Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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25. Februar 2018


"Kann man das auch sagen?", legt der gestern zitierte Leser *** nach: "Der Auflagenschwund der deutschen Qualitätspresse ist Mediensterben von seiner schönsten Seite?"
Ja, auch das. Muss man womöglich sogar.


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Wenn ein Abgeordneter aus einer der Parteien, die schon länger hier regieren, im Bundestag mal eine Rede mit einem gewissen Amüsementwert hält, sind sie bei der Wahrheits- und Qualitätspresse dermaßen glücklich, dass sie ihn gleich zum Genie erheben. Solch rührende mediale Nobilitierung widerfährt gerade dem CDUler Philipp Amthor wegen dieses Auftritts.

Das hat er zweifellos gut gemacht, der jüngste CDU-MdB, aber wenn man genau hinhört, erschöpft sich seine Argumentation in Hinweisen auf die gängige Rechtsprechung, vor allem jener des Bundesverfassungsgerichts. Das mag vor Gericht als Argument hinreichen, aber nicht im Parlament. Die gängige Rechtsprechung ist ja eben bloß gängig, also relativ, den Machtverhältnissen und dem Zeitgeist unterworfen bzw. zumindest von beidem beeinflusst; eine höhere Dignität kommt dieser Rechtsprechung nicht zu. Wie alle staatlichen Institutionen bis hin zum Staatsfunk haben die Parteien auch das höchste deutsche Gericht als Beute genommen und nach Proporz besetzt. Hadmut Danisch reflektiert regelmäßig so kenntnisreich wie tiefschürfend über Risiken und Nebenwirkungen dieser Umwandlung der Karlsruher Kammer in eine Art Oberstes Gericht der DDR light (etwa hier, hier und hier). Die gängige Rechtsprechung zu ändern – und, als Ideal- und Fernziel, das höchste Gericht gänzlich dem Einfluss der Parteien zu entziehen –, ist eine politische Mission, der sich eine Partei der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet fühlen sollte, während die etablierten Parteien ihre Beute natürlich mit Klauen und Zähnchen verteidigen werden.

Im Übrigen, um zum Gegenstand seiens Vortrags zu kommen, sind weder der Niqab noch die Burka noch irgendeine andere Art der weiblichen Verschleierung religiöse Symbole, die unter die Religionsfreiheit fallen; es gibt von Seiten des Propheten Mohammed keine einzige Anweisung zur Gesichtsverschleierung, jeder islamische Rechtsgelehrte wird das bestätigen.

Die einzige diesbezügliche Vorschrift findet sich in Sure 24,31. Muhammad Asad überträgt den entscheidenden Passus in seiner kommentierten Übersetzung Die Botschaft des Koran wie folgt: "Und sag den gläubigen Frauen, ihren Blick zu senken und auf ihre Keuschheit zu achten, und nicht ihre Reize (in der Öffentlichkeit) über das hinaus zu zeigen, was davon (schicklicherweise) sichtbar sein mag; darum sollen sie ihre Kopfbedeckung über ihren Busen ziehen." Hartmut Bobzin übersetzt: "... dass sie ihren Schmuck nicht zeigen sollen bis auf das, was ohnehin zu sehen ist, und dass sie sich ihren Schal um den Ausschnitt schlagen"; Max Hennig: "... daß sie nicht ihre Reize zur Schau tragen, es sei denn, was außen ist, und daß sie ihren Schleier über ihren Busen schlagen".

Im Kommentar zu dieser Passage schreibt Asad: "Obwohl die traditionellen Ausleger des islamischen Rechts jahrhundertelang dazu neigten, die Definition dessen, 'was (schicklicherweise) sichtbar sein mag', auf das Gesicht, die Hände und die Füße einer Frau zu beschränken – und manchmal noch weniger als das –, dürfen wir durchaus annehmen, daß die Bedeutung von von illa ma zahara minha viel weiter ist und daß die absichtliche Unbestimmtheit dieser Wendung all den zeitgebundenen Veränderungen Raum geben soll, die zum moralischen und gesellschaftlichen Wachstum des Menschen notwendig sind. (...) Das Wort khimar bezeichnet die der Sitte nach von den arabischen Frauen vor und nach der Ankunft des Islam gebrauchte Kopfbedeckung. Nach den meisten klassischen Kommentatoren wurde sie in der vorislamischen Zeit mehr oder weniger als Schmuck getragen und lose über dem Nacken der Trägerin heruntergelassen; und da in Übereinstimmung mit der zu dieser Zeit vorherrschenden Mode das Oberteil des Frauengewandes vorn eine weite Öffnung hatte, waren die Brüste unbedeckt. Daher bezieht sich die Anweisung, den Busen mit einem khimar (ein den Zeitgenossen des Propheten so vertrauter Begriff) zu bedecken, nicht notwendigerweise auf den Gebrauch eines khimar als solchen, sondern soll vielmehr klarmachen, daß die Brüste der Frau nicht in die Vorstellung dessen einbezogen sind, was von ihrem Körper 'schicklicherweise sichtbar sein mag'".

Man könnte sogar sagen: Burka und Niqab sind unislamisch. Wer diese Beduinensitten importieren will, muss es also anders begründen.


PS: Leser *** trägt einen Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahre 2005 nach; dort war man auch schon einmal weiter, überdies weiter als ich hier mit meiner Darlegung: "Das 'islamische Kopftuch' ist ursprünglich sicherlich eine soziale Konvention gewesen, wie sie heute auch noch in gewissen Teilen Europas fortbesteht. ... Eine diesbezügliche religiöse Vorschrift lässt sich aber durch den koranischen Text in keiner Weise begründen."



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"Es ist kein Rassismus, wenn ich sage: Die Türken gehören nicht zu uns." Also sprach Alexander Gauland in einem Interview, und die lange eingeübten Reflexe stellten sich routiniert ein. Von "rassistischen Pöbeleien" sprach etwa ein Kommentator der Hamburger Morgenpost und erklärte die AfD zum "Fall für den Verfassungschutz", wenn nicht für den Volksgerichtshof. Katja Kipping von der Linkspartei bescheinigte dem Chef des so bestürzend erfolgreichen politischen Mitbewerbers: "Er ist und bleibt ein alter Rassist."

Merkwürdig. Gauland hat doch nur in dasselbe Horn gestoßen, auf welchem seit Jahren von Grün bis Rot und in allem Talkshows im Crescendo das Leitmotiv gespielt wird, Deutscher sei, wer einen deutschen Pass besitze, alle anderen Kriterien seien veraltet und böse. Wer einen deutschen Pass besitzt, gehört zu Deutschland. Folglich gehört, wer keinen besitzt, nicht zu Deutschland – altertümlich formuliert: nicht "zu uns". Es geht um Teilmengen, nichts außerdem. Wer hier Rassismus entdeckt, hat offenbar selber ein erhebliches Rassismusproblem und sollte vielleicht einen Spezialisten aufsuchen.

Zum Mit- und Nachempfinden: Gauland sagte "die Türken". Er sagte nicht "die Türkischstämmigen", er sagte auch nicht, mit Blick auf die Doppelpassbesitzer, "die Deutschtürken", sondern klipp und klar "die Türken", also die Besitzer eines türkischen Passes und mithin türkischen Staatsbürger. Dass die Türken in der Türkei nicht "zu uns gehören", muss wohl nicht eigens durchdekliniert werden, denn die gegenteilige Behauptung wäre ein Kriegsgrund, und ein Krieg wäre nicht nur angesichts der momentanen Aufteilung deutscher Panzer zwischen beiden Ländern womöglich überkühn. (Vor hundertvier Jahren war das anders, da besaß ein deutscher Militär dortzulande den Rang eines Halbgottes, aber wir wissen ja, wohin das geführt hat.) Und was jene Türken betrifft, die physisch zwar in Deutschland leben, aber geistig, kulturell, politisch und staatsbürgerlich nach wie vor in der Türkei: Vielleicht gehen Mad. Kipping und der kleine Karl Eduard von der Morgenpost mal gemeinsam los und veranstalten eine Umfrage unter solchen Erdoganis und Ditibians, ob sie selber meinen, dass sie "zu uns" gehören, oder ob sie eher bei und unter "sich" bleiben wollen. Ich könnte jetzt schreiben: Das Ergebnis dürfte unsere Rassismus-Fatzkes überraschen, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass diesen virtue signalling-Strebern die Situation vollkommen klar ist.


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Passend zum Vorigen: "Bundeswehr fehlt Winterkleidung für die Nato-Ostfront" (hier). Das sind eben die gründlichen deutschen Konsequenzen aus Stalingrad. Aber die Führerin kann ja noch Härte befehlen.


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Weiter mit der angeblich nicht existierenden Grenze zwischen Mexiko und Guatemala. Leser *** empfiehlt:

"Wenn Sie nach 'programa Frontera Sur' suchen, finden Sie viele Infos über Mexikos Grenzschutzmaßnahmen im Süden. Das Programm wurde 2014 zwischen dem mexikanischen Präsidenten und dem Heiligen Barack vereinbart, die USA unterstützen es finanziell. Mexiko geht mit aller Härte gegen die Flüchtlinge vor und es gibt dafür auch regelmäßig Kritik. Von einer durchgehenden 'Mauer' kann man zwar nicht reden, aber die Grenze wurde nichtsdestoweniger dichtgemacht und das Grenzregime ist kompromisslos. Es gibt Grenzposten und Grenzpatrouillen und an den neuralgischen Punkten Grenzbefestigungen, es werden Grenzflüsse, Bahnstrecken und die Verbindungswege nach Norden überwacht. Die Flüchtlinge werden sofort wieder abgeschoben, angeblich zum Teil völkerrechtswidrig, weil die Voraussetzungen für eine Asylgewährung vorlägen. Pro Jahr sollen es rund 150.000 sein.

Es gibt offenbar Fake-Bilder von der 'Mauer', und diese benutzen manche, um davon abzulenken, dass die mexikanische Südgrenze undurchlässiger ist als die Nordgrenze – auf Betreiben von Obama. Die Masche, lieber die anderen ihre Grenzen abschotten zu lassen, um selbst unbefleckt dazustehen, wird Ihnen sicher bekannt vorkommen.

In deutscher Sprache fand ich zwei interessante Artikel in der NZZ:
(Link 1 und Link 2)
Außerdem das."

Die englischsprachige Wikipedia, wo sich zum Thema ein spezieller Eintrag findet, bestätigt das eben Zitierte: "The Guatemala–Mexico border is the international border between Guatemala and Mexico. There is no continuous wall on the border, although there are sections of fence near populated areas and official border crossings."
"In 2006, Joseph Contreras profiled the issue of Guatemalan immigrants illegally entering Mexico for Newsweek magazine and pointed out that while Mexican president Vicente Fox demanded that the United States grant legal residency to millions of illegal Mexican immigrants, Mexico had only granted legal status to 15,000 illegal immigrants."
"Like the Mexico-United States border, Mexico has limited fencing along its southern border with Guatemala."