Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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16. November 2017


"Es gibt im Grunde nur eine einzige wichtige Sache im Leben", erklärt eine gute Freundin, "nicht dick zu werden."


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In den "sozialen Netzwerken" ist man "gerührt" vom Fall der 14jährigen Hannah aus Pinneberg bei Hamburg. Hannah ist eine Schülerin mit Down-Syndrom, und sie mag das Wort "Schwerbehindertenausweis" nicht, weshalb sie sich einen "Schwer-in-Ordnung-Ausweis" gebastelt hat. Ein Junge gleicher Artung fand ihre Idee gut und beantragte einen solchen Ausweis beim Hamburger Versorgungsamt. Offenbar will die Behörde das Dokument ausstellen.

Das Down-Syndrom (oder Trisomie 21) entsteht durch eine Genommutation. Menschen mit Down-Syndrom sind in ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt und gelten als geistig behindert. Früher nannte man sie halb abschätzig, halb mitleidig "Mongos", das war die Kurzform der offiziellen Bezeichnung "Mongolismus". Er oder sie sei "mongoloid", lautete die gängige Formulierung, die aufgrund der typischen Augen- und Gesichtsform jedermann einleuchtete, heute aber aus taktvoller Rücksichtnahme auf das Reiter- und Steppenvolk ungebräuchlich ist.

In meiner Jugend waren "Mongos" ein normaler Anblick. Wenn ich zur Berufsschule fuhr, saßen immer einige von ihnen im Bus – die Sonderschule befand sich in direkter Nachbarschaft der von mir frequentierten sozialistischen Baukaderschmiede. Ich erinnere mich speziell an einen, der sich stets auf den Platz hinter dem Fahrer setzte, während der Fahrt an seinem imaginierten Lenkrad mitsteuerte und abgeklärt die entgegenkommenden Busfahrer grüßte. Richtig "down" sind die "Downies" (so lautet heute die saloppe Bezeichnung) ja nicht, sondern im Gegenteil fast immer gut gelaunt. Der Begriff hat auch nichts mit Niedergeschlagenheit zu tun, sondern folgt aus dem Namen des Arztes, der das Syndrom als erster beschrieb. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Menschenwesen, dass ein niedriger IQ in der Regel mit einer höheren Daseinszufriedenheit verbunden ist, was ja insofern stimmig erscheint, als intelligente Menschen inmitten jenes Ozeans von Problemen, in dem unsere Gattung zu schwimmen versucht, ein paar drohende Gefahren mehr identifizieren können (oder müssen) als weniger intelligente. Das mag auch einer der Gründe sein, weshalb in Umfragen die Gesamtzufriedenheit in Drittweltländern trotz der elenden Verhältnisse dort regelmäßig höher ausfällt als in sogenannten Industriestaaten.  

Menschen mit Down-Syndrom gehörten früher, wie gesagt, zum normalen Stadtbild, heute sind sie selten, und bald wird es sie in der westlichen Welt wohl nicht mehr geben. Dafür sorgt die Pränataldiagnostik. Trisomie 21 ist ein häufiger Abtreibungsgrund. In den sozialen Netzwerken ist das kein Thema (und ich gestehe frank und frei, dass ich kein Kind mit dieser Behinderung bekommen hätte). Nur in christlichen Milieus, wo Abtreibung, egal in welchem "Stadium", als Todsünde gilt, werden solche Kinder geboren oder adoptiert. Besagte Milieus gelten bekanntlich als ewiggestrig und bekämpfenswert. Demonstrationen von "Lebensschützern" rufen verlässlich die geschmacklosesten Proteste hervor. Desto mehr ist das Netz gerührt, wenn einigen Überlebenden der gängigen Praxis "Schwer-in-Ordnung-Ausweise" ausgestellt werden.

Wunderlich verlogene Welt. Und mittendrin Hannah, 14, Vertreterin einer aussterbenden Spezies.


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Ich zitierte vor fünf Tagen eine Tagesschau-Journalistin, die in der Hauptsendung vom 10. November anlässlich der Einweihung einer an den Ersten Weltkrieg erinnernden Gedenkstätte am elsässischen Hartmannsweilerkopf verkündet hatte: "In Frankreich ist der Krieg bis heute sehr gegenwärtig. In Familien, in der gesamten Gesellschaft. Deutlich mehr als in Deutschland, das den Nachbarn überfallen und diesen Krieg angezettelt hatte."

Sicherlich haben sich daraufhin viele Zuschauer über die Geschichtsklitterung beschwert. Leser *** schickte mir einen Brief, in dem die ARD-Frau auf die Kritik antwortet. Ich erlaube mir, ihn hier vollständig zu zitieren:

"Sehr geehrter Herr Dr ***,

vielen Dank für Ihr Interesse an unserer Berichterstattung. Zu Ihrer Zuschrift nehme ich gerne wie folgt Stellung:

Das deutsche Kaiserreich gilt – vor dem Hintergrund seiner politischen und ökonomischer Machtinteressen, sowie bestehender Bündnisverpflichtungen – als zentraler Akteur für das Zustandekommen des 1. Weltkriegs. Richtig, und von keinem seriösen Historiker weltweit anders dargestellt, ist:

In der Folge des Attentats von Sarajewo, bei dem am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger Franz-Ferdinand und seine Frau Sophie erschossen wurden entwickelt sich die sogenannte Julikrise in der mehrere europäische Mächte sich auf einen Krieg vorbereiten. Kaiser Franz-Joseph bittet den Deutschen Kaiser Wilhelm II. um Unterstützung und erhält Anfang Juli die erbetene Unterstützung als 'Blankoscheck'. Wilhelm II. und Reichskanzler Bethmann-Hollweg sagen 'bedingungslose Unterstützung' zu.

Auf der anderen Seite sichert sich Serbien die Unterstützung des russischen Zaren, der sich wiederum am 20. Juli der Allianz mit Frankreich versichert. Frankreich erklärt, Russland im Kriegsfall gegen Deutschland zu unterstützen.

Am 28. Juli 1914 erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Es handelt sich damit zunächst um einen Regionalkonflikt. Das deutsche Kaiserreich macht in der folgenden Woche aus dem Regionalkonflikt einen Weltkrieg: Es erklärt am 1. August 1914 Russland, und am 3. August 1914 Frankreich den Krieg und marschiert am dem 4. August in das neutrale Belgien ein, um so (dem Schlieffen-Plan folgend) die französischen Stellungen zu umgehen. Der Einmarsch ins neutrale Belgien verursacht zudem den Kriegseintritt der belgischen Garantiemacht Großbritannien.

Damit ist der 1. Weltkrieg als solcher begonnen und 'angezettelt'. Kein ernstzunehmender Historiker bezweifelt oder bestreitet diese Folge. Was – zu Recht – diskutiert wird ist die Frage einer deutschen 'Alleinschuld', also: Inwieweit kam den anderen beteiligten großen Staaten der Krieg nicht ganz unrecht, oder sogar zupass, um eigene ökonomische Interessen weltweit durchsetzen zu können (Stichworte: ökonomische Vormachtstellung in Europa, Neuverteilung von Kolonien).

Mit freundlichen Grüßen

Sabine Rau
Télévision Allemande ARD
Studio Paris WDR"


Die fragliche Formulierung lautet: "Deutschland, das den Nachbarn überfallen und diesen Krieg angezettelt hat". Auf "überfallen" geht die Holde gar nicht erst ein – wie sie ja auch die russische Generalmobilmachung vom 30. Juli weglässt –, weil sie weiß, dass der Terminus nicht zu halten ist. "Überfallen" bedeutet: einen arglosen, unvorbereiteten Nachbarn attackieren, sonst sagt man: "angreifen". Da Frankreich im selben Maße kriegsbereit war wie das Kaiserreich und dem Angriff eine Kriegserklärung vorausging, ist der Begriff "überfallen", wie ich hier bereits schrieb und gern wiederhole: deutschfeindliche Hetze as ad nauseam usual. Nicht einmal Belgien wurde "überfallen", denn das Reich stellte diesem Nachbarn das sogar halbwegs freundliche Ultimatum, wenn man den deutschen Truppen den Durchmarsch gestatte, werde Deutschland für sämtliche eventuell entstehenden Schäden aufkommen.

Kommen wir zu "angezettelt". Das Etymologische Lexikon schreibt dazu: "Ursprünglich Ausdruck der Webersprache: die Zettel (Längsfäden) eines Gewebes vorbereiten, dann übertragen für anstiften, in der Regel im negativen Sinn". Anzetteln heißt: etwas in böser Absicht vorbereiten oder herbeiführen. Man kann zum Beispiel eine Verschwörung anzetteln. Wer einen Krieg anzettelt, ist sein Verursacher. Wer anzettelt, ist schuldig. Es ist immer einer (im Sinne von: eine Partei, eine Seite), der anzettelt. Ich habe noch nie von einer kollektiven Anzettelung von was auch immer gelesen. Der Dummenfangversuch, Serbien und Österreich für den Regionalkonflikt, Deutschland aber für den Weltkrieg verantwortlich zu machen, wird vor diesem Hintergrund erst recht deutlich.

Fassen wir zusammen: Wer einen Krieg "anzettelt" und seinen Nachbarn "überfällt", ist der alleinschuldige Schurke. Exakt das hat die Tagesschau am 10. November verkündet, und ich habe keinen Zweifel, dass es genau so intendiert war. Aus der Sache kann sich die Mamsell mit einem Kurzreferat aus der historischen Klippschule nicht winden...


PS: "Folge ich der Dame Rau", notiert Leser ***, "könnte der deutsch-polnische Konflikt, die Krise von 1939, dann nicht auch als ein regionaler interpretiert werden", der erst durch die Kriegserklärungen Frankreichs und Englands zum Weltkrieg eskalierte? Und unterlägen die Bündnisse zwischen den Staaten von 1939 – "übrigens auch Blankoschecks, wie z.B. der von England an Polen – anderen Kriterien als der von 1914 an Österreich? Von den Drangsalen, die die deutsche Bevölkerung unter polnischer Herrschaft zu ertragen hatte, ganz zu schweigen."

Für meine Begriffe begann der Zweite Weltkrieg ohnehin mit dem japanischen Angriff auf China im Juli 1937. Bekanntlich endete er auch erst mit der Kapitulation Japans am 2. September 1945. 


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"Birgit Schrowange" – wer auch immer das sein mag – "ist zum ersten Mal wieder verliebt", ruft es von den Nachrichtenbildschirmen auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Na hoffentlich klappt es bei diesem Debüt besser als bei den vorhergehenden!