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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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5. Juli 2018


Die Klimakatastrophiker bleiben uns beharrlich die Erklärung dafür schuldig, warum in den angeblich am stärksten unter den Folgen der Erderwärmung leidenden Regionen die Bevölkerung am meisten wächst.


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Frau Nahles redet im Bundestag von "Verbrauchern", und bei ihrem Anblick bekommt der Begriff plötzlich Plausibilität.


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Alexander Wendt macht mich auf die Rede aufmerksam, die Frank-Walter Steinmeier im Juni zur Eröffnung des Thomas-Mann-Hauses in Pacific Palisades gehalten hat, mit dem süffigen Kommentar, dass zwar der Bundespräsident bzw. sein Redenschreiber den "Zauberberg" herbeizitieren, aber augenscheinlich keiner von beiden das Buch gelesen hat. Sonst hätten sie nicht den Satz verzapft, Thomas Mann lasse in besagtem Roman "das Aufgeklärt-Rationale des Settembrini und das Völkisch-Irrationale des Naphta zum imaginären Wettstreit um die ‚deutsche Seele’ Hans Castorps antreten".

Davon abgesehen, dass auch die Figur des Settembrini ironisch gebrochen gezeichnet wird – der Italiener ist ja ein Tugendterrorist par excellence –, ist Leo Naphta ungefähr so völkisch wie Trotzki oder Mohammed. Der aus einer frommen Familie stammende galizische Jude ist zum Katholizismus konvertiert und Mitglied des Jesuitenordens. Er plädiert für den revolutionären "Terror" und die Diktatur des Proletariats als Purgatorium auf dem Weg zum urkommunistisch organisierten Gottesstaat. Diese Figur ist ein Gruß aus einer Zeit, als die Menschen, um ein Bild Gómez Dávilas zu gebrauchen, noch auf dem Bahnsteig darüber diskutierten, wohin die Reise gehen soll, während alle heutigen Debatten nur noch Gespräche im selben Zug sind. An Naphtas weltanschaulicher Festnagelung ist deshalb schon mancher spätere Zugpassagier gescheitert, aber "völkisch" kann ihn nur ein ausgemachter Trottel nennen.

Nachdem die Rede (die es hier zu lesen gibt) mit einer illiteraten Eselei anhebt, habe ich sie erwartungsfroh weitergelesen und wurde nicht enttäuscht. Keine einzige Anspielung auf irgendein literarisches Werk folgt mehr, dafür viel politisches Tamtam, und Thomas Mann muss als berühmtes Leitfossil und pars pro toto für das erst dank der Amerikaner klug gewordene Dummdumpfdeutschland herhalten, als hätte ein Präsident Wilson nie seine Versprechen gebrochen, als hätte es nie eine demokratische Lektion namens Versailles gegeben. Anstatt in einem Haus, in dem der vierte Teil des "Joseph", der (für meine Begriffe kompositorisch allerdings völlig missratene ) "Faustus" sowie der bizarre "Erwählte" geschrieben wurden, vom großen Schriftsteller Thomas Mann zu reden, treibt Steinmeier, der all diese Werke vermutlich nicht kennt, seine lächerliche Propaganda mit Trump als neuem McCarthy und macht aus dem politischen Esel Thomas Mann eine politische Leitfigur.

Es hat, um das hier schnell abzuhandeln, kaum ein deutscher "Großschriftsteller" vor Grass mehr politischen Unsinn geschrieben als der Schwafelhans Thomas Mann, der sich seine ehrenwerte Hitlerverachtung mit einer ehrlosen Stalinbeschleimung erkauft hat (was zwar in linken deutschen Kreisen en vogue, aber nicht nötig war), vom "Antikommunismus als Grundtorheit unserer Epoche" bis hin zu den "gutmütigen Riesen" Russland und Amerika, wie er 1950 im Vortragsessay "Meine Zeit" schrieb, wo sich über Stalins Völkerschlachthaus der Passus findet: "Ich möchte keinen Zweifel lassen an meiner Ehrerbietung vor dem meiner Zeit angehörigen historischen Ereignis der russischen Revolution. Sie hat in ihrem Lande längst unmöglich gewordene anachronistische Zustände beendet" und "das Lebensniveau der Massen unendlich menschlicher gestaltet". Nicht dass jetzt das Missverständnis aufkommt, ich monierte das; von mir aus kann ein Künstler tun und meinen, was er will, Frauen foltern, in Dachau und Workuta sexuelle Erregung verspüren, Habermas lesen, solange nur seine Kunst etwas taugt. Was uns zur Tauglichkeit der Rede des Bundespräsidenten führt.

"Thomas Mann war einer der größten Autoren deutscher Sprache. Aber: Thomas Mann war kein geborener Demokrat."
Also sprach der geborene Demokrat Steinmeier.

Großes rhetorisches Kino, vor allem dies: Aber! "Die Aber", spricht bekanntlich die Gräfin Orsina in Lessings "Emilia Galotti", "die Aber kosten Überlegung." Das hat sie gedacht! Bleiben wir gleichwohl dabei. Es gibt, erstens, außer eben Steinmeier und vielleicht Pontius Pilatus, der den Volksentscheid erfand, keinen einzigen geborenen Demokraten auf Erden – und das keineswegs nur, weil alle Menschen nach der Lehre des Propheten als Muslime geboren werden. Es gab und gibt, zweitens, kaum einen großen Autor, der überhaupt jemals Demokrat gewesen wäre, was aber, drittens, ziemlich einerlei ist, weil in der Kunst weder demokratische noch politische Kriterien existieren, auch wenn die Steinmeiers, Honeckers, Emckes und all ihre linken Milchbrüder die Künste gern mit politischen Injektionen lähmen und gefügig machen würden.

"Wohl erst in Amerika wurde Thomas Mann vom Vernunft-Demokraten zum Herzens-Demokraten."

Das gehört in dieselbe Kategorie demokratischen Festrednerseims. In seinem Herzen ist nämlich kein Mensch Demokrat. Jeder bevorzugt diejenigen, die ihm angehören oder nahestehen, außer Stalin, der sie alle umbringen ließ. Jeder möchte seine Meinung nicht mit der anderer tauschen. Einem Menschen von Geschmack ist die Majorität zutiefst zuwider. Nur Heuchler mit Interessen und ein paar religiös Verzückte behaupten etwas anderes. Eben darin, dass niemand in seinem Inneren wirklich Demokrat ist, liegt das Hauptargument dafür, die Demokratie – der Begriff sei hier immer mit aller gebotenen Ironie ausgesprochen – gutzuheißen. Die Demokratie ist die organisierte Form des politischen Misstrauens, und ihre einzige Legitimation besteht in der Verhinderung der Autokratie; Volkes Wille ist "als Poesie gut" (Friedrich Wilhelm III.), hat aber wenig Chancen, politische Realität zu werden. Doch auch die Version des Vernunft-Demokraten vermag einen Beobachter der heutigen demokratisch verfassten Staaten, in denen ein "Wettbewerb der Gauner" (Hans Hermann Hoppe) um die Steuergelder der Bürger stattfindet, kaum mehr zu überzeugen. Was unsereinen für die Demokratie einnimmt, war die Wahl Donald Trumps. Insofern will ich gern den alten Satz zitieren: Amerika, du hast es besser. Wenn unser im Schloss Bellevue nicht ganz artgerecht gehaltener pawlowscher Pudel düpiert feststellt: "Der transatlantische Reflex funktioniert nicht mehr", kann ich versichern: Bei mir funktioniert er gerade erst neuerdings.

Der US-Präsident ist die eigentliche Hauptfigur der Rede. Mit dem unvermeidlichen Rückbesinnungsgebot auf die Weimarer Republik, die mehr Gegner als Verteidiger fand, beginnt die Zeigefingerwedelei gegen den schlimmen Donald und die anderen populistischen Schwefelbuben:

"Heute ist es an uns, nicht zuzulassen, dass die Verächtlichmachung von Demokratie wieder bequemer wird, als für sie einzustehen."

Verächtlichmachung der Demokratie durch wen? Vielleicht durch einen Politiker, der mit 931 ausgekungelten Stimmen deutscher Bundespräsident wurde, zuvor aber, da war er noch Außenminister, Trump als "Hassprediger" beschimpft und ihm die diplomatisch gebotene Gratulation dafür verweigert hatte, dass ihn 62 Millionen Amerikaner zum US-Präsidenten wählten? Oder ist die Verächtlichmachung der Demokratie durch die Verächtlichmachung von Volksabstimmungen gemeint? Oder die Verächtlichmachung der Demokratie durch die moralische Diskreditierung des politischen Mitbewerbers? Und last but not least die Verächtlichmachung der Demokratie durch den Nachweis, welche übergeschnappten Laiendarsteller in ihr z. B. Außenminister werden können?

Besagter Laiendarsteller, zum Bundespräsidenten nobilitiert – wie die Wahl zustande kam, wissen Sie –, zitiert Thomas Manns gegen Hitlerdeutschland gerichteten Stoßseufzer: "Es ist ein schreckliches Schauspiel, wenn das Irrationale populär wird!", um fortzufahren – NS-Analogien sind ja in Deutschland ungemein beliebt, wenn sie nicht von den Falschen kommen und in die völlig falsche Richtung gehen –: "Ich fürchte, wir erleben gerade neue Folgen dieses Schauspiels, in der politischen Debatte auf beiden Seiten, in Amerika und Europa."

Stimmt. Etwas Irrationaleres als die Willkommenspolitik und die Energiewende seiner Chefin hat Europa seit 1945 nicht erlebt. Etwas Irrationaleres als die Zerstörung des deutschen Rechtsstaates, der deutschen Universität und des Technologie-Bethlehems Deutschland durch links-grüne Ideologie und die Masseneinwanderung von Analphabeten hat Europa seit 1945 nicht erlebt. Etwas Irrationaleres als die Förderung des Einwanderungsdjihads und der Migration von Judenfeinden als Sühne für den Holocaust hat Europa sogar in seiner gesamten Geschichte nicht gesehen. Aber der trendige Sozi meint jenen Irrationalismus, der im Weißen Haus, in Ungarn, Polen oder bei der AfD seinen täglichen Hexensabbat feiert. In Budapest, sagte Victor Orban, kannst du als Jude mit einer Kippa herumlaufen, ohne dass du Angst vor Übergriffen haben musst; in Berlin, wo Steinmeier seine Phrasen ausheckt, geht das nicht. In Ungarn oder Polen fährt kein Lkw in einen Weihnachtsmarkt, und es gibt dort keine Sprengstoffanschläge oder massenhafte sexuelle Übergriffe durch Migranten auf Volksfesten. Doch der Tor im Schloss Bellevue meint, er vertrete die Vernunft.

"Ich persönlich halte den Schlachtruf gegen das ‚Establishment’ für das gefährlichste Lockmittel des Populismus." Würde ich an Ihrer Stelle auch tun, Steinmeier. Es gibt kein schlagenderes Argument gegen den Merkelismus als das derzeitige politische Personal der Bundesrepublik.

Doch lassen wir Thomas Mann das letzte Wort: "Ich glaube nicht, daß es Wesen und Pflicht des Schriftstellers sei, sich 'mit Geheul' der Hauptrichtung anzuschließen, in der die Kultur sich eben fortbewegt." Schrieb er in den schwefelumdünsteten "Betrachtungen eines Unpolitischen", die neben dem "Joseph" mein Lieblingsbuch von ihm sind, denn ich mag Bücher wegen des geistigen Klimas, das in ihnen herrscht – und in den "Betrachtungen" ist es das Klima einer trotzigen Freigeisterei –, nicht weil der Autor aus dem zufälligen, für eine Weltsekunde aktuellen Blickwinkel, den wir gerade innehaben, "Recht" oder "Unrecht" hatte.


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Bei Hadmut Danisch stieß ich auf diesen interessanten tweet: Foucault und Joseph "Stalin-war-so-ein-Typ-wie wir" Fischer, den manche Joschka nennen, haben 1979 die islamische Revolution im Iran begrüßt, wobei unser Wanst-Jojo auch als Mullah eine ädaquate Figur abgäbe, während der schwule Philosoph dort wohl eher am Baukran mit dem Wind getändelt haben würde. Interessant die Begründung des atheistischen Gourmands Fischer für seine Parteinahme: Die iranische Revolution sei "gegen das Eindringen des konsumistischen Atheismus der westlichen Industriegesellschaften" gerichtet gewesen. Egal, an welcher dieser grünen Gaunerfiguren man kratzt, immer stößt man auf intellektuelle Gülle, aber bei Fischer müffelt es doch am penetrantesten. "Was für ein elendes, was für ein gemütsvergammeltes Leben!" (Eckhard Henscheid).


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"Ich plädiere dafür, dass Peter Altmaier Bundestrainer wird, Joachim Löw Innenminister und Horst Seehofer das, was Altmaier zuletzt war, egal was das war", schreibt Leser ***. "So könnte alles wieder ins Lot gebracht werden."