Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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30. April 2018


"Der Erfinder, der unser Leben zu verbessern oder zu verlängern verspricht, erweckt ein Mitgefühl, das an Sympathie grenzt."
Jürgen Große



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Die politische Indienstnahme der Universitäten hat in diesem Land eine bezirzende Tradition, namentlich in der zum Osten avancierten ehemaligen Mitte, wo den SED-Vögten nach der Höllenfahrt des Dritten Reiches noch eine beachtliche Zeitspanne zu Gebote stand, dem angeblich drohenden Vierten zu wehren. Gelernt ist gelernt, dachte sich im September 2015, der Willkommensputsch lief gerade an, die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange, früher SED, heute SPD, und schrieb folgenden Brief an die Rektorin der Uni Leipzig:

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Frau Professor parierte aufs Wort. Am 29. September kündigte die Universität in einer Pressemitteilung an, man werde "angesichts der anhaltend angespannten Flüchtlingssituation in Deutschland die Veranstaltungsreihe 'Donnerstagsdiskurs' wieder aufleben lassen". Frau Schücking erklärte: "Wir möchten einige der zahlreichen Initiativen von Mitarbeitern und Studierenden der Leipziger Hochschulen zur Untersützung von Flüchtlingen vorstellen und damit signalisieren, dass Leipzig eine weltoffene und tolerante Hochschulstadt ist. An der Universität Leipzig herrscht bereits seit der Ankunft der ersten Flüchtlinge eine positive Stimmung. Diese wollen wir mit dem Donnerstagsdiskurs in die Stadt hineintragen." Im Januar hatte die Rektorin "erstmals zu einer Podiumsdiskussion über weltoffene Hochschulen in den Audimax eingeladen", aber wirklich "weltoffen" war Deutschland ja gerade erst geworden, man konnte also loslegen mit weiteren "Donnerstagsdiskursen", deren Resultat ungefähr so vorhersehbar war wie das Azorenhoch. Direkt verbiegen musste sich die Dame dafür offenbar nicht.

Was nun wiederum Frau Stange betrifft: Das ist übrigens jene Ministerin, die vor kurzem dem Schriftsteller Uwe Tellkamp bescheinigte, er habe beim inzwischen legendenumwobenen Dresdner Streitgespräch mit Dürs Grünbein "seine Privatmeinung" vorgetragen – also nicht, wie in ihrer Sphäre üblich, die offizielle Meinung der Staats- und Parteiführung –, die sie, Kunstministerin, folglich nicht teile. Vielleicht versucht sie es mal mit einem förmlichen Scheiben an den Dichter? Oder ist es noch zu früh?

PS: Wohin die Willkommens-Clacque unser Land wirtschaftet, lesen Sie etwa hier. Und das ist nur der Anfang. Freilich dauert es, bis das muntere Getümmel der Goldjungs die Universitäten erreicht. Aber solange einer etwas gut gemeint hat, bleibt er in diesem wunderlichen Weltteil ungestraft. Ob er (oder noch öfter längst: sie) die Folgen ihres Tuns erntet, hängt von den Sicherheitsvorkehrungen und statistischen Zufällen ab. I'll keep my fingers crossed.


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Apropos Weltoffenheit: "Da ich seit 27 Jahren glücklich mit einer Ungarin verheiratet bin, besuchen wir im Sommer regelmäßig meine zweite Heimat", schreibt Leser***, "diesmal waren wir für ein paar Tage in Hévíz zu Gast, um unsere nur teilweise vorschriftsmäßig funktionierenden Bewegungsapparate vom Zauberwasser des Hévízer Thermalsees wieder reparieren zu lassen. Paddelt man im Sommer einmal in ca. 20 Minuten durch den See, hat man übrigens gute Chancen auf ein großartiges Multikultierlebnis à la hongroise: Badegäste aus fast allen Kontinenten geben sich hier ein Plantschdichein: Ungarn, Russen, Neuseeländer, Chilenen, US-Amerikaner, Italiener Norweger, Polen, Slowaken, Tschechen, Japaner, Chinesen, Österreicher, Deutsche – das war nach meiner ungefähren Erinnerung die Zusammensetzung des großen globalen Völkertreffens am 18.8.2017 in diesem wunderbaren See.

Halt, ich habe die Engländer vergessen, zwei Herren, die, auf ihre Schwimmnudeln gestützt, über ihre bisherigen Eindrücke von Ungarn plauderten und den Besuch der Feierlichkeiten zum Ungarischen Nationalfeiertag am 20.8. in Budapest besprachen. Sie gaben sich als Akademiker zu erkennen, der eine ein Wirtschaftsfachmann, der andere ein Jurist. Es folgte eine ausgedehnte Lobeshymne der beiden über Hévíz, den See, über ungarisches Essen, die Region um den Plattensee, die wahnsinnig freundlichen Menschen, die entspannte und stressfreie Sommerstimmung in Ungarn.

Sie waren zum ersten Mal hier, also begehrte ich zu wissen: 'But why did you choose just Hungary for your summer vacation?' Darauf erklärte mir der Wirtschaftsfachmann, die beiden Familien hätten eigentlich, wie so häufig in den letzten Jahren, wieder an die Cote d'Azur fahren wollen. Am Tag des Attentats auf der London Bridge am 3.6.2017 habe er jedoch circa zwei Stunden vorher selbige zu Fuß überquert. Am nächsten Tag habe man dann spontan entschieden, den Urlaub in Südfrankreich zu stornieren und nach Last-Minute-Angeboten in Ungarn gesucht. Der Grund? Ich zitiere aus dem Gedächtnis: 'No moslems, no terror, just christian and friendly people around you and a nostalgic feeling of Europe as it must have been even in England some decades ago.' Und der Jurist meinte: 'God save the Hungarians! God save Viktor Orbán!' Wir verabschiedeten uns nach unserem circa fünfminütigen Smalltalk mit den Worten: 'Let's fight for our Europe!'"