Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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7. Februar 2018


"Nichts ist wichtig genug, als dass es nicht wichtig wäre, wie es geschrieben ist."

"Es gibt keine Torheit, die eine elegante Syntax nicht erlöst."
Also sprach Don Nicolás.


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Apropos: "Jedes wichtige Werk lässt uns drei Etappen durcheilen: Bewunderung, Enttäuschung, Bewunderung", notierte der Einsiedler aus Bogotá. Eine treffende Beobachtung, die sich bisweilen auf den Eindruck einer gesamten künstlerischen Persönlichkeit verallgemeinern lässt. Das heißt, wenn sich nach der anfänglichen Bewunderung die nahezu unvermeidliche Enttäuschung einstellt – es handelt sich schließlich um Menschenwerk – und es dabei bleibt, wenn also die Bewunderung nicht in einer reineren oder reflektierteren Form wiederkehrt, hatte man es wahrscheinlich mit keinem wirklich bedeutenden Künstler zu tun. Um pro domo zu sprechen: Dürer, Goya, Thomas Bernhard, Hemingway beispielsweise fallen für mich in diese Kategorie, die frühe Bewunderung ist der Enttäuschung gewichen, und die steht bolzenfest. Anders verhält es sich etwa bei Heine, Schiller, Flaubert, Thomas Mann: An die Stelle des zwischenzeitlichen Enttäuschtseins ist eine etwas nüchternere Bewunderung getreten. Noch unklar: Dostojewski. Bei den wirklich Großen gerät die Bewunderung für die Gesamtpersönlichkeit freilich nie ins Wanken, doch bei einzelnen Werken oder auch nur Passagen darin erlebt man die Enttäuschung regelmäßig. Die Abfolge Bewunderung – Enttäuschung – erneuerte Bewunderung habe ich übrigens auch bei einem Interpreten erlebt, nämlich bei Glenn Gould. Zwischenzeitlich fühlte ich mich von dessen Attitüde regelrecht abgestoßen, doch die Zärtlichkeit vor allem seines späten Spiels hat mich zur Bewunderung zurückgeführt. Letztlich blieb mir auch keine Wahl: Wir beten denselben Gott an.


PS: Gestern auf der Heimfahrt entdeckt: ein Ausschnitt aus einem altem DDR-Film über ein historisches Treffen zweier meiner Lieblingsmenschen. Im Kommentarbereich wird diskutiert, ob Friedrich zu herablassend dargestellt ist. Schon möglich. Überliefert ist, dass der König elektrisiert war von der Aussicht, den großen Komponisten zu sehen, und dass er den alten, von seiner Reise ermüdeten Mann wohl auch ziemlich traktiert hat mit seinen Wünschen. Wahrscheinlich hielt er dessen polyphonen Kompositionsstil für überholt, es mussten ja hundert Jahre vergehen, bis der Tonsetzer aller Tonsetzer "wiederentdeckt" wurde, aber mir fehlt die Phantasie, mir vorzustellen, ein Kopf wie Friedrich habe nicht wenigstens geahnt, dass ihm da ein Unsterblicher gegenübertrat.