Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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13. November 2017


"Eine Eigenschaft geistig Träger, die am meisten ins Auge fällt, ist ihre unverwüstliche Aktivität."
Stanisław Jerzy Lec


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Ist es nicht bemerkenswert, dass die Saurier und mit ihnen das Gros aller Arten, die jemals diesen Planeten bewohnten, ganz ohne menschengemachte Ursachen und grünes Begleitgeschwafel aussterben konnten?


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Meine samstägliche Betrachtung bzw. Rezension des Legutko-Buches "Der Dämon der Demokratie" hat zahlreiche Besucher des kleinen Eckladens zu Kommentaren animiert. Leser *** etwa verweist auf Nicolás Gómez Dávila, der, ähnlich wie der polnische Philosophie-Professor, die Parallelen zwischen Sozialismus und liberaler bzw. liberistischer Demokratie bzw. Demokratur aus katholischer Perspektive zieht (die nicht meine ist), und zitiert aus dessen Band "Texte" ("Textos") von 1959 die folgenden Passagen:

"Sowohl Kapitalismus als auch Kommunismus (...) bewegen sich auf verschiedenen Wegen zu einem ähnlichen Ziel. Ihre Anhänger schlagen ungleiche Techniken vor, aber sie huldigen den gleichen Werten. Die Lösungen trennen sie; ihre Bestrebungen machen sie zu Brüdern. (...) Die bürgerlichen und die proletarischen Ideologien sind (...) rivalisierende Fahnenträger einer einzigen Hoffnung. Der Kapitalismus sieht sich nicht als bürgerliche Ideologie, sondern als Gebäude der menschlichen Vernunft; der Kommunismus erklärt sich nicht zur Klassenideologie, sondern behauptet, das Proletariat sei der einzige Vertreter der Menschheit. (...) Der Dogmatismus ihrer Doktrinen, die ansteckende Verbreitung, die fanatische Hingabe, zu der sie anstiftet, das fieberhafte Vertrauen, das sie weckt, haben beunruhigende Parallelen angedeutet. (...) Die moderne demokratische Religion ist futuristischer Anthropotheismus. Die Idee des Fortschritts ist ihre Theodizee. (...) Die demokratische Menschheit häuft technische Erfindungen mit fiebrigen Händen an. Es bedeutet ihr wenig, ob die technische Erfindung sie erniedrigt oder ihr Leben bedroht. Wenn ein Gott seine Waffen schmiedet, verachtet er die Verletzungen der Menschen. (...) Wer gestattet, daß ein religiöser Einwand die Fortentwicklung eines Geschäftes stört, daß ein ethisches Argument eine technische Neuerung verbietet, daß ein ästhetisches Motiv ein politisches Vorhaben abändert, verletzt die bürgerlichen Gefühle und verrät das demokratische Projekt. (...) Der wirtschaftliche Raubzug gipfelt in einem armseligen Individualismus, in dem die ethische Gleichgültigkeit sich als intellektuelle Anarchie fortsetzt. Die Hässlichkeit einer Zivilisation ohne Stil bestätigt den Triumph der verkündeten Souveränität, als wäre eine schamlose Vulgarität die von den demokratischen Bemühungen ersehnte Trophäe. In die Flammen der albernen Verkündigung wirft das Individuum – als wären es heuchlerische Gewänder – die schützenden Riten ab, die wärmenden Konventionen, die es erziehen durch traditionelle Gesten. In jedem befreiten Menschen gähnt ein schläfriger Affe und erhebt sich."

Ganz anders sehen die Libertären unter den Eckladenbesuchern die Angelegenheit. "Im großen ganzen finde ich die Kritikpunkte an der realen ‚liberalen Demokratie’ nicht sehr neu", notiert Leser *** (mir fiel bei dieser Gelegenheit ein, dass Robert Spaemann sein Buch "Ethik" mit der Bemerkung eröffnete, er hoffe, darin nichts Neues zu sagen). Die meisten Gedanken Legutkos seien schon einmal vorgetragen worden, nämlich "von den großen Autoren der liberalkonservativen oder ‚neoliberalen’ Kehre der dreißiger/vierziger Jahre, die mit ähnlichen Erscheinungen zu kämpfen hatten wie wir heute (etwa mit dem Rooseveltismus)." Also von Popper, Hayek, Kühnelt-Leddihn oder Jacob Talmon. Oder, wie ein weiterer Leser anmerkt, von Roland Baader, der bereits 1991 in seinem Buch "Kreide für den Wolf" prophezeit hatte:

"Der Sozialismus am Ende? Nein, Freunde: Niemand ist weiter von der Realität entfernt als jene, die glauben, durch den Bankrott der östlichen Herrschaftssysteme liege der Sozialismus in Agonie. Ganz im Gegenteil: Im Gewand des Reformators, des Erneuerers, des vom Stalinismus gereinigten, in den Schnell-Waschanlage mit Glasnost und Perestroika gewachsten, von den Betonköpfen befreiten Edel-Erlösers taucht er im neuen Cherub-Gewand wieder auf, gewinnt er durch das theatralische Ablegen seiner Stasi- und Kalfaktor-Fratze, durch das Überziehen einer demokratischen, diskussionsfreudigen und pluralistischen Maske erst so richtig an charismatischer Heilsaura."

Allerdings, so Leser ***, hätten diese nationalkonservativen Autoren keineswegs gefolgert, nun gleich die gesamte freiheitliche Demokratie dranzugeben. "Der große Fortschritt der fünfziger Jahre lag ja nicht darin, dass die Konservativen sich an die Demokratie anpassten, sondern dass die Demokratie sich (unter amerikanischem Einfluss) soweit neu interpretierte, dass zum ersten mal Konservative dort selbstbewusst ihren eigenen gleichberechtigten Platz beanspruchen und finden konnten. Warum sollten wir das freiwillig wieder aufgeben? Und für was?"

Nun habe freilich auch ich nicht dafür plädiert, die "freiheitliche Demokratie" abzulehnen (Legutko übrigens auch nicht), denn ich stamme aus der DDR und habe ein Organ für Differenzen. Allerdings weiß ich nicht, wo ich besagte Demokratie vorfinden sollte oder dürfte; wer als Konservativer allzu selbstbewusst seinen gleichberechtigten Platz beansprucht, den brüllen sie an den Unis nieder, zu dem kommt die Antifa und zündet ihm das Auto an oder schmeißt ihm die Scheiben ein. Hier scheint mir weniger etwas aufzugeben als zu erringen...  

Was Leser *** zu folgender Betrachtung veranlasst: "Meines Erachtens ist unser System weder liberal noch demokratisch. Allenfalls wurde es zu Zeiten des kalten Krieges aus machtpolitischen Erwägungen heraus etwas liberaler, demokratischer und auch nationaler gehalten, um so als Identifikationspol zum Ostblock, insbesondere den Ostdeutschen zu erscheinen. Dieses System ist vor allem eines: sozialistisch! Vielleicht ist es tatsächlich nur eine Ausprägung der so genannten – wir erinnern uns – 'Strategie und Taktik' auf dem Wege zum Kommunismus. Genauso wie die von diesem 'liberal-demokratischen' System entworfene 'Eine-Welt-Theorie' (ökonomisch: 'Globalisierung') wohl nur einer kontrollierten 'Weltrevolution' in Marxschem Sinne entspricht. Der Grad der sozialistischen Vulgarität nimmt proportional zur Steuer- bzw. Staatsquote zu. Was meine indoktrinierten Gesprächspartner immer besonders ärgert, ist dabei mein Hinweis, daß die Pioniere des derzeitigen Wirtschaftssystems die Nationalsozialisten waren. Sie haben nicht wie die Bolschewisten enteignet, sondern die Eigentumsverhältnisse formal belassen. Und dann nach dem Motto wirtschaften lassen: Du Kapitalist darfst Deine Produktionsinstrumente behalten aber ich als (sozialistischer) Staat bestimme, wann und wo Du wie, wieviel und zu welchen Bedingungen produzierst und selbstredend liegt das unternehmerische Risiko bei Dir und ich bekomme einen nach oben offenen Anteil des von Dir erwirtschafteten Gewinns in Form von Steuern."

Die Kritik von eher links liest sich wiederum so: "Alles richtig beobachtet. Man könnte natürlich auch schreiben: 'Die wahnsinnigen Geldsäcke tun alles, um die von überflüssigen Münzen zu befreienden Sansculotten glauben zu machen, dass sie sich ausschließlich um Sex, Karrieren, exotische touristische Ziele und völlig unexotische Herkömmlinge kümmern sollten. Keinesfalls sollten sich 'die Menschen' darüber aufregen, dass Geistliche des globalen Geldgottes sie mit smarten iPhones und sowie der Phrase 'Digitale Revolution' verdummen, den 'Krieg auf Erden alternativlos!' predigen sowie Kinder, Dumme und Dunkelgetönte – selbstverständlich gemäßigt – verhungern lassen."

Also Leute, mir ist das alles zu hoch. Ich möchte vor allem in Ruhe gelassen werden, und genau das erwarte ich von einem Staat: dass er seine hobbes’schen Aufgaben zur Gewährleistung inneren und äußeren Friedens erledigt – die einzigen, wofür ein Staat Loyalität einklagen kann –, und mich ansonsten vor den Begehrlichkeiten dieser gar nicht besonders zivilisierten und unangenehm klebrigen "Zivilgesellschaft" schützt, mit einem Wort: dass er ein Rechtsstaat ist, in dem jeder unbehelligt nach seiner Façon leben kann.


PS: Leser *** nimmt Bezug auf meine Bemerkung, dass sowohl Kommunisten aus auch Liberaldemokraten atheistisch seien und fragt: "Was ist schlecht am Atheismus? Ich bin 1964 in der DDR geboren und ohne Gott aufgewachsen, aber nicht ohne Kultur, Bildung und bürgerliche Werte. Aber immer wieder stelle ich fest, dass Atheisten unterstellt wird, sie hätten keine Werte und keine Moral. Dabei werden dann die üblichen Verdächtigen der jüngeren Geschichte zur Begründung herangezogen, aus meiner Sicht ein klassischer Fehlschluss, was hat Atheismus mit der jeweils herrschenden Ideologie zu tun und was macht einen Monotheisten zu einem besseren Menschen?"

Nichts, geehrter Herr ***. Es ist nur die Beschreibung einer Gemeinsamkeit beider Systeme, welche zum Ausdruck bringt, dass beider Weltentwürfe die Ansprüche des Menschen – "der Menschheit" – vergotten, damit ihre jeweilige Priesterschaft sich unter dem Vorwand, die Aufträge von höherer Adresse zu empfangen, an die Spitze der Gesellschaft drängeln kann. Aber auch dieses Problem – des Menschen fatale Neigung zur Vordrängelei unter Vorspiegelung höchster Ziele – ist unlösbar und sollte am besten bei einem guten Rotwein ignoriert werden.


                              ***


Leser *** sendet einen kleinen Nachtrag zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution.

Kommt einer in die Lagerbibliothek und fragt: "Haben Sie hier das Buch von Jablonski?"
Sagt der Leiter: "Das Buch nicht, aber den Autor."