Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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16. Oktober 2018


Wahrscheinlich wird der Klimawandel der Menschheit geringere Probleme bereiten als die Maßnahmen, die sie zu dessen Verhinderung ergreift.



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"Wir leben im besten Deutschland, das es je gab": Diese Floskel ist inzwischen in der politisch-medialen Sphäre eine Art Parole geworden, mit der man die Zugehörigkeit zu moralisch gehobeneren Kreisen und zugleich Distanz zu denjenigen signalisiert, die wegen einiger lächerlicher Morde, Staatsschulden, Bildungsdefizite und demografischer Erschöpfungssymptome daran zweifeln, dass es sich so verhält. Zuletzt hörte man die geflügelten Worte aus dem Munde eines SPD-Innenministers bei Anne Will.

Merkelland ist keineswegs das erste Deutschland, in welchem dieser kecke Elativ herumschwirrt. Bereits die Eliten des Kaiserreichs feierten ihr Land als "unvergleichlich" und "einzigartig" (wobei dessen wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Rang samt der Nobelpreisträgerdichte einige gute Gründe dazu bot). Das Dritte Reich war so berauscht von seiner historischen Sendung, dass seine Führer versprechen konnten, es werde tausend Jahre währen, und wenn man 1937 unter Deutschen außerhalb von Dachau Erkundigungen eingezogen hätte, welches Deutschland das beste aller Zeiten sei, die Antworten wären wohl recht eindeutig ausgefallen. Auch die DDR behauptete stolz von sich, das bessere Deutschland zu sein, und der bessere von zweien ist bekanntlich der beste.

Das jeweils beste Deutschland zeigte in der Vergangheit also eine gewisse Neigung, nicht ganz bruchlos in ein ehemaliges Deutschland überzugehen. Bereits zum vierte Male leben seine Bewohner im besten Deutschland, das es je gab. Drei dieser Staaten sind verschwunden, aber sie haben immerhin Deutschland übriggelassen. Der vierte strebt Größeres an.


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"Mann – du Alles auf Erden,
fielen die Masken der Welt,
fielen die Helden, die Herden –:
weites trojanisches Feld –

immer Gewölke der Feuer,
immer die Flammen der Nacht
um dich, Tiefer und Treuer,
der das Letzte bewacht,

Bildschirmfoto 2018 10 15 um 09.10.40

keine Götter mehr zum Bitten,
keine Mütter mehr als Schoß -
schweige und habe gelitten,
sammle dich und sei groß!"

(Benn)


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Knapp 18 Prozent in Bayern haben die Grünen gewählt, also letztlich dieses – hier auch im Bewegtbild zu bestaunende – Teletubby:

landtagswahl bayern gruene

Als Haruspex, der ich nun einmal bin, kann ich Ihnen versichern, dass es vor allem zwei Milieus waren, in denen die Grünen Stimmen sammelten: die städtische Schickeria (wer zweimal im Jahr in den Süden fliegt und einmal die Woche mit dem Jeep zum Tegernsee brettert, nimmt den Wahlschein als Ablasszettel) sowie das in Sachen Infantilität dem grünen Personal gleichende Studenten- bzw. Akademikerprekariat (die "was-mit-Medien" mittenmang). Und das, obwohl die bayerischen Grünen noch gar nicht die Gelegenheit besaßen, das Bildungssystem zu demolieren, wie es ihre Milchbrüder und -schwestern in Baden-Württemberg gemeinsam mit den Roten* vorgemacht haben, wo viele Schüler in Rekordzeit Lesen und vor allem Schreiben verlernten und auch keine Fremdsprache mehr in ihre Köpfe bekommen.

(* Für den "Absturz der Lese- und sonstigen Leistungen" könne man nicht die Grünen verantwortlich machen, meint Leserin ***, "selbst kaum die SPD, eher noch die unsägliche Kompetenz-Schavan, langjährige baden-württembergische Bildungsministerin, bevor sie im Bund ganze Sache machte. Der Verlust der vorderen Ränge der Schüler 4. Klasse zeigte sich schon 2015.")

Es ist jedenfalls logisch, dass diese Partei großen Wert darauf legt, Einfluss auf die Schulen und Universitäten zu nehmen, was sie auf dem Umweg einer Art Mentalitätsherrschaft über die öffentliche Meinung ohnehin längst tut. Wenn es gelingt, eine Generation komplett von ihrer Bildungstradition abzutrennen, hat man Heloten (oder meinetwegen auch Zeloten) geschaffen, deren politischer Horizont sich mit Infantilismen wie "Buntheit", "Diversity" und "Weltoffenheit" abstecken und zustellen lassen wird.


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Zum Beispiel solche.
Oder solche.
Oder solche, die sich um solche scharen.


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Der durch den linken Rhetor bloßgestellte "Rassist" wird vom Publikum angestarrt wie ein Jude auf dem Reichsparteitag.


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Nun, da die Buchmesse vorüber ist, liegt es nahe, der einen und anderen Neuerscheinung, die mir dort in die Hände geriet, ein paar Worte zu widmen. Beginnen will ich heute mit Alexander Pscheras Buch "Vergessene Gesten", einer Sammlung kurzer Nekrologe auf allerlei reizende Konventionen, die von der Furie des Verschwindens aus dem Alltag vertrieben werden oder bereits vertrieben worden sind. Zu solchen Gesten zählt der Autor beispielsweise: Gedichte auswendig lernen; einer Dame die Hand küssen; einen Stammtisch besuchen; Briefmarken ablösen; in die Pilze gehen; mit dem Bleistift in der Hand lesen; einen Diener machen; jemanden hinauskomplimentieren; etwas im Lexikon nachschlagen; sich eine Nelke ins Knopfloch stecken; einer Dame den Hof machen; in einem Séparée soupieren; zum Abschied mit dem Taschentuch winken; sich auf den Tod vorbereiten...

Pschera hat Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaften studiert, über Mörike promoviert, Bücher über Léon Bloy und Ernst Jünger geschrieben, das Vorwort zu seinem aktuellen Opus stammt von Martin Mosebach; damit sollte die darin herrschende Stimmung klar sein. Auf der Suche nach einer Schublade landen wir bei jener mit der Aufschrift "Konservative Kulturkritik", wobei Teile auch unter "Stoizismus" einsortiert werden könnten und für die alles durchwirkende verliebte Wehmut überhaupt keine Lade existiert. Es ist jedenfalls nicht schön, wenn schöne Dinge verschwinden. Zum Beispiel das besagte Souper im Séparée, weil es einfach kein Restaurant mehr gibt, in dem es stattfinden könnte. Ich war unlängst und seit Jahren einmal wieder während eines Hamburg-Besuches in Cölln’s Austernstuben, die jetzt "Cölln’s Mutterland" heißen (ungefähr wie das Westfalenstadion heute "Signal-Iduna-Park" heißt), und auch dort sind die offenbar überholt vaterländischen Séparées verschwunden. Die Diskretion des abgeschlossenen Raumes, das ungestörte Unter-vier-Augen-Gespräch, ob mit dem Geschäftspartner oder der Herzensdame, die Frivolitäten im letzteren Fall – passé. Der heutige Restaurantbesucher will vor allem sehen und gesehen werden.

Sich separieren bedeutet: "Leise leben" – so der Titel eines weiteren Kapitels – statt permanenter Selbstdarstellung und -vermarktung. Mit Pscheras Worten: "In seinem Büro den Arbeitsalltag sanft zu verdösen und sich auf den Feierabend zu freuen, an dem dann vielleicht Gedichte entstehen, die später, nach dem Tod des Autors, in die Weltliteratur eingehen – solch ein formidabler Lebensentwurf ist eine Unmöglichkeit geworden in einer Gesellschaft, die Träumen, Faulenzen und Versponnensein keine Bedeutung mehr zuerkennt." (Ich glaube, es war Nabokov, der die Möglichkeit erwog, dass dieser Kioskverkäufer dort vielleicht gerade am großen literarischen Werk seiner Epoche schreibe und wir nicht die geringste Ahnung davon besäßen...)

Nichts mag trostloser sein als ein Konservatismus, der das Überkommene nur aus unreflektierter Gewohnheit und Bequemlichkeit in Ehren hält und jede Entwicklung als solche ablehnt, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es solche Zeitgenossen wirklich gibt. Jeder Fortschritt hat einen Preis, und der lässt sich nicht nur in Dummköpfen berechnen, wie Don Nicolás spottete, sondern vor allem in ästhetischen Verlusten. Man muss sie freilich wahrnehmen (können). Wer vermisst die alte Klospülung, den nach der Betätigung geheimnisvoll und auch ein bisschen bedrohlich rauschenden Kasten weit oberhalb des Kopfes, an dem eine Schnur oder Kette mit zylindrischen Griff hing, welcher dazu diente, die Apparatur in Betrieb zu setzen? Pschera offenkundig schon: "Diese Kettenreaktion hatte etwas ungemein Befriedigendes an sich, weil sie auf einfacher, einsichtiger Physik beruhte. Man sah, was geschah, und war so Herr der Elemente."

Eine Weltsekunde lang war oder ist auch deren Herr, wer einer Dame Feuer gibt: Ihr dankbarer Augenaufschlag "kann durchaus eine Aufforderung sein, den Augenblick zu verlängern, die bergende Hand nicht zurückzuziehen. Die bloße Mechanik der Feuererzeugung hebt sich in einem Moment des Glücks selbst auf. Aber auch als reine Geste der Nonchalance verbindet uns die Flamme, die unversehens gelbweiß aus der Faust züngelt, mit den Göttern und unserem mythischen Ursprung. Das kalte Glimmen der E-Zigarette hat keinerlei solche Kraft. Der Elektroraucher mag zwar gesünder und länger leben, aber er ist transzendental obdachlos und dadurch fundamental einsam."

Das führt uns zum nahezu ausgestorbenen Antichambrieren, der in Vorzimmern zelebrierten Kunst der Geduld bis zu jenem Augenblick, da endlich der ersehnte Kontakt mit dem bedeutenden Menschen zustandekommt – wahrscheinlich sind heutzutage nur noch Sopranistinnen, die unbedingt eine Rolle wollen und den Dirigenten in seinem Hotel abzupassen suchen, zu solchen Ausharrensleistungen fähig. Pschera: "Das moderne Ich verlangt dort, wo es auftaucht, sofort und abstrichslos bedient, behandelt und gehört zu werden. Wahrscheinlich scheitern deswegen auch so viele Ehen. Denn bis man zum Innersten des Partners vorgelassen wird, ist meist jahrzehntelanges Antichambrieren notwendig."

Ein Kapitel ist von aphoristischer Knappheit – "Eine gute Partie machen: Um die betrüblich hohe Scheidungsquote zu senken, wäre es hilfreich, sich wieder auf die finanziellen Aspekte einer Eheschließung zu besinnen" –, ein anderes versucht, jenen Zeitgenossen, die das Praktisch-Hygienische übers Ästhetische stellen, ins Gewissen zu reden, indem es die Konvention, in fremden Häusern die Schuhe anzulassen, einfordert: "Wird man, was immer häufiger passiert, genötigt, in fremden Häusern aus Reinlichkeitsgründen seine Schuhe auszuziehen, so ist das für stilbewusste Menschen schlimmer als Nacktbaden. Es gleicht einer gewaltsamen Entblößung."

Zu den vergessenen Konventionen rechnet der Autor auch das "Sich selbst gehören", denn "das sich-selbst-Verlieren in den Strukturen des Allgemeinen und der Technik", an Heideggers "Man", sei kein autonomer Akt mehr, sondern "eine schleichende Erosion von Identität. Es ist die langsame Durchtaktung der eigenen Existenz mit der Idee des Allgemeinen. Es ist Verlust von Würde und, damit zusammenhängend, von Stil."

(Das Buch finden Sie hier oder hier.)


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Ein 19jähriger Afghane "stellte sich auf eine Bierbank und zeigte den Hitlergruß so lange, bis ihn ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes aus dem Biergarten verwies". Die Münchner Polizei wertet dies als "rechte Straftat" (hier).


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Der Fahrstil von Christopher Froome ist die ästhetische Rache von Lance Armstrong am Radsport. Diesen Satz wollte ich schon lange einmal loswerden.