Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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3. Oktober 2018


Heute feiern wir den 28. Jahrestag des Anschlusses der BRD an die DDR (sowie, in noch kleinerem Kreis, die Ausdehnung meiner Sendefrequenz auf das westliche Bundesgebiet). "Deutschland ist größer geworden“, lautete ein Ausspruch, den man weiland aus offiziellen und gemieteten Mündern oft hörte, was ein gewaltiger Unsinn war, denn das deutsche Staatsgebiet hatte sich um keinen einzigen Quadratzentimeter vergrößert. Manche behaupten, Deutschland sei damals deutscher geworden, was uns auf heikles Terrain führt, denn für die einen gibt es nichts Deutscheres als die Nazis, für die anderen nichts Deutscheres als die Grünen, und exaltierte Dritte meinen, da bestünde kaum ein Unterschied, es handle sich bloß um dieselbe Mentalität in Reaktion auf grundverschiedene Umstände. Nun, wie auch immer, 1990 begann eine kurze Phase innereuropäischer Grenzverlaufsänderungen, die einstweilen letzte dieser Art in einem Erdteil permanenter Grenzverschiebungen. Pessimisten glauben sogar, dass sämtliche Grenzen in Europa eines nicht mehr fernen Tages gefallen sein werden, eine aus der DDR stammende Fremdenführerin arbeitet emsig daran, doch bei näherer Betrachtung besteht für solch düstere Prognosen kein Grund. Für andere schon.

Immer mehr Europäer geraten derzeit ins Sinnieren darüber, wohin ihr altehrwürdiger und etwas vergreister Kontinent im welthistorische Blinde-Kuh-Spiel der nächsten Jahrzehnte wohl tapern werde. Nehmen wir den Tag der deutschen Einheit zum Anlass, unter der Augenbinde hervor in die Zukunft zu lugen.

Als halbwegs sichere Tendenzen würde ich die Folgenden in Vorschlag bringen:

> Im politischen Weltspiel übernimmt Europa die Rolle eines Komparsen. Die Entscheidungen werden in den USA und in China (China/Russland) getroffen.

> Als geistiges, wissenschaftliches und auch kulturelles Zentrum des Planeten hat Europa ausgedient; das einstige Weltgehirn ist in die Phase der Altersdemenz eingetreten; der Weltgeist wandert aus dem europäischen Metropolen in die "Kompetenzfestungen" (Gunnar Heinsohn) Amerikas und Asiens ab, und mit ihm immer mehr kompetente Europäer.

> Im solidarischen Gegenzug wird die Masseneinwanderung aus Afrika und dem Orient auf absehbare Zeit nicht enden. Mit ihr dringen, neben Fleiß, Frohsinn und Andacht, auch Hass, Gewalt und präzivilisatorische Sitten in einem Ausmaß nach Europa, von dem sich die letzten europäischen Wohlfahrtsstaatsbürger immer noch keine Vorstellung machen.

> Aufgrund ihres inneres Gespaltenseins werden sich die europäischen Nationen gegen die weitere Überflutung mit integrationsunwilligen und oft auch -unfähigen Menschen aus diesen Weltgegenden trotzdem nicht effektiv zur Wehr setzen, sondern stattdessen die Gräben im Innern – durchaus kompensatorisch – vertiefen.

> Das allgemeine Bildungs-, Forschungs- und Produktivitätsniveau wird dadurch – und durch linke Politiken wie etwa der Gender-Okkultismus oder sämtliche unter dem Namen "Diversity" laufenden Nivellierungsmaßnahmen – spürbar sinken (also spürbar nicht für jene, in deren Richtung es sinkt), desgleichen der durchschnittliche IQ der Bevölkerung. Gegenstrebend steigen Armut, Kriminalität, Verelendung, Verslumung und die Staatsschulden. (Dass die meisten Straftaten dort stattfinden, wohin kein Polizist mehr seinen Fuß setzt, führt aber zu erfreulichen Kriminalstatistiken.)

> Der Islam breitet sich immer mehr aus. Parallel dazu wird der dschihadistische Terror – von der spontanen Messerattacke mit zufälligen Opfern bis zum geplanten Anschlag auf ausgesuchte Ziele – gedeihen und als konstante Drohung bzw. Verheißung auf dem westlichen Europa lasten, aber zunehmend auch in Richtung Osten ausgreifen.

> Staatsschulden und Steuerlast werden steigen; es wird zu Energie-Engpässen kommen; die EU wird auseinanderfallen; Staatsbankrotte wie in Griechenland werden in anderen Ländern folgen.

> Aber wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Widerstandsbewegungen werden sich bilden, deren Ziel früher oder später die Sezession ganzer Länder oder Landesteile sein wird, in denen sich die Reste der europäischen Intelligenz (im Sinne von Kompetenz, keine Geisteswissenschaftler) sammeln. Die politische Geographie des Alten Kontinents wird sich ändern.
Soweit das.

In dem Buch, das ich gerade schreibe (und mit dem ich wegen der hydraesk meine Aufmerksamkeit abziehenden aktuellen Plagegeister nicht recht von der Stelle komme) – es spielt im Jahre 2080 –, ist Kakanien widerauferstanden, das heißt: Österreich, Ungarn, Bayern, Sachsen, Tschechien und Teile Norditaliens haben sich zu einer Union zusammengeschlossen, zu der lose auch die Schweiz gehört, während weite Teile Westdeutschlands und Frankreichs samt Belgien und Holland auf eine eher tribalistische Weise muslimisch geworden sind – mit Ausnahme der großen französischen Weingebiete, die sich in chinesischem Besitz befinden und an die sich muslimische Frömmler nicht mehr heranwagen, seitdem mehrere tausend aggressive Abstinenzler bei ihrem Versuch, die Rebstöcke zu vernichten, von Wachrobotern niedergemacht worden sind –, während Ostdeutschland unter polnischem Patronat steht (in wilden Zeiten werden auch alte Träume geträumt). Dass ich mit solchen Phantasien oder Extrapolationen keineswegs allein auf Gottes weiter Flur stehen würde, dachte ich mir, und wie zur Bestätigung traf vor ein paar Tagen ein Büchlein bei mir ein, das in raschen Strichen ein Szenario entwirft, wie sich Europa bis zum Jahr 2077 geopolitisch entwickeln könnte. Der Natur der Sache gemäß handelt es sich eher um eine Dystopie; dass irgendwie schon alles gut werde, hören wir ja täglich in den Tagesthemen und periodisch in den Führerreden. Der Autor heißt Martin Dobry (ich habe nicht herausfinden können, wer das ist, möglicherweise ein Pseudonym?), und sein "2077: Europa nach der zweiten Völkerwanderung" (hier) besitzt gewisse Ähnlichkeiten mit meinem Vorstellungen von 2080.

Prognosen über den Weltlauf als Ganzen entpuppen sich im Nachhinein immer als kurzsichtig und unterkomplex. Der "Jetztsasse" (Thomas Kapielski) kann schlechterdings nicht sämtliche Variablen kennen, die in die Gleichung einfließen. Die große Unbekannte in der derzeitgen Zukunftsgleichung ist die künstliche Intelligenz als Waffe. Der eigentliche Reiz von Negativprognosen besteht darin, dass sie bei der Verhinderung dessen mitwirken wollen, was sie heraufbeschwören. Dobry geht davon aus, dass die Völkerwanderung der entscheidende Faktor für die künftige Entwicklung Europas sein wird. Er prophezeit einen großen sunnitisch-schiitischen Krieg in den 2030er Jahren, der den nächsten Migrationsschub Richtung Europa auslöst. Ein Bürgerkrieg in Nigeria und islamische Revolutionen in Libyen und Algerien verstärken den Flüchtlingsstrom. Die Europäer lassen Spanien und Italien mit den sie umschlingenden Millionen allein und riegeln ihre Grenzen ab. Während Italien unter der Masseneinwanderung zusammenbricht und sich in einen failed state verwandelt, vereinigen sich Spanier und Portugiesen, nachdem ihre Länder überrannt worden sind, zur Reconquista und vertreiben Millionen Migranten nach Marokko. Deutschland spaltet sich in den Islamischen Bund im Westen und die Ostdeutsche Republik, zu welcher auch Bayern gehört. Es kommt zu einer großen Binnenwanderung: Teile der deutschen Wirtschaft und Intelligenz sowie liberale Muslime wandern gen Osten, strenggläubige Muslime, vor allem aus Berlin, zieht es in die Gegenrichtung. Österreich, die Schweiz und die Osteuropäer können ihr Staatsgebiet halten. Im Nordwesten des Islamischen Bundes, wo ehedem die Niederlande und Belgien lagen, hat sich das Kalifat von Antwerpen gebildet.

Großbritannien, vor einem Bürgerkrieg zwischen radikalen Muslimen und radikalen Nationalisten stehend, gründet eine liberale muslimische Staatskirche, in deren Moscheen die Geschlechtertrennung aufgehoben ist und die Predigten ausschließlich von englischen Staatsbürgern auf englisch gehalten werden dürfen. Alle Gläubigen, die sich dieser Staatskirche nicht anschließen wollen, werden ausgewiesen, vor allem nach Pakistan, das dafür viele Milliarden Pfund Unterstützung erhält. Durch den erzwungenen Exodus und die Mäßigung der Religiösen normalisiert sich die Lage auf der Britischen Insel allmählich wieder.

In Frankreich erringt der Front National die absolute Mehrheit und setzt Militär gegen die Aufstände in den Vorstädten ein. Gaza-artige Sonderzonen werden errichtet, viele Migranten verlassen das Land und siedeln ins Kalifat von Antwerpen und den islamischen Bund um. Das Land stabilisiert sich auf autoritärem Wege. Das verarmte Griechenland indes wird türkisches Protektorat. Die wirtschaftlich und militärisch erstarkten Türkei hält den Hellenen als Gegenleistung weitere Migranten vom Leibe.

Am Ende haben allein die Briten ihre liberale Ordnung über die Wirren retten können. Im Ostdeutschen Bund, der enorm viel Geld für seine Grenzschutzanlagen zum Islamischen Bund aufwenden muss, keimt der Wunsch nach einer deutschen Reconquista, ebenso bei vielen Exilbelgiern, -niederländern und -italienern. Umgekehrt trommelt man auf der anderen Seite zum heiligen Krieg. Spanien ist eine faschistische Diktatur geworden, in Polen herrscht ein klerikalfaschistisches Regime. Natürlich ist überall in Europa die wirtschaftliche und wissenschaftliche Leistungsfähigkeit gesunken, womit auch die Attraktivität des Kontinents für Zuwanderer allmählich nachlässt. "Der wirklich große Verlierer in Europa", schreibt Dobry, "war der Liberalismus." –

Alles nur haltlose Prognosen. Lieb Vaterland, magst ruhig sein, gerade am Feiertag...


                                       ***


Nochmals zum Zitat: "Wer Menschheit sagt, will betrügen" (siehe Acta diurna vom 30. September). Es stammt offensichtlich nicht von Proudhon. Carl Schmitt hat es dem französischen Anarchisten in den Mund gelegt. Ich bin also einem erfundenen Zitat aufgesessen. Inhaltlich ist das einerlei, der Satz verliert seine Dignität nicht dadurch, dass er den Autor wechselt, zumal der Schritt von Proudhon hinauf (intellektuell) bzw. hinunter (moralisch) zu Schmitt seinen Reiz hat. Vor 22 Jahren wusste (oder ahnte) ich es noch besser, wie Sie diesem Interview entnehmen können, das ich mit Joachim Fest führte.

Leser *** versichert, Schmitt habe das "Zitat" 1932 als "'Modifikation' von Proudhons angeblichem Satz 'Wer Gott sagt, will betrügen' erfunden", jenen also im Zeitalter menschlicher Selbstvergottung gewissermaßen auf den neuesten Stand bringend. Doch "auch dieser Satz oder ein ähnlicher wurde in keiner Schrift Proudhons gefunden. Wohl aber beispielsweise in 'Philosophie du Progrès' (1851/53): 'Que ce que l’humanité cherche dans la religion, sous le nom de Dieu, c’est sa propre constitution, c’est elle même.'" Ein Irrtum Schmitts? Unwahrscheinlich. Eher wohl ein Schabernack. Wie auch immer: Wer Menschheit sagt, will betrügen. (Außer Kant natürlich, aber der ist tot.)


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An den ersten beiden Oktobertagen hatte ich 307 Seitenabrufe in Tonga (Polynesien). Servus und ein Grüß Gott in den Südpazifik!

PS: "Guten Abend Herr Klonovsky, hier hat wahrscheinlich jemand mit einem sogenannten Browser-Hilfsprogramm seinen wahren Standort verschleiert. Das war wahrscheinlich das Kanzleramt, um sich über den Gegner zu informieren. Ich verpflanze mich immer nach Kronstadt, wenn ich in den USA surfe.
Beste Grüße/kind regards/saludos/Привет,
***"


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Vor einigen Wochen habe ich hier eine informelle Stellenanzeige veröffentlicht, in welcher Mitarbeiter für ein zu gründendes unabhängiges Magazin gesucht wurden. Ich muss heute mitteilen, dass dieses Projekt gestorben ist.