Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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2. November 2017


Mein Monatsend-Arrangement hat einige Leserreaktionen ausgelöst, die um die Frage kreisen, ob denn der Wein zur Speise passe. Ein Leser etwa vermisst einen Vernatsch, ein anderer hätte Weizenbier erwartet, ein dritter, "Tiroler", fragt sanft empört: "Wo hat man Ihnen das vorgesetzt? Sollte Ihnen das so in Tirol aufgetischt worden sein, gehören dem Wirt sofort die Standschützen auf den Hals gehetzt. Oder haben Sie das so bestellt? Na ja, mit den Preiß'n kann man es halt machen. A Weißwein zum Speck isch a Todsünd."

Es war in Südtirol, in der Tat, wo ich mir diese wohlschmeckende, preiswerte und in nur 1000 Meter über Normalnull verabreichte Jause genehmigte. Den Weißen habe i c h bestellt, weil ich tagsüber nur Weißwein trinke – der Smoking soll nur künstliches Licht sehen, und mit dem Roten halte ich es ebenso –, einen Weißen zum Schinken erachte ich für passend, und mit den meisten Käsen verträgt sich Weißwein sowieso. Also bitte!


                                 ***


Leser *** wiederum mahnt, ich möge doch die im Namen dieses Diariums verheißene Täglichkeit der Acta nicht durch mehrtägiges Schweigen dementieren. Es gibt, scheint’s, ein neues Grundrecht: Unser (tägliches) Actum diurnum gibt uns heute! Ich führe kein Buch darüber, bin mir aber sicher, dass *** den Klingelbeutel gelegentlich mitbefüllt hat (wer noch säumig ist, beruhige sein Gewissen hier). Also, die Sache verhielt sich so, dass ich die Tiroler Berge durch das Westufer des Gardasees ersetzte, morgens dort erwachte, das Fenster öffnete und diesen Blick genoss:

20171101_102026.jpg

Sodann war ich durchaus willens, mich um die Grundversorgung der geschätzen Leserschaft zu kümmern und mich hier niederzulassen:



Dazwischen kam freilich dies:



Zusammen mit diesem, meinen Arbeitswillen rasch zum Erlöschen bringenden Ausblick:



Existentielle Erwägungen bemächtigten sich meiner, das süße arge Südweh flammte auf, und die Acta verloren das Diurnische, legten aber tellurisch zu ...


                                    ***
 

Es gebe eine neue Plage am Gardasee, erzählt Freund ***, der sich dort einer temporären Sesshaftigkeit erfreut: die Mountainbiker. In Schwärmen und oftmals auf Rädern mit Elektromotoren komme die saisonale Heimsuchung über die Asphaltwege und Bergpfade gesaust oder gestrampelt und umrahme seine splendid isolation mit den Schrecknissen des Massentourismus. Früher seien ältere Herren spazierengegangen, hätten auf Parkbänken oder auf Restaurantterassen gesessen, um einen Café oder ein Glas Wein zu trinken, heute pressten sie sich in absurd enge sogenannte Funktionsbekleidung und quälten sich irgendwelche Bergpfade hinauf. Welch eine Sittenverluderung!


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Er liebe Händels Orgel- und Cembalo-Stücke, erzählt *** später beim Weine auf der Terrasse, und er stelle immer wieder mit Erstaunen fest, dass sogenannte Musikkenner sie geringschätzten. Wenn er Händel höre, stünde ihm immer ein heiterer Mensch vor Augen, der nach der Niederschrift seiner Kompositionen in die Gastwirtschaft gehe, gut esse und trinke und auch mal eine Zote reiße. Höre er dagegen beispielsweise Mahler, denke er an einen auf verkrampfte Weise ernsthaften Menschen, der überall Probleme sehe. "Überhaupt", resümierte ***, sei es "äußerst unvornehm, andere Menschen mit Problemen zu behelligen".

Und so immer fort.