Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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30. Januar 2018


In praktisch jedem Text über Michel Houellebecq steht zu lesen, er sei ein Provokateur. Also mich hat er bislang mit keiner einzigen Zeile provoziert.



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Gestern Stehempfang der baden-württembergischen Landesvertretung in Brüssel. Ministerpräsident Kretschmann eröffnet seine Rede mit einem Zitat des Diogenes von Sinope: "Um uns zu vervollkommnen, brauchen wir entweder gute Freunde oder hartnäckige Feinde." Mit uns meint er die EU bzw. ihren wahren, guten und edlen Kern. Wen er in die andere Kategorie sortiert, ist klar: Putin, Erdogan und, rhetorisch etwas abgefedert, Trump als die äußeren, die Regierungen Polens, Ungarns und der anderen osteuropäischen Querulanten als innere Feinde (wenn ich mich recht entsinne, gebrauchte er das Wort "Feinde" nicht noch einmal explizit, es stand ja mit dem Diogenes-Zitat bereits im Raum).

Kretschmann und den Seinen käme nicht im Traum der Gedanke, dass irgendein Argument aus den Ostländern begründet sein könnte, dass man die Welt aus einer anderen als der deutschen EUlaliker-Perspektive sehen könnte, dass weniger die Nato und die EU als vielmehr die politische Vernunft einer Osterweiterung bedürftig sein könnte. Die Osteuropäer haben andere historische Erfahrungen gemacht als der Westteil des Kontinents. Sie haben keine Eroberer- und Kolonialgeschichte und deswegen auch kein jederzeit aktivierbares schlechtes Gewissen der Dritten Welt gegenüber. Stattdessen wurden sie mehrfach selber kolonisiert. Viele dieser Länder litten – zum Teil jahrhundertelang – unter dem osmanischen Joch, was ihre Empfänglichkeit für eine muslimische Masseneinwanderung bis heute sehr reduziert. Diese Länder waren wechselweise von den Nazis und von den Bolschewisten besetzt, die ihre Bevölkerungen dezimierten und ihnen ihre Traditionen nehmen wollten. Nun, nachdem sie Hakenkreuz und Roten Stern abgeschüttelt und wieder durch das christliche Kreuz ersetzt haben, erklärt ihnen die EU – die verheuchelt-reumütigen Nachfahren der Nazis sowie die reuefernen der deutschen Kommunisten vorneweg –, der Halbmond sei eine notwendige Komplettierung der Diversity-Palette. Doch was heißt, es wird ihnen erklärt – es wird ihnen befohlen bei Strafe des Geldhahnzudrehens. Im Westen, diesem Weltteil der Käuflichen, glaubt man nämlich bolzenfest daran, dass jedes Problem überall auf der Welt mit Geld zu lösen sei.

Als in Prag die Sowjet-Tanks einrollten, war Herr Kretschmann AStA-Vorsitzender, später trat er in den Kommunistischen Bund Westdeutschlands ein. Ich werfe Kretschmann keineswegs seine politischen Tics der Vergangenheit vor, ich würde ihm auch nichts vorwerfen, wenn er heute noch Kommunist wäre, aber er soll sich nicht anmaßen, Länder zu schulmeistern, die andere Lektionen zu lernen hatten als ein mit der Gnade der späten Geburt gesegneter bräsiger schwäbischer Luxus-Linker. Immer wieder gern zitiere ich die Aufschrift eines Plakats, das nach der Kölner Silvesterkirmes bei einer deutsch-polnischen Sportveranstaltung im polnischen Fanblock entrollt wurde: "Beschützt lieber eure Frauen statt unsere Demokratie!"
Sela, Psalmenende.


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Später am Stehtisch mit Freund ***, einem Charmeur hohen Karats, der amüsiert berichtet, wie er mit ein paar (politisch) grünen Mädels gescherzt und geschäkert habe und ein "Wenn die wüssten!" hinzusetzt. "Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte", erwidere ich. – Eine Frau neben uns wird aufmerksam. Wer wir denn seien, erkundigt sie sich. Und für wen wir arbeiten? – Das wolle sie gar nicht wissen, sagt ***. – Sie bleibt hartnäckig, und die gewünschte Auskunft wird ihr schließlich zuteil. Sofort schlägt ihr Ton ins Schrille um. Wie könne man nur in diese schreckliche Partei eintreten! – Keiner von uns beiden sei Mitglied irgendeiner Partei, muss sie erfahren. – "Sie arbeiten nur für die?" Das sei ja noch schlimmer. – In welcher Partei sie selber denn beheimatet sei, erkundige ich mich. – Natürlich bei den Grünen, erklärt sie, um stracks den Mangel an weiblichen Abgeordneten bei den Rechtspopulisten zu rügen und für, na was schon, diskriminierend zu erklären. – Die Grünen privilegieren Frauen und benachteiligen Männer, sage ich, sei das vielleicht besser? – Wieso? – Weil die Partei nur ein Drittel weibliche Mitglieder habe, aber mehr weibliche Bundestagsabgeordnete als männliche; außerdem würden sämtliche Führungsposten paritätisch besetzt. – Die Hälfte der Gesellschaft sei weiblich, also sei das genau richtig. – Die Hälfte der Gesellschaft schon, aber nicht die Hälfte der Parteimitglieder. Wenn ein Kegelclub aus 100 Mitgliedern bestehe, 70 Männern und 30 Frauen, wieso solle er dann den Vorstand paritätisch besetzen? – In der Politik sei das etwas anderes. – Warum denn? – Kein Antwort. Wir hätten überhaupt so ein rückständiges Frauenbild, dass die Frauen Kinder bekommen und zu Hause bleiben sollten. (Im Übrigen wandern gerade sehr viele Menschen mit einem solchen Frauenbild unter beifälligen Gebrummel der Grünen ein, aber man kann nicht jedes Fass aufmachen...) – Wir haben überhaupt kein "Frauenbild", entgegne ich, und wer denn sonst die Kinder bekommen solle?

Dergleichen "Diskussionen" sind natürlich völlig unersprießlich, und nur um die wonnige Maid zu ärgern, verschloss ich mich der Fortsetzung nicht. Nachdem sie unvermeidlich das Elend in gewissen Ländern – ich habe vergessen, welche sie nannte, aber Ruanda war dabei – weniger zur Sprache brachte als uns vorwarf, so als trügen wir mit unseren verdammt schicken Krawatten und dem miserablen Stehparty-Wein die unmittelbare Schuld daran, erkundigt sich ***, welche der in Rede stehenden Armutsländer sie denn schon einmal persönlich in Augenschein genommen habe. Immerhin Ruanda kann sie anführen, worauf die übliche Behauptung folgt, der Blick in die Welt erziehe zu Toleranz und Hilfsbereitschaft, also praktisch zur uneingeschränkten Willkommenskultur, diesem humanitären Widerspiel zum uneingeschränkten U-Bootkrieg, der auch nicht geholfen hat. Freund ***, vielgereist und polyglott, überrascht sie mit der Auskunft, dass er sogar während der Hutu-Massenmorde dort gewesen sei, wie überhaupt nach wenigen weiteren Wortwechseln ersichtlich ist, dass er trotz seiner vergleichsweisen Juvenilität zehnmal mehr Welt ins sich aufgenommen hat als die zunehmend in Wallung geratende Maid (ich reise ja am liebsten nur dahin, wo Wein und Oliven angebaut werden). Wie man als jemand, der sich auf allen Kontinenten umgeschaut hat, denn für so eine Partei arbeiten könne?, ist das Letzte, was sie vorbringt. –  Nun, gerade als ein solcher, versetzt ***, man könne anderswo auch studieren, was man bei sich daheim besser nicht haben wolle, und der Guten ist anzusehen, dass sie am liebsten die Polizei rufen würde. Abrupt beendet sie die Unterhaltung und verlässt den Tisch.

Ihren Platz nimmt später ein junger Mann ein, der sich im Gespräch als ein Mensch vorstellt, der an der Vernetzung verschiedener Universitäten arbeite. Er entpuppt sich sogar als Professor und ehemaliger Hochschuldozent – Welches Fach er gelehrt habe? – "Politische Kommunikation." – Sei, erkundigt sich ***, der wissenschaftliche Nutzen seiner Vernetzungsarbeit irgendwie belegbar? An den Leistungen der Studenten beispielsweise? – Nicht direkt, aber fänden wir nicht auch, dass Vernetzung und Zusammenarbeit immer einen Weg zum Besseren bedeuteten? – Das ergebe sich doch automatisch dort, wo tatsächlich wissenschaftlich zusammengearbeitet werde, sagt ***. Er müsse als Dozent immer wieder feststellen, dass die meisten seiner Studenten zwar selber unglaublich vernetzt und kommunikationstechnisch up to date seien, aber den elementaren Anforderungen eines halbwegs anspruchsvollen Studiums nicht standhielten. Er würde sich wünschen, dass die Studenten sich nicht vernetzen, sondern daheim auf dem Hosenboden säßen und lernten, wie man richtig deutsch schreibe, wohin ein Komma gehöre und wie man einem komplizierten Gedankengang so genau folge, dass man ihn danach in eigenen Worten referieren könne. – Was sei denn seine Profession?, erkundigt sich der andere. – "Ich bin Rechtshistoriker."

Und der Nächste war froh, dass er – etwas formeller als die Grüne, also mit einem Vorwand – dem Tisch den Rücken kehren konnte...


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Neben den Austern im "L'Huîtrière" kann ich in Brüssel vor allem einen Besuch der Königlichen Museen der Schönen Künste empfehlen. Es handelt sich um ein großes, sehr entspannt geführtes Haus, wo einen weder Alarmanlagen noch übereifrige Wärter daran hindern, Detailstudien zu betreiben. Die Sammlung Alter Meister ist repräsentativ, sehr viel niederländische und flämische Malerei naturgemäß, der ältere Bruegel ist üppig vertreten, der jüngere auch (beim Anblick von dessen Bildern beschleicht mich die Frage, was am Surrealismus eigentlich neu gewesen sein soll), Rembrandt, Frans Hals, van Dyck:

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Ein separater Rubens-Saal (kein schlechtes Wort von mir jemals über Rubens!), ein schon aus der Ferne an seinem einzigartigen Licht erkennbarer Claude Lorrain:

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Ferner Davids berühmtes Propagandagemälde, das den in der Wanne erdolchten Heribert P. des 18. Jahrhunderts über die Maßen idealisiert zeigt, und andere Preziosen mehr. Am meisten verblüfft hat mich die Fin de Siècle-Ausstellung im Souterrain, die sich auf sage und schreibe sechs unteridischen Etagen ausbreitet und nicht nur in ihrem Umfang weltweit konkurrenzlos sein dürfte.

Ich habe mir nicht notiert, welcher Maler dieses rührende Armutsporträt geschaffen hat (aber Leser*** weist sogleich darauf hin, dass es von Léon Frederic stammt, einem belgischen Maler, und den Titel "Les marchands de craie" – die Kreidehändler – trägt); es handelt sich um ein Triptychon, von dem wir hier den rechten Flügel sehen:


Mädchenweit.jpeg

Näher bitte:

Mädchennah.jpeg


Und eine Monatsendfigur steht dort unten auch:

Skulptur.jpeg