Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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1. Oktober 2017


Die Sonntage immer ...!

Die Künste mögen dazu da sein, dem empfänglichen Sterblichen zumindest die Ahnung davon aufscheinen zu lassen, was das ist: Vollendung. Da es sich um menschliche Hervorbringungen handelt, lassen sich die vollendeten Werke (vollendet sind darin strengenommen immer nur Passagen, einige wenige Takte, Sätze, Details) zwar nicht eben an den Fingern abzählen, doch sie sind seltener als Perlen. Ganz sicher in diese Kategorie gehört Schuberts Es-Dur-Trio für Klavier, Violine und Violoncello op. 100, speziell dessen zweiter Satz Andante con moto, über den eine Pianistin neulich den lapidaren Satz fallen ließ: "Vielleicht war ja doch Schubert der Allergrößte."

Das Trio veröffentlichte Schubert in seinem Todesjahr 1828; er selber bekam den Druck nicht mehr zu Gesicht. Es entstand in der Zeit der "Winterreise". Den zweiten Satz bezeichnete Robert Schumann als einen "Seufzer, der sich bis zur Herzensangst steigern möchte". Das Cello spielt ihn, es seufzt ein zutiefst melancholisches Mollthema, das mit Staccato-Akkorden des Klaviers unterlegt ist, bei denen man unwillkürlich an den einsamen Wanderer der "Winterreise" denkt. Der Hörer erlebt in diesem Andante etwas eigentlich Absurdes: einen beschwingten Pessimismus. Wenn die Violine die Staccati und das Klavier das Thema übernimmt, verwandelt sich das Stück in das Paradoxon eines traurigen Marsches. Wohin aber marschiert der Mensch in jedem Falle? In den Tod. Die Melancholie ist das Grundgefühl des Epos. Dessen kleinstes Zeitmaß bildet das Menschenleben. Es gibt kein literarisches oder filmisches Kunstwerk, das diesen Zeitrahmen überschreitet und nicht melancholisch wäre. Schubert beschreibt das Schicksal. Das Andante endet in spätherbstlicher Resignation, und zugleich ist es die schönste Musik von der Welt.

Ich schicke diesen elenden Sermon – jedes Wort wird elend vor solcher Musik – nur vorweg, weil ich zu erklären versuchen will, warum Stanley Kubrick ausgerechnet dieses Andante con moto als Leitmotiv seines Films "Barry Lyndon" gewählt hat. Es erklingt in jener Szene, wenn sich Gräfin Lyndon in Redmond Barry verliebt, und auch ganz am Ende, wenn Redmond, verarmt, enteignet, im Duell zum Krüppel geschossen, an Krücken in die Kutsche steigt, die ihn nach Irland zurück bringt, während Lady Lyndon ihrem Ex-Gatten die jährliche Rentenzahlung unterschreibt und dabei von der Schwermut der Erinnerung überwältigt wird. Auf die erstgenannte Szene will ich heute Ihre geneigte Aufmerksamkeit lenken, weil hier Vollendetes auf Vollendetes trifft, vielleicht als Anregung, sich das ganze Opus wieder einmal oder erstmals anzuschauen, welches, wie nahezu jeder Kubrick-Film, den Zuschauer aufgewühlt, verstört und beglückt zurücklässt, weil er dem Leben selbst, gespiegelt im Werk eines der größten Künstler überhaupt, zusehen durfte. 

Die besagte Szene finden Sie hier, das gesamte Andante hier (überspringen Sie bloß schnell die schreckliche Werbung davor!).


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Mein Verleger bittet, ich möge doch in der Auslage des Eckladens darauf hinweisen, dass soeben die erweiterte Neuauflage meiner Aphorismensammlung erschienen ist; dem Blau der Erstausgabe folgt nun ein suggestives Rot, ungefähr wie im Intro zu "Clockwork Orange". Die Erweiterung umfasst allerdings – ich will Ihnen keine Mogelpackung andrehen – lediglich Sentenzen, die auf dieser Webseite veröffentlicht sind; die Neuauflage ist nur für diejenigen interessant, die das Buch noch nicht besitzen bzw. für solche, in deren Bekanntenkreis schwarze, rote oder grüne Wahlsieger nach einem Glückwunsch- und Gratulationsgeschenk lechzen. 




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