Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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3. Juni 2018


Die Sonntage immer ... !

Schlau hatte ich sein wollen und in Linderhof eine Hotelübernachtung gebucht, um Schloss und Park nach dem abendlichen Abzug der Touristenscharen für mich und meinen Jüngsten allein zu haben. Ein heftiges und geradezu angeberisch ausdauerndes Unwetter, wie es wohl nur in den Bergen stattfinden kann, machte dieses Vorhaben zunichte. Nachdem uns Regen und Hagel aus dem Park ins Hotel getrieben hatten, wo sich der Wein als ungenießbar herausstellte, aber dunkles Hofbräubier ausgeschenkt wurde – man war ja praktisch bei Hofe –, wich die Freude, dem Wetter von drinnen zu hospitieren, allmählich der Frage, was mit dem Abend stattdessen anzufangen sei. Zufälligerweise hatte ich ein Buch eines Autors eingepackt, der schon länger weit oben auf den Stapeln des dringend zu Lesenden liegt: Evelyn Waugh, "Tod in Hollywood".

Auf den ersten Blick ist "Tod in Hollywood" eine Satire auf das Bestattungsbusiness in Amerika mit seiner ehrfurchtslosen Kitschigkeit und kommerzialisierten Sentimentalität. Neben dem Marktführer und Trendsetter für die Menscheneinbalsamierung versucht sich ein Tierbestatter zu etablieren, indem er den Dienstleister für die höhere Spezies kopiert. Waugh schildert das Herrichten von Leichnamen gleich welchen Zustands – hier immer im Marketing-Sprech als "Selige" gehandelt – für ihren letzten öffentlichen Auftritt mit kennerischer Akribie (der Terminus "Verdinglichung" drängt sich gebieterisch auf). Anfangs hatte ich den Eindruck, einer dialogüberfrachteten, hin und wieder ins Bizarre abschwirrenden Storytellerei aufgesessen zu sein, wie sie mich bei der neueren angelsächsischen Literatur verlässlich ennuiert, wogegen freilich Waughs Ruf sprach, doch dann entrollt sich eine Geschichte von göttlicher Bosheit, ja Gehässigkeit gegenüber dem kultur- und geschmacksfernen modernen Dutzendmenschen in seiner amerikanischen Spielart, vorgetragen mit schnoddrig-britischen Kulturdünkel, wie er freilich heute kaum mehr existiert:

"Sie ging aus dem Zimmer, und Dennis vergaß sie sofort. Er hatte sie schon vorher überall gesehen. Amerikanische Mütter, dachte Dennis, kennen ihre Töchter vermutlich auseinander, wie ja auch die Chinesen, sagt man, die Angehörigen ihrer anscheinend gleichförmigen Rasse genau unterscheiden können. Aber für sein europäisches Auge war sie eins mit allen ihren Schwestern in den Verkehrsflugzeugen und in den Büros. Sie war ein Standarderzeugnis. Ein Mann konnte einem solchen Mädchen in einem Delikatessenladen in New York Adieu sagen, dreitausend Meilen fliegen und es im Zigarettenkiosk in San Fancisco wiederfinden. Es würde ihm in zärtlicher Situation die gleichen Worte vorgirren und in gesellschaftlicher Situation die gleichen Ansichten äußern. Das war zweifellos bequem, aber Dennis gehörte einer älteren Kultur an, die mehr verlangte."

Die junge Frau, um die sich der als Charon für Hunde und Katzen gesellschaftlich deklassierte Protagonist und der Starbalsamierer des Toten-Resorts streiten, beschreibt Waugh so:

"Aimée Thanatogenos sprach die Sprache von Los Angeles. Das spärliche Mobiliar ihres Geistes – Möbel, an denen sich die Besucher die Schienbeine wund stießen – hatte sie auf der Hochschule und der Universität erworben. Sie kleidete und parfümierte sich, wie’s die Reklame befahl. Geist und Körper waren von der Standardware kaum zu unterscheiden. Aber die Seele – ihre Seele war etwas Besonderes. Sie kam von weit her. Nicht hier in den duftenden Gärten der Hesperiden mußte man sie suchen, sondern in der morgendlichen Bergluft der Pässe von Hellas, über denen Adler schwebten. Eine Nabelschnur aus Kaffeehäusern, Obstläden und dunklen Geschäften der Ahnen (Hehlen und Stehlen) verband Aimée, die nichts davon wußte, mit den Tugenden ihrer Rasse. Je älter sie wurde, desto weniger vermochte die einzige Sprache, die sie kannte, ihren reifenden Gefühlen Ausdruck zu geben; alles Tatsächliche, das sich in ihrem Gedächtnis angesammelt hatte, verblaßte langsam. Ihr Bild im Spiegel erkannte sich immer weniger. Aimée zog sich in erhabene, unwirkliche Regionen zurück.
     So kam es, daß die Tatsache, den Mann als einen Schwindler und Betrüger entlarvt zu sehen, den sie liebte und an den sie die zärtlichsten Gefühle banden, nur einen Teil ihres Wesens kränkte. Ihr Herz war vielleicht gebrochen, aber das war nur ein kleines, dürftiges Produkt der lokalen Manufaktur. Von einem erhabeneren und umfassenderen Standpunkt aus fühlte sie, daß die Dinge sich vereinfacht hatten."

Es wird kein gutes Ende mit ihr nehmen, aber Strafe für Oberflächlichkeit muss sein. Zynischer ist nie ein junges Dummchen über Wupper, Acheron oder Jordan geschickt worden als in diesem Buch.


                                       ***


Noch ein Wort zu Linderhof. Ludwigs Märchenschlösser mögen im kunsthistorischen Sinne wertlos sein, für den bayerischen Tourismus sind sie eine Goldgrube, und Neuschwanstein hat sich als etwas originär Deutsches ins Weltbewusstsein eingeprägt wie sonst wohl nur das Oktoberfest. Auch in Linderhof rollen die Wellen per Reisebus und Pkw ab zehn Uhr vormittags an. Das neobarocke zweietagige Schlösschen in Ettal war das einzige der königlichen Refugien, in welches sich Ludwig regelmäßig zurückziehen konnte, alle anderen befanden sich noch im Bau, als er im Starnberger See ertrank. Richtig geschmackssicher war der Gute bei der Ausgestaltung seiner Einsiedeleien nicht, ob er nun Wagner huldigte oder die Franzosenkönige nachahmend verehrte, es ist immer ein bisschen zu viel und zugleich ein bisschen zu billig, keine Skulptur, kein Gemälde ist wirklich erstklassig – bekanntlich musste sich Ludwig verschulden, um seinen Bauspleen finanzieren zu können –, und doch ist Linderhof ein grundsätzlich sympathischer Ort, ein Loch in Raum und Zeit. Die muschelhafte, in ihrer dekorativen Überladenheit von innen wie zugewachsene und gleichsam zum Perlenbilden einladende Atmosphäre des kleinen Palais hat etwas außer-aller-Konkurrenz-Stehendes. Ich empfand eine merkwürdige Rührung beim Durchschreiten dieser Räume. Ludwig war keineswegs verrückt, sondern bloß menschenscheu, und die Wahl der Landschaften, in denen er seine Rückzugssäle und -grotten errichten ließ, zeugt denn doch wiederum von Stilgefühl und Schönheitssinn. Das Gemüt, nicht der Geschmack verbindet.


                                     ***


Einen Tag zuvor war ich auf einen der Münchner Hausberge gestiegen, um dort oben mit Blick auf den Tegernsee bei einem Tegernseer Bier Gottes Schauspiel am Himmel zu bewundern. Als die Sonne herauskam, wünschte ich mir mein Dunkelbier im Keferloher. Ein Keferloher sieht so aus:

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In diesen Tonkrügen bleibt das Bier länger kühl. Doch die Serviererin beschied mir, es dürfe kein Bier mehr im Keferloher ausgeschenkt werden; das habe die EU so verfügt. Mit welcher Begründung?, fragte ich. Das wisse sie nicht, lautete die Antwort. Mir fiel keine ein, Freund *** äußerte die Ansicht, es könne damit zusammenhängen, dass der Tonkrug undurchsichtig sei und keinen von außen sichtbaren Eichstrich habe. Einerlei! Jetzt reglementieren sich diese Brüsseler Spitzbuben schon hinauf auf die Alm! Gesindel! Boykott! Zum Höcke mit ihnen!


Nachschrift: Leser *** sendet mir diesen Link, der die Vermutung des Freundes bestätigt, dass nicht sichtbare Eichmaß sei der Grund für die Verweigerung des Keferlohers. Der Freund selbst indes war auch nicht untätig und förderte ein Dementi der EU zutage: "Die Europäische Kommission weist Behauptungen in verschiedenen Medien zurück, 'realitätsferne EU-Politiker' hätten in einer EU-Richtlinie vorgeschrieben, dass traditionelle Krüge aus Stein nicht mehr für den Ausschank von Bier erlaubt seien. Ebenso falsch ist die Behauptung, die EU habe vorgeschrieben, dass die steinernen Krüge am Boden einen Aufdruck 'Nicht für schäumende Getränke zu verwenden' tragen müssten. Dies ist allein durch den deutschen Gesetzgeber vorgegeben."

Die Frage ist also, ob die "Richtlinie 22/2004 EG" die Tonkrüge einschließt oder nicht. Der entsprechende Passus befindet sich im Anhang MI-008, Kap. II "Ausschankmaße" (beginnt S. 85), Unterpunkt 5 "Markierungen", wo es heißt:
"5.1. Die Nennfüllstandsmenge ist deutlich sichtbar und dauerhaft auf dem Maß anzugeben.
5.3. Sämtliche Füllhöhenmarkierungen müssen ausreichend deutlich und dauerhaft sein, umsicherzustellen, dass die Fehlergrenzen während des Gebrauchs nicht überschritten werden."

Nichts Genaues weiß man nicht. Bestehen Sie also auf den Tonkrug!