Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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12. Juli 2018


Inmitten von Artikeln des Tonfalls wie "Der Feind im Weißen Haus" (hier) oder "Geschwafel eines Handlungsreisenden" (hier) wundert sich Spiegel online angelegentlich des Nato-Gipfels: "Fast könnte man den Eindruck bekommen, Trump hätte eine klammheimliche Freude daran, Deutschland und seine Kanzlerin zu mobben." (hier) Unsere Genossen Medienschaffenden haben offenbar überhaupt keine Selbstwahrnehmung mehr.

Ich habe vor drei Wochen an dieser Stelle Bismarcks Bemerkung zitiert, jedem Land werde eines Tages die Rechnung für die Fenster präsentiert, die seine Presse einschlägt, und zwar in Form der Verstimmung eines anderen Landes. Man muss fairerweise hinzufügen, dass es nicht nur unsere Pressstrolche waren, die Trump als Clown vorführen zu können wähnten, sondern auch nahezu sämtliche Polit-Clowns dieses Landes mit der Übergeschnappten vorneweg. Nun beginnt der Donald allmählich, die Rechnung zu präsentieren, und welches fühlende Herz empfände nicht mit ihm?


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"Dein Ruf ist ruiniert", schreibt ein deutscher Autor an einen deutschen Autor, "damit bist Du zur Unverletzlichkeit vorgestoßen."


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"Den ersten Stein hatte Ungarn aus der Berliner Mauer herausgeschlagen. 1989 wollten uns viele von der Grenzöffnung abraten. 1989 wollten viele Helmut Kohl von der deutschen Vereinigung und der NATO-Mitgliedschaft des einheitlichen Deutschland abraten. (...) Heute sehe ich europäische Politiker, die damals gegen die deutsche Vereinigung waren und uns heute über die europäische Gesinnung belehren wollen."

Also sprach Viktor Orbán in seiner Festrede auf einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung unter dem Titel "Budapester Europa-Rede – Erinnerung an Dr. Helmut Kohl" ab 16. Juni in Budapest, aber das haben Sie ja rauf und runter in taz, FAZ, Zeit, Spiegel, ARD-Teletext und Frankfurter Rundschau gelesen.

"Ich muss bei diesem heutigen Anlass auch sagen, dass die deutschen Steuerzahler keine Befürchtungen haben müssen. Wir sind nicht zum Betteln in die Europäische Union gekommen, wir wollen nicht vom deutschen Geld leben. Wir bereiten uns darauf vor, dass Ungarn bis 2030 zu einem Nettozahler der Europäischen Union wird", fuhr der ungarische Ministerpräsident fort. Er sagte auch:

"Wir kennen kein einziges Dokument, in dem stünde: 'Wenn Du der Europäischen Union beitrittst, musst Du zu einem Einwanderungsland werden.' Als wir beitraten, haben wir uns zu nichts dergleichen verpflichtet. Wahr ist aber auch, dass die grundlegenden Dokumente der Europäischen Union auch nicht formulieren, dass wenn sich jemand zu einem Einwanderungsland umformen möchte, dies verboten wäre. (...) In solchen Fällen ist nicht ein Kompromiss, sondern Toleranz notwendig. Wir tolerieren, dass einzelne Mitgliedsstaaten in der Schengenzone Migranten aufnehmen, dies hat Konsequenzen auch für uns bzw. wird sie haben, und sie tolerieren, dass wir so etwas nicht tun. Sie sollen uns nicht belehren, sie sollen uns nicht erpressen und sie sollen uns nicht nötigen, sondern sowohl uns als auch den Mitgliedsstaaten den ihnen zustehenden Respekt geben, und dann wird Friede auf dem Ölberg herrschen."

Und:
"Ein jeder kann sehen, dass es eine Bruchlinie zwischen Ost und West gibt. Das Preisen von Fidel Castro durch die (EU-)Kommission, das heißt seitens unseres gemeinsamen Präsidenten verursachte einen peinlichen Moment. Wir haben das geschluckt. Aber das Feiern von Marx, nun, das ist uns schon im Hals steckengeblieben und hat unsere Sicherungen durchbrennen lassen, denn dies ist für uns unfassbar. Marx hatte die Liquidierung des Privateigentums verkündet, hat die Auslöschung der Nationen verkündet, hat die Auflösung des traditionellen, tausendjährigen Familienmodells verkündet, hat die Abschaffung der Kirche und des Glaubens verkündet, und hat schließlich den modernen Antisemitismus geschaffen, als er als die Quintessenz des zu liquidierenden Kapitalismus den Juden als solchen markiert hat. Was gibt es daran zu feiern? Wer hat den Verstand verloren? Denn jemand hat ihn verloren, das ist sicher, entweder sie oder wir."

Und überdies noch:
Die EU-Kommission "schreitet in der schleichenden, also ungesetzlichen Modifizierung der Befugnisse voran und nutzt die Mittel der Kommission zur Erpressung. Es gibt zwar ein kleines Zeitdimensionsproblem dabei, aber ich würde sagen, sie 'moskauifiziert' sich. Dem muss 2019 ein Ende bereitet werden. Diese Kommission muss gehen, und wir werden eine die europäischen Realitäten widerspiegelnde Kommission und ein ebensolches Parlament benötigen."

Am besten, Sie lesen einfach in Ruhe die gesamte Rede; in Deutschland können Sie dergleichen Vernunfteskalationen ja nur mit Zwischenrufen der blonden Bestie Anton und seiner Gesinungskumpane genießen.


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Leser *** sendet mir Preziosen aus Russland, näherhin aus der Schaufensterauslage des Goethe-Institutes in St. Petersburg. "Diese fulminanten Beiträge zur Fußball-WM wollte ich Ihnen nicht vorenthalten":

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"In Deutschland geht eben gar nichts mehr ohne zerstörerischen, mahnenden und bohrenden Unterton", kommentiert ***. "So gibt es in St. Petersburg ein herrliches 'Okeanarium', wo der Besucher in angenehmer Umgebung und vielen liebevoll gestalteten Aquarien durch die Welt der Meeresbewohner geführt wird, inklusive interessanter Einlagen, so habe ich dort einmal einen Taucher mit einem ihn an Länge überragenden Hai Walzer im Becken tanzen sehen.
In Hannover hingegen, im viermal so teuren 'Sea-Life', eng, düster, dummes Personal, wird man während des Rundgangs ständig mit Belehrungsdidaktik in Form von Plakaten konfrontiert, die uns mit dem menschengemachten Klimawandel, der Meeresverschmutzung, dem Aussterben einzelner Arten u.ä. beglücken – wahrscheinlich haben hierzulande Millionen von Menschen diese nörglerische, besserwisserische und unfrohe Weltsicht dermaßen assimiliert, daß es ihnen selbst schon gar nicht mehr auffällt."