Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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1. Mai 2018


Den wunderschönen Monat Mai, dessen ersten Tag unser bis nach Arabien geliebter Führer bekanntlich als "Tag der Arbeit" zum Feiertag erhob (was stramme deutsche Burschen heute noch auf Berliner oder Hamburger Straßen ganz SA-mäßig, aber mit rot-grünem Segen, zelebrieren, auch wenn Arbeit nicht so ihr Ding ist), den Wonnemond also beginnt der Kulturmensch selbstredend mit der "Dichterliebe", und zwar mit deren schönster, innigster, glanzvollster, kurzum ragendster Interpretation, jener nämlich.

Sodann steht die Kür der Monatsendfigur an, die unter den Besuchern meines kleinen Eckladens, wie Spiegel online schreiben könnte, "heiß diskutiert" wird. Grob zusammengefasst könnte ich sagen, dass es drei Fraktionen gibt; der ersten sind meine Figuren zu ordinär, ja vulgär, der zweiten nicht ordinär genug, die dritte hat sich noch nicht entschieden. Der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit fiel immerhin noch nicht. – Nun gut, letzte Woche stattete ich der Berliner Gemäldegalerie am sogenannten Kulturforum einen Besuch ab. Von außen sieht dort alles nach Brache und Industriegebiet aus, abstoßend, der Bau selber hat den Charme einer Gesamtschule, doch sobald man die Galerie selber betritt, ist alles vergeben und vergessen. Auch an Monatsendfiguren herrscht kein Mangel, der göttliche Vermeer etwa steuert jene bei: 

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Die Galerie besitzt übrigens noch einen zweiten Vermeer ("Das Glas Wein", mein Genre), einen Velázquez, vier prachtvolle Porträts von Frans Hals, zwei Lorrains, den "Zeichner" von Chardin, zwei Mantegnas, mehrere Lorenzo Lottos, Giottos "Tod Mariae", um nur einige meiner Hausgötter und -heiligen zu nennen.

Ferner dieses herrliche Profilbildnis einer jungen Frau von Pollaiuolo:



Ist das die Monatsendfigur? Gemach. Erst noch ein kleiner Exkurs. Wie die Leser dieses Diariums wissen, halte ich die Unterstellung, in den Künsten finde so etwas wie eine Entwicklung, gar ein Fortschritt statt, für eine Schnapsidee. Schauen wir etwa auf Frans Hals' "Malle Babbe".



Dieses Gemälde entstand zwischen 1633 und 1635. Der Pinselstrich könnte von Manet – der Krug! – oder Liebermann-Corinth sein (wobei die Überwirklichkeit des Niederländers, seine Gabe, die Seele seiner Modelle mitzumalen, außerhalb der Reichweiter der drei genannten Nachfahren lag), die Farben sind "schmutzig" geworden, was zum Sujet passt, denn die Trinkerin hat das Porträt gewiss nicht bestellt. (Bei der Eule, die als der Vogel der Pallas Athene ein Gegengewicht gegen den Wein im so unerhört "modern" gemalten Humpen bildet, muss Hals die Lust verlassen haben.) Den Impressionismus hat es, wie jeden anderen "modernen" Malstil auch, im 17. Jahrhundert längst gegeben, man sehe Velázquez oder den späten Rembrandt. Ich weiß, diese Erkenntnis ist nicht gerade neu, doch von Zeit zu Zeit sollte sie wiederholt werden. In jeder mittelalterlich-deutschen Pietà steckt der gesamte Expressionismus, Bosch ist surrealer als sämtliche Surrealisten, und die Neue Sachlichkeit ist uralt, wie etwa dieses rätselhaft aus seiner Epoche gefallene Werk "Die Auffindung des heiligen Sebastian" von Georges de La Tour (nicht zu verwechseln mit dem bedeutenden Rokoko-Pastellmaler Maurice Quentin de La Tour) zeigt.



Sieht das nach frühem 17. Jahrhundert aus? Eben.

Doch nun endlich die Monatsendfigur. Dieser mir zuvor völlig unbekannte van Dyck hat es mir, wie man sagt, angetan. Sie soll es sein (auf das die Vulgaritätsrüger Ruhe geben einen Monat lang): 



Wie üblich, geht zum Monatsende der Klingelbeutel um, wie gewohnt mit einem Dank an diejenigen, die ihn bislang generös befüllt haben; alle anderen klicken bitte hier