Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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27. Oktober 2017


Ich hatte hier gestern den Versuch unternommen, das Buch "Mit Linken leben" von Caroline Sommerfeld und Martin Lichtmesz zu loben, aber dessen Gegenstand gleichzeitig als langweilig zu verwerfen –, denn was könnte es Langweiligeres geben, als mit Linken zu leben? vielleicht mit Salafisten zu trinken? –, was gründlich danebenging, woraufhin ich die kurze Notiz getilgt habe. Wenn ein talentierter Fotograf in immer neuen Variationen die Steppe ins Bild setzt, bleibt es doch die Steppe und nichts als das. Sommerfeld und Lichtmesz beschäftigen sich hingebungsvoll und akribisch, sarkastisch und humorvoll mit der umfassendsten geistigen Öde unseres Epöchleins: der westlichen, speziell natürlich deutschsprachigen Linken, die keinen Daseinsgrund mehr besitzt, weil längst sogar die Kanzlerin linke Politik macht und eine noch linkere Opposition eine noch linkere Politik nicht wirklich fordert, sondern dies nur fingiert, weil selbst der linkeste Linke nach dem Zusammenbruch der UdSSR kapiert hat, dass man die Kuh, die man melken will, nicht umbringen darf. Es geht um eine Linke, die keine Bewegung mehr ist, erst recht keine Avantgarde (sofern sie das je war), sondern eine abgestillte, pappsatte, dröge, dumpfe, aggressive, machtgeschützte, medial mit einheitsparteilicher Verve unterstützte, von der evangelischen Kirche bis zum DFB, von der taz bis zur Bertelsmann-Stiftung getragene, eine umfassende Mentalitätsherrschaft ausübende Großclique, die keine Köpfe und Ideen mehr hervorbringt, dafür scharenweise Denunzianten und Mitläufer, die keinen Esprit mehr produziert, sondern buntbemalte begriffliche Stacheldrahtverhaue, die nicht provoziert, sondern wittert und Lunte riecht, die nicht protestiert, sondern verbietet, die an den Universitäten das freie Denken abgeschafft und durch einen grotesken Theoriekrieg gegen die Realität ersetzt hat, die sich im "Kampf gegen rechts" zum Endaufklärungs-Thing und Totemdienst versammelt und deren Bodentruppen jeden schikanieren, der aus der Reihe tanzt und rote Linien überschreitet – wobei die gesamte Chose sofort zusammenbräche, käme eine Regierung an die Macht, die nichts weiter täte als das System der staatlichen Alimentierung abzuschaffen, sprich GEZ-Gelder weg, Staatsknete für den „Kampf gegen rechts“ und alle seine Antonio-Amadeu-Afterstiftungen weg, Bühnensubventionen weg, Kulturförderung für alles Zeitgenössische weg, Kirchensteuer abschaffen etc.

"Wir müssen mit Linken leben und sie mit uns", hebt das Buch menschenfreundlich an. "Die linke Ideologie ist heute in sämtliche Ritzen der Gesellschaft gedrungen", konstatieren Sommerfeld/Lichtmesz, und so leuchten sie auch noch die Ritzen aus und führen den Leser durch den gesamten begrifflichen und vor allem affektiven Raum ohne Volk, der heute von linksdrehenden, links sprechenden, links empfindenden, links heuchelnden Figuren bevölkert wird. Die Autoren definieren die verschiedenen Spielarten des Linksseins ("Statuslinke", "Ressentimentlinke", "Gefühlslinke", "Alt-68er" etc. ad nauseam pp.); ihr Glossar reicht vom "Virtue signalling" (= Tugendprahlerei) über das "Gaslighting" (= die Alltagserfahrungen der Menschen zur subjektive Wahrnehmungsstörung erklären) bis zum "Cuck", dem effeminierten westlichen Schrumpfmann, einer Parodie des Mannes, der gern "authentisch" ist und sich schämt und weint, wie mein journalistischer Zweitlieblingsnarr Hannes Stein, dem durch die Trump-Wahl das bergende überseeische Gesäß abhanden kam und der seine temporäre metapolitische Obdachlosigkeit in einem durchaus legendären Kommentar in der Welt beschrieb mit den gefügelten Worten: "Ich nahm ihre Hand (die seiner Frau – M.K.), dann weinte auch ich. 'Unser Sohn, unser Sohn', sagte ich." Und dann wechselte sie die Windeln und er machte das Bett, zog couragiert in den Kampf ins Büro, und abends traf man sich wieder zum seligen Aufeinandereinschluchzen... –

Sommerfeld und Lichtmesz analysieren all jene Phobien, die angeblich Rechte befallen und Linke nie, liebevoll widmen sie sich den Ängsten, die immer unbegründet bzw. "geschürt" sind, dem "Gedankengut", das immer rechts ist, dem Hass und der "Menschenverachtung", das eine in der öffentlichen Wahrnehmung so originär "rechts" wie das andere und so fort. Zur Widerlegung des "gängigen Narrativs: daß 'die Rechten' so etwas wie ein homogener, geschlossener Block von frustrierten Querulanten, Provokateuren und 'Abgehängten' seien", zitieren die Autoren "starke Eideshelfer" (Th. Mann), wobei das schönste, decouvrierendste Zitat von Jack Donovan stammt und lautet: "Wenn ein Mann mir versichert, er sei gegen Rassismus oder Sexismus oder Xenophobie oder Transphobie oder was auch immer gerade angesagt ist, dann ist alles, was ich sehe: Angst. Er hat Angst, seinen Job zu verlieren. Er hat Angst, seine Kunden zu verlieren. Er hat Angst, von der Schule geschmissen zu werden. Er hat Angst, von den Medien angeschwärzt zu werden. Er hat Angst, verklagt zu werden. Er hat Angst, sein Haus zu verlieren. Er hat Angst, seine Freundin oder Ehefrau zu verlieren. Er hat die Dienstvorschriften unterzeichnet (...), er kennt die Regeln, und er hat gesehen, was mit denen passiert, die gegen sie verstoßen haben. Viele Männer haben Angst, die Gedanken auch nur zu denken, die zu den Worten führen könnten, die ihnen Ärger einbringen können. Es ist gruslig. Ich verstehe es."

Es ist vor allem immer und immer wieder abstoßend, und öde und langweilig, und so bekam ich denn nach der Hälfte des Buches einen Wutanfall, schmiss das arme Ding in die Ecke, summte mit Johannes Gross: "Links zu sein bedarf es wenig" vor mich hin und schrieb besagte Kurzkritik des o. gen. steppenabholden Tenors, pardon, pardon. Denn selbstverständlich, geneigter Leser, sollten Sie dieses Buch lesen, sofern Sie sich nicht den Luxus leisten können, ohne Linke zu leben, doch wer kann das schon?

(Caroline Sommerfeld/Martin Lichtmesz: "Mit Linken leben", 328 S. Schnellroda 2017, bestellbar hier.)   


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Das Vergnügen am Erobertwerden ist weiblich. Die Grünen sind die Partei mit dem größten Frauenanteil und der größten Offenheit gegenüber dem Islam; die AfD hat den geringsten Frauenanteil und ist dem Islam gegenüber am abweisendsten. Wahrscheinlich bloß einer dieser Zufälle, von denen unser Dasein voll ist...


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Die Grundidee der Eurozone lässt sich gut beschreiben als die Übertragung des deutschen Länderfinanzausgleichs auf einen Kontinent. Bayern und Baden-Württemberg alimentieren Bremen, Berlin und NRW; Deutschland als ganzes (also wieder Bayern und Baden-Württemberg) alimentiert Griechenland, Portugal, Polen, Ungarn usw. Die Dankbarkeit der Nehmer hält sich in Grenzen, ähnlich wie Berlin den Bayern mit seiner Geldverschleuderung eine Nase dreht, pfeifen die Griechen auf die Stabilitätskriterien und die Osteuropäer auf den edlen Vorschlag, Merkels afrikanische Gäste bei sich einzuquartieren.

Die sogenannte europäische Idee bestand ursprünglich darin, den über Jahrhunderte in blutige Konflikte verstrickten Kontinent, dessen Nationen sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die geopolitische Bedeutungslosigkeit gegenseitig demoliert hatten, zu befrieden, zu versöhnen und die ehemaligen Feinde in Partner zu verwandeln. Nie hätten die Gründer der EU, hätten ein de Gaulle oder ein Adenauer gedacht, dass ihre Idee der Aussöhnung in den wüstesten Zentralismus in der Geschichte ihres Kontinents führen würde. Nie hätten sie sich alpträumen lassen, dass führende Funktionäre dieses Gebildes wie Frans Timmermans, der Vizepräsident der EU-Kommission, versuchen würden, die bunten europäischen Völker in eine graue multikulturelle Gesellschaft, die vielfältigen nationalen Kulturen in eine einheitliche Superkultur zu verwandeln. Nie hätten sie sich schwanen lassen, dass linke und neoliberale antirassistische Rassisten von der Umwandlung der europäischen Völker in eine homogene Mischethnie träumen und den Barbaren die Tore öffnen würden (gewiss, ein Richard Coudenhove-Kalergi hatte solche Visionen schon in der Zwischenkriegszeit, und Oswald Spengler umgekehrt auch, doch das waren Außenseiter).  

Die Frage, ob die EU-Imperialisten am Lostreten der sogenannten Flüchtlingskrise mitgewirkt haben oder ob sie sich nur zunutze machen wollen, sei Historikern oder Verschwörungstheoretikern überlassen. Dass sie dabei sind, die Völker in ihrem Machtbereich durch Vermischung zu "verdünnen" (Joseph "Joschka" Fischer), um nationale Widerstände zu brechen und ihre Herrschaft zu erweitern, haben innerhalb Deutschlands viele und außerhalb Deutschlands inzwischen Mehrheiten begriffen. Die Zahl der Widerstandsnester gegen den Superstaat wächst. Dieser Widerstand tritt in den verschiedensten Formen zutage, er ist weder von oben geplant noch koordiniert, sondern entsteht urwüchsig und basisdemokratisch. Eines ist all diesen gallischen Dörfer gemeinsam: Ihre Bewohner haben die Herrschaft der Zentralisten, Bevormunder und Gleichmacher satt. Sie wollen ihre Heimat behalten oder zurückbekommen. 

Unbeirrt treibt die britische Regierung den Brexit voran. Unbeirrt bestehen die Polen und Ungarn darauf, selber zu entscheiden, wer in ihr Land kommt – "Beschützt lieber eure Frauen statt unsere Demokratie", stand auf einem Transparent im polnischen Zuschauerblock einer deutsch-polnischen Sportveranstaltung nach der Kölner Silvesterkirmes zu lesen –, und Ungarns Staatschef Victor Orbán hat soeben Osteuropa zur "migrantenfreien Zone" erklärt, wobei klar sein dürfte, welche Migranten er meint. Die Tschechen haben mit der Wahl von Andrej Babis den Eurokraten dorthin getreten, wo es wehtut. Auch die Österreicher entschieden sich für den heilsamen "Rechtsruck"; ÖVP-Chef Kurz will mit der FPÖ koalieren. In Dänemark beschloss vor einigen Monaten die konservativ-liberale Venstre-Partei unter dem Aufheulen der deutschen Journaleska den Einsatz von Soldaten zur Sicherung der Grenze zu Deutschland. In den Niederlanden musste Premierminister Rutte fast alle Positionen seines Kontrahenten Wilders übernehmen, um die Wahl zu gewinnen. Die "rechtspopulistischen" Einschläge rund um Deutschland kommen immer näher.

Die wirtschaftsstarken italienischen Regionen Lombardei und Venetien haben in Referenden für mehr Autonomierechte gestimmt. Der Wunsch vieler Katalanen, ihr Land von Spanien zu lösen, führte zu gewalttätigen Überreaktionen der Staatsgewalt. Auch hier zeigt sich ein Trend: Weg vom Zentralismus, hin zur Selbstbestimmung. Von Ostdeutschland und Polen über Bayern, Tschechien, die Slowakei, die Schweiz, Österreich, Ungarn und Oberitalien, überall greifen störrische Separatisten nach der Macht.

Nur wenn Superstaaten groß genug sind, bestehen gute Chancen, den in ihnen lebenden Völkern das Gemeinschaftsempfinden auszutreiben, sie abzustumpfen gegen Gewalt, Verwahrlosung und den Import kulturfremder, bildungsferner Sozialfälle, um sie schließlich in einem von bindungslosen Scheinindividuen besiedelten Wirtschaftsgroßraum aufzulösen, von dem linke und neoliberale Nivellierer in absurder Einhelligkeit träumen. Deshalb haben die ungleichen Partner das Konzept des „Multikulturalismus“ verschärft, deshalb soll Europa intellektuell, kulturell, religiös und ethnisch Fremde in so großer Zahl aufnehmen, dass jeder Zusammenhalt zerstört wird. Die europäischen Völkerverschiebungen waren immer Binnenwanderungen, wenn sich auf diesem Kontinent Völker vermischten, handelte es sich um ethnisch-kulturell ähnliche Völker. Nur deshalb – und weil es keine Sozialhilfe gab –, verlief auch die Assimilation der Einwanderer erfolgreich.

Mehr Sezession wagen, lautet das Motto unserer Tage. Es ist übrigens egal, wie groß die Gebiete sind, die sich zur Autonomie entscheiden oder einen Nationalstaat anstreben wie derzeit die Katalanen. San Marino mit seinen 30.000 Einwohnern ist nicht Mitglied der EU wie auch das reichlich doppelt so große Andorra nicht – und die deutlich größere Schweiz auch nicht. Die EU ist gewiss kein Schicksal. Man wird den Europäern Angst machen vor der menschengemachten Erderwärmung oder den Rechtspopulisten oder dem Terror oder dem wirtschaftlichen Abstieg durch Globalisierungsverweigerung, aber keines dieser Probleme wird die EU besser lösen als autonome, mit ihren Nachbarn in freundschaftlicher Kooperation lebende, sich selbst verteidigende, ihre eigene Kultur und Lebensart pflegende Länder, die ihre Probleme lösen müssen statt sie zu delegieren. Die EU der Zentralisten geht ihrem Ende entgegen.