Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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22. Februar 2018


Kurze Durchsage. Demnächst (!) im Buchhandel:

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Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich die Leute zu wundern anfangen, dass früher fotografiert wurde, während das Objektiv vom einem wegzeigte.


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Heute das erste Mal den sanft hysterischen Harpyiensang von Frau Katrin Göring-Eckardt live im Bundestag gehört. Dass eine Person von solch monströser Schlichtheit in diesem Land eine politische Karriere hinlegen kann, indem sie jahrein jahraus die immergleichen anklagenden Worthülsen möglichst lauthals in jedes verfügbare Mikrophon schalmeit, mag einen Scherzbold mit dem deprimierenden Mangel an Humor im sogenannten Hohen Haus versöhnen. (Ich läse gar zu gern eine Studie über die Korrelation von IQ und Lautstärke bei öffentlich Redenden; ich bin sicher, dass es sie, also die Korrelation, gibt.) Es ging heute um Europa, angeblich; tatsächlich drehte sich die Debatte wie stets bloß um die EU. Das semantische Bubenstück unserer Tage besteht ja darin, dass die Eurokraten und Zentralisten es geschafft haben, EU und Europa in eins zu setzen und aus den Verteidigern der europäischen Vielfalt "Europahasser" und "Nationalisten" zu machen.

Nun wäre natürlich die große Frage, wie viele Bundestagsabgeordnete überhaupt noch über ein Sensorium für diese Vielfalt verfügen, die ja aus geistigen, kulturellen, lebensartlichen, ästhetischen, kulinarischen und, warum nicht, spirituellen Unterschieden besteht, aus unterschiedlichen Landschaften, Sprachen, Mentalitäten, Architekturen, Musiken, Traditionen, Küchen, aus einem Kosmos von Konkurrenz, Konvergenz und Kontrapunkt. Doch bei der grünen Spitzentörin fallen als Attribute Europas zuerst Begriffe wie "solidarisch" und "sozial", auch "Freiheit", wobei man nicht recht weiß, was Grüne darunter verstehen, wie sie ja auch ihre Solidarität möglichst auf die gesamte Menschengattung ausdehnen wollen, solange sie für diese Forderung angemessen honoriert und beklatscht werden und nicht gerade alte weiße Männer davon profitieren. Der Begriff "Recht" kommt dem späten Mädel (bei einem Bento-Komsomolzen las ich, dass man Nazis daran erkenne, dass sie "Mädel" sagen) nicht in den Sinn. Den Grünen oder Roten den Gedanken zu vermitteln, dass das, was sie Rassismus und Abschottung nennen, womöglich der einzige Weg ist, die europäische Freiheit und Vielfalt – und meinetwegen auch den Sozialstaat – zu erhalten, dürfte dem Versuch gleichkommen, einem Ameisenhaufen das Evangelium zu predigen, obwohl diese Leute täglich auf den Straßen, wenn auch nur aus dem Fond ihres Dienstwagens, sehen, welche vielfaltsfernen Gestalten sich hier ausbreiten, fortpflanzen, Raum und Geld beanspruchen und anfangen, ihre überaus uneuropäischen Regeln durchzusetzen.


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Wiederholte Lektüre von Emmanuel Macrons Rede zur "Neubegründung Europas" an der Sorbonne. Neben den hinreichend thematisierten Vorschlägen des französischen Präsidenten zur weiteren Vergemeinschaftung und Zentralisierung europäischer Institutionen fallen mir ein paar Dinge auf, die bislang weniger Aufmerksamkeit fanden.

Erstens: Macron hat nicht ein Mal die Begriffe "Christentum" oder "christlich" erwähnt. 

Zweitens: Er verbreitete passagenweise im Göring-Eckardt-Stil Hass, Spaltung und Abschottung, etwa: "Ich überlasse nichts denen, die Hass, Spaltung oder nationale Abschottung versprechen. Ich überlasse ihnen keinen einzigen Vorschlag." Ross und Reiter nannte er nicht.

Drittens: Er sprach, wie zuletzt auch Merkel, im Margot-Honecker-Duktus von "unseren Bevölkerungen".

Viertens: Er klagte tatsächlich, die Befürworter der Vereinigten Staaten von Europa hätten "zugelassen", dass sich in besagten Bevölkerungen gegenüber ihrem Projekt "Zweifel einnisten".

Fünftens: Er erklärte "die kohlenstofffreie und kostengünstige Atomenergie" für "unerlässlich".

Sechstens: Er verteidigte mit Verve die Urheberrechte von Autoren im Zeitalter der Digitalisierung, und dies mit Worten, wie sie wohl nur ein Franzose sprechen kann: "Diejenigen, die die etymologischen Boten dessen sind, was uns wirklich zusammenhält, die wahre Autorität in Europa, das sind die Autoren." (Je ne vous crois pas, Monsieur le Président, mais mille fois merci.)

Siebentens: Anders als selbstvergessene und bildungsferne deutsche Eurokraten will Macron die Vielfalt der europäischen Sprachen erhalten und forderte, dass jedes europäische Schulkind mindestens zwei europäische Sprachen beherrschen soll.

Achtens: Macron hat sich dafür ausgesprochen, die frei werdenden 73 Sitze der britischen EU-Abgeordneten "als europäische Antwort auf den Brexit" einer transnationalen Liste zur Verfügung zu stellen. "Ich setze mich dafür ein, 2019" – also bei den Europawahlen – "transnationale Listen zu haben", erklärte er. Und nach Macrons Willen soll "bei den darauffolgenden Wahlen die Hälfte des europäischen Parlaments über diese transnationalen Listen gewählt" werden. Die Brüder meinen es ernst.

 

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"Sehr geehrter Herr Klonovsky,
in Ihrem Eintrag vom 17. Februar klassifizieren Sie 'Gesindel' als zur Gossensprache gehörig. Das ist es mitnichten, es bezeichnet eher die, die sich dort herumtreiben. Eric Voegelin hielt vor über 50 Jahren eine Vorlesungsreiche 'Hitler und die Deutschen' an der Universität München. Er führt dort unter anderem die Begriffe der Realität I (die existierenden Dingen und die Transzendenz) und der Realität II ein (existierenden Dinge ohne die Transzendenz). Voegelin zufolge stellt Realität II eine Verengung des Realitätsverständnisses dar, die zwanghaft zu fehlerhaften Schlussfolgerungen und Entmenschlichung führt. Die Sprache stellt die Realität dann nicht mehr adäquat dar, da dies nicht erkannt oder negiert wird, hält man die durch fehlerhafte Sprache erzeugte 'Pseudorealität' jedoch für die Realität. Und versucht diese jener anzupassen. Was in mindestens dem entspricht, was in der Genderbewegung mit entsetzlichen Folgen zu beobachten ist.

Um die sich der Realität II Bedienenden zu bezeichnen, schlägt Voegelin den Gebrauch des Wortes 'Gesindel' vor. Was nicht an bestimmte Gesellschaftsschichten gebunden ist, sondern in allen zu finden ist und eher intellektueller Verarmung oder Schwachheit entspricht. Oder dem von Ihnen gebrauchten 'intellektuellen Pöbel'. Demgegenüber mir Gesindel recht zurückhaltend erscheint.

Mit freundlichen Grüßen
***"

Grüß Gott Herr***, ich finde Ihre Darlegungen interessant, aber in diesem Kontext vielleicht zu artifiziell. Dass "Gesindel" von "Gesinde" kommt, ist klar; wie ich im etymologischen Wörterbuch erfuhr, gehört auch "Gesinne" (Gefolgschaft) zu den Ahnen. Seit langem wird das Wort ausschließlich pejorativ im Sinne von sittlich-moralischer, aber auch geistiger Minderwertigkeit verwendet. Nietzsche etwa stellt im "Antichrist" die Frage: „Wen hasse ich unter dem Gesindel von heute am besten?" Und gibt die Antwort: "Das Sozialisten-Gesindel, die Tschandala-Apostel, die (...) das Genügsamkeitsgefühl des Arbeiters mit seinem kleinen Sein untergraben." Engels schreibt: "Das Lumpenproletariat, dieser Abhub der verkommenen Subjekte aller Klassen, der sein Hauptquartier in den großen Städten aufschlägt, ist von allen möglichen Bundesgenossen der schlimmste. Dies Gesindel ist absolut käuflich und absolut zudringlich." ("Der deutsche Bauernkrieg").

Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache zählt als Synonyme auf: "Plebs", "Sippschaft", "Abschaum", "Asoziale", "Bagage", "Bodensatz", "Brut", "Gelichter", "Geschmeiß", "Gesocks", "Gschwerl", "Kroppzeug", "Lumpenpack", "Mischpoke", "Mob", "Pack", "Pöbel", aber auch "White trash".

Das sollte genügen. Wer das Wort verwendet, der tut es vor diesem Hintergrund. Der Vorschlag von Voegelin ist insofern löblich, als er viele Verwender des Begriffes "Gesindel" gleich mit unter Gesindelverdacht stellt.

Aber damit wir uns  nicht missverstehen: Im Gegensatz zu zarteren Gemütern auf der menschenfreundlichen Seite der Erde glaube ich daran, dass Gesindel existiert, ich könnte auch sagen: Ich weiß es, sogar empirisch. Doch sollte mit dem Begriff gleichwohl nur dann hantiert werden, wenn Irrtum und falsche Verallgemeinerung halbwegs ausgeschlossen sind.

Was nun die Gegenüberstellung von "Gesindel" (Poggenburg) und "intellektuellem Pöbel" (Klonovsky) angeht, so gilt hier, in abgewandelter Form, das alte Quod licet Iovi, non licet bovi. Einem Autor sind Dinge erlaubt, die einem Politiker verboten sind. Und das ist nicht juristisch gemeint. Ein Politiker spricht niemals nur für sich, ein Autor ausschließlich. Davon abgesehen, dass mit dem Attribut "intellektuell" der in Rede stehende Pöbel bereits hinreichend geadelt und also nicht mehr #aufschrei-berechtigt ist.



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Bei der täglichen Zeitungslektüre, schreibt Leser ***, "fiel mir heute die Aussage einer bekannten deutschen Pfarrerstochter (nein, nicht Gudrun Ensslin oder Ulrike Meinhof) ein, Thilo Sarrazins Buch sei 'nicht hilfreich' und dabei, dass man den Satz noch nie zu Ende gehört hat und deshalb die Antwort 'Nicht hilfreich bei der Verfolgung welcher Ziele?' leider nicht kennt."

Hier scheiden sich bekanntlich die Geister. "Die Unterstellung von Absichten erleichtert die Position des Beobachters", schrieb Luhmann. Also ich fürchte, in einer Kabinettssitzung geht es nicht schlauer und absichtsvoller zu als in einer Focus-Ressortleiterkonferenz. Ich fürchte, die meisten Beschlüsse sind dümmer, als man glaubt. Ich fürchte, die meisten Absichten entstehen erst im Nachhinein.