Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Ein Zwischenbericht aus den Ferien


Südfrankreich. Eingemietet in ein geschmackvoll ausgestattetes Haus in der Nähe von Saint-Raphaël, mit Blick aufs Mittelmeer. Helle Räume, die typischen südländischen Fensterläden mit den geneigten Lamellen, Steinfußböden, zeitloses, unsperriges Mobiliar, Kunst an den Wänden, ein ausladender Holztisch, an dem zwölf Personen Platz fänden, auf der überdachten Terrasse. Offene Küche, an der Wand ein mechanischer Korkenzieher, mit dem ein Profi ein Dutzend Flaschen pro Minute geöffnet bekäme, in der Schublade neben guten, scharfen Messern selbstverständlich ein Austernöffner. Kaum ist die Sonne hinter dem Haus verschwunden, auf der meerabgewandten Seite, wo sich die bewaldeten roten Porphyrfelsen des Massif de l’Esterél erheben, les moustiques nous rappellent qu'aucun paradis n'est parfait. 


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1929 veröffentlichte Friedrich Sieburg sein Buch "Gott in Frankreich?", das ihn, wie man sagt, über Nacht berühmt machte. Die Vorrede ist übertitelt mit "Warum ich über Frankreich schreibe". Ich gestatte mir, einige der Sieburgschen Antworten zu zitieren:

"weil ich noch einmal den Atem anhalten und verweilen möchte, ehe die Welle mich der alten Welt entreißt und jenem Schicksal zuschleudert, das mich aus einem Genießer in einen Konsumenten verwandelt,

weil ich schwach genug bin, in einem altmodischen und unordentlichen Paradies lieber umherzustreifen als in einer blitzblanken und trostlosen Musterwelt,

weil in Frankreich jeder Mensch eine handgearbeitete Seele in sich trägt, die häufig von zweifelhafter Qualität ist, während anderswo selbst die edelsten Empfindungen Gefahr laufen, eines Tages in Serien hergestellt zu werden,

weil ich meinen Mitmenschen etwas von jenem Schmerze mitteilen möchte, den ich empfinde, wenn ich von der Ewigkeit zur Tagesordnung übergehen muß,

weil es noch ein Land in der Welt geben muß, das einen kompakten Widerstand, ein solides Bollwerk gegen die Vervollkommnung der Menschheit bildet, dergestalt, daß die private Glückseligkeit auf Schritt und Tritt über die der Allgemeinheit triumphiert,

weil ich nicht zu entscheiden wage, was besser ist: ein vollkommenes System der sozialen Fürsorge oder ein unerschöpflicher Vorrat an Weißbrot und Rotwein,

weil in Frankreich zwar alle Statistiken falsch, aber alle Maße richtig sind,

weil die großen Städte nur so lange menschenwürdig sind, wie ihre Bewohner sich entschlossen zeigen, Kleinstädter zu bleiben und den Rhythmus des Lebens als einen ruhestörenden Lärm zu ignorieren,

weil sich die Frauenfrage in Frankreich zu einem großen Teil und aufs angenehmste dadurch lösen läßt, daß man den Frauen einen tüchtigen Vorrat zarter Wäsche und taktvoll ausgewählter Hüte zur Verfügung stellt oder wenigstens in ihnen mit teuflischen Mitteln die Hoffnung wachhält, daß sie zu diesen Dingen eines Tages gelangen werden,

weil endlich Klarheit darüber geschaffen werden muß, ob Gott wirklich französischer Nationalität ist und ob wir uns ohne ihn einrichten müssen, wenn dies der Fall ist".

Wie man liest, sind nahezu sämtliche heute entscheidenden Fragen bereits vor 90 Jahren gestellt worden.


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Das altmodische und liederliche Paradies, in dem jeder eine womöglich zweifelhafte Privatseele sein Eigen nennt, existiert es noch? In den Provinzen mag es Relikte davon geben. Der Feldzug der Praktischen und Effizienten hat Frankreich nur zum Teil befreit bzw. verheert. Andere Verheerungen bzw. Befreiungen kamen von außen neu hinzu. Sieburgs genießerischer Kulturkonservatismus dürfe den meisten Menschen heute kaum mehr vermittelbar sein, freilich aus sehr verschiedenen Gründen. Der Schickeriapöbel will protzen; der Tourist begehrt Komfort und Spiele; der politische Progressist entdeckt eine skandalöse Ungerechtigkeit darin, dass nicht jedermann solcher Freuden teilhaftig werden kann (weshalb er sie am liebsten abschaffen möchte); der technische Progressist hält die Lüste des Flanierens und des Gaumens für Bedürfnisse einer veralteten Spezies, die bald von optimierten, genussunbedürftigen, entschieden leistungsfähigeren Exemplaren sowie der künstlichen Intelligenz abgelöst wird. Und ein großer Teil derer, die noch nicht generationenlang in Frankreich leben, aber sogar dann, wenn sie gebürtige Franzosen sind, oft mitten im Orient zur Welt kamen, lehnt le mode de vie traditionnel français schlicht ab. Sie trinken keinen Wein, essen keinen Schinken, finden entblößte weibliche Haut unschicklich, besuchen weder den Louvre noch Sainte-Chapelle noch den Invalidendom, lesen weder La Rochefoucauld noch Hugo noch Proust. 

Aber wie steht es um die Franzosen selbst?

Dazu muss ich noch einmal Sieburg zitieren: "Es gibt kein reineres Zeichen für die alle Volkschichten durchdringende Macht der französischen Zivilisation als die Fähigkeit jedes Franzosen, sich seiner Sprache zu bedienen. Mag er auch noch so ungeschult und vernachlässigt sein, er weiß sich auf eine Art auszudrücken, die der Norm entspricht. ... Freilich würde der Franzose nie das Wort ‚Muttersprache’ gebrauchen... für sein Ohr klingt in diesem Wort zu viel Natur, zu viel Erdgebundenheit und Bluterbe mit ... Sprache ist eine Waffe gegen die Natur, nicht ihr Geschenk. Sprache ist Gesellschaft, nicht Offenbarung."

Ich bin nicht imstande zu beurteilen, inwieweit diese Beobachtungen heute noch zutreffen, aber ich liebe den Klang des Französischen, seit ich ihn zum erstenmal hörte. (Ich weiß noch genau, wo: Im DEFA-Film "Chingagcook die große Schlange" narrte der DDR-Winnetou Gojko Mitic drei französische Kavalleristen und nahm einem das Pferd weg, worauf der, im Staube liegend, seinen Kameraden auf französisch zurief, wohin die räuberische Rothaut geritten war, und die Melodie seiner Worte senkte sich in mein Gemüt.) Schopenhauers Abneigung gegen "die französische Sprache mit ihren scheußlichen Endsilben und dem Nasal", gegen den "elendste(n) romanische(n) Jargon, die schlechteste Verstümmelung lateinischer Worte" habe ich nie nachempfinden können, das ist mir zu verkopft-altphilologisch neben einem schieren Wohlklang. Eine Frau, die französisch spricht, ist per se erotischer als sogar eine Russin, knapp vor der Schwäbin, Ostfriesin bzw. -erzgebirglerin.

  


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Apropos. Die einzigen Damen mit Hüten, die ich zu Gesicht bekam, wandelten auf der Hafenpromenade in Saint-Tropez, waren aber näher besehen gar keine Damen und trugen die Dinger nicht aus Freude am Putz, sondern weil sie für irgendeine Marke oder irgendeinen Club warben; ich hab’ dann nicht mehr hingeschaut. Gleichwohl gibt es mehr elegante oder sich zumindest ihrer Eigenart mit einem gewissen selbstverständlichen Stolz bewusste Frauen zu sehen, als sie einem in Deutschland begegnen. Und kaum eine hält es für nötig, "cool" zu wirken.


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Die europäischen Küsten haben mitsamt ihren längst grundlos als legendär geltenden Marbellas' und Cannes' nahezu jede Eigenart verloren. Weite Teile der Cote d’Azur sind zubetoniert wie andere Gestade auch. Die trostlose Musterwelt setzt sich allerorten gegen die altmodische Paradiese durch, aber unter mediterraner Sonne wirkt alles erträglicher als weiter nördlich. Mit Ausnahme solcher unverzeihlichen Barbarismen, wie sie der armen Basilika Notre Dame Victoire in Saint-Raphaël widerfuhren:

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Mag auch der optische Genuss dahin sein, wir "Jetztsassen" (Kapielski) sind ja Kummer gewöhnt, und das Kulinarische entschädigt immer noch für vieles. Und das keineswegs nur in den Restaurants. Der Unterschied zwischen einem französischen und einem deutschen Supermarkt bleibt bemerkenswert, und zwar keineswegs nur, weil der Franzose über Küsten ohne Ende verfügt und folglich u.a. auch frische Austern im Angebot hat. Weißbrot, Butter, Fleisch und Käse sind von einer Qualität, wie man sie andernorts lange suchen muss. Und noch der kleinste "Spar" präsentiert eine Weinecke, in welcher der Kunde nicht nur fündig wird, sondern sich bezähmen muss.


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Gelingt dies nicht – und wann gelänge es schon? –, müssen tags darauf die alten Knochen in Bewegung gesetzt werden, auf dass neuer Appetit reife. Wie ansonsten nur Italien und Spanien ist Frankreich dem Radfahrer wohlgesonnen, ich meine dem sportlichen, und auf der bergigen Küstenstraße sausen im Minutentakt Rennräder vorbei, mit Fahrern aus sämtlichen Kategorien, vom alten Löwen mit Bauch, aber Schmackes in den Beinen, bis hin zum asketischen Ganzkörpermuskel, die eine oder andere Drahtelfe glänzt mittenmang. Dazwischen auch immer wieder Allerweltsräder, besetzt mit rüstigen Pensionären. Kein Autofahrer regt sich auf, wenn er ein paar hundert Meter langsamer fahren muss, bis er überholen kann. Der Nationalsport hat Vorfahrt.



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Ausflug nach Grasse. Das (ehemalige) Parfümparis soll angeblich, so steht es zumindest im Reiseführer, durch seine "farbenfrohe, weiträumige Altstadt begeistern". Tatsächlich ist Grasse eine langsam sterbende Stadt, der Verfall ist allgegenwärtig. Der alte Glanz schwindet, viele Häuser bröckeln, und ganze Fassaden zeigen eine bedenkliche Neigung, sich zu neigen. (Das Parfümmuseum sollte man sich übrigens ersparen.) Das alteingesessene Bürgertum hat Grasse verlassen und ist in Villen vor die Tore der Stadt gezogen, die Touristen bevorzugen die bekannten Küstenorte, statt eine Autostunde für die Fahrt ins Hinterland aufzuwenden. Die wenig komfortablen Wohnungen in den verschachtelten, hinauf und hinab führenden, dunklen Gässchen sind von nordafrikanischen Immigranten als billiger Wohnraum entdeckt und besiedelt worden. Man ahnt die Tristesse, die sich hier außerhalb der Saison ausbreitet. Womit wir wieder bei Sieburg und seinen sympathisch verlotterten Paradiesen wären: Ganz ohne Investitionen verwahrlosen sie schließlich doch. Ein unlösbares Dilemma. Der laut Reiseführer "mit Abstand schönste Platz der Stadt", die Place aux Aires, hat immerhin die mit Abstand attraktivste Kellnerin zu bieten.


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Es gibt Urlaube, von denen man sich, wenn sie länger währten, kaum mehr erholen würde. Ich bin zuletzt, um mich zu regenerieren, in Ermangelung eines vernünftigen Rades – der Verleih am Ort gehört mit seinen Öffnungszeiten in die Kategorie des schlampigen Paradieses – mit einem 20 Kilogramm schweren Damen-E-Bike, welches die Gemahlin bei einem auf derlei unakzeptable Gefährte spezialisierten Verleih aufgetrieben hat, in die Berglein des Massif de l’Esterél gefahren, die zwar nur ein paar hundert Höhenmeter, aber ganz ordentliche Steigungen offerieren. Natürlich fuhr ich mit ausgeschaltetem Motor. Meine Darbietung muss nicht ganz uneindrucksvoll gewesen sein; drei Rennradfahrer, die mir bergab entgegenkamen, grüßten den absonderlichen Ähnlichartigen. Selig schweißdurchnässt an einem Aussichtspunkt angekommen, stieß ich auf dieses Schild:

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Wer könnte da, eingeweiht in die Mysterien der doppelten Lesart der Hieroglyphen von Horapollo bis Athanasius Kircher, nein sagen? Diese Franzosen verstehen einfach zu leben!


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Aber Deutschland wartet, mit all seinen Schönheiten, mit all seinen Verlockungen, seinem Esprit, und bald mahlen die Mühlen der Acta wieder:

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Nachtrag zu Schopenhauers Abneigung gegen das Französische: "Auch jetzt noch ist Frankreich der Sitz der geistigsten und raffiniertesten Kultur Europas und die hohe Schule des Geschmacks: aber man muß dies 'Frankreich des Geschmacks' zu finden wissen", notierte Friedrich Nietzsche in seiner letzten Schrift "Nietzsche contra Wagner". "In diesem Frankreich des Geistes, welches auch das Frankreich des Pessimismus ist, ist heute schon Schopenhauer mehr zu Hause, als er es je in Deutschland war; sein Hauptwerk zweimal bereits übersetzt, das zweite Mal ausgezeichnet, so daß ich es jetzt vorziehe, Schopenhauer französisch zu lesen (– er war ein Zufall unter Deutschen, wie ich ein solcher Zufall bin – die Deutschen haben keine Finger für uns, sie haben überhaupt keine Finger, sie haben bloß Tatzen). Gar nicht zu reden von Heinrich Heine – l'adorable Heine sagt man in Paris –, der den tieferen und seelenvolleren Lyrikern Frankreichs längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Was wüßte deutsches Hornvieh mit den délicatesses einer solchen Natur anzufangen! – Was endlich Richard Wagner angeht: so greift man mit Händen, nicht vielleicht mit Fäusten, daß Paris der eigentliche Boden für Wagner ist: je mehr sich die französische Musik nach den Bedürfnissen der 'âme moderne' gestaltet, um so mehr wird sie wagnerisieren,- sie tut es schon jetzt genug. – Man darf sich hierüber nicht durch Wagner selber irre führen lassen – es war eine wirkliche Schlechtigkeit Wagners, Paris 1871 in seiner Agonie zu verhöhnen ... In Deutschland ist Wagner trotzdem bloß ein Mißverständnis: wer wäre unfähiger, etwas von Wagner zu verstehn, als zum Beispiel der junge Kaiser?" (KSA Bd. 6, S. 427 f.)

Nun, ich wüsste immerhin und mindestens eine Kandidatin...