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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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23. Oktober 2018


Beim Lunch erzählt ein Bekannter, er habe sich vor kurzem in der Münchner Staatsoper die Castorf-Inszenierung von Janáčeks "Aus einem Totenhaus" angesehen (seine Frau habe, wie immer in solchen Fällen, die Augen geschlossen und sich lediglich die Musik angehört). Er stehe zu Castorfs Regietaten in einem ambivalenten Verhältnis (seine Frau lehne sie rundweg ab), bisweilen fühle er sich durchaus unterhalten. Ganz ungeteilt amüsiere ihn indes die an Brecht erinnernde Schnoddrigkeit, mit welcher der Regisseur in seinen Inszenierungen Verachtung für die sogenannte Hochkultur und ihr Publikum bekunde, während er zugleich üppige Honorare dafür einstreiche. Ich entgegne achselzuckend, dass mich ausschließlich die Werke interessieren und die Weltsicht von Regisseuren nicht die Spur, weshalb ich kaum mehr ein Theater oder Opernhaus besuche und eine Castorf-Inszenierung schon gar nicht.

Wenig später plaudern wir über den Bundestag, und ich erkläre, dass ich einmal ein Plenum über mehrere Stunden verfolgt habe und nicht bereit sei, das jemals zu wiederholen, so sehr habe mich dieses Prozedere in seiner Vorhersehbarkeit gelangweilt und überdies intellektuell angeödet, obwohl durch die AfD inzwischen ein bisschen Stimmung in den Laden gekommen sei; vorher müsse es komplett unerträglich gewesen sein. Aber man könne von einem Kultivierten unmöglich erwarten, dass er sich eine Rede von Frau Göring-Eckardt oder Frau Nahles anhöre. "Dann lieber eine Castorf-Inszenierung?", erkundigt sich der Bekannte listig. "Dann lieber Castorf", entgegne ich. "Lieber Castorf als Nahles." Aber bitte beide in einem Atemzug!


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Die Deutsche Welle strahlt eine arabischsprachigen Talkshow namens "Shababtalk" aus, der Moderator heißt Jaafar Abdul Karim und ist hierzulande ein bisschen bekannt, seit er 2015 auf einer Pegida-Demonstration mit Dunkeldeutschen ins Gespräch zu kommen suchte. Bei seinem einstweilen letzten Shabatalk – die Sendung fand im Sudan statt und stand unter dem Motto: "Was wollen sudanesische Frauen?" – hatte eine 28-jährige Unverschleierte die Unterdrückung von Frauen dortzulande verurteilt. "Die Kleidung, die ich trage, ist Teil meiner Menschlichkeit und meiner Wahlfreiheit – und nicht der Wahl der Gesellschaft mit ihren kranken und rückständigen Traditionen", sagte sie in einem Streitgespräch mit dem Leiter der sudanesischen "Scholars Corporation" namens Mohammed Osman Saleh.

"Seitdem gehen bei den Fernsehleuten immer mehr Verwünschungen und Morddrohungen ein", schreibt die FAZ. "Jaafar Abdul-Karim halte sich nicht mehr im Sudan auf, teilte die Deutsche Welle mit, man tue das Beste für die Sicherheit des Moderators." Der Partnersender Sudania 24, mit dem die Sendung produziert wurde, stehe wegen Anschlagsdrohungen vorläufig unter Polizeischutz. Die amerikanische Botschaft in Khartum warne ihre Landsleute davor, sich in der Nähe des Sendergebäudes aufzuhalten.

Die Junge Freiheit erinnert süffisant daran, dass Karim bei der erwähnten Pegida-Demo "einen Schlag im Nacken verspürt" habe und eine "Empörungsflut" die Folge gewesen sein. "Von der Gefahr, in der er sich heute befindet, erfährt der Medienkonsument dagegen so gut wie nichts."


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Der besagte Herr Karim hatte unter anderem auch als Reporter in der jordanischen Hauptstadt Amman junge Männer gefragt, was sie tun würden, wenn ihre Schwestern arbeiten gingen. Meist lautete die Antwort: "Ich würde sie töten." Wer ihnen das Recht dazu gebe?, erkundigte sich Karim weiter. "Mein Vater, mein Onkel, meine Verwandten." Aber sei es nicht falsch, jemanden zu töten? "Es ist nicht falsch, es ist unsere Ehre."

Diesen Menschenschlag mitsamt seinen Ehrvorstellungen (und seinen gottvertrauend-landnehmerischen Vermehrungsgewohnheiten) importiert ’schland bekanntlich in großem Stil und mit der erwünschten Illusion, die Neuankömmlinge würden sich den hierzulande geltenden Gepflogenheiten schon zügig anpassen. Aber warum sollten sie das tun? Sie wähnen sich in Gottes Hand, ernähren ihre Kinder mit deutschen Sozialleistungen und erhalten ihre Eigenart in einer fremden Umgebung, wo sie aber aufgrund ihrer schieren Zahl immer größere Enklaven – aus ihrer Sicht: Exklaven – bilden. Vor allem bleiben sie etwas, das es der herrschenden Ideologie zufolge nicht geben darf: Fremde. (Es gibt nur Fremdenfeindlichkeit, ungefähr wie es angeblich kein Volk gibt, aber Volksverhetzung bestraft werden soll.)

Die Leugnung von Fremdheit ist mittlerweile deutsche Staatsdoktrin, der herrschende Zeitgeist "kennt kein Außerhalb" mehr. "Man stutzt heute das Unverständliche auf ein Akzeptanzproblem zurecht, das es mit aufgesetzter Toleranz zu überwinden gilt." "Dressiert von einer strengen Sprach- und Blickregelung im Namen der Offenheit und Toleranz, leidet die Fremdheitserfahrung unter Ausdrucksarmut und verstummt oftmals ganz." Das Ziel lautet: "Abschaffung des Eigenen mittels Verleugnung des Fremden". Deshalb soll Deutschland als "eigenschaftsloses Auffüllbecken" für Wandernde und Fliehende aus aller Welt zur Verfügung stehen, die in einem "grenzenlosen Smartphonien" ihre künftige (und dann nicht mehr so genannte) Heimat finden.

Diese Zitate stammen aus dem Vorwort zur Neuausgabe von Frank Böckelmanns Buch "Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen", das mir auf der Buchmesse in die Hände geriet. Die Erstausgabe ist 1998 in Enzensbergers "Anderer Bibliothek" erschienen und war zwischenzeitlich lange vergriffen. Mit einer gewissen Zufriedenheit schreibt der Verfasser, man möge ihn bitte nicht der Eitelkeit zeihen, wenn er feststelle, dass seine Darstellungen "in den letzten zwei Jahrzehnten an Aktualität so gut wie nichts eingebüßt haben". Der Medien- und Kulturwissenschaftler Böckelmann, 77, Kern-68er, einer der vielen Wanderer von weit links nach gemäßigt rechts, beschreibt in diesem Buch anhand historischer Quellen und persönlich geführter Interviews, wie die verschiedenen Ethnien, die man einst Rassen nannte und andernorts auch noch so nennt, einander wechselseitig wahrnehmen – nämlich vorwiegend als fremd. Auch wenn wir heute keinen schweren Schock mehr erleiden, wenn wir einen Andersrassigen erblicken – wie etwa Papuas beim ersten Anblick eines Weißen in Starrkrämpfe verfielen oder schreiend davonrannten oder ein siebenjähriges Mädchen im oberbayrischen Landkreis Mühldorf, das 1946 erstmals einen schwarzen GI zu Gesicht bekam, dermaßen erschrak, dass eine schwere Zuckerkrankheit bei ihm ausbrach, an der es elf Jahre später starb –, bleibt Fremdheit doch eine anthropologische Kategorie sui generis.

Jeder Mensch, der reist oder ausländische Bekannte hat, die ihm nicht nur höflich nach dem Mund reden, weiß, dass die fremdheitseinebnende Weltsicht westlicher Progressisten anderswo belächelt oder sogar verspottet wird. Natürlich hat sich unter den Anderen längst herumgesprochen, wie sehr die deutsche Fernstenliebe nur aus dem Mangel an Nächsten- und sogar Eigenliebe rührt und wie verlogen sie ist (kein Grund für Fremde, sie nicht ausgiebig zu strapazieren, gewiss). In der Stickigkeit eines gesellschaftlichen Klimas, in dem über Selbstverständliches nicht geredet werden soll, weil das angeblich dem Rassismus Nahrung gibt, ist es hilfreich, ein Buch wie das von Böckelmann zur Hand zu nehmen, welches den Verhältnissen die Ehre erweist, sie weder zu preisen noch zu verdammen, sondern einfach nur als Phänomen zu betrachten. 

Allein die Schwierigkeiten beim Auftreiben der Interviewpartner hätten eine reizende Miniatur über gravierende ethnisch-kulturelle Eigenarten und Differenzen ergeben, wie sie bereits zwischen Chinesen und Japanern herrschen. Wenn Letzere ausnahmslos berichteten, "daß die große Mehrheit der in Europa residierenden Japaner zurückgezogen unter ihresgleichen lebe und dieses pseudoeuopäische Dasein nicht gern zum Gesprächsthema mache", ist das freilich halbwegs generalisierbar. Dasselbe mag auch gelten, wenn der Autor schildert, wie seine japanischen Gesprächspartner automatisch zu den Begriffen "Weiße" und "weiße Rasse" wechselten, als er von Deutschen, Europäern oder Amerikaner sprach.

"Der Japaner wendet dem Weißen ein doppeltes Gesicht zu: das der Selbstverleugnung und das der Gewißheit, einzigartig zu sein", notiert Böckelmann. Das entspricht dem historischen Kennenlernprozess. Zuerst begegnete Nippon den fremden Europäern mit blinder Empfänglichkeit, dann mit ebenso wahlloser Aussperrung, war aber dabei stets bestrebt, alles von ihnen zu übernehmen, was einen Vorteil versprach – wakon yosai ("Japanischer Geist, westliche Technik") sollte später die Maxime lauten. Der Staats- und Wirtschaftswissenschaftler Honda Toshiaki (1744-1821) wurde einmal gefragt, warum die Holländer imstande seien, so vorzügliche Handelsgüter zu produzieren. Honda gab die treffliche Antwort, dass sogar Tiere erstaunliche Fähigkeiten besäßen. Wie sollten die Japaner mit der verrückten Tatsache fertig werden, dass Wilde und Unreine ihnen überlegen waren? (Heute tritt eine ähnliche kognitive Dissonanz bei vielen Muslimen zutage.) "Die Samurai-Schüler kümmerte es wenig, ob ihr Lehrer ein Menschenwesen war oder nicht, solange er ihnen wertvolles Wissen beibrachte. Hinter der Maske der Höflichkeit jedoch studierten sie seine Gewohnheiten und gelangten gemeinsam zu einem verächtlichen Urteil", kommentiert Böckelmann. Kein Europäer sollte glauben, dass fremde Völkerschaften seine Lebensweise schätzen, nur weil sie seine Technik übernehmen.

Der Autor zitiert das Beispiel des Lafcadio Hearn, eines amerikanischen Reporters, der das Inselreich so sehr liebte, dass er 1890 zum Japanertum konvertierte, eine Japanerin heiratete und versuchte, ein besserer Japaner als alle anderen zu sein, aber weder an der Universität noch später im Staatsdienst als Gleicher akzeptiert wurde und als ein isolierter Fremdling endete. Der Unterschied zu heute besteht einzig darin, dass die isolierten Fremden so zahlreich geworden sind, dass es inzwischen mehr oder weniger abgeschottete Communities gibt, die andersartigen Arbeitsmigranten ein gewöhnliches Leben in der Fremde ermöglichen. Zu den Merkwürdigkeiten der modernen Globetrotterei, ob nun touristisch oder beruflich, gehört ja, dass die meisten Mobilen im Ausland unter ihresgleichen leben, sich abends mit Landsleuten treffen, ungefähr dasselbe essen wie daheim und ihren Nachwuchs in Schulen schicken, wo sie auf ähnlich geartete Kinder treffen. Integration findet nahezu nirgendwo statt, Segregation indes wohin man schaut. Bezeichnenderweise hielten Böckelmanns chinesische Interviewpartner eine Verwestlichung ihres Landes "über Oberflächenphänomene hinaus" für ausgeschlossen. Man will dort das Fremde nicht "integrieren" und sich ihm schon gar nicht anpassen. Ein des Chinesischen kundiger Amerikaner überlieferte folgenden Dialog, der sich auf einem Pekinger Markt zutrug: "Mama, dieser Mensch da, ist es eine Frau oder ein Mann?" "Dummes Kind, das ist weder ein Mann noch eine Frau. Dieser Mensch, mein Kind, ist ein Ausländer."

Interessanterweise kamen in China um die Wende zum 20. Jahrhundert utopische Rassenmischungsvorstellungen auf, die an heutige progressistische Phantasien von einer einheitlichen globalen Mischethnie erinnern. Der Revolutionär Kang Yowei wollte die gelbe und weiße Rasse vermischen, um eine global dominante weiße Bevölkerung zu züchten. "Die Stärke der Weißen ist ohne Frage gewaltig und in ihrer Art unerreicht; auf der anderen Seite aber sind die Gelben zahlreicher und ihnen an Weisheit überlegen", postulierte er. "Nur die Braunen und die Schwarzen, die von den Weißen himmelweit verschieden sind, lassen sich tatsächlich schwer amalgamieren."

Während viele Intellektuelle in Deutschland und anderen westlichen Ländern immer noch an den Melting Pot glauben, wurde der Gedanke in China nie populär. 1990 schrieb der chinesische Lyriker Duo Duo im englischen Exil: "Bevor ich ins Ausland ging, erzählte man mir: Wenn ein chinesischer Schriftsteller einen Monat im Ausland ist, kann er hinterher ein Buch darüber schreiben; fährt er für drei Monate, reicht es noch für einen Aufsatz; bleibt er für ein Jahr fort, bringt er keine einzige Zeile aufs Papier."

Das maoistische China entsandte in den 1970er und 80er Jahren 250.000 Vertragsarbeiter nach Tansania und Sambia, um die schwarzen Völker im Kampf gegen den weißen Kolonialismus zu unterstützen, speziell beim Bau der Tan-Sam-Eisenbahn. Die Gastarbeiter mieden alle persönlichen Kontakte zu den Einheimischen, schlossen weder Freund- noch Liebschaften, und als sie abzogen, ließen sie keine Nachkommen dort zurück. Als Journalisten einige der Rückkehrer in der Heimat auf einer Pressekonferenz fragten, welche Anregungen sie in Afrika empfangen hätten, herrschte minutenlanges quälendes Schweigen... – Umgekehrt verließen fast alle Afrikaner, die Anfang der 1960er Jahre zum Studium nach China gegangen waren, das Land schnell wieder. Chinesinnen, die sich mit Afrikanern angefreundet hatten, wurde ausnahmsweise erlaubt, mit ihnen zu gehen. "Binnen Jahresfrist kehrte ein Teil der ausgewanderten Bräute nach China zurück und beklagte sich öffentlich darüber, daß das afrikanische Essen ungenießbar sei. Zudem habe sich in Afrika herausgestellt, daß die Ehegatten jeweils schon mehrere Frauen hatten."

In Japan kam nach 1945 eine sechsstellige Zahl von Kindern zur Welt, deren Väter amerikanische Besatzungssoldaten waren, und viele davon hatten naturgemäß schwarze Väter. Die Mütter solcher Mischlinge setzten die Kinder entweder einfach aus, versuchten, sie irgendwo abzugeben – oder sie wurden aus dem Land getrieben; von Letzteren emigrierten viele nach Brasilien. Ein Teil der Mischlingskinder wurde von amerikanischen oder europäischen Familien adoptiert. "Kein einziges Kind fand japanische Adoptiveltern." Ein halbes Jahrhundet später bewerteten Böckelmanns Interviewpartner den Eintritt eines Schwarzen in eine japanische Familie wahlweise als Katastrophe oder als Schande. Sie würde "weinen bis zum Tod", wenn ihre Tochter mit einem Neger nach Hause käme, gab eine der befragten Frauen zu Protokoll. Böckelmann zitiert einen japanischen Anthropologen mit den Worten: "Humanismus ist eine Sache, der physiologische Widerwille vor bestimmten Menschen eine andere."

Ich beende hier die Beispiellese aus dem Buch. Es lassen sich zahllose weitere Exempel aus der Gegenwart anführen, Erzählungen von Westlern, die lange im nichtwestlichen Ausland gearbeitet haben und dort vor allem ihre Eigenart erkannt haben, ja auf sie gestoßen wurden. Dass viele Mischehen über ethnisch-kulturelle Gräben hinweg geschlossen werden – ich wies hier vor einiger Zeit einmal auf das Phänomen hin, dass fast sämtliche meiner Bekannten, die als "rechts" gelten, mit zum Teil durchaus exotischen Ausländerinnen verheiratet sind –, zeigt nur, welche enorme Bindungskräfte aktiviert werden müssen, um die Gräben zu überbrücken. Es ist ja kein Zufall, dass nicht nur westliche Arbeitsmigranten in Fernost oder dem Orient in separaten Kunstwelten nach westlichen Standards leben, sondern eben auch die Einwanderer aus diesen Weltgegenden in Europa fast immer unter sich bleiben. Die These, man müsse den Fremden nur näher kennenlernen und schon löse sich die Fremdheit in Nichts auf, ist nicht plausibler als die Gegenthese, dass gerade ein näheres Kennenlernen die Fremdheit ins Bodenlose vertiefe. In Übersee können wir beobachten, wie sich die Ethnien immer mehr scheiden, wie wie sich der Melting Pot in einen Triple Melting Pot verwandelt – schwarz, weiß, hispanisch –, wobei der Begriff den Vorgang kaum mehr treffend beschreibt. Segregation, wohin man schaut. "The Disuniting of America" (Arthur Schlesinger) ist vor allem ein ethnischer Prozess.

"Die Vernunft der Weißen duldet freiwillig keine anderen Geister neben sich", resümiert Böckelmann. Nach dem Verlust der Kolonien und der globalen Dominanz habe sie heute einen Weg gefunden, doch noch allein zu herrschen: "daß sie an allem schuld ist". Böckelmann nennt diesen welthistorisch singulären kollektiven Knall "geständiger Imperialismus". Das große Paradoxon besteht nun darin, dass die anderen – also diejenigen, die wir nicht für fremd halten dürfen, während wir für sie nichts als Fremde sind – unsere Gesellschaftsform annehmen sollen. "Früher kamen wir als Eroberer über die Fremden, heute führen wir sie bußfertig auf uns zurück. Sobald etwas Unbekanntes auftritt, beschlagnahmen wir es als Eigenes oder als ein ‚versäumtes Eigenes’." Wer sich aber weigere, "das Eigene auch gegen Anderes zu setzen, wird am Ende beides verachten". Sofern man ihn überhaupt noch nach seiner Meinung fragt.

(Böckelmanns Buch finden Sie hier.)