Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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4. Februar 2018


Die Sonntage immer den Künsten, eins.

Das übermalte oder zur Übermalung freigegebene Gedicht an einer Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule erhitzt, wie gesagt wird, die Gemüter – sogar derjenigen, die gar keines besitzen. Der Rektor der Hochschule hatte den eminenten Vorschlag geäußert, das Opus durch eine ergänzte Strophe in einen anderen, weniger sexistischen Kontext zu rücken. Eine liebe Freundin, welcher dieses Gedicht nach ihren eigenen Worten "im höchsten Maße gleichgültig" ist, die sich aber ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht entschlagen will, hat folgenden Vorschlag geäußert:

Bier
Bier und Rülps

Rülps
Rülps und Chips

Bier
Bier und Chips

Bier und Rülps und Chips und
eine Bewundererin.

Damit werde, wie sie meint, "nicht nur Zugang zu einem neuen Kontext geschaffen, sondern zugleich ein gesellschaftspolitisch bedeutender Diskurs eröffnet". Da dieser aber dem einen oder anderen eine Spur zu haram sein könnte, besteht natürlich auch die Möglichkeit, als Schlussakkord statt "Bewundererin" den Begriff "Verächterin" zu setzen.


Einen kurzen Schlenker dieses tristen Falles ins Amüsante und geradezu Tiefsinnige bescherte dem Publikum der Asta der Hochschule, in dessen Gedichttilgungsbegehrensbegründungsbrief geschrieben steht, die Studentinnen im Allgemeinen und die Asta-Maiden im Speziellen hätten angesichts der mit sexistischen Versen verunzierten Fassade jahrlang eine "Degradierung zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, die uns Angst macht" erleben müssen. Zur Bewunderungswürdigkeit degradiert, das ist nicht übel, das ist zwar nicht goethisch gedacht, weil überhaupt nicht gedacht, aber klingt beinahe wie: "Wer lobt, stellt sich gleich", und Gleichstellung ist ja das Letzte, was diese Mädels wollen, sie wollen Prinzessinnen auf der Erbse sein und von den Risiken des Außendienstes möglichst zeitlebens verschont bleiben (wenngleich ich große Schwierigkeiten habe, mir vorzustellen, dass ein Fräulein, das dergleichen äußert, jemals bewundert worden ist). Und in einem der bekanntesten Goethe-Gedichte liest man ja, wie die maskuline Adoration gemeinhin endet:

"Doch der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden."
Röslein wehrte sich – und übermalte.


                           ***


Die Sonntage immer den Künsten, zum zweiten.

Im Brunnen der Vergangenheit liegen die Preziosen; hin und wieder entdecke ich selber eine, oft aber ist es Freund ***, der mich auf ein neues altes Schatzkästlein aufmerksam macht. In diesem Falle auf die Pianistin Marija Judina. Von der Dame ist heute meist nur noch eine in zwei Versionen überlieferte Kolportage bekannt, nämlich dass sie Stalin bescheinigt habe, er werde in der Hölle enden, oder, die mildere Version, sie werde für seine sündige Seele beten. Der Diktator ließ ihr das durchgehen, jedenfalls landete sie weder im GULag noch in der Lubjanka, was für den guten Geschmack Stalins spricht, von dem wiederum kolporiert wird, dass eine Judina-Schallplatte neben seinem Sterbebett gelegen habe. (Man kann ja über den roten Zaren und sein deutsches Führerpendant das eine oder andere Negative vorbringen, aber von Musik verstand jeder der beiden mehr als Merkel, Maas, Macron und die Clintons zusammen.) Bei der Platte soll es sich um Mozarts KV 488 gehandelt haben, dessen fis-Moll-Adagio jeden Pianisten an die Grenzen seiner seelischen Spannkraft führt. Was die Judina hier vorführt, würde ausreichen, sie unter die Unsterblichen zu zählen. Das ganze Stück ist ein Gebet, bei 11.33 erreicht des Menschen fragende Einsamkeit ihre tiefste Stelle, bei 11.55 kommt eine Hand aus dem Himmel und streicht ihm tröstlich übers Haupt...

Und diese Platte zählte also zum Letzten, was Stalin, der ehemalige Priesterzögling, gehört hat. Was suchte das Scheusal in dieser Musik? Erlösung? Er? – –

Aber nicht KV 488 sandte mir der Freund, sondern die Judina mit den Diabelli-Variationen und Schuberts letzter Sonate in B-Dur (das Andante sostenuto ab 22.00 sollte man am besten auf den Knien hören). Solche Interpretationen sind wohl nur in bestimmten Zeiten möglich. Kein negatives Wort über geschätzte und überdies sehr attraktive zeitgenössische Pianistinnen wie Yuja Wang und Khatia Buniatishvili, aber wie glatt, wie geheimnislos, wie bloß virtuos steht deren Spiel neben solchen existentiellen Erschütterungen und philosophischen Kontinentdurchquerungen.


                            ***


Die Sonntage immer den Künsten, zum dritten.

Save the date, wie der Lateiner sagt, ein paar Karten gibt es noch: Am Freitag, dem 9. März, findet die nächste musikalisch-literarische Soiree "Lebenswerte" diesmal in Hamburg statt. Elena Gurevich spielt Werke von Bach, Beethoven, Chopin, Schumann, Scarlatti u.a., ich assistiere ihr, indem ich Texte aus meinem gleichnamigen Buch vortrage. Details und Kartenbestellung hier.