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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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28. Oktober 2018


Die Sonntage immer...!

... wenn auch diesmal nur im weitesten Sinne den Künsten, denn heute sei ein sogenanntes Sachbuch an dieser Stelle präsentiert. Wie der regelmäßige Besucher und die allzeit nicht nur mitgemeinte, sondern besonders geschätzte Besucherin meines kleinen Eckladens wissen, lese ich so ziemlich alles, was Alexander Wendt schreibt. Das gilt nicht erst recht, aber auch, wenn mich das Thema in Sphären führt, mit denen ich eher fremdle, wie im Falle von Wendts soeben erschienenem Buch "Kristall. Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts" (Klett-Cotta, 242 S., zu bestellen hier oder hier).

Also nicht, dass ich in meinem Lotterleben keine Drogen jenseits jener genommen hätte, welche man in seiner Jugend aus der Flasche und später aus Gläsern enthusiastisch in sich hineinsaugt, doch das ist lange her (ich bin, nebenbei, der DDR-Haschischkonsumschilderer von Seite 40/41). Mein Stimulus und unangefochtener persönlicher Existenzaufheller ist und bleibt der Rebensaft, weil er als einzige Droge die verlässliche Rauschanbrandung mit geschmacklichen Offenbarungen sui generis verbindet. Ich mag überhaupt nichts zu mir nehmen, das mir nicht schmeckt. Einschub beendet.  

Bei näherer Betrachtung ist Wendts Buch ein Bäumchen-wechsle-dich, es handelt nur teilweise von Psychopharmaka, tatsächlich geht es um die Selbstoptimierung des Menschen. "Kristall" beginnt als Drogen-Reportage aus Produzenten-, Händler-, Bekämpfer- und Konsumentensicht, verwandelt sich in eine Drogenhistorie, was automatisch auch die Medizin- und Chemiegeschichte tangiert, und endet als eine Art Fortsetzung von Peter Sloterdijks Selbststeigerungs-Opus "Du musst dein Leben ändern". Das hängt entscheidend mit der zentralen These des Buches zusammen, welche lautet: Die Droge als Rauschmittel war nur Intermezzo und Experiment; die Zukunft gehört der Droge als Mittel zur Leistungsoptimierung. Der traditionelle Gebrauch war eine Flucht, er führte Beladene und Suchende aus einer als unvollständig empfundenen Welt in Ersatz- und Parallelwelten; der zukünftige Gebrauch wird der Beherrschung der Realität nach den Wünschen des Konsumenten dienen. Der sensitive Ernst Jünger hatte 1948 in einem Brief an den LSD-Erfinder Albert Hoffmann geschrieben: "In unserer Zeit glaube ich übrigens weniger eine Neigung für die Phantastica als für die Energetica wahrzunehmen."

Beginnen wir von vorn. Drogengebrauch gehört zu den anthropologischen Konstanten wie der Tanz, der Gesang, das Jenseits, der Mythos, die bildende Kunst. Es gibt kein Volk, das nicht seine Rauschmittel gefunden hätte. "Könnte es sein", fragt Wendt, "dass die Wünsche nach Freiheit von Beschränkungen wie Schmerz, nach Unverwundbarkeit, nach dem Herumspielen an der eigenen Standardeinstellung so ursprünglich und elementar sind, dass Narkotika zum Gehirn also passen wie ein Schlüssel zum Schloss? Dass Menschen und Drogen ein System bilden?"

Auf jeden Fall bilden beide ein System des Gebens und Nehmens. Der herkömmliche Nießbrauch beruht auf einer Art Pakt zwischen Mensch und Droge: Entrückung, Schmerzfreiheit, seelische Entlastung, Wachheit und Leistungskraft werden getauscht gegen Lebenszeit, Lebensenergie, Gesundheit. Mit Drogen – speziell mit leistungssteigernden Mitteln – zapft Homo sapiens seine existentiellen Batterien an (ich bin mir, ohne es begründen zu können, recht sicher, dass jedem Menschen sein Quantum Lebensenergie genetisch zugewiesen ist); es ist wie ein Kredit, den man investiert, aber zurückzahlen muss.

Um an diesen Kredit zu kommen, neigen Bedürftige seit jeher zu extremen Verhaltensweisen. Wendt zitiert den Weltreisenden Oliver Goldsmith, der Mitte des 18. Jahrhunderts bei den Tataren einen so unappetitlichen wie eindrucksvollen Vorgang beobachtet hatte, nämlich dass die Bessergestellten unter den Steppenreitern ein Gebräu aus psychoaktiven Pilzen tranken, welches wegen seiner berauschenden Wirkung sehr begehrt war – so begehrt, dass die Angehörigen der unteren Schichten mit hölzernen Schüsseln vor den Hütten der feiernden Reichen warteten, um deren Urin aufzufangen und "die köstliche Substanz, welche sich durch die Filtration kaum geändert hat", zu trinken. 250 Jahre später dient das Phänomen unvollständiger Filtration, welches heute vornehmlich genäschige Ratten enthusiasmieren dürfte, dem Nachweis eines Paradigmenwechsels in der Drogenkonsumentenwelt. "Nach einer Untersuchung des European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addinction (EMCDDA), das jährlich das Abwasser von Großstädten nach Resten von Rauschmitteln durchsuchen lässt, verbrauchen Kokainkonsumenten in London während der Woche mehr Stoff als an den Wochenenden", notiert der Autor. Der europäische Kokain-Hotspot ist demzufolge Barcelona, doch auf den Plätzen folgen ausgesprochen nüchterne Städte: Antwerpen, Zürich, St. Gallen, Genf, Basel, Bern. Auch das spricht dafür, dass die Droge tendenziell eher der Arbeit als dem Vergnügen dient und, um einen kurzen Aufmerksamkeitsschwenk nach Deutschland einzuflechten, Christoph Daum um mindestens eine Nasenlänge trendiger war als Michel Friedman.

Koks als "reiner Treibstoff", wie einer von Wendts kalifornischen Gesprächspartnern formuliert, ist in Firmen, Banken und Bürohäusern bis in die höchsten Management-Etagen verbreitet, desgleichen MDMA, der Ecstasy-Wirkstoff, und andere Wachmacher, denn lange Zeit konzentriert arbeiten zu können, ohne zu ermüden, gilt in dieser Sphäre als ein Wert an sich. Entscheidend ist, dass sich der Mitarbeiter oder Chef nicht berauscht – also nicht genießt –, sondern sich durch die Technik des "Microdosing" in einen leistungsfähigen "fröhlichen Roboter" (Helmut Schelsky) verwandelt. Der besagte kalifornische Gesprächspartner, ein mit LSD hantierender Unternehmer, quantifiziert eine Mikrodosis als "etwa das Zehntel einer Rauschdosis". Das sei nicht so viel, dass sich visuelle Veränderungen einstellten, aber eine Wirkung im Gehirn sei spürbar: "Ich fühle mich besser und konzentrierter." Auch Steve Jobs soll mit LSD experimentiert haben. Anno 2016 setzen Londoner Neurowissenschaftler 20 Probanden unter LSD und werteten deren Hirnscans aus. Sie beobachteten, wie das Ich-Zentrum durch die Wirkung der Droge vorübergehend die Kontrolle verlor, während sich Hirnregionen, die üblicherweise Distanz zueinander halten, zu einem spontanen Netzwerk zusammenschlossen – "die biologische Masse bekommt etwas Rechnerartiges. Genau diese Wirkung kam möglichweise Steve Jobs entgegen", spekuliert Wendt.

In der deutschen Version von "Pulp Fiction" gibt es eine Szene, in welcher der Auftragskiller Vincent von seinem Dealer das aktuelle Sortiment präsentiert bekommt, darunter einen sensationellen Stoff "aus dem Erzgebirge" (im englischen Original stammt das Heroin seltsamerweise aus dem Harz). Wie Wendts Buch zeigt, lag zumindest die deutsche Synchronisation vollkommen richtig. Der Erzgebirgsraum, besonders die tschechische Seite, war das Drogenzentrum des Ostblocks. Vor allem Crystal Meth wurde bzw. wird dort hergestellt. Von dem Zeug weiß die Öffentlichkeit gemeinhin nur, dass es Junkies binnen kurzer Zeit in Wracks verwandelt, es gibt eindrucksvolle Vorher-nachher-Fotos. Doch auch dieses Methamphetamin eignet sich mikrodosiert gut dazu, die Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Wenn Cracks auf Chrystal Meth mit gebrochenen Gliedmaßen einfach weiterrennen oder -kämpfen können, was mehrfach bezeugt ist, dann vermag sich jeder auszurechnen, welche vitalisierende Wirkung bereits in einem geringfügigen Quantum steckt.

Drogen machen Angst, das wird sich auch in Zeiten ihrer zumindest teilweisen Verwandlung von Rauschmitteln in Fitmacher kaum ändern. Um die Kreditschuldentilgung kommt niemand herum, mögen sich die modernen Hochleistungs-Junkies auch noch so gesund ernähren, Sport treiben und am eigenen Erfolg berauschen. Wendt erinnert daran, dass parallel zu den erfolgreichen und gutverdienenden Mikrodosierern in der IT-Industrie vor allem in den heruntergekommenen einstigen amerikanischen Industriestädten eine der schwersten Drogenmiseren seit vielen Jahren herrsche, Opiod Crisis genannt. "In einem vergröberten Holzschnittbild erscheint Microdosing psychedelischer Stoffe als Substanzgebrauch der gesellschaftlichen Avantgarde und Overdosing von Opioiden als Praxis der weißen Industriearbeiternachhut und derjenigen, die noch weiter zurückgefallen sind." Immer mehr der Letzteren sterben an einer Überdosis. West-Virginia etwa verzeichnete 2017 eine Todesrate von 41,5 auf 100.000 Einwohner, was die Zahl der Schusswaffentoten in vielen lateinamerikanischen Ländern (und in den USA erst recht) übertrifft. In Lateinamerika wiederum sterben hundertmal so viele Menschen im Kampf um den Drogenmarkt. Speziell in Mexiko führen diese Bandenkriege mit ihren viehischen Exekutionspraktiken zu Todesraten wie in einem Bürgerkrieg. Nach einem historischen Exkurs über das Scheitern jedweder staatlichen Prohibition erteilt Wendt den Befürwortern einer kontrollierten Drogenfreigabe das Wort: einem Lissaboner Arzt, der als Regierungsbeauftragter in Portugal die Quasi-Legalisierung mit durchgesetzt hat, einer ehemaligen MI5-Mitarbeiterin, die sich mittlerweile gegen den War on Drugs einsetzt, einem führenden deutschen Suchtexperten. Wie schon zu Zeiten des legendären Al Capone haben die heutigen Monopolisten des Schwarzmarktes nur eine Sorge: dass ihre Ware aus der Illegalität geholt wird.

Alle synthetisch hergestellten Drogen begannen ihre Karriere als Medikamente (und wurden nahezu samt und sonders von deutschen und deutschschweizerischen Chemikern erstfabriziert, weil der deutschsprachige Raum zwischen ca. 1850 und 1950 das globale Zentrum der Chemie gewesen ist). In der Regel fanden sie Verwendung als Schmerzmittel oder Antidepressiva. Sie sollten helfen, heilen oder Dysfunktionen kompensieren, ungefähr wie Prothesen oder Hörgeräte. Es war nur eine logische Konsequenz, dass irgendwann die Frage aufkam: Wenn solche Mittel Kranken etwas geben können, das ihnen fehlt, warum dann nicht auch Gesunden etwas, das sie kompletter macht?

Im Schlusskapitel "Halbgötter" begibt sich der Autor in die Nebelgebirge der Zukunftsschau und verbindet die individuelle Optimierung durch Drogen mit den ambivalenten Versprechungen der künstlichen Intelligenz. "Die Zukunft der entkriminalisierten, intelligent gehandhabten Substanzen zeigt sich jetzt schon skizzenhaft im Silicon Valley, wo viele Techies sich mit LSD und MDMA konditionieren und gleichzeitig an der Mensch/Maschine-Schnittstelle und an der digitalen Kartierung des menschlichen Gehirns arbeiten", schreibt Wendt und fragt nach den Folgen, die sich ergeben, "falls irgendwann ein Teil der Bevölkerung mit weniger Schlaf auskommt, konzentrierter arbeiten kann, unbelästigt von größeren Krankheiten lebt und direkt aus dem Gehirn Verbindung mit Maschinen und anderen Menschen aufnehmen kann". Diese transhumane Elite würde sich "in ihren Möglichkeiten vom großen Rest so absetzen wie heute Laptop- und Internetnutzer von Analphabeten". Es wären "die ersten Siedler einer neuen Welt".  Das erinnert an Nietzsches oder besser an Trotzkis kommunistischen Übermenschen, der sich im Durchschnitt "zum Niveau eines Aristoteles, Goethe oder Marx emporschwingen", aber in seinen besten Exemplaren darüber hinauswachsen und "zum Objekt kompliziertester Methoden der Auslese und des psychophysischen Trainings" avancieren sollte, nur ist heute die Möglichkeit einer solchen Artenspaltung ungleich höher als damals. Mag die aus lustfeindlichen Veredelungsideen sprechende Effizienzbesessenheit auch abstoßend wirken, unsereins ist bereit, alles zu begrüßen, was Differenz schafft und Ungleichheit forciert.

Doch Wendt geht, in den Fußstapfen von IT-Gurus vom Schlage Ray Kurzweils wandelnd, noch einen Schritt weiter: "Die ‚alten’ Menschen müssen sich mit Chemie, mit Implantaten und vor allem mit einem festen Programm auf eine neue Evolutionsstufe retten, um überhaupt einen akzeptablen Fusionspartner für digitale Intelligenzen abzugeben, die übermorgen die Machtfrage stellen." Cyborg sein oder nicht sein, das ist hier die Frage. Aber das sollen andere klären. Ich ziehe mich mit meiner Droge dezent ins Auenland zurück.


PS: Sehe gerade, dass Alexander Wendt auf seiner Webseite praktisch zeitgleich mit mir eine Rezension der "Acta diurna" 2017-Buchausgabe veröffentlicht hat; hier ist augenscheinlich eines der übelsten deutschen Zitierkartelle am Werk, das sogar unabgesprochen wie geschmiert funktioniert. (Da Wendt aber der einzige deutsche Journalist sein dürfte, der es wagt, die "Acta" zu rezensieren – gelesen werden sie ja von vielen, wir sind schließlich eine pluralistische Gesellschaft –, können die Kartellwächter die Hände im Schoß ruhen lassen.)