Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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14. Mai 2018


Heute, geneigter Eckladenbesucher, gibt es ein buntes Programm, mindestens aber einige Shades of Grey, denn es sind Zuschriften zu zitieren und zu beantworten.

Zuvörderst der Zaunpfahlwink mehrerer Leser, dass zwar über 150.000 Menschen die "Gemeinsame Erklärung" unterzeichnet haben, aber die Petition "Kampfhund Chico darf nicht sterben" in viel kürzerer Zeit fast doppelt so viele Unterstützer fand. Was wohl daraus zu folgern sei?

Nun, ich meinesteils schließe daraus, dass in Deutschland die Sympathien für gefährliche Hunde ähnlich irrational hoch sind wie die Zustimmung für gefährliche Kanzler.


                                     ***



"Ach, muß das gut tun, einem verblichenen großen Geist auf den Sargdeckel zu brunzen!", rüffelt Leser *** über meine gestrigen Eintrag zu Triers berühmtesten Sohn. Brunzen? Ich habe den Dr. Marx doch bloß zitiert! Aber, fährt *** fort, "man kann derartige Invektorien selbstverständlich auch in den nachgelassenen Schriften des Agitators Jesus, des Reformators Luther, des Geheimrats Goethe nachlesen – was einen intelligenten Kopf dennoch keineswegs davon abhält, das Œvre der Vorgenannten zu würdigen.“"

Vielleicht, weil das Œuvre mehr taugt, zumindest im Falle Goethes?

"Der Gewi-Unterricht in Schlema mag Mängel gehabt haben  –  ebenso die DialHistMat-Vorlesungen an der Uni", legt *** nach. "Diese Erkenntnis entbinden Sie nicht vom Selbststudium und eigenem Durchdenken bestimmter Sätze Marxens in ihrem historischen Zusammenhang, bevor Sie Ihren Blog mit einem Text füllen, der Ihnen nicht zur Ehre gereicht."

Zunächst, solcherart gekitzelt, ein paar Worte pro domo. Ich habe das lauschige Schlema – näherhin: das benachbarte Aue – mit zweieinhalb Jahren verlassen, der Staatsbürgerkundeunterricht an der Wilhelm-Pieck-Oberschule in Berlin Pankow, wo ich in einer sogenannten Russisch-Klasse für die akademische Karriere abgerichtet werden sollte, kam ohne jeden Versuch einer tieferen Marx-Exegese aus, und eine Universität habe ich nie betreten, weil ich im Drecksstaat DDR nicht studieren wollte; ich war von der ideologischen Mast in der Schule übersatt und strebte zu den Proleten, deren Trinkgewohnheiten ich etwa ab der 9. oder 10. Klassen angenommen hatte, in die Produktion. Hätte ich geahnt, dass die Mauer, die ein Jahr vor meiner Geburt gebaut wurde und mir als ein unerschütterliches Apriori meinen Horizont vorschrieb resp. verstellte, noch vor der Mitte meines Lebens fallen sollte, ich hätte mich in irgendein sogenanntes Orchideenfach verkrümelt, in dem man von der Propaganda halbwegs verschont blieb, Altphilologie zum Beispiel (für Physik war ich zu blöd), mir wären Millionen Gehirnzellen erhalten geblieben, die mir der DDR-Schnaps frustrationsmildernd zunichte machte, ich hätte tausend Bücher mehr gelesen etc. pp., kurzum: Es mag ein Fehler gewesen sein. Aber außer Nostradamus und Katrin Göring-Eckardt kann eben kaum jemand in die Zukunft schauen. Ich habe in dieser Zeit freilich ziemlich viel Marx gelesen, unter anderem weil man in der Zone die meisten anderen interessanten nachhegelschen Denker ja nicht in die Hände bekam, womit wir endlich bei unserem kommunistischen Oberklassiker wären. Ich besaß die halbe Marx-Engels-Werkausgabe, und ich habe mit dem Gevatter in gewisser Weise eine Rechnung offen, auch wenn ich die meisten der blauen Bände längst umweltgerecht entsorgt habe. Ich bin also alles andere als ausgewogen in meinem Urteil.

Zurück denn zu Leser ***: Das Selbststudium, welches er fordert, empfehle ich auch, lesen Sie alle Marx, möglichst viel davon, dann fällt der Groschen meistens von alleine. "Das Vertrauen des Marxisten in Marx ist gemeinhin so groß, dass er darauf verzichtet, seine Werke zu lesen", brachte Nicolás Gómez Dávila das Problem, wie man sagt, auf den Punkt. Ein anderes Problem wiederum hat damit zu tun, dass "Marx der einzige Marxist war, den der Marxismus nicht verdummt hat" (nochmals Gómez Dávila); ich hatte mein halbes Leben mit Leuten zu tun, denen das von Marx hergestellte Strychnin das Gehirn vernebelt hatte, ja ich gehörte lange selber dazu; ich erinnere mich noch mit grimmigem retrospektiven Amüsement, wie ich versuchte, die mir zugängliche Welt, also den Realsozialismus hie und den ökonomisch wie lebensartlich in lichtere Sphären entschwirrenden sog. Kapitalismus dort – und die sog. nationalen Befreiungsbewegungen der dritten Welt inmitten – mit den Kategorien des Mannes zu erklären, der auf dem deutlich wertloseren der beiden 100-Mark-Scheine abgebildet war. Mein Fehler bestand darin, ihn als Philosophen oder Ökonomen lesen zu wollen, tatsächlich war er ja ein Religionsgründer und Kirchenvater. Daraus erklärt sich sowohl seine Massenwirkung als auch das krachende und blutige Scheitern seiner Kirche – es scheint ein Weltgesetz zu sein, dass seit Muhammad keine neuen Religionen mehr geschaffen werden können, und auch der Islam besteht ja schon überwiegend aus Adaptionen –, und erklärt übrigens auch die Prägekraft, die der Bolschewismus auf die muslimischen Länder an der südlichen Peripherie Russlands ausübte. Der von seinem Glauben durchglühte, die Weltbeglückung predigende, ein unumstößliches Regelwerk statuierende und zu jeder Brutalität bereite Kommissar war ein Typus, der den Menschen dort einleuchtete, mit dem konnten sie etwas anfangen.

Marx war ein Groller und Zürner, der in sich mehr Hass und Verachtung auf die Welt trug als jeder andere mir bekannte als groß gehandelte Denker; der alte Schopenhauer erscheint daneben als ein heiterer Stoiker. In puncto Ressentiment stand Marx natürlich weit unter Rousseau, er war voller Bosheit, aber kein Lump und Neider auf Schleichwegen. (Nehmen wir jetzt noch Adorno und Foucault hinzu, und Sie haben die Quadrille meiner Unmöglichen; so blitzgescheite wie trostlose Zerstörerwesen mit eminenten Wirkungsgeschichten.) Wir wissen, dass des Menschen Geistigkeit in den Niederungen seiner Empfindungen, leiblichen Dispositionen und biografischen Verwicklungen wurzelt. Marx war erfolglos und litt an allerlei körperlichen Unpässlichkeiten, er schaffte es nicht, seine Familie zu ernähren, er war die komische Figur des Kapitalismuskritikers, der sich von einem (bzw. von zwei) Kapitalisten aushalten lassen musste, um den Kapitalismus weiter kritisieren zu können, des ökonomischen Sachverständigen, der sein Geld an der Börse verspielte, des erfolglosen Politikers, der die erfolgreichen Politiker bis in die Vergangenheit hinein mit seinen Schmähungen überzog, des sendungsbewussten Autors, dessen Bücher niemand kaufte, des Sektengründers, dessen eigene Sekte seine beständige Besserwisserei nicht ertrug – jetzt erst, geehrter Herr ***, "brunze" ich ihm auf den Sargdeckel.

Apropos: Bei Marxens Beerdigung, auf welcher Engels diese so erstaunlich kecke Rede hielt, waren keine zehn Leute anwesend. Alles beinahe wie bei Jesus, die Wirkungslosigkeit, das Scheitern, die gewaltige posthume Wirkung, aber eben nur beinahe. Dass Marx als Aufrührer zwar nicht gekreuzigt, aber auf dem Kontinent nicht mehr geduldet wurde und im britischen Exil leben musste – "Im Exil zu sterben ist eine Garantie dafür, nicht völlig mittelmäßig gewesen zu sein" (nochmals Gómez Dávila) –, dürfte der Produktivität seiner Galle nicht abträglich gewesen sein. Er lieferte im rhetorischen Übermaß, was dem durchschnittlichen linken Intellektuellen behagt: Überlegenheitsgefühl, Welterklärungsanspruch und Futter für ökonomisches Selbstmitleid. Und nur unter Intellektuellen ist er noch populär. Kein seriöser Ökonom – nehmen Sie diese Formulierung cum grano salis, Ökonomie ist keine Wissenschaft – beruft sich heute noch auf eine marx’sche These, kein seriöser Historiker – dito – glaubt mehr an die Klassenkampftheorie, den Historischen Materialismus und all die anderen Kausalitäts-Legenden und Determinismus-Mythen aus der marxistischen Klippschule, die natürlich der Denkfaulheit und Differenzierungsunlust der meisten Intellektuellen entgegenkamen. Kann es ein dümmeres Buch von einem intelligenteren Menschen geben als George Lukács’ "Die Zerstörung der Vernunft"? Das macht Marxismus aus brillanten Köpfen, wobei in diesem Falle die Furcht hinzukam, noch beflisseneren Marxisten mit deutlich schlechteren Werkkenntnissen beim Verhör gegenüberzusitzen.

Ich muss den Alten freilich auch in Schutz nehmen. Erstens: Er konnte schreiben, böse meist, aber das mag ich ja. Zweitens: Er war seinen Thesen und Theorien gegenüber weit skeptischer als seine geistigen Nachfahren und politischen Testamentsvollstrecker. Drittens: Er würde sich vor vielen heutigen Linken ekeln, vor Figuren, die Shakespeare und Aischylos aus den universitären Lehrplänen entfernen wollen, weil sie sich von der Dominanz alter weißer Männer getriggert fühlen. Der Kulturmarxismus würde ihn anwidern; er war viel zu elitär und gebildet, um bei diesem Limbo mitzutanzen. Er würde Gender-Professorinnen, Multikulturalisten, Wüstenreligionsbewillkommner und die Erfinder immer neuer Geschlechter mit ätzendem Spott überziehen. Er würde im Giftschrank der alten weißen Männer enden.

Es ist übrigens unangemessen, Marx die Menschheitsverbrechen der kommunistischen Terrorstaaten anzulasten, denn Schuld trägt immer nur derjenige, der zuschlägt, nicht derjenige, der dazu auffordert, man halte von Letzterem, was man wolle. Dasselbe gilt freilich auch bzw. gilt natürlich nicht für die sogenannten geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus (sofern sie eben nicht selber Nationalsozialisten waren wie beispielsweise Rosenberg oder Beaumler).

Doch ich habe nun einmal ins Wespennest gestochen, also weiter. Leserin *** moniert: "Die Sammlung Ihrer Marx-Zitate hat mich an etwas erinnert. In dieser Art und Weise sammelten Arndt-Gegner, vor allem Studenten, jene Arndt-Zitate, die heute anstößig klingen. In dieser Häufung verwendet sind sie jedoch unredlich – das Positive wird nicht erwähnt."

Ich habe diese Zitate lediglich als Belege dafür gesammelt, dass Frau Wagenknechts huldvolle Unterstellung, Marx' "Ziel" sei "die Demokratie" gewesen, nicht so recht stimmt. Oder dass er sie ungefähr so wollte, wie die amerikanischen Neocons: Der ewige Frieden ist immer noch genau ein letztes Gefecht, einen letzten Massenmord weit entfernt.

"Vielleicht hat es  sogar sein Gutes, dass man im 19. Jahrhundert noch keine Political Correctness kannte. Vielleicht nicht bei Jesus, jedoch auch in der Bibel finden sich sehr viele Zitate, die heute nur erschrecken können, vor allem im Alten Testament. Ich kaufte einmal eine Kinderbibel, um meinen Kindern daraus vorzulesen. Dies gab ich dann auf, weil mir Vieles einfach zu grausam war. (...) Heinrich Heine machte sich einmal über die schrecklichen Ostjuden lustig, über ihr Aussehen ihre Sprache usw.  Selbst bei Goethe lassen sich befremdliche Zitate finden."

Bei Goethe kam immerhin noch niemand auf die schrille Idee, ihm zu unterstellen, sein Ziel die Demokratie gewesen.

"Natürlich hat auch Marx geirrt. Es kann allerdings gar nicht sein, dass heute  s ä m t l i c h e  Aussagen eines Gesellschaftswissenschaftlers des 19. Jahrhunderts bestätigt werden können. So etwas gibt es auch auf anderen Gebieten nicht, immer bleibt etwas Zeittypisches, welches von neuen Erkenntnissen überholt wird."

Kein Dissens.

"Dennoch fand Karl Marx vor allem im 'Kapital' Erkenntnisse und Aussagen, die bis heute Gültigkeit haben. Wenn ich die vielen Krisen sehe, die heute die Welt erschüttern, finde ich (leider) vieles richtig, z.B. dass (einige) Kapitalisten skrupellos über Leichen gehen, wenn die Rendite steigt. (...) Auch die unersättliche Gier des Systems zerstört unseren Planeten. Wenn man sich für Weltpolitik interessiert, konnte man in vielen Filmen sehen, dass Menschen vor allem in Südamerika und auch in Afrika buchstäblich umgebracht werden, wenn Profite locken. (...) Allein der Antrieb großer Teile des Systems, Kriege um mehr Profit zu führen, reicht, um dieses System zu hassen."

Ich würde gern erfahren, welche Aussagen des "Kapitals" heute noch Gültigkeit haben. Was aber die hier gegen den Kapitalismus erhobenen Vorwürfe betrifft, muss ich zunächst einwenden, dass keineswegs nur (einige) Kapitalisten für ihren Vorteil über Leichen gehen, sondern das tun und taten (einige) Menschen zu allen Zeiten. Es ist unredlich oder töricht oder auch bloß Gesinnungskitsch, einem speziellen politischen oder Wirtschaftssystem vorzuwerfen, was zur menschlichen Gesamtnatur gehört. Nun könnte gegen den Kapitalismus, den man in seiner heutigen Form vielleicht besser Marktwirtschaft nennen sollte, eingewendet werden, dass er gerade besonders mörderisch oder besonders umweltzerstörerisch sei. Gegen diese These hat aber der Realsozialismus ein beeindruckendes Zeugnis abgelegt. Den Streit, ob der Kapitalismus "die Umwelt" zerstört oder ob gerade das freie Spiel innovativer Kräfte auf dem Markt zu immer umweltverträglicheren Techniken führt, will ich nicht entscheiden müsssen. Am verkommensten sind gemeinhin jene Regionen, wo am wenigsten investiert wird. Der Kapitalismus ist mitverantwortlich dafür, dass auf diesem Planeten inzwischen sieben Milliarden Menschen leben können, das kann man schlimm finden, vor allem aus ästhetischen Gründen, aber es ist aus der Sicht des Biologen eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Dem Kapitalismus bzw. der Marktwirtschaft verdankt ein Großteil der Weltbevölkerung seine Wohlbehaustheit, sein langes Leben, seine Gesundheit, seine Mobilität, und wo das alles fehlt, fehlt auch die Marktwirtschaft. Die Großgaunereien einiger Banken wiederum waren, zumindest in dem gigantischen Ausmaß vor der Finanzkrise, nur möglich, weil die Staaten zuvor in die Märkte eingegriffen hatten. Und so verhält es sich letztlich auch mit den Kriegen. Gewiss, es gibt einen Teil der Wirtschaft, der davon profitiert und die Politik zu beeinflussen versucht. Aber es ist nicht der Kapitalismus als solcher und ganzer. Was hat denn ein zivilwirtschaftlicher Unternehmer davon, wenn Märkte zerstört werden?

"Jedenfalls zeigen die Marxzitate", schließt Leserin ***, "Marx war kein Mustermensch, er hat geirrt und trotz allem eine große Menschenliebe besessen. Wenn ihm die Menschheit egal wäre, hätte er sich mit einem Durchschnittsleben zufrieden gegeben."

Na ja, die Geschichte hat schockweise Gestalten erzeugt, die alles andere als ein Durchschnittsleben führten und denen die Menschen gleichgültiger waren als der Dreck unter ihren Fingernägeln. Seit Rousseau und erst recht seit Marx behaupten aber viele von ihnen, ihr wahres Interesse gelte stattdessen der Menschheit. Nebbich.


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Leser *** nimmt Bezug auf die "Unterwerfungsmail", die ich am 13. Mai zitiert habe - es ging um die Selbstabschottung vieler bzw. der meisten Muslime von der westlichen Kultur - und plaudert aus der Schule:


"Ich bin ein wenig jenseits der 60, berufstätig, deutscher Staatsbürger ohne Migrationshintergrund (die Vertreibung Deutscher ab 1945 wird ja wohl nicht mehr mitgezählt), verheiratet mit Kindern. Meinem Alter nach selbstverständlich 'irgendwie' links, später diversen esoterischen Szenen zugehörig. Ab Anfang der 80er dann über die spirituelle Seite dieses Glaubens (Sufitum) dann dem Islam zugehörig. Die Einzelheiten dazu spare ich mir und Ihnen jetzt. Da man dem Islam zwar beitreten aber nicht verlassen kann, bin ich wohl immer noch Muslim.

Über 25 Jahren war Islam meine Gedanken- und Gefühlswelt. Muslime betreten nur in Ausnahmefällen abendländische Kulturstätten. Die Angst vor einer Kontamination ist sehr groß, außerdem leiden viele Muslime unter einem Minderwertigkeitsgefühl, wenn sie mit einer Kultur konfrontiert werden, zu der sie keinen Zugang haben.

Vor kurzem besuchte ich ein Konzert eines pakistanischen Quawwal-Sängers im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. Quawwal ist eine Gesangsform, die an Grabstätten von verehrten Sufipersönlichkeiten in Pakistan ausgeführt wird. Besucherzahl ca. 450, vielleicht ein Fünftel (durch Kleidung und Habitus) erkennbar Orientalen - Pakistani und/oder Inder. Keine Türken, keine Araber, keine beturbanten Deutschen usw. Es sind die braven Deutschen, die sich mit anderen Kulturen beschäftigen und auch begeistern lassen. Diese Erfahrung habe ich den letzten 40 Jahren nicht als Ausnahme erlebt, sondern als Regel.

Selbst als ich noch Teil der Umma war und mich für die Variationen des Glaubens interessierte, waren die meisten anderen Mitgläubigen nicht bereit dazu. Denn, wie Leser*** sehr richtig formuliert: 'Die muslimische Kultur hat das bislang nicht nötig, das Individuum in ihr ist offenkundig mehrheitlich harmonisch.'

Nur in der eigenen harmonischen Blase kann die Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit ungebremst wuchern. Die Harmonie ist dermaßen, dass jeder Muslim jeden und jede andere belehren darf, ja muß (unter Frauen ist es oft noch schlimmer, weil es da verstärkt um die rechtgläubige Kleidung, Haarmode usw. geht). In der Blase fühlt es sich gut an. Ich war Teil der Wahrheit und als Sufi auch noch Teil der Elite. Das reicht den meisten. Zweifel sind nicht Teil der Religion, sondern unmittelbar Shirk (Beigesellung - die stärkste Form des Unglaubens), macht also Angst. Das ganze lässt sich mit einem Dorfleben vergleichen. Jeder kennt jeden und die soziale Kontrolle erledigt den Rest. Und die meisten Dorfbewohner fühlen sich wohl damit.

Mir reicht es erst einmal."



                                   ***


Es soll nicht zur Regel werden, dass ich mich hier selber erkläre, doch in diesem Fall will ich's tun. Im Zusammenhang mit meiner Rede "Der deutsche Konservatismus muss freiheitlicher werden", in der ich gesagt habe, dass das Überleben der deutschen Kultur Privatsache und Stilfrage sei und wir uns besser dem Überleben der Zivilisation widmen sollten, ist mir liebevoll bescheinigt worden, ein Zersetzer oder Schlimmeres zu sein, weil ich kurz zuvor zwei Völker genannt hatte, um deren Überleben ich mir keine Sorgen mache: die Israelis und die Vietnamesen. Ich wolle die deutsche Kultur und damit das deutsche Volk preisgeben, hieß es; andere Völkern dagegen wollte ich dergleichen nicht zumuten. 

Ich habe in diesem Vortrag mehrfach auf die Bennschen Maximen insitiert: "Erkenne die Lage! Rechne mit deinen Defekten!" etc. Und ich habe zwischen den Deutschen und den anderen einen Unterschied gemacht, nämlich folgenden:

"Kann ein Volk die eben geschilderten Auflösungsprozesse überleben?

Israel scheint es zu können. Um die Vietnamesen muss einem nicht bange sein. Bei den Japanern stellen sich schon erste Zweifel ein; die haben zwar in ihrer beneidenswerten Inselsituation die Zugbrücken hochgezogen, aber demografisch sieht es bei ihnen nicht besser aus als bei uns.

Formulieren wir die Frage anders: Kann ein neurotisches, in Selbstverleugnug erstarrtes Volk diese Auflösungsprozesse überleben?"

Erst dann folgt der genannte Vorschlag.

Wenn ein Großteil oder zumindest ein maßgeblicher Teil der Deutschen nicht will, dass die eigene Kultur überlebt, ja sie nicht einmal mehr kennt, tritt eben das ein, was ich sagte. Ich war gestern auf einer Veranstaltung der Jewish Agency zum Jom Jeruschalajim, da feierten Menschen ihre Tradition und ihren Zusammenhalt und sangen patriotische Lieder auf eine Weise, die bei Deutschen als bedenklich, chauvinistisch, ja gefährlich durchginge – und zwar in den Augen anderer Deutscher. Erkenne die Lage! Rechne mit deinen Defekten! Aber vielleicht nimmt sich dereinst ein gesundgeschrumpftes deutsches Volk die Israelis zum Vorbild.