Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

Artikelsuche

Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


...mehr

 

 

27. August 2018



"Grabt in der Vergangenheit eines Schriftstellers, vor allem eines Dichters, prüft genau die Komponenten seiner geistigen Biographie, und ihr werdet stets irgendwelche reaktionären Prämissen finden... Bedingung der Poesie ist das Gedächtnis, das Gewesene ihre Substanz. Und was behauptet die Reaktion anderes als den überragenden Wert des Vergangenen?"
Cioran, "Über das reaktionäre Denken"



                                     ***


Als die Kerkermeister des Temple Ludwig XVI. ein Rasiermesser verweigerten, sagte ihm ein treuer Diener: "Majestät, treten Sie mit diesem langen Bart vor den Nationalkonvent, damit das Volk sieht, wie sie behandelt werden." Der König erwiderte: "Ich darf nicht versuchen, Teilnahme an meinem Schicksal zu erregen."


                                    ***


Ein triftiges Zwischenfazit zu den Vorfällen in Chemnitz (siehe auch meinen ewiggestrigen Eintrag von gestern) haben die Spoekenkieker gezogen:

"Nach 21 Stunden beginnt dpa plötzlich wieder, Meldungen aus Chemnitz zu tickern. Das Thema wurde ins Politik-Ressort verlegt und dort hat man natürlich sofort die berufene Stimme zur Interpretation des Geschehens zur Hand:

'Nach dem spontanen Aufmarsch von Rechtsextremen in Chemnitz kritisiert die sächsische Linke-Politikerin Kerstin Köditz Versäumnisse bei der Polizei. «Warum hat man so lange gebraucht, um genügend Einsatzkräfte herzubringen. Wenn Informationen durchsickern, dass es am Rande eines Stadtfestes einen Toten gab, dann hätte die Polizei eigentlich Gewehr bei Fuß stehen müssen – bei all dem Alkohol, der bei solchen Gelegenheiten konsumiert wird», sagte Köditz am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Sie könne nur hoffen, dass die Polizei die für Montag angekündigten Demonstrationen «auf dem Schirm hat». Köditz ist Rechtsextremismusexpertin ihrer Partei.'

Damit hat die 'Sprecherin für antifaschistische Politik' der Linken den Rahmen des Denkens und Redens, gesetzt: Chemnitz, Sachsen, Nazis, Polizei. Und nun – endlich – können alle Medien sich auch um Chemnitz kümmern. Natürlich nicht um den Toten und die Schwerverletzten – die spielen nur noch am Rande eine Rolle. Jetzt geht es allein um 'Flaschenwürfe', 'Parolen' und 'Angriffe' von einzelnen 'rechten' Typen, die zur Verunglimpfung hunderter friedlich Trauernder herhalten müssen. Komischerweise gibt es keinerlei Zahlen über Sachbeschädigungen, über Verletzte oder Festgenommene."

In meiner empirisch verlässlichen Phantasie ist die Sache so verlaufen: Zwei rollige Goldstücke graben am Rande des Stadtfestes auf ihre naturhaft charmante Art irgendwelche Sachsenschlampen an; die wollen natürlich nichts anderes, als sich umgehend den Willkommensdank abstatten zu lassen, aber drei sexuell und auch lebensweltlich frustrierte kurzschwänzige Eingeborene, die noch nicht ganz besoffen und auf der Suche nach dem finalen Rettungsschluck vorbeiwanken, missgönnen den virilen attraktiven Fremden den erotischen Erfolg, bedrohen sie in ihrem grässlichen, einem an die Fülle des sprachlichen Wohllauts gewohnten Araber wie Ferkelgrunzen im Ohr klingenden Idiom, wecken in den eben noch beseligt an Sächsinnen naschenden stolzen Morgenländern die Heißsporne, und schon flutschen, heia, Messer in Sachsenwänste! Das spricht sich bei anderen Nazis herum, gemäß ihrer genetischen Disposition bilden sie einen Lynchmob, ziehen durch die Stadt, verletzen zahlreiche Polizisten mit Flaschen- und Steinwürfen, fackeln Autos ab, singen Nazilieder und wollen spontan am Rande der Stadt ein Konzentrationslager für Kanaken, Kommunisten und den Kleberclaus errichten. Aber dpa, Spiegel, FAZ und Regierungssprecher Seibert haben rechtzeitig davon Wind bekommen und verhindern gerade noch das Schlimmste... Der Rest ist bekannt.



                                     ***


Ich bin ein Chemnitzer.
(Ich bin ein einziges Mal Anfang der Neunziger dort gewesen und habe die Stadt am Abend wieder fluchtartig verlassen, weil ich sie nicht ertragen konnte, auch das entsetzliche Hotel nicht, in das ich eingecheckt hatte, und doch, heute ist der Augenblick da, wo ich sagen muss: Ich bin ein Chemnitzer.)


                                     ***


Hamburg sei "bereit für eine muslimische Bürgermeisterin", verkündet Ole von Beust, der einstige Oberbürgermeister der Stadt. Deshalb unterstütze er die Entscheidung der Hamburger CDU-Führung, Aygül Özkan als Spitzenkandidatin für die Bürgerschaftswahl 2020 zu nominieren. Seine Begründung lässt an Kompetenzfixierung wenig zu wünschen übrig: "Mein Gott, ich bin schwul, und die Menschen haben mich gewählt. Und eine Frau, die es geschafft hat, ist doch ein gutes Symbol."

Wäre die CDU noch eine konservative Partei, müsste man jetzt konstatieren, dass da einer in die Falle der linken Identity politics getappt ist. Denn was könnte nebensächlicher sein als die Tatsache, dass ein Politiker männlich, weiblich, muslimisch, hinduistisch, atheistisch, schwul oder stockschwul ist? Sind das nicht samt und sonders Privatangelegenheiten wenn nicht gar Konstrukte, die niemanden etwas angehen? – zumindest bis die Bunte zur Home-Story bei denjenigen anreist, die sich einen Imagezuwachs davon versprechen, dass die Leser des Blödenblattes Privates von ihnen erfahren? Warum sollte Hamburg für eine Muslimin "bereit" sein und nicht eher z.B. für eine Expertin?

Nun, ein Blick auf die Bundesregierung verrät, dass die Verbindung von Amt und Expertise im einstigen Land der Denker und Ingenieure kein zentrales Kriterium mehr darstellt. Auch der Herr Wowereit war ein zweitklassiger Bürgermeister, aber nicht, weil er schwul ist. Er ist öffentlich auf diesem Ticket gefahren, weil er ahnte, dass er damit bei den Medien besser ankommen und seine Kritisierbarkeit einschränken werde. Das ist aber nicht unser Thema, sondern Frau Özkan. Die CDU-Politikerin ist die Tochter eines Gastarbeiters, in Deutschland geboren, nahm mit 18 die deutsche Staatsbürgerschaft an, studierte Jura bis zum zweiten Staatsexamen, ist zugelassene Rechtsanwältin, arbeitete bei T-Mobile und Postcon, trat 2004 in die CDU ein, wurde 2010 als erste Muslimin Ministerin, nämlich für Frauen und "Gedöns" (Gerhard Schröder) in Niedersachsen etc. pp. Soweit alles normal. Es gibt weder einen Grund, besonders hervorzuheben noch sich darüber zu echauffieren, dass sie als Muslimin Bürgermeisterin werden soll. Sie erfüllt alle formellen Kriterien. Und dass sie daheim zweisprachig und "bikulturell" lebt, ist erstens ihre Sache und sieht zweitens z.B. bei mir daheim nicht anders aus.

Dass gleichwohl viele derjenigen, die schon länger als die Familie Özkan hier leben, eine muslimische Kandidatin problematisch finden, hat damit zu tun, dass sie einem Moslem einen Loyalitätskonflikt unterstellen oder andichten oder jedenfalls für möglich halten, und solche Gedanken sind ja keineswegs aus der Luft gegriffen, wie zuletzt und sehr populär der Fall Özil/Gündogan vorgeführt hat, aber auch das Wahlverhalten der hier lebenden Türken nahelegt. Recep der Prächtige betrachtet "seine Landsleute" in Deutschland als politische Verfügungsmasse, er ermuntert sie, mehr Kinder zu zeugen und sich als türkische pressure group und Staat im Staate zu etablieren. Frau Özkans Berufung wurde in der Türkei aufmerksam registriert und positiv bewertet. Der türkische Außenpolitiker Yaşar Yakış erklärte, sie zeige den in Deutschland lebenden Türken, dass sie es bis in höchste Positionen schaffen könnten. Zu welchen Zwecken? Viele Biodeutsche fürchten so etwas wie eine schleichende feindliche Übernahme. Wie das Szenario dafür ausschauen könnte, hat Michel Houellebecq in seinem Roman "Unterwerfung" beschrieben. Dass man eine plurale, freie, demokratisch verfasste Gesellschaft über Wahlen erobern und abschaffen kann, haben die Nazis exemplarisch vorgeführt. Wie der Blick in Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit zeigt, sind sie für Nichtmuslime, also für Anders- oder gar Ungläubige, nicht besonders attraktiv, die Letzteren müssten also verrückt sein, solche Zustände herzustellen. (Klar, man könnte konvertieren, doch wer will schon in einen Verein wechseln, wo er befürchten muss, eines Tages auf Maas, Augstein, Hofreiter und Göring-Eckardt zu treffen?)

Was aber hat das mit Frau Özkan zu tun? Fairerweise muss man sagen: nichts. Wahrscheinlich nichts. Wir Deutschen sind in historicis Kausalitäts-Mysteriker bzw. -Narren, wir müssen uns abgewöhnen, überall Vorläufer und Wegbereiter zu vermuten, sowohl retrospektiv als auch prospektiv. Oder?

Wenn Frau Özkan der Islamisierung den Weg bereiten wollte, müsste man Spuren davon in ihrer politischen Tätigkeit finden. Als niedersächsische Ministerin riet sie den Eltern von Migrantenkindern, ihre Sprösslinge frühzeitig in die Kita schicken, damit sie dort die Sprache und die Regeln des Aufnahmelandes lernen. Das passt schon mal nicht. In einem Interview verlangte sie mehr Richter mit Migrationshintergrund, "damit die Betroffenen auch sehen, hier entscheidet nicht eine fremde Autorität, sondern wir gehören da auch zu". Gute Idee, ich bin dafür, dass hier mehr Richter mit ungarischem, vietnamesischem oder israelischem Migrationshintergrund Urteile fällen, aber dazu müssen sie die entsprechenden Voraussetzungen vorweisen, sonst läuft das alles auf der Ebene jener sympathischen Friedensrichter, die in Neukölln und andernorts auf für uns eher unkonventionellem Wege Fremdheitsgefühle abbauen. Aber das wird Frau Özkan wahrscheinlich nicht anders sehen.

Ausgewogen säkular mutet es an, dass die nunmehrige Bürgermeisterkandidatin vor ein paar Jahren erklärt hat, Unterrichtsräume an staatlichen Pflichtschulen sollten frei von religiösen Symbolen sein, weder Kreuze noch Kopftücher hätten in Klassenzimmern etwas zu suchen. Nach Kritik aus den eigenen Reihen (ich meine die CDU) erklärte sie, sie habe solche Vorstellungen voreilig und in einer gewissen Unkenntnis der Verhältnisse in Niedersachsen artikuliert. (Wenn sie wirklich "voreilig" gesagt haben sollte – der Link auf Wikipedia zu ihrer damaligen Erklärung ist leider tot –, wäre das komisch, aber immerhin: keine Kopftücher. Wobei diese Äquidistanz in einem muslimischen Land schwer vorstellbar wäre und auch hierzulande immer noch ein G’schmäckle hat.)

Ins wirkliche Sündenregister der Kandidatin gehört, dass sie vor acht Jahren – wieder voreilig! – eine "Mediencharta für Niedersachsen" zu etablieren versuchte, die Journalisten zu einer "kultursensiblen" Sprache sowie zur Unterstützung sogenannter Integrationsmaßnahmen verpflichten sollte. Sogar der Deutsche Journalistenverband und die SPD-Fraktion witterten damals Zensur – inzwischen wachsen solche Sprachregelungen, auf den Status von "Empfehlungen" gedimmt, wie Fliegenpilze aus dem Boden. Auch in diesem Fall zog Frau Özkan es vor, wieder zurückzurudern.

Die Frage ist nicht, ob Hamburg "bereit" für eine muslimische Bürgermeisterin, sondern ob Frau Özkan für dieses Amt geeignet ist, was ich angesichts der zahlreichen Ungeeigneten, die hierzulande politische Ämter ausüben, nicht als latent moslemfeindliche Überdifferenzierung verstanden wissen will. Ihr Glaube sollte dabei unwichtig sein. Es gibt ja auch Muslime in der AfD und muslimische AfD-Wähler; andererseits sind die Kanzlerin oder Frau von der Leyen oder Frau Nahles gerade keine Musliminnen. Allah wollte es so! Und sollte es sich herausstellen, dass die CDU-Kandidatin es nicht packt, können die Hamburger die Dame ja wieder abwählen.


                                    ***


Sein Name fiel eben: Unser Genosse Heiko Maas – er leben hoch! Hoch! Hoch! – hat sich nach dem durchschlagenden Erfolg seines politischen Opus magnum

IMG 9171

sogleich in die Autorengilde eines anderen wichtigen Werkes eingereiht, in welchem er, nachdem er im Vorgängerband souverän den innenpolitischen Raum durchmaß, sich nunmehr der Außenpolitik annimmt, jenes Gebietes, auf welchem er heute global exzelliert, nachdem er zuvor als oberster Rechtspfleger in ’schland den Linksfrieden beinahe wiederhergestellt hätte.

"Der Außenminister kritisiert, Deutschland habe in der Amtszeit von Frau Merkel außen- und sicherheitspolitische Probleme nicht offen diskutiert", schreibt die Welt. Die Gesellschaft sei auf diesem Politikfeld "in einem diskursiven Wachkoma" gefangen gewesen. Angesichts neuer Herausforderungen müsse die Bundesregierung nun aber "den Menschen verdeutlichen, dass wir für unsere Interessen eintreten müssen". Und das bedeutet für Maas vor allem, "eine deutlichere Distanz" zu Wladimir Putin und zur russischen Politik zu wahren, bis Donald Trump endlich abgelöst ist und irgendein Neocon-gesteuerter kriegslüsterner Demokrat wieder zur Praxis des Demokratieexports zurückkehren kann.

Wie "der Westen" sich auf einen möglichen Krieg mit Russland vorbereiten muss, beschrieb der Generalstabschef der britischen Armee, General Sir Nicholas Carter, in einer Rede am Royal United Services Institute (man hat dort offenbar sehr altmodische Vorstellungen davon, wer der Feind ist).

Dona nobis pacem. Anders gesagt: Gott schütze Donald Trump!


                                  ***


"Der Beitrag Bismarcks und des Reiches zur Weltpolitik bestand darin, zu versichern, dass sämtliche Konfliktzonen, in denen unruhige Nationen Kampfsport trieben, für Deutschland uninteressant seien. Bismarck kam nie auf den Gedanken, Deutschland würde am Hindukusch, in Bulgarien, im Vorderen Orient oder im Pazifik verteidigt. (...)

Die beiden Westmächte hofften zwischen 1853 und 1856 – erstmals auch ideologisch als ‚der Westen’ auftretend –, das ‚Reich der Finsternis’, also Rußland, zu ‚balkanisieren’, also in Mittelstaaten aufzulösen. (...)

Wertegemeinschaften sind stets die aggressivsten Vereinigungen, weil sie sich verpflichtet fühlen, gegen Wertlose und deren Unwerte zu kämpfen. ... Zu den großen Verdiensten Bismarcks gehört es, nach den Erfahrungen des Krimkrieges und jener ‚wertvollen’ Politik, die Europa in ziemliche Verwirrungen gestürzt hatte, eine aufgeregte Welt wieder zur Ordnung gerufen und ihr Deutschland als Ordnungsmacht empfohlen zu haben, deren Existenz von der Ruhe in Europa abhing."

Eberhard Straub, Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit, S. 248 ff.


                                   ***

Leser *** "fällt immer wieder auf, dass sich im Dunstkreis liberal-konservativer Menschen, bspw. AfD-Wählern oder Lesern von Tichys Einblick, höchst merkwürdige Narrative, um es vorsichtg auszudrücken, in puncto Rußland und Putin verfestigen. Selbst aus dem Bereich der AfD-Bundestagsfraktion erreichen den geneigten Beobachter Botschaften, die ihn zweifeln lassen (z.B. Herr Lucassen über aggressive NATO-Politik). Und nun lese ich bei Ihnen was von 'neocon-gesteuert' und 'Demokratieexport'.

Und ein Link auf die Rede eines britischen Generals. Vermutlich ist es normal, das militärisches Führungspersonal über Pläne berichtet, die in der Schublade liegen und nicht sofort zur Anwendung kommen. Beklagen wir uns nicht alle lauthals über eben jene fehlenden Pläne der Bundesregierung zur Bewältigung von Problemen knapp jenseits des massiven Politbrettes vor ihren Köpfen. Über die bodenlose Richtungslosigkeit, seit Frau Merkel meint, dass Pläne durch Gefühlsausbrüche ersetzt werden können. Ich bin ganz zufrieden mit Plänen, die zumindest ein gewisses Interesse daran erkennen lassen, dass für Putin nach der völkerrechtswidrigen Eroberung der Krim und der mit nicht gekennzeichneten Kombattanten durchgeführten Destabilisierung (ich neige anscheinend zu Euphemismen) der Ostukraine nicht der Rest Europas bis Lissabon zur Verfügungsmasse wird. Gemäß des infamen Theorems 'wo Russen leben, ist Rußland'.

Haben Sie sich die Mühe gemacht, die Kommentare zu dem Pamphlet über die Rede des britischen Generals auf RT zu lesen? Der unfaßbare Unsinn, der dort aus den Leuten quillt, ist mit normalen Begriffen nicht ausreichend zu beschreiben. Nun neigen die Kommentatoren auf RT sicher nicht zu Selbstzweifeln, aber sie suhlen sich hemmungslos im Sich-Benachteiligtfühlen. Ich sehe es schon ganz anderen selbsternannten Minderheiten nicht nach, sich in die Opferrolle zu manipulieren. Bei Russen oder ihren deutschen Apologeten, vor allem aber jenen aus auch meiner neuen politischen Heimat, habe ich absolut kein Verständnis für alternative Wahrheiten (ansonsten bin ich ein großer Anhänger von Alternativen). Der ehemalige KGB-Chef in der DDR regiert einen wirtschaftlich rückständigen, auf Rohstoffverkäufe angewiesenen Staat mit Theaterdemokratie, so eine Art Theresienstadt mit Kollateralschäden bei der Opposition. Wie um Himmels Willen soll das als Argument für den Kampf gegen die Merkelatur nützlich sein? Den Rechtsstaat beschwören und dann den mit allen Wassern gewaschenen Blender und Schänder desselben mehr oder weniger, ich formuliere das Ganze wie eine Frage, als Verbündeten/Unterstützer/Vorbild/Wasauchimmer darzustellen.

Ich bin sehr zufrieden damit, nicht in Lugansk zu wohnen, und eine größere Anzahl amerikanischer Atomwaffen zwischen mir und russischen Interessen zu wissen. Ich habe in der Zeit vor Gorbatschow in einem deutschen Panzer gedient, und ich gedenke nicht, nur weil unsere derzeitige Regierung untragbar ist, die damalige Einstellung zu hinterfragen und mit Antiamerikanismus und Verschwörungstheorien zu beantworten. Nun unterstelle ich Ihnen diese Beweggründe natürlich nicht einfach, aber die Distanz 'ein Klick weit' zu RT und dem abartigen Sumpf dort in der Kommentarsektion ist so gering, dass ich mir erlaube, dazu eine Diskussion anzustoßen.

Ich muß kurz zurück zum 'Demokratieexport'. Natürlich kann Putin mangels Vorhandensein keine Demokratie exportieren, aber wieso darf er Grosny mit Artillerie umgraben und Aleppo in die Steinzeit bombardieren, aber die USA sind der Grund für den Internationalen Terrorismus, den IS und überhaupt...böse? Natürlich braucht der sendungsbewußte Orientale lediglich die Existenz von Kuffar als Entschuldigung für jede unfaßbare Untat. Sollte nicht trotzdem der Nichtorientale, ob Russe, Deutscher oder Amerikaner sich, und wenn nur zur Abgrenzung gegenüber dem Halbmondfanatiker dient, der vollständigen Wahrheit befleißigen???"


Geehrter Herr ***, ich habe in diesem Diarium mehrfach darauf hingewiesen, dass ich Russland aus demografischen Gründen für außerstande halte, noch irgendwohin zu expandieren; das größte Land der Erde hat kaum mehr Einwohner als Japan, mit jedem toten Soldaten stirbt praktisch eine Familie aus, und mit den heute muslimischen ehemaligen Sowjetrepubliken am Südbauch haben sie genug Probleme und Reibereien. Auch zur Krim habe ich mich mehrfach geäußert; Sie können nicht von einer Großmacht erwarten, dass sie diese seit zweieinhalb Jahrhunderten russische, überwiegend von Russen bewohnte, mit russischen Blut als Tor und Torwächter zu den auch im Winter eisfreien Weltmeeren erkämpfte Halbinsel, die ein Diktator, der nur deswegen klein wirkt, weil sein Vorgänger eines der größten Monster überhaupt war, in einer Wodkalaune, jedenfalls als Bruch der russischen Verfassung, an die Ukraine verschenkt hat, jetzt gewissermaßen der Nato zur Verfügung stellt. 

Ansonsten ist es mir ziemlich gleichgültig, ob Russland eine Demokratie ist oder nicht, solange offenbar eine große Mehrheit der Russen gut und gerne dort lebt und sie mich in Ruhe lassen. Mit Ihrer Theresienstadt-Metapher übertreiben Sie derart maßlos, wie ich allzu Maßloser es nie tun würde, und maßlos ist auch Ihre Bewertung des russischen Syrieneinsatzes. Mir ist Assad lieber als die muslimischen Radikalen, und wer den Krieg am schnellsten beendet (und unserer Willkommensjunta keine Schäfchen bzw. Wölfe mehr zutreibt), hat Recht. Der "Demokratieexport" der Amis indes hat nur ein einziges Mal funktioniert, beim anerkanntermaßen erstaunlichsten und zugleich närrischsten Volk der Erde, doch wenn man diesem Volk bei der Selbstabschaffung zuschaut, fragt zumindest unsereiner sich, ob das nun wirklich so gut war. Ansonsten dienen die Menschenrechte den USA gemeinhin als Mittel zu umfassender Einmischung in die inneren Angelegenheiten der anderen. Kann man mögen, muss man nicht mögen (es gibt ja auch glückliche Masochisten). Trump hat damit nicht Schluss gemacht, aber er möchte es gern tun. Sehen wir, wie weit er kommt.

Wie sich Deutschland nach meiner Ansicht außenpolitisch verhalten sollte, habe ich mit den Zitaten zu Bismarck zu illustrieren versucht. Mehr ist meinerseits nicht zu erklären. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.