Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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7. November 2017


Wenn früher beim Fußball die Mannschaften gewählt wurden, gab es die guten Jungs, die man unbedingt in seinem Team haben wollte, eine breite Schar mittelmäßiger Spieler sowie schließlich diejenigen, mit denen nichts anzufangen war und die bis zuletzt übrigblieben. Bekäme ich die Aufgabe, eine Truppe zusammenzustellen, die sich auf dem publizistischen Spielfeld tummeln sollte, ich würde als erstes Alexander Wendt auswählen. Der gebürtige Leipziger ist das, was man im Fußball einen kompletten Spieler nennt: gescheit, belesen, von der Poesie bis zu den Naturwissenschaften vielseitig interessiert, trendresistent, unangepasst, ein guter Rechercheur, ein manischer Arbeiter überdies, und da er selber in einem Buch offenbart hat, dass er unter Depressionen leidet, kann ich hier ruhigen Gewissens eröffnen, dass meine Sottise "Ich mag depressive Kollegen. Sie bekommen nie ein Burn-out" auf ihn anspielte. Er hat mich oft verblüfft mit dem, was er alles weiß.

Wendt arbeitet bekanntlich bei Focus, das heißt, wir waren Kollegen und sind über meinen Weggang hinaus Freunde geblieben wenn nicht gar erst geworden, doch der geneigte Leser darf sicher sein, dass die folgenden Zeilen keinen Iota anders ausgefallen wären, wenn ich ihn nicht persönlich kennen würde.

Es ist heutzutage nicht einfach, gewisse Positionen, Fakten und Tatsachen in den Organen der Qualitätspresse unterzubringen, weil dort verantwortungsvolle Schriftleiter aufpassen, dass nicht auch noch die übriggebliebenen Leserrestbestände an jenem besten Deutschland irre werden, das es je gab und das sein Dasein vor allem in den oppositionskritischen Wahrheitsmedien führt. Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, wie ermüdend es ist, sich seiner Themenvorschläge und Ansichten wegen dauernd rechtfertigen und jedes Wort auf die Tugendwächterwaage legen zu müssen. To make a boring story short: Wendt, der ohnehin immer für mindestens zwei arbeitet und dessen Facebook-Notate sich eines esoterischen Ruhms erfreuen, hat nun parallel zu seinem Focus-Job ein eigenes Internet-Magazin ins Leben gerufen. Es heißt Publico und ist seit gestern online.

In überschaubaren fünf Rubriken – Politik & Gesellschaft, Medien & Kritik, Spreu & Weizen, Hausbesuch, Fake News – offeriert der Autor seine Texte. Einer, der Aufmacher sozusagen, widmet sich der Berliner innerstädtischen Verwahrlosung, die noch weit zügiger voranschreitet als der Bau des Flughafens Schönefeld, und endet in der reizenden Conclusio: "Es ist faszinierend zu sehen, wie Angela Merkel und ihre Bediensteten über einen Marshallplan für Afrika nachdenken – unter anderem – während die zuständigen staatlichen Stellen nicht einmal kleinste Areale sicherheitstechnisch in den Griff bekommen, die selbst unter Umständen des Berliner Baustellenumfahrungsverkehrs nur 30 Autominuten vom Kanzlerinnenschreibtisch entfernt liegen."

Das erste Publico-Interview führte Wendt mit dem Berliner Historiker Jörg Friedrich, der unter anderem ein opulentes Buch über den Koreakrieg geschrieben hat und angesichts der drohenden Fortsetzung desselben – also nicht des Buches, sondern des Krieges – auf die Frage: "Nehmen wir einmal an, Sie wären Sonder-Sicherheitsberater von Präsident Trump in der Korea-Frage. Was würden Sie ihm raten?" antwortet: "Raten? Ich würde darauf hinwirken, dass er verhaftet wird. Immerhin hat er Nordkorea vor der UN-Vollversammlung mit der völligen Vernichtung gedroht. Das heißt, er würde im Ernstfall 25 Millionen Menschen pulverisieren."

Höre ich als Trumpianer nicht gern, muss aber mal gesagt werden.

Der Premieren-Hausbesuch wiederum fand zu London statt; Wendt, der als der beste journalistische Kenner der Energiewende gelten darf und eine kundige Kritik des deutschen Sonderwegs ins energiepolitische Wolkenkuckucksheim geschrieben hat, war zu Gast bei dem britischen Publizist Rupert Darwall, dessen Buch "Green Tyranny Exposing The Totalitarian Roots Of The Climate Industry Complex" demnächst auch auf deutsch erscheinen wird. Lesen, das eine wie das andere!

In der Rubrik "Fake News" entlarvt das Ein-Mann-Magazin die Nachricht, AfD-Wähler seien  besonders anfällig für Fake News, als – na was schon? Unter "Spreu & Weizen" preist Wendt das Magazin Lapham’s Quarterly, welches "zum Schönsten und Klügsten gehört, was es in einigen ausgewählten Zeitschriftenläden zu kaufen gibt". Der, wie man sagt, brisanteste Publico-Premierenbeitrag ist eine Betrachtung über die von CDU, SPD und Grünen geplante Ausdehnung des Wahlrechts auf Ausländer. "Gelingt der Plan, dann würde sich das Land stärker ändern als durch die Migrationswelle", lautet die Prognose. Dann bekommt Deutschland sogar Wähler geschenkt!

Es ist immer ein Vergnügen, Alexander Wendt zu lesen, welch üble Themen er auch bisweilen traktiert.

Publico finden Sie hier.


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Gestern erst hab ich das größte Dummchen des deutschen TV-Journalismus – den Titel muss man sich gegen die bärinnenstarke Konkurrenz erst mal verdienen! – als intime Kennerin der linksrheinischen Blutkirmes von 1789ff. zitiert, da sendet mir Leser *** einen großen Artikel aus der Rheinpfalz, welcher anhebt mit der Überschrift "Die Wiege der Demokratie" und fortfährt: "Am 10. November 1792 stimmten über 90 Prozent der Bergzaberner Bürger für die Trennung vom Herzogtum Zweibrücken. Mit einem 'Platz der Bergzaberner Republik' soll nach dem Willen des Stadtrats künftig an dieses Ereignis erinnert werden". Die Bergzaberner sandten damals nämlich eine Botschaft an den Pariser Konvent – immerhin hatten sie nach den Massacres de Septembre taktvoll einen Anstandsmonat verstreichen lassen –  und baten um die Aufnahme in die Französische Republik, wo bald darauf die Guillotine zum Dauereinsatz zur Durchsetzung republikanischer Ideale kommen sollte. Ludwig XVI. wurde am 21. Januar 1793 enthauptet, und unter Singen, Tanzen und Applaus, vor allem aber Essen und Trinken rollten die Schädel der Republikfeinde (man hatte ja weder youtube noch Pro7), was unter den Bergzabernern womöglich ein gewisses Befremden hervorrief, jedoch keine Sezession zur Folge hatte. Manche halten die emanzipatorischen Metzeleien anscheinend für die immer wieder neu zu feiernde Geburtsparty der Demokratie – und vielleicht haben sie sogar recht damit. Merke: Verbrechen sind legitim, wenn sie der Durchsetzung der Demokratie dienen. Bzw.: "Der demokratische Hauslehrer lehrt, dass der Demokrat nur tötet, weil seine Opfer ihn dazu zwingen." (Gómez Dávila)