Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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9. November 2017


Absurde aktuelle Stunde im Stuttgarter Landtag auf Antrag der Grünen. Titel: "Kunst ist eine Tochter der Freiheit – eine Debatte aus Anlass des Falls ‚Serebrennikov’ in der Oper Stuttgart". Falls Sie den "Fall" nicht mitbekommen haben: Kirill Serebrennikow ist ein russischer Theaterregisseur, der an der Oper Stuttgart Humperdincks "Hänsel und Gretel" inszeniert hat (genau, es handelt sich um die hier bereits angesprochene trendige Inszenierung mit zwei schwarzen Titelfiguren), zugleich Leiter des Moskauer Gogol-Zentrums, und steht seit August wegen (angeblicher) Veruntreuung von Staatsgeldern in Höhe von rund einer Million Euro unter Hausarrest. Was an dem Vorwurf dran ist, wird sich zeigen oder auch nicht. Absurd war die Landtagsdebatte aus einem anderen Grund: Es war ein Steinewerfen aus dem Glashaus – und ich habe den Redebeitrag der Grünen noch nicht einmal gehört, weil mein Zug Verspätung hatte. Ich lauschte immerhin Petra Olschowski, der Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, sowie dem FDP-Abgeordneten Nico Weinmann. Beide zogen gegen die Einschränkung der Kunst- und Meinungsfreiheit in Putins Russland zu Felde, und entweder bemerkten sie es nicht oder sie sind wirklich so abgezockt, aber fast alles, was sie an Russland kritisierten, müssten sie auch an Deutschland rügen: die immer mehr um sich greifenden Zensur, die in der Bevölkerung wachsende Angst, seine Meinung zu äußern, die schleichend strangulierte Freiheit von Wissenschaft und Kunst, die Ächtung von Andersdenkenden...

Es ist ja gerade mal zwei, drei Monate her, dass der Spiegel seine Bestellerliste fälschte, um Rolf Peter Sieferles "Finis Germania" verschwinden zu lassen, dass Buchhändler dieses Buch boykottierten, dass eine gesamte Sachbuchjury seinetwegen aufgelöst wurde. Und erinnern wir uns daran, dass die Katzenkrimis des Akif Pirincci praktisch für seine politischen Bücher in Sippenhaft genommen und eingestampft wurden und aus manchen Bibliotheken verschwanden.

Oder nehmen wir einen gerade aktuellen Fall aus Berlin. Das Gedicht "avenidas" von Eugen Gomringer, das auf der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Hellersdorf steht, soll entfernt werden, weil der Asta und der Zeitgeist es so wollen, denn, so heißt es in einem offenen Brief, dieses Gedicht vertrete "eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren" und erinnere "zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind" (ich habe keine Ahnung, was die Sternchen im Text bedeuten sollen, aber es scheint etwas eminent Bedeutendes zu sein). Zwar beschreibe Gomringer in seinem Gedicht "keineswegs Übergriffe oder sexualisierte Kommentare, und doch erinnert es unangenehm daran, dass wir uns als Frauen* nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches ,Frau*-Sein‘ bewundert zu werden. Eine Bewunderung, die häufig unangenehm ist, die zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führt." Wetten, dass diese Hochbegabten zugleich für die "Willkommenskultur" trommeln?

Das 1953 verfasste Gedicht des bolivianisch-schweizerischen Schriftstellers ist lediglich eine puristische, minimalistische Beschreibung dessen, was ein Flaneur halt so sieht:

avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Blumen und Frauen in einem Atemzug! Sah ein Knab' ein Röslein stehn, wie? Na der soll nach Russland gehen mit seinen sexistischen Phantasien!

Erinnern wir uns ferner an das Wandgemälde im Beruflichen Schulzentrum für Wirtschaft in Chemnitz, 30 Quadratmeter groß, das 2010 übermalt wurde, weil der Künstler, Benjamin Jahn Zschocke mit Namen, Mitarbeiter der Stadtratsfraktion von "Pro Chemnitz" war und bei seinem Stadtpanorama-Gemälde die Kuppel der Markthalle mit einem Keltenkreuz versehen hatte, angeblich ein Nazi-Symbol. Oder, um wieder in die Gegenwart zu wechseln: In der Mensa der Uni Göttingen wurden jetzt nach Beschwerden bei der Gleichstellungsbeauftragten die Bilder der Ausstellung "Geschmackssache" entfernt, angeblich waren sie "sexistisch" und diskriminierend ohnehin, weil sie allzu perfekte Frauenkörper zeigten. (Aber es gibt doch keine anderen!)

Überall ist in den vergangenen Jahren der Gesinnungsdruck gestiegen, in den Schulen, an den Universitäten, in Kirchen, Parteien, Medienhäusern, Vereinen, überall herrschen Bekenntniszwang und der Eifer, auf der richtigen Seite zu stehen. Wer den immer enger werdenden Korridor des Erlaubten verlässt, ist schnell seine Reputation oder gleich den Job los, wird nicht mehr eingeladen, muss sehen, wie er seinen Lebensunterhalt bestreitet. Erinnern wir uns all der Hexenjagden auf unangepasste Professoren von Nolte bis Baberowski, all die Anschläge auf Oppositionspolitiker und ihre Häuser, Büros, Autos, an das Netzwerksdurchsetzungsgesetz und so fort. Aber die Landtagsredner erwähnten nichts dergleichen, sondern es ging ausschließlich um Russland. Der FDP-Mann warf Putin vor, dass er die Meinungsfreiheit auf Umwegen einschränke, weil Zensur in Russland ja verboten ist. Aber genau dasselbe passiert doch auch hier! Im Internet hat Justizminister Maas mit massiven Strafdrohungen Unternehmen wie Facebook die Zensur aufgebürdet, um diese verfassungswidrige Drecksarbeit nicht direkt dem Staat zu überantworten, und im Alltag übernimmt die sog. Zivilgesellschaft diese Mission, auf dass sich die Oberzensoren jederzeit herausreden und auf die vermeintliche Freiwilligkeit der täglichen Gesinnungshatz verweisen können, während von ihnen bewilligte Millionenbeträge in den "Kampf gegen rechts" und all die anderen Töpfe fließen, aus denen die modernen Spitzel und Inquisitionszuarbeiter alimentiert werden.

Der FDP-Redner entblödete sich ferner nicht, die Hürchen von "Pussy riot" als Zeugen für Putins Einschränkung der Kunstfreiheit aufzuführen. Was würde unser Schelm wohl sagen, wenn das Trio sein nächstes "Punk-Gebet" – O-Ton: "die Kirche ist die Scheiße Gottes" – in einer deutschen Moschee (oder Synagoge) zelebrierte? Auch ein Alexej Nawalny muss für die Verfolgung der Opposition in Russland herhalten. Was ist dann aber umgekehrt mit den "Reichsbürgern" oder der NPD in Deutschland?

Eine Besonderheit das baden-württembergischen Abgeordnetenrechts gibt fraktionslosen Parlamentariern die Möglichkeit, zu jeder Debatte für zwei Minuten das Wort zu ergreifen. Das tat der Abgeordnete Wolfgang Gedeon auch diesmal, und er brachte das Problem auf den Punkt: "Sie reden hier von Kunstfreiheit, tatsächlich geht es um Geopolitk und die Isolation Russlands", sagte er. Und was den Herrn Nawalny betrifft: der befände sich "so weit rechts von der NPD, der würde hier im Gefängnis sitzen". Aber auch das wäre etwas ganz anderes. Im Gegensatz zu Russland werden hier nur Leute verfolgt und mundtot gemacht, die es verdient haben.