Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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19. September 2017


Nun hat unser Vizekanzlerkandidat Schulz einmal Frau Merkel um mutmaßliche Längen übertroffen, aber kaum jemand weiß es zu würdigen. Gestern meldeten die Tagesthemen, der seit Jahren auf politischen Abwegen wandelnde ehemalige Buchhändler habe sein Lieblingsbuch offenbart, nämlich Giuseppe Tomasio di Lampedusas Meisterwerk "Il Gattopardo" (ich habe diesen prachtvollen Roman hier am 30. April bewundert). Das ist ein geschmackvolles Urteil, wie ich es dem sozialdemokratischen Wiedergänger des Don Calogero Sedára gar nicht zugetraut hätte, aber wer die Menschen unterschätzt, zeigt bloß seine eigene Blasiertheit. Amüsant fand ich die Kurzbeschreibung des Romaninhalts durch die Tagesthemen-Moderatorin: Es handle sich um die Geschichte eines sizilianischen Adligen, der am Ende scheitere. Tja, am Ende scheitern wir alle – das macht die Lektüre von Biographien zu einer stets auf eine gewisse Melancholie hinauslaufenden Angelegenheit –, doch die Frage ist, auf welchem Niveau.


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Warum gibt es in Paris, Brüssel und London Anschläge, in Warschau, Prag und Budapest hingegen nicht? Verkneifen Sie sich besser Ihre verschwiemelten ad-hoc-Assoziationen. "Terrorarattacken sind ein Teil des Lebens in einer Metropole", sprach Londons Bürgermeister Sadiq Khan. Deswegen knallt es auch öfter mal in Kabul, Bagdad oder Nasirija, deswegen kann Tokio einpacken. Und deswegen stehen inzwischen bei sämtlichen Großveranstaltungen in Deutschland Betonquader, "Merkellego" oder "Merkelsteine" genannt, dem Kfz-Missbrauch im Wege.

Zur Rechten sieht man, wie zur Linken,
Ali und Achmed aus dem Lkw hinken.
Sadiq Khan sprach: "Sag, Kanzlerin wert!
Wer hat dich solche List gelehrt?"
Die Dam’ bedacht sich nicht zu lang:
"Barrieren sind bei uns im Schwang;
Sie sind bekannt bis hin zur Seine,
Man nennt sie halt nur Merkelsteine."

Und nun freue dich, Berlin!


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Deutschland, sagt Eva Esche, 58, Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde Köln, im Sterbehospiz des linksliberalen deutschen Journalismus, "hat sich, denke ich, sehr zum Positiven verändert. Es ist ja in den vergangenen Jahrzehnten ganz viel passiert: die Demos gegen Atomkraft, die Bürgerbewegung, die Friedensbewegung. Dann kamen die Grünen. Endlich eine Partei, wo wir sagen konnten: Die können wir wählen." 

Kein Dissens; ein Vorzug der Bunten Khmer gegenüber den Roten besteht darin, dass man sie wählen und eben auch nicht wählen kann. Außerdem ist mir dieses Endlich!-Gefühl nicht vollkommen ungeläufig, wobei ich eher formulieren thät’: Endlich gibt es eine Partei, die ich leider Gottes wählen muss. Bislang galt für mich und gilt im Grunde immer noch jene urdeutsche Maxime, die Richard Wagner prägnant zusammenfasste in dem Satz: "Ein politischer Mann ist widerlich." Ich bin geboren unter Walter dem Verschlagenen und aufgewachsen unter Erich dem Einzigen, was im Nachhinein ein Gewinn ist, weil jenen Schuldgefühlen, auf die unsereiner konditioniert worden ist, die Bezugsgröße abhanden kam, während dem schmucken westdeutschen Durchschnittpudel, so individuell er sich vorkommen mag – die Pudeldamen dürfen sich mitgemeint fühlen –, beim regelmäßigen Aufleuchten des pawlowschen Lämpchens reflexhaft der Speichel rinnt und er sich und andere mit Schuldseim besabbert. Das hat zur Folge, dass nahezu jeder westdeutsche Geisteswissenschaftler, aber kein einziger ostdeutscher Busfahrer sich für das Elend in Afrika verantwortlich fühlt, und Sie dürfen raten, wer seelisch gesünder seine Erdenbahn zieht. Ich schweife wieder einmal ab... – –

Nachdem Erich der Einzige, dem ich tiefe Einsichten in die Zukunft verdanke, sein realsozialistisches Laufställchen nicht mehr geschlossen halten konnte, kam für mich die Zeit der Kanzler. Es waren bislang derer drei, Kohl, Schröder, Merkel, und bis weit in die Ära der Drittgenannten bemühte ich mich, das Politische ungefähr wie den Straßenlärm zu nehmen, das heißt: zu ignorieren, und mich den schönen Dingen zu widmen. Lange ging das gut, die Wirtschaft brummte, der Wein floss, die Schönen fuhren sich lachend durchs Haar, und nur Wahrnehmungsgenies wie Rolf Peter Sieferle oder Botho Strauß sahen unmittelbar nach der Wiedervereinigung schon die gewaltigen tektonischen Verwerfungen der Zukunft voraus. Ich will nicht leugnen, dass ich gewisse düstere Ahnungen hatte, worauf das hier alles einmal hinauslaufen werde, und mein Ekel vor den Grünen und ihren medialen Tentakeln ist heute noch so rein wie seit praktisch jeher, doch nie wäre ich auf die Idee gekommen, am demokratischen Hochamt teilzunehmen, jenem merkwürdigen Voodoo, welches darin besteht, dass die Leute alle vier Jahre Zettel in Urnen werfen und danach meinen, nun werde entweder alles besser oder bleibe wenigstens so, wie es ist. Was mich zu unserer Kölner Pastorin zurückführt, welche spricht:

"Ich habe gar nicht das Gefühl, dass Deutschland sich ändern muss. Es muss sich weiterentwickeln, auf neue Probleme neue Antworten finden. Es gibt in Deutschland wirkliche Mammutprobleme, auch durch die Flüchtlingskrise. Das wird sich nicht ändern. Wer in Afrika hungert oder keine Chance auf Frieden hat, kommt halt. Wer sagt denn, dass Deutschland den Deutschen gehört? Das ist ein Stück Land, das bewirtschaftet werden muss, damit die Menschen leben können."

Ich will keineswegs behaupten, dass wir es hier mit politischen Aussagen zu tun haben, und Richard Wagner hat auch nicht behauptet, dass sich das Widerwärtige auf die politische Sphäre beschränke. Aber die Infantilisierung, ja Debilisierung der öffentlichen Rede über politische Fragen, die sich hierzulande als eine Art moralischer Rinderwahn ausbreitet, ist in diesem Seim beispielhaft zusammengefasst. Ich bin sicher, dass eine gewisse Spielart des Protestantismus in späteren Kirchengeschichten nicht als Glaubensform, nicht einmal als Häresie, sondern als vorwiegend weibliche Perversion auftauchen wird. Fromme evangelische Christen mögen sich damit trösten, dass diese Perversion den religiösen Raum längst verlassen hat und ihre Protagonist*innen bloß als Lieblingshuren der rotgrünen Politik ihre Schleiertänze aufführen.

Also, wer sagt, dass Deutschland den Deutschen gehört? Außer den Nazis und dem Grundgesetz, welches ungeachtet seiner zahlreichen Schwächen, die hier gelegentlich zur Sprache kamen, d a s immerhin eindeutig festschreibt, sogar mit Unabänderlichkeitsklausel? Gehört die Türkei den Türken? Japan den Japanern? Polen den Polen? Tschetschenien den Tschetschenen? Israel den Juden? Mag die Frau Pastorin mal hingehen und Auskunft einholen? Warum soll ausgerechnet dieses bedauernswerte Deutschland allen gehören? Es gibt dafür mehrere Gründe. Dieses Land ist zwar heillos überfüllt, aber alt, also wehrlos; es ist zwar alt, aber immer noch leistungsstark, also zahlungsfähig; es ist durch das NS-Regime und den verlorenen Krieg schuldig und "widerlegt", also zahlungswillig; es ist aus demselben Grunde verschwindensbereit, also sturmreif. Nie würde diese Wohlwollensbestien fragen, wem Deutschland gehöre, wenn es dort nichts zu plündern, zu rauben, zu verteilen, zu enteignen gäbe. Deshalb mache ich dieses Jahr beim Voodoo mit. 

"Die Beimischung einiger Tropfen Christentums zu einer linken Gesinnung verwandelt den Trottel in einen perfekten Trottel", spricht Don Nicolás. Und protestantische Theologen in Schweden bezeugen eine apokryphe, doch glaubwürdige Äußerung des Heilands, welche da lautet: "Wenn dir einer forsch an die Vulva geht, so halte ihm auch den Anus hin!" Sela, Psalmenende.


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Das Kernproblem in Deutschland heißt: Sozialleistungen für eingewanderte Menschen, die nie in die Kassen eingezahlt haben und es nie tun werden, weil sie ja Sozialleistungen bekommen. Deswegen kommen die meisten der sogenannten Flüchtlinge ja hierher. In Scharen verlassen Qualifizierte das Land, und in noch größeren Scharen kommen Analphabeten herein. Ohne die materiellen Anreize fürs Nichtstun würde der Markt alles fast von selber regeln (man bräuchte nur mehr Sicherheitskräfte, aber ein Bruchteil der jährlichen 20 bis 30 Milliarden für Security würde genügen). Wenn schon das nationale Argument sukzessive verworfen wird, warum dann auch das wirtschaftliche gleich mit?


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Es ist, als wäre viel vernachlässigt worden in der Verteidigung unseres Vaterlandes. Wir haben uns bisher nicht darum gekümmert und sind unserer Arbeit nachgegangen; die Ereignisse der letzten Zeit machen uns aber Sorgen.

Ich habe eine Schusterwerkstatt auf dem Platz vor dem kaiserlichen Palast. Kaum öffne ich in der Morgendämmerung meinen Laden, sehe ich schon die Eingänge aller hier einlaufenden Gassen von Bewaffneten besetzt. Es sind aber nicht unsere Soldaten, sondern offenbar Nomaden aus dem Norden. Auf eine mir unbegreifliche Weise sind sie bis in die Hauptstadt gedrungen, die doch sehr weit von der Grenze entfernt ist. Jedenfalls sind sie also da; es scheint, daß es jeden Morgen mehr werden.

Ihrer Natur entsprechend lagern sie unter freiem Himmel, denn Wohnhäuser verabscheuen sie. Sie beschäftigen sich mit dem Schärfen der Schwerter, dem Zuspitzen der Pfeile, mit Übungen zu Pferde. Aus diesem stillen, immer ängstlich rein gehaltenen Platz haben sie einen wahren Stall gemacht. Wir versuchen zwar manchmal aus unseren Geschäften hervorzulaufen und wenigstens den ärgsten Unrat wegzuschaffen, aber es geschieht immer seltener, denn die Anstrengung ist nutzlos und bringt uns überdies in die Gefahr, unter die wilden Pferde zu kommen oder von den Peitschen verletzt zu werden.

Sprechen kann man mit den Nomaden nicht. Unsere Sprache kennen sie nicht, ja sie haben kaum eine eigene. Untereinander verständigen sie sich ähnlich wie Dohlen. Immer wieder hört man diesen Schrei der Dohlen. Unsere Lebensweise, unsere Einrichtungen sind ihnen ebenso unbegreiflich wie gleichgültig. Infolgedessen zeigen sie sich auch gegen jede Zeichensprache ablehnend. Du magst dir die Kiefer verrenken und die Hände aus den Gelenken winden, sie haben dich doch nicht verstanden und werden dich nie verstehen. Oft machen sie Grimassen; dann dreht sich das Weiß ihrer Augen und Schaum schwillt aus ihrem Munde, doch wollen sie damit weder etwas sagen noch auch erschrecken; sie tun es, weil es so ihre Art ist. Was sie brauchen, nehmen sie. Man kann nicht sagen, daß sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überläßt ihnen alles.

Auch von meinen Vorräten haben sie manches gute Stück genommen. Ich kann aber darüber nicht klagen, wenn ich zum Beispiel zusehe, wie es dem Fleischer gegenüber geht. Kaum bringt er seine Waren ein, ist ihm schon alles entrissen und wird von den Nomaden verschlungen. Auch ihre Pferde fressen Fleisch; oft liegt ein Reiter neben seinem Pferd und beide nähren sich vom gleichen Fleischstück, jeder an einem Ende. Der Fleischhauer ist ängstlich und wagt es nicht, mit den Fleischlieferungen aufzuhören. Wir verstehen das aber, schießen Geld zusammen und unterstützen ihn. Bekämen die Nomaden kein Fleisch, wer weiß, was ihnen zu tun einfiele; wer weiß allerdings, was ihnen einfallen wird, selbst wenn sie täglich Fleisch bekommen.

Letzthin dachte der Fleischer, er könne sich wenigstens die Mühe des Schlachtens sparen, und brachte am Morgen einen lebendigen Ochsen. Das darf er nicht mehr wiederholen. Ich lag wohl eine Stunde ganz hinten in meiner Werkstatt platt auf dem Boden und alle meine Kleider, Decken und Polster hatte ich über mir aufgehäuft, nur um das Gebrüll des Ochsen nicht zu hören, den von allen Seiten die Nomaden ansprangen, um mit den Zähnen Stücke aus seinem warmen Fleisch zu reißen. Schon lange war es still ehe ich mich auszugehen getraute; wie Trinker um ein Weinfaß lagen sie müde um die Reste des Ochsen.

Gerade damals glaubte ich den Kaiser selbst in einem Fenster des Palastes gesehen zu haben; niemals sonst kommt er in diese äußeren Gemächer, immer nur lebt er in dem innersten Garten; diesmal aber stand er, so schien es mir wenigstens, an einem der Fenster und blickte mit gesenktem Kopf auf das Treiben vor seinem Schloß.

"Wie wird es werden?" fragen wir uns alle. "Wie lange werden wir diese Last und Qual ertragen? Der kaiserliche Palast hat die Nomaden angelockt, versteht es aber nicht, sie wieder zu vertreiben. Das Tor bleibt verschlossen; die Wache, früher immer festlich ein- und ausmarschierend, hält sich hinter vergitterten Fenstern. Uns Handwerkern und Geschäftsleuten ist die Rettung des Vaterlandes anvertraut; wir sind aber einer solchen Aufgabe nicht gewachsen; haben uns doch auch nie gerühmt, dessen fähig zu sein. Ein Mißverständnis ist es; und wir gehen daran zugrunde."


Wer hat’s geschrieben?


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Kleiner Tipp: Dieser Bestsellerautor war es nicht (wer eine solche Kiste nicht findet, muss hier klicken). 109,5 Exemplare seines Haupwerkes entsprechen einer Wiesn-Maß.