Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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5. November 2017


In mindestens jedem zweiten Fall ist die Klage über Sexismus bloß eine Simulation des Begehrtseins, eine Chiffre des Sichbegehrtfühlenwollens seitens derer, die nicht begehrenswert sind.

Überhaupt kann man den Anteil des Ressentiments an der Entstehung des Feminismus und all seiner gleichstellungs- und genderkokoloristischen Ableger gar nicht hoch genug veranschlagen.


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Jedoch die Sonntage immer ...!

Beim Kramen in alten Kisten findet man mancherlei, und ich stieß bei dieser Gelegenheit auf zwei Faxe, die ich mir aufgehoben und zugleich vergessen hatte. Sie stammen aus dem Jahr 1999, ich sende sie jetzt in die cloud und entsorge die Originale. Numero uno (ich bitte um Pardon für die Qualität, ich besitze keine Scanner):

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1999 war "Goethe-Jahr", näherhin der 250. Geburtstag des Dichters, Forschers, Politikers, Komplettmenschen, und Focus hatte diverse sog. Prominente mit der Frage "Lesen Sie Goethe?" traktiert. Die Stimmung in den Feuilletons war damals eher anti-goethisch, der "Zwischenfall ohne Folgen" (Nietzsche) war längst zum erledigten Fall geworden, der dem finalen "Fuck you" entgegenstrebte, und mir schienen vor allem die Statements des amtierenden Bundeskanzlers Gerhard Schröder, welches Sie eben gelesen haben, sowie das seines Amtsvorgängers beredte Zeugnisse dafür zu sein (auch wenn es natürlich irgendwelche Referenten waren, die diesen Stuss zusammenschrieben haben, so taten sie es doch im Geiste ihrer Herren):
 


Man sieht, für beide Kanzler besteht kein Verhältnis zum Gegenstand, der ist allenfalls eine Schulerinnerung, und beide beantworteten die Frage gar nicht erst, weil die Antwort "Nein" lauten würde; stattdessen bedenken sie die Öffentlichkeit mit den üblichen Floskeln, wobei mir vor allem der Schrödersche Einsatz des Zitats imponierte, der so schön nach Eröffnung eines Sportlerheims oder Kegelclubs klang – "Suchen Sie einfach irgendeinen passenden Vers aus!", mag der Gerhard zu seinem Adlatus gesagt haben, und der wurde gleich im "Faust"-Prolog fündig –, womit das andere Zitat, der eine gewisse Intimität suggerierende und irgendwo aufgeschnappte "Geheimbde Rat", sozusagen spannungstektonisch aufgefangen wurde. Wir wollen uns jetzt, apropos Spannungstektonik, nicht ausmalen, wie die Antworten von Bismarck, Rathenau oder Heuss ausgefallen wären, weil wir uns auch nicht vorstellen mögen, welche Auskünfte Merkel, Schulz oder Hofreiter geben würden. Politiker sollen schließlich ihren Job machen und nicht kennerisch Dichter zitieren oder durch Vernissagen schweifen bzw. wenn sie das eine nicht können, sollen sie das andere erst recht lassen. 

Es gab weiland übrigens neben dergleichen Alibi-Aussagen sowie den ihrerseits konventionellen Bekundungen einiger Gebildeter (Nolte, Fest, Baring, Sloterdijk) ein paar ganz originelle Statements. "Die Goethe-Lektüre ist für mich so etwas wie eine Verpflichtung: Ich habe ja in Weimar das Duplikat seines Gartenhauses eingeweiht und dafür diese Ur-ur-ur-ur-ur-ur-Enkeltochter erfunden und präsentiert, die angeblich einem Seitenspring von 1801 entstammt. Ich beherrsche auch Goethes Handschrift", schrieb etwa Konrad Kujau, Jürgen Dormann, Chef der Hoechst AG, empfahl "als Zugang und Verständnishilfe" die Lektüre von Friedrich Gundolf, und Alexander Schalck-Golodkowski notierte: "Zu meinem 40. Geburtstag hat mir das Ministerium für Staatssicherheit eine wertvolle Goethe-Ausgabe geschenkt. Ich habe früher viel darin gelesen und schaue auch heute ab und zu hinein. Goethe ist etwas für Feinschmecker. Mein Leitspruch vor allen Untersuchungsausschüssen war eine der 'Xenien': 'Wahrheit sag ich euch, Wahrheit und immer Wahrheit, versteht sich: Meine Wahrheit; denn sonst ist mir auch keine bekannt.'"


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Am 2. Oktober 1824 schreibt Heinrich Heine an seinen Freund Rudolf Christiani:

"Über Göthes Aussehen erschrak ich bis in tiefster Seele, das Gesicht gelb und mumienhaft, der zahnlose Mund in ängstlicher Bewegung, die ganze Gestalt ein Bild menschlicher Hinfälligkeit. Vielleicht Folge seiner letzten Krankheit. Nur sein Auge war klar und glänzend. Dieses Auge ist die einzige Merkwürdigkeit, die Weimar jetzt besitzt. (...) In vielen Zügen erkannte ich den Göthe, dem das Leben, die Verschönerung und die Erhaltung desselben, so wie das eigentlich Praktische überhaupt, das Höchste ist. Da fühlte ich ganz klar den Contrast dieser Natur mit der meinigen, welcher alles Praktische unerquicklich ist, die das Leben im Grunde geringschätzt und es trotzig hingeben möchte für die Idee. Das ist ja eben der Zwiespalt in mir, daß meine Vernunft in beständigem Kampf steht mit meiner angeborenen Neigung zur Schwärmerey. Jetzt weiß ich es auch ganz genau, warum die göthischen Schriften im Grunde meiner Seele mich immer abstießen, so sehr ich sie in poetischer Hinsicht verehrte und so sehr auch meine gewöhnliche Lebensansicht mit der göthischen Denkweise übereinstimmte. Ich liege also in wahrhaftem Kriege mit Göthe und seinen Schriften, so wie meine Lebensansichten in Krieg liegen mit meinen angeborenen Neigungen und geheimen Gemüthsbewegungen. – Doch seyn Sie unbesorgt, guter Christiany, diese Kriege werden sich nie äußerlich zeigen, ich werde immer zum götheschen Freykorps gehören, und was ich schreibe, wird aus der künstlerischen Besonnenheit und nie aus tollem Enthousiasmus entstehen."

Man sieht: Heine ist der "deutschere" von beiden, aber er weiß, wohin er gehört...