland, das fast bis zur Polkappe reicht, ist ein einziger Gletscher. Der sechste Kontinent weist bis zum Scheitel eine Mächtigkeit von bis zu 3.000 Metern über Meer mit gebundenem Wasser auf. In einem Vortrag eines Schweizer Glaziologen – Glaziologen und Geologen sind ein Exportprodukt der Schweiz – lernte ich mal, dass das Gewicht dieses Eises den Festlandsockel bis auf oder sogar unter den Meeresspiegel drückt.
Völlig einig mit Ihnen bin aber mit Ihrer Bemerkung, dass kein Eis in den Whisky gehört, nur etwas Wasser."

Dem sekundiert Leser *****: "Als diplomierter Geologe muß ich ihrem zweiten Leser zustimmen, der beschreibt, daß das Inlandeis auf Antarktika bis zu 3 Kilometer dick ist. Immerhin sind 90 Prozent allen Süßwassers der Erde dort gebunden. Und als Hinweis am Rande sollte nicht unerwähnt bleiben, daß Skandinavien sich heute, 10.000 Jahre nach der letzten großen Vergletscherung, immer noch von den Eismassen erholt und deshalb aufsteigt. Der isostatische Druck dieser immensen Eismassen ist nicht zu verachten.
Worin ich ihren beiden Lesern nicht zustimmen kann, ist die Verwässerung von Whisky. Man mag zwar das seifige amerikanische Zeug, genannt Whiskey, verdünnen, Wasser hat aber in einem Whisky ohne e nichts zu suchen."


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Eine Anmerkung in eigener Sache. Am Abend des 24. November wiederholen wir wahrscheinlich letztmals und in geschlossener Runde in diesmal Düsseldorf unsere Soiree "Lebenswerte". Es sind noch ein paar Karten übrig. Interessenten melden sich bitte unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!