Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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19. November 2017


Die Sonntage immer ...!


"Ich, Welt- und Menschenfeind..." – mit diesen Worten beschrieb Anton Bruckner sich selbst. Unter allen armen Spielmännern führte der Vollender der abendländischen Symphonik wahrscheinlich das erbärmlichste Leben. Er war ein gottbegnadeter und gottgeplagter Schrat, ein wunderliches Zwitterwesen aus "halb Genie, halb Trottel", wie Hans von Bülow es in seiner drastischen Art formulierte. Bruckner sprach einen starken oberösterreichischen Dialekt, seine Umgangsformen waren provinziell, er betete, beichtete und fastete unablässig, begegnete seiner Mitwelt rangunabhängig mit Devotion und neigte zu Ergriffenheitsanfällen; Zeitzeugen berichteten von Tränenausbrüchen, Handküssen, tiefen Verbeugungen, Kniefällen. Als er 1882 Bayreuth besuchte, sank der fast 60jährige vor Richard Wagner in die Knie, küsste ihm die Hand und sagte: "Meister, ich bete Sie an!" An allen zeitgenössischen Themen, an dem, was "im Gespräch" war, zeigte er ein völliges Desinteresse. Die Wiener Gesellschaft war befremdet und riss Witze über ihn. Ein Bekannter nannte ihn einen "Anti-Bürger" und seine Musik ein "gesellschaftliches Ärgernis".

Bruckner hatte früh den Vater verloren und war von der Mutter als Sängerknabe ins Stift Sankt Florian geschickt worden, wo er auch Musikunterricht erhielt. Johannes Brahms, sein Wiener Konkurrent, nannte ihn einen armen Verrückten, den die Pfaffen von St. Florian auf dem Gewissen hätten. In gewissem Sinn war Bruckner ein frommer Ordensbruder, den es in eine europäische Metropole verschlagen hatte, wo dieser Musikant Gottes unter Spott und Anfeindungen sein Missionswerk verrichtete. 

Bruckner hat zeitlebens pausenlos gearbeitet, als Musiker – er galt als der beste Orgelspieler seiner Zeit –, schlecht bezahlter Kompositionslehrer und Komponist. Im Mai 1867 erlitt er einen Nervenzusammenbruch. In einem Brief beschrieb er seinen Zustand als "gänzliche Verkommenheit und Verlassenheit – gänzliche Entnervung und Übereiztheit". Ein Linzer Arzt prophezeite ihm den Irrsinn. Bruckner litt unter Zählzwang (Arithmomanie), er glaubte, er müsse die Blätter der Bäume, die Sterne oder die Perlen auf einem Kleid zählen. Eines Tages wurde er im untersten, damals noch nicht begehbaren Teil der "Wolfsschlucht" gefunden, wohin er sich verkrochen hatte, und man musste ihn mit Leitern und Seilen bergen.

Nie hat ein Frauenkörper diesen Mann gewärmt. Zeitlebens blieb Bruckner enthaltsam, auch wenn er einigen jungen Frauen auf gravitätische Art Heiratsanträge schrieb, die allesamt abschlägig beschieden wurden. 1874 besuchte ihn ein Bekannter und fragte angesichts des Zustands seiner Wohnung, wann er sich um geordnete häusliche Verhältnisse zu kümmern gedenke. Des Tonsetzers in Stein zu meißelnde Antwort lautete: "Ich habe keine Zeit, ich muss ja meine Vierte schreiben!"

Fremdheit und Einsamkeit waren die Leitmotive seines Lebens. "Meine einzigen Freunde sind meine Symphonien", erklärte Bruckner. Bis zu seinem sechzigsten Lebensjahr wurden seine Werke allerdings kaum aufgeführt; sie galten als viel zu lang und sowohl für das Publikum als auch die Instrumentalisten schwer zu bewältigen, was auch die vielen Bearbeitungen und die verschiedenen Versionen erklären mag. Mit der Dritten verdarb er es sich mit der Wiener Kritik, vor allem weil er das Werk Richard Wagner gewidmet hatte. Ihre Uraufführung in Wien am 16. Dezember 1877 war ein Fiasco, in Scharen verließ das Publikum nach jedem Satz den Saal. Der Wagner-Hasser Eduard Hanslick, eine Art Reich-Ranicki der Musikkritik, nach dessen Ratschluss Brahms als der Größte zu gelten hatte, verfolgte auch Bruckner mit seinen Infamien und Intrigen, und die restlichen Tintenbuben schlossen sich an.

Bruckners Fünfte wurde zu seinen Lebzeiten in Wien nicht gespielt, von der Sechsten nur die mittleren Sätze. Der Komponist führte das darauf zurück, dass Hanslick und die Wiener Presse eine Kampagne gegen ihn führten und die Dirigenten sich aus Angst vor den Kritikern gegen seine Werke sperrten. "Man kann heute die Rezensionen, die Hanslick (Neue Freie Presse), Kalbeck (Presse) und Dömpke (Allgemeine Zeitung) über Bruckners Werke schrieben, nur mit Staunen und Erschütterung lesen, und zwar nicht nur, weil sie ihn als Komponisten nicht ernst nehmen, sondern vor allem, weil sie ihn lächerlich machen wollten", notiert der Bruckner-Biograph Constantin Floros. Dömpke etwa schrieb: "Bruckner komponiert wie ein Betrunkener"; Hanslick fand sich (in der Achten) "zwischen Trunkenheit und Öde hin und her geschleudert". 

Aber sogar Gustav Mahler, der den älteren Kollegen öffentlich immer verteidigte (er war übrigens derjenige, der, damals 18jährig, den Klavierauszug der Dritten anfertigte), äußerte sich abschätzig über den Mann, in dessen Spuren er wandelte. Vier Jahre nach Bruckners Tod vertraute er Natalie Bauer-Lechner an, man könne Bruckners Symphonien in den philharmonischen Konzerten nicht aufführen, "das kann man dem Publikum wirklich nicht zumuten, diese Musikfetzen und ärgsten Absurditäten anzuhören, von allerdings oft göttlichen Einfällen und Themen unterbrochen". Die Neunte, die, wenn man diesem albernen Kriterium folgen will, "modernste" und harmonisch am weitesten in die Zukunft weisende Symphonie, von der speziell er, Mahler, am meisten zehrte, nannte er den "Gipfelpunkt des Unsinns".

Elf Jahre vor seinem Tod, am 10. März 1885, endete Bruckners Zeit als ein Verkannter mit der Uraufführung der Siebenten, freilich in München. Stabführer war Hermann Levi, der Dirigent der Uraufführung des "Parsifal". Bezeichnenderweise versuchte Bruckner, Hans Richter daran zu hindern, die Symphonie auch in Wien aufzuführen: "Die siebente bekommt er nicht! Hanslick!!!" Wenn Richter eine Symphonie von ihm darbieten wolle, möge er eine von denen nehmen, "die Hanslick ohnehin schon ruiniert hat; die kann er noch mehr zu Grunde richten". Dass ein Künstler versucht, eine Aufführung seines eigenen Werkes zu verhindern, dürfte ein beispielloser Vorgang in der Kunstgeschichte sein. Die Symphonie wurde trotzdem gespielt, am 21. März 1886, und es war ein, wie man sagt, überwältigender Erfolg. Doch mit der Achten, dem Schlussstein der abendländischen Symphonik, begannen die alten Probleme von Neuem. Bruckner schickte die Partitur an seinen Gönner Hermann Levi, doch der konnte mit dem gigantischen Opus nichts anfangen und wollte es nicht einstudieren. Levis Ablehnung versetzte den armen Tonsetzer in die nächste schwere Seelenkrise.

Natalie Bauer-Lechner hat überliefert, dass Gustav Mahler von der "unglaublichen Bescheidenheit und Herzensdemut" Bruckners tief beeindruckt war. Mahler habe erzählt, dass der alte Mann, wenn er ihn besuchte, ihn beim Abschied vom dritten Stock bis hinunter zur Straße begleitete, um seinen Gast zu ehren. In seinem Handexemplar des "Te deum" hatte Mahler die Worte "für Chor, Soli und Orchester, Orgel ad libitum" ausgestrichen und ersetzt durch: "für Engelszungen, Gottselige, gequälte Herzen und feuergeläuterte Seelen!"

Dieser gottselige Gequälte hat das jauchzendste Schöpfungslob seit Bach gesungen (hier und hier).