Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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8. Oktober 2017


Die Sonntage immer den Künsten!

Vergangene Woche kam aus Berlin die frohe Kunde, dass die Lindenoper mit anscheinend hauptstadttypischem Ritardando und der üblichen Kostenexplosion endlich wiedereröffnet wurde. Da ich in diesem Opernhaus gewissermaßen musikalisch sozialisiert worden bin, verbinden sich mit der Nachricht allerlei sentimentale Erinnerungen an den jungen Mann, der dort vor vier Jahrzehnten im Parkett saß und von den ersten Klängen der Klarinetten, Hörner und Fagotte in der "Tannhäuser"-Ouvertüre in jenes Zauber- und Feenreich entrückt wurde, in das er eines Tages ganz heimkehren wird. Ich hatte das Glück, meine ersten Opern unter dem Dirigat das hochsoliden Lindenoper-GMDs Otmar Suitner und in Ostberliner Allerweltsinszenierungen zu erleben, das heißt, die Horrorclowns des Regietheaters konnten dem juvenilen Enthusiasten nicht mit ihren Kaspereien das gesamte Genre verleiden. Die heutige Generation befindet sich ja in einer bedauernswerten Situation; statt mit der blauen Blume der Romantik wird sie mit Ratten, Sperrmüll, Sperma und Kotze konfrontiert, sie wird gewissermaßen ästhetisch nicht von Don Juan, sondern von Stalin entjungfert (wobei: Stalin hätte diese Regie-Kasper wahrscheinlich erschießen lassen). Ich aber sah den "Tannhäuser" – der Sängerkrieg ist bis heute von sämtlichen Opernpassagen diejenige, die ich am allerauswendigsten singen kann – noch mit der Wartburg und nicht mit Buchenwald, Aleppo oder Auschwitz im Hintergrund, bei der Bühnenwandelmusik vor der Gralsenthüllung im "Parsifal" senkte sich tatsächlich ein riesiges Kruzifix von der Decke, als hätten die Gralsritter etwas mit dem Heiland zu tun statt mit der Wehrmacht oder mit Kralsnegern, und das mitten in der Hauptstadt der sozialistischen De-De-Err!

Die Bühnenbilder waren meist minimalistisch, anfangs des dritten "Tannhäuser"-Akts etwa fiel einfach etwas Laub von der Decke, und das war schon alles. So ward ich denn in aller Unschuld und Werktreue initiiert mit "Zauberflöte", "Figaro", "Fidelio", "Onegin", "Lohengrin", "Butterfly", "Salome", "Ariadne", dem "Fliegendem Holländer" etc. pp. Auch das Ensemble war von verlässlicher Qualität, einzig bei den schweren Tenören herrschte ein schmerzlicher Mangel, schmerzlich speziell für einen eingemauerten Ostberliner Wagnerianer, der von Bayreuth und den großen Tenören auf historischen Schallplatten träumte, was beides in identisch unerreichbarer Ferne für ihn lag. Mein personifizierter Kummer hieß Spas Wenkoff. Namen wie Hanna Lisowska, Anna Tomowa-Sintof, Celestina Casapietra, Siegfried Vogel, Rainer Goldberg oder Siegfried Lorenz indes kommen mir heute noch vertraut vor wie entfernte Verwandte. Zu schweigen von der unvergleichlich bühnenpräsenten Ute Trekel-Burckhardt, in die ich verliebt war; ich habe bis heute nicht vergessen, wie sie als Ortrud am Ende des zweiten "Lohengrin"-Aufzugs Telramund in dämonischer Majestät das Schwert reicht.



Die allererste Oper, die ich hörte und sah, war der "Tannhäuser". Damals als Maurerlehrling beim Baubetrieb der Druckerei "Neues Deutschland" (kein Witz) befolgte ich die Maxime "Ein Stein, ein Kalk, ein Bier" etwas zu genau, um abends noch drei Opernakte durchzustehen, mitten in der Romerzählung trug es mich ins Bubu-Land, und meine Mama versicherte mir, ich hätte das Beste verpasst. (Ich nahm dieses Einschlafen übrigen zum Anlass, eine Kurzgeschichte für den Ostberliner Eulenspiegel zu schreiben, in welcher der Erzähler beim, wie man damals noch sagte, Rendezvous mit einer Wagnerianerin ebenfalls mitten im "Tannhäuser" einschläft, seiner Begleiterin an die Schulter sinkt und alles vermasselt, doch der Text wurde abgelehnt, sehr zu recht, wie ich erinnere; das hässliche Entlein ahnte damals selber noch nicht, dass ihm eine Schwanenexistenz bestimmt sein würde.) Unvergesslich auch meine erste "Salome" mit Eva-Maria Bundschuh in der Titelrolle, die sich beim Tanz der sieben Schleier tatsächlich komplett entkleidete, wobei ich mir ganz sicher nicht sein kann, weil beim Fall des letzten Schleiers das Licht erlosch und sie in einen Umhang gehüllt wurde, ehe es wieder anging; in jener Zeit wurzelt mein Bonmot, man habe sich früher, wenn man zu einer "Salome" ging, auf den Gesang gefreut und vor dem Striptease sacht gegruselt; heute verhalte es sich meist umgekehrt. Ich bangte mit dem hochbegabten Nervenbündel Goldberg bei der von allen Tenören gefürchteten Kerker-Arie des Florestan, und ich entsinne mich, als sei es gestern gewesen, wie meine Begleiterin und ich nach "Madama Butterfly" stumm durch die nächtlichen Berliner Straßen liefen und wir beide kein Wort hervorbrachten.

In der Lindenoper fand übrigens auch meine Jugendweihefeier statt. Sämtliche Staatsweihelinge bekamen das Buch "Der Sozialismus, deine Welt" als Präsent eingehändigt, welches ich vor dem Opernhaus sofort in den nächstbesten Papierkorb entsorgte; wachsame Beobachter registrierten die Missetat, und tags darauf erhielt ich einen Tadel vor der Klasse. Von Sozialisten behelligt und gemaasregelt zu werden, das scheint der permanente Begleitlärm meines Daseins zu sein...


                             ***


Aus Trins bei Steinach am Brenner sendet Leser *** dieses Foto – "Einer meiner gefüchteten Vierzeiler ist ebenfalls erläuternd beigegeben" – und setzt erläuternd hinzu: "Bei den beiden altertümlichen Kreuzen links handelt es sich wahrscheinlich ebenfalls um Verstorbene jüdischen Glaubens. (Ich vermute, auch Borchardts Grab war ursprünglich in dieser Art angelegt.) Der Name auf dem ersten Kreuz ist stärkstens verwittert, der andere aber noch gut lesbar: Georg Mendelsohn. Alle drei Gräber liegen unmittelbar an der Mauer des kleinen Kirchleins von Trins, welches, wie in Tirol allenthalben zu bemerken, von engen Gräberreihen der rechtgläubig Verblichenen umstanden wird."

RUDOLF BORCHARDT
9-6-1877         10-1-1945

NON OMNIS MORIAR