Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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7. Mai 2018


Verlängertes Wochenende in Madrid. Natürlich zwei der drei Tage im Prado verbracht. Man ist nach diesem Bacchanal der Augen, nach dieser Schlemmerei des Schauens so satt und sinnestrunken, dass man gut daran tut, in einer der zahllosen umliegenden Tapas-Bars den Leib gewissermaßen nachziehen zu lassen und ins Gleichgewicht zurückzufinden. Für mich war es ein Debüt, und es wurde wahrlich höchste Zeit für einen Velázquez-Verehrer. Mit tiefer Genugtuung, aber auch einem kleinen Rest von Verblüffung stellte ich fest, dass es die "Meninas" tatsächlich gibt, dass sie dort einfach so hängen, die meiste Zeit sogar von Touristengruppen unverstellt, sofern man früh genug vorbeischaut – zwei Stunden vor Toreschluss öffnet der "Prado" dieselben eintrittsfrei, und die Schlange, an der ich am Sonntag beim Hinausgehen vorbeilief, war gut und gern 300 Meter lang. Immerhin ist es reizend, wie viele Menschen es Tag für Tag in diese Bilderschatzkammer zieht. Wie in allen großen Museen sind es Besucher aus aller Herr*innen Länder, man hört alle europäischen Sprachen, dazwischen natürlich Asiaten in großer Zahl, vor allem Chinesen, Japaner und Koreaner, auch viele Schwarze, sämtliche Altersgruppen, selbst die Kleinsten sitzen vor ausgewählten Werken und lauschen kundigen Führerinnen. Was komplett fehlt, sind: ...

Freilich ist Madrid überhaupt von diesem Menschenschlag nahezu frei, wenn die kecke Formulierung gestattet ist, obwohl die Stadt wahrlich von Menschen wimmelt und überquillt und es bis weit in die Nacht nicht so einfach ist, einen guten Tisch zu bekommen, um die nächsten Tapas mit dem nächsten Wein nachzuspülen. Freund *** berichtete mir Ähnliches aus Lissabon: eine Woche, und kein einziges Kopftuch gesehen. Ist das ein Kriterium? Leider ja. Es geht einfach entspannter zu. In München erlebte ich in der Alten Pinakothek hin und wieder Besucherinnen mit Kopftuch, und ich gestehe gern, dass mich dieser Anblick erfreute. Man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben. Aber die Normalität sieht so aus, dass dieser Typus sich für die europäische Kultur erschütternd wenig interessiert, man trifft auf ihn so gut wie nie in den Museen, fast nie im Theater, nie in der Oper, nie im Konzert.

Zurück zu den "Meninas". Die Figurenkonstellation dieses Bildes der Bilder ist vielfach beschrieben und der unendlich freie und zugleich so bestürzend sichere Pinselstrich von Velázquez oft gepriesen worden. Zwei Schritte näher an die Leinwand, und die geschlitzten Puffärmel der Hofdamen zerfließen in abstrakte Gemälde, die Brosche der Infantin Margarita verliert ihre Kontur und wird zum impressionistischen Miniaturfeuerwerk. Wieder drei Schritte zurück, und es schauen einen Figuren von einer überwirklichen Lebensechtheit an, die man von diesem Augenblick an kennt und nie mehr vergessen wird, das kokette Infantinnenpüppchen ohnehin, aber noch mehr das Dienstmädchen Isabel de Velasco, die den Betrachter – tatsächlich das Königspaar – anschaut und dabei einen Knicks macht, und auch der melancholisch wirkende Maler selbst. Staunenswert ist die Lässigkeit, ja Wurstigkeit, mit welcher Velázquez manche Details behandelt, seine eigene Hand etwa oder das Gesicht der Zwergin. Überhaupt, die Hofzwerge! Vielleicht sind die schnell hingeworfenen Porträts dieser als mobile Hofskurrilitäten engagierten Figuren das Beste, was Velázquez gemalt hat, der traurige, gedrückte Ernst, der aus ihren Gesichtern spricht, hat in der Kunst kaum ein Gegenstück. Leider befand sich mein Favorit, Francesco Lescano, das "Kind von Vallecas", beim Restaurator; ich halte das Konterfei dieses wahrscheinlich halbdebilen Hofnarrens für das größte Gemälde überhaupt.

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Staunenswert dürfte auch der Geschmack des königlichen Mäzens Philipp IV. gewesen sein, denn er muss schließlich die herausragende Begabung seines Hofmalers erkannt haben. Velázquez hat Philipp mehrfach porträtiert. Der Habsburger auf dem spanischen Thron war eine zutiefst traurige Gestalt, ihm zerfiel ein Reich zwischen den Fingern, er wurde früh Witwer, mit Ausnahme einer Tochter überlebte keiner seiner Sprösslinge die Kindheit – erst nach Velázquez' Tod schenkte ihm seine zweite Ehefrau einen Thronfolger, den späteren Carlos II. Mit Ende vierzig war Philipp ein vom Leben schwer gezeichneter Mann. Velázquez hat diesen Verfall in seinen Porträts auf eine zutiefst menschliche Weise festgehalten.

Ich wähle diese abgegriffene Formulierung aus einem speziellen Grund, denn wenige Säle weiter beginnt die riesige Sammlung von Goyas, die in den Reiseführern immer jener des Velázquez zur Seite gestellt wird – und man sieht an vielen Bildern, dass der Hofmaler Karls IV. den Vorgänger kannte und ihm nachzueifern suchte –, obwohl das Niveaugefälle krasser nicht sein könnten. Goya konnte keinen Arm malen, er konnte keinen Stuhl malen, seine liegenden Majas sind schwerelos, so leicht wie Federn, ein Windstoß könnte sie fortwehen, und fast jedes Gesicht gerät ihm zur Karikatur. Alle Kinder, die er gemalt hat, sind Puppen, man sehe nur das Bild des Herzogs und der Herzogin of Osuna samt Nachkommenschar; dazu die immer zu weit aufgerissenen Augen seiner Modelle, und mir drängte sich die Frage auf, ob die Fratzen des Fratzenmalers Goya aus seiner Gemütsverschattung resultierten, ein Produkt seiner malerischen Begrenztheit waren, oder ob dort nicht schon jene Karikaturen wetterleuchteten, die Karl Marx ein Menschenalter später in seinen sogenannten historischen Schriften von allen reaktionären Protagonisten zeichnen sollte. Und erst die groteske Unfähigkeit, die körperliche Disposition seiner Modelle auf die Leinwand zu übertragen! Das mag bei der "Erschießung der Aufständischen" als Expressionismus duchgehen, doch beim danebenhängenden "Aufstand von Madrid" wird die Pfuscherei offenbar, kein Körper bewegt sich natürlich, keine Perspektive stimmt, nicht einmal die der Säbel. Es ist jedenfalls kein Wunder, dass man ihn zum "Vorläufer der Moderne" herabgestuft hat – auf die Evolutionsbiologie übertragen, entspricht diese Rolle etwa jener des Affen bei der Menschwerdung –, seit Goya ist es egal, wie sich die Figuren zur Realität verhalten, so wie es seit Cézanne bei den Farben egal ist, denn es dient ja dem Ausdruck und der Vermittlung nebulöser "Botschaften". Sela, Psalmenende.



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Direkt gegenüber dem "Prado" ein Geschäft mit allerlei Kulturnippes. Im Schaufenster steht eine illustre Galerie uniformierter Figuren:

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Näher bitte! Ist das etwa eine Wehrmachtsuniform? Neben Stalin, schräg hinter dem anderen guten Alliierten?

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Schlimm. Und hier erst, mit Marschallstab, gerahmt von de Gaulle und Churchill, der Keitel!

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Gute Nachrichten kommen derweil von daheim.
Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, André Schulz, sagte gegenüber Focus zur Polizeilichen Kriminalstatistik: "Die tatsächlichen Fallzahlen liegen weit über den in 2017 registrierten Straftaten. Die Wissenschaft geht aufgrund von Erkenntnissen aus der Dunkelfeldforschung und Hochrechnungen von jährlich mindestens 20 bis 25 Millionen Straftaten in Deutschland aus." Gefühlt haben sie sich damit praktisch halbiert.

Deutschlands Ärzte wurden im vergangenen Jahr durchschnittlich pro Tag 288-mal körperlich attackiert und 2600-mal beleidigt. Jeder vierte Me­diziner wurde zudem bereits von ­Patienten geschlagen.

Und: Ärzte in Deutschland werden im Schnitt pro Tag 288mal attackiert, jeder vierte Mediziner wurde bereits von Patienten geschlagen. Das ist ein Rückgang von ca. zehn Prozent, verglichen mit Sachsen zu Zonenzeiten wahrscheinlich sogar fast noch mehr. Nach den Lehrern und den Rettungskräften ist das jetzt die dritte öffentliche Berufsgruppe, die einen solchen Rückgang speziell seit 2015 vermeldet; es kann folglich von einem Trend gesprochen werden. Der Wind und Frau Göring-Eckhard wissen den Grund. Hier erfahren Sie ihn zumindest nicht. Der eigentliche Skandal besteht darin, dass die Latenzrassisten bei der Lückenpresse die Kriminalität so lange beschwiegen haben, ungefähr bis 2015. 


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"Schule ohne Rassismus" – was ist eigentlich das Gegenteil? Vielleicht diese?


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"Bis heute hält sich hartnäckig die Meinung, dass eine 'illegale Masseneinwanderung' nach Deutschland stattfinde und an den Grenzen die 'rechtsstaatliche Ordnung' zusammengebrochen sei, exemplarisch bei der sogenannten 'Erklärung 2018'", notiert der Jurist Daniel Thym und kündigt thymotisch beschwingt an, diesem "Mythos" den Todestoß zu versetzen bzw. ihn in die Echokammern zurückzutreiben. "Hierbei bezieht sich der Vorwurf vom andauernden Rechtsbruch keineswegs nur auf die Situation im Winter 2015/16, als über die Westbalkanroute bis zu zehntausend Personen pro Tag nach Deutschland einreisten – auch in der Gegenwart soll eine fortwährende Illegalität herrschen. Nun dürfte die Behauptung vom fortwährenden Rechtsbruch, wie ich im Tagesspiegel schrieb, vorrangig das strategische Ziel verfolgen, die Politik generell zu delegitimieren und einem sachlichen Streit auch dadurch auszuweichen, dass man die Systemfrage stellt."

Was Thym hier in wenigen Worten erledigt, ist seine eigene Seriosität, denn für eine Juristen kann es ja nur einerlei sein, ob ein Rechtsbruch von fünf oder von zehntausend Personen am Tag oder pro Monat begangen oder eben nicht begangen wird; umgekehrt, wenn es kein Rechtsbruch war und ist, wäre es auch dann keiner, wenn eine Million Einwanderer am Tag hier hereinschneiten. In seinem Unterbewusstsein rumoren die alle Juristerei konterkarierenden Zahlen denn wohl doch. Ansonsten will uns Thym in seinem Aufsatz suggerieren, dass bei der heikelsten aller Fragen, der Zusammensetzung und der Zukunft des Staatsvolkes, das EU-Recht dem deutschen Recht übergeordnet, die deutsche Souveränität ausgehebelt und der deutsche Souverän längst entmachtet sei (wenn er sich das gefallen lässt, stimmt es sogar), wozu weder Sie noch ich gefragt worden sind, weshalb das Recht auf Widerstand gemäß Artikel 20, Abs. 4 GG eintritt. Und wenn Thyms Argumentation zutreffen sollte – Thilo Sarrazin meldet in einer erneuten Replik erhebliche Zweifel an –, muss eine neue Politik diesen zwar von zwielichtig-smarten Advokaten, aber nicht vom Demos legitimierten Zustand eben wieder rückgängig machen. Es geht also keineswegs darum, "Politik generell zu delegitimeren", wie der merkelfromme Spitzbube schreibt, sondern um das exakte Gegenteil. Oder aber es gilt tatsächlich: Merkel schützt das Recht.

PS: Leser ***, "Dr. iur.", ist "schon vor drei Wochen auf Kollege Prof. Dr. Thym aufmerksam geworden, als ich las, daß er die These von der Illegalität der Masseneinwanderung widerlege. Das war, wie ich bei Lektüre des Aufsatzes feststellte, mitnichten der Fall. Er bedient sich allerdings eines Kunstgriffes dabei: Am Anfang behauptet er, über die Illegalität schreiben zu wollen, wechselt aber 'unterwegs' das Thema und schreibt darüber, ob die Bundesregierung die illegale Einwanderung durch Grenzöffnung/Duldung der Einreise hat hinnehmen dürfen, und darüber, daß nach sechs Monaten die Zuständigkeit bei der Bearbeitung des Asylantrages nach Deutschland wechselt. Am Ende sieht es dann so aus, als habe er bewiesen, was er am Anfang vorgab beweisen zu wollen. Das sind aber verschiedene Themen. Sowieso ist der Sprachduktus, den er verwendet, jedem halbwegs sprachsensiblen Menschen ein Greuel. Auf den Punkt gebracht: Wer weiterreist und in Deutschland einreist, nachdem er anderswo einen Asylantrag gestellt hat, reist illegal ein (sagt 'Schengen'). Daß die Zuständigkeit für den Antrag nach sechs Monaten, die er nicht zurückgeschoben wurde, nach Deutschland wechselt, heilt nicht die Illegalität der Einreise. Wenn Kollege Prof. Dr. Thym da anderer Ansicht ist, irrt er. Aber ich glaube nicht, daß er irrt. Er wirft nur Nebelkerzen. Dr. Sarrazin ahnt da in die richtige Richtung."