Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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10. September 2017


Die Wochenenden wahlweise auch den Kühnsten bzw. Dickbrettbohrern!

Ich zitiere anderer Menschen Briefe in diesen Notaten bekanntlich öfter, fast immer anonym und gestrafft, doch heute mache ich eine Ausnahme und verlinke auf einen, der komplett gelesen zu werden verdient. Es handelt sich um einen offenen Brief, und er stammt von Thomas Hoof, einstiger Grünen-Politiker, Gründer der "Manufactum"-Kette und des Manusciptum-Verlages, welchletzter ihm heute gehört. Es geht in diesem Schreiben noch einmal um einen Kopf, der an dieser Stelle ebenfalls oft gewürdigt worden ist und den man getrost, trotz Mohler, trotz Nolte, als den bedeutendsten bezeichnen kann, gegen den im besten Deutschland, das es je gab, eine Hexenjagd veranstaltet wurde, die er leider nicht mehr erleben durfte. In Rede steht der 2016 aus dem Leben geschiedene Gelehrte Rolf Peter Sieferle, eine kentaurische Gestalt aus Universalhistoriker und Orakel, dessen Gesamtwerk bei Manuscriptum erscheinen wird und von dem Thomas Hoof schreibt, er werde in zehn Jahren ungefähr auf dem Rang eines Max Weber gesehen werden; kein Widerspruch meinerseits. Gegen diesen großen und späten Aufklärer, der bereits Anfang der 1990er Jahre mit fast beängstigender Klarsicht die heute Lage beschrieb, hat sich bekanntlich der publizistische und journalistische Gesinnungsfuror dieser späten Republik entlang der üblichen Reflexzönchen erhoben – immerhin war man von internationalistischen Eliten kollektiv auf Wunschweltenbesiedlungs-Propaganda vereidigt worden –, und nur sehr wenige Publizisten diesseits des Rubikons wagten es, wenn nicht unbedingt Partei für Sieferle zu ergreifen, so doch mit einer gewissen Differenziertheit und intellektuellen Redlichkeit – ich weiß, man muss unwillkürlich lachen, wenn dieses Wort im Zusammenhang mit der hiesigen Publizistik fällt – über dessen Schriften zu sprechen, nachdem sie sie zuvor immerhin sogar gelesen hatten. Einer davon war der Welt-Autor Thomas Schmid, auf dessen Text sich Thomas Hoof in seinem Brief bezieht.

Nach kurzen Reminiszenzen zur gemeinsamen 68er Vergangenheit und erbaulichen Betrachtungen über den Berufsstand des Journalisten geht Hoof in medias res. Die Situation, die Sieferle analytisch heraufbeschworen hat, notiert er, sei "die Situation am Vorabend eines wirklichen, weil nicht nur geistig-mentalen, sondern materialen Epochenwechsels, der eben nicht nur die Ideen der Menschen tangieren wird, sondern den Boden, auf dem sie stehen, ins Beben bringt. Im Verlauf der nächsten zwanzig Jahre wird sich eine industrielle Muskelatrophie einstellen, und – fast schlimmer – ein schneidendes Bewußtsein dieser einsetzenden Schwäche. Nicht schwer vorauszusagen, daß damit auch alle Auswege in eine Energiegewinnung aus historisch noch tieferen Schichten der kosmischen Evolution, aus den atomaren Speichern mittels Kernspaltung oder Kernfusion verstellt sein werden. Wer seine Muskeln schwinden fühlt, stürmt nicht mehr ins Hochgebirge, ganz abgesehen davon, daß kerntechnischer Kraftwerksbau materiell und funktionell natürlich große Mengen an investiv verfügbarer Energie zur Voraussetzung hat. Und in dieser Situation lauschen wir nun einem politmedialen Moralsingsang, der uns auffordert, auch die letzten institutionellen und habituellen Hemmnisse dieser 100jährigen 'Flucht nach vorne' beiseite zu räumen und mit allem Vergangenen endlich Schluß machen: mit Nationen und ihren Grenzen, mit Familien und ihrer Tragfähigkeit, mit Geschlechtern und ihrer Komplementarität, mit der Anhänglichkeit an Vorfahren und der Verantwortlichkeit für Nachfahren, mit allem Eigensinn und aller Eigenart und allem Willen zur Selbstbehauptung, also all den furchtbaren Flüchen der Vergangenheit. Erst dann könnten unter einem 'Global Government' die nicht mehr in Nationen und Stämme geschiedenen, divers pigmentierten und einen unbegrenzten Reichtum an wählbaren Geschlechtlichkeiten genießenden, dionysischen Menschlein ihrer Tanzfreude nachgehen. Die Sonne würde über ihnen lachen und der Wind sie umbrausen, und beide zusammen würden auch die Akkus ihrer Mobilgeräte und ihrer selbstfahrenden Kabinenroller laden; widrigenfalls aber würde der Himmel sich erbosen und die Wüsten nach Norden rücken lassen und die Gletscher nach Süden und die Fluten würden steigen bis hinauf zum Kahlen Asten.

Es gibt – unmöglich, das zu bestreiten – eine globalistisch orientierte 'Elite', die die 'Five Free Flows' des US-Strategen Thomas Barnett endlich ungehemmt von anders orientierten, querliegenden nationalen Kräften herstellen möchte: Den globalfreien Fluß von 1. Krediten, von 2. Menschen, von 3. Energierohstoffen, von 4. Sicherheit und von 5. Lebensmitteln. Und es gibt ein städtisch-metropolitanes Geistesproletariat, das sich einbildet, von dieser globalistischen Elite schon kooptiert worden zu sein, wenn es eine befristete halbe Stelle "im Medien- oder im Web-Bereich' oder ein Stadtratmandat bei den Grünen ergattern konnte. Beide zusammen sind in einen 'entropischen Furor' geraten und predigen allen Ernstes die Zerstörung von allem Gestaltförmigen, allem, was aus eigener Kraft stehen kann, allen Strukturen, die etwas tragen könnten, allen Kompetenzen, die im Nahbereich wirksam werden könnten, aller Produktivität, die aus Gegensätzen entspringt, aller materiellen und kulturellen Reserven, die im Notfall mobilisiert werden könnten. In Deutschland hat das die Züge einer Selbstdestruktion in veitstänzerischer Intensität angenommen: Das Bildungssystem macht 50% eines Jahrgangs zu Akademikern, von denen wiederum die Hälfte völlig kompetenzfrei, aber mit Ansprüchen auf den Arbeitsmarkt drängt; das Handwerk als Basis dieser technischen Gesellschaft trocknet mangels Nachwuchs aus. Die Energiewirtschaft ist zerrüttet; die Automobilbranche wird es derzeit. Energiepolitisch herrscht der reine Aberwitz: Atomkraft: Ausstieg! Kohle (die einzige fossile Spielverlängerungsoption): Ausstieg! trotz großer Reserven an Braun- und Steinkohle und eines immensen Kohleveredelung-Know-Hows bei der Ruhr-Kohle AG; EEG-Elektro-Energie: Ausbau, obwohl es keine energiepositiven Erzeugungskapazitäten gibt und Speicherkapazitäten nicht einmal auf dem Papier. Verbrennungsmotoren bei Automobilen: Ausstieg gefordert, obwohl gleichzeitig die Kraftstofferzeugung aus Elektrizität, Wasserstoff und Kohlendioxyd (power to gas/Methanisierung) als kommende Verbrennungstechnologie kräftig gefördert wird.

Und schließlich eine Einwanderungspolitik, die Wirtschaftsmigranten zu Flüchtlingen umetikettiert und die behauptet, 'Fluchtursachen beseitigen' zu wollen, die sie aber in den Herkunftsländern sucht statt im selbstgemachten Asyl- und Sozialrecht, wo sie allein zu finden sind und leicht zu beseitigen wären. Jeder Afrikaner der die deutsche Grenze überschreitet, hat im gleichen Augenblick einen Anspruch auf das Zehnfache der Menge an technischer Energie, die ihm in Afrika zur Verfügung steht. Dieses Gefälle ist die materielle Fluchtursache. Es läßt sich allerdings beseitigen: Entweder durch die Afrikanisierung Europas oder durch die Europäisierung Afrikas, aber nicht mit ein wenig mehr 'Fernstenliebe', wie Du anregst, was stark an die von Sieferle getadelte Neigung erinnert, alle politischen Existenzfragen in den Begriffen der Sonntagsschule abzuhandeln.

Eine Einwanderungspolitik der offenen Grenzen ist in der Tat der spitzeste Angriff auf die Existenzfähigkeit einer noch produktiven, weil homogenen Gesellschaft, in der nämlich, mit Gehlen zu sprechen, die seltene Gunst einer 'wohltätigen Fraglosigkeit', eines 'Immer-schon-Verständigtseins' herrscht, deren überragende Bedeutung für Leistungsfähigkeit und Lebensqualität man erst bemerkt, wenn sie – wie jetzt in Deutschland – schwindet. Das, was Du bei Sieferle als einen 'antiuniversalistischen Furor' wahrnimmst, ist nichts anderes als eine äußerst kühle, wohlbedachte Abwehr des 'entropischen Furors', dem die kosmopolitischem 'Hinterdreintrotter' in Politik und Medien verfallen sind.

An welche der 'globalen Herausforderungen und Bedrohungen' wir auch immer denken (Energieverarmung, Klimaveränderung, Bodenerosion und Bodenverarmung, Saatgutverluste), und auch wenn wir akzeptieren, daß diese katastrophenträchtigen Entwicklungen globale Ursachen überhaupt haben, so wird ihr Einschlag logischerweise doch immer nur in lokaler und zeitlicher Bestimmtheit erfolgen: auf einem bestimmten Boden, in einem bestimmten Klima, in einem bestimmten Land, in Gesellschaften, die Vorräte an Fossilenergien noch haben oder andere, die sie nie hatten. Und es wird auf die Resilienz der bestimmten Menschen in diesen Lokalitäten ankommen – auf ihre Spannkraft, ihre Elastizität, ihre Strapazierbarkeit, ihre Fähigkeit zu technischer Konversion –, ob sie diese Einschläge überleben oder darin untergehen."

Den gesamten Brief finden Sie hier oder (als PDF) hier.


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Die Schriftstellerin Jana Hensel richtet in einem Meinungsbeitrag für die Zeit eine Frage an unsere Kanzlerin der Herzen: "Warum", fragt sie, habe Frau Merkel den Protestlern in Finsterwalde "nicht die Meinung gesagt?" Der erste Leserkommentar liefert die erschöpfende Antwort: "Welche denn?"


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Hier ist nun ein Apropos pro domo fällig. Schriftsteller mag jeder sein, der schreibt, Literatur indes ist nur, was mit Talent geschrieben wurde. Insofern sind Schnittmengen zwischen Schriftstellerei und Literatur keineswegs unwahrscheinlich, aber auch nicht die Regel. Es gibt Hunderte Schriftsteller, die nicht schreiben können. Umgekehrt vermag ein Nicht-Schriftsteller, mitunter ohne es zu ahnen, in einem Brief, einer Rede, einem Nachruf echte Literatur zu produzieren. (Friedrich der Große konnte es sogar in seinen königlichen Erlassen.) Aber gut, in jeder Berufsgruppe gibt es ein paar Meister und reichlich viele Pfeifen; mit der Charakterisierung als Schriftsteller kann ich ganz gut leben. Doch jedesmal, wenn ich früher in eine Gesellschaft als Journalist eingeführt wurde, fuhr ein fataler Stich in mein Gekröse, ungefähr wie bei Claudia Roth, wenn sie einer multikulturellen Runde als Deutsche vorgestellt wird. Deshalb sei es hier einmal und zugleich ein- für allemal an die Adresse derjenigen gesagt, die meine Tiraden gegen den speziell teutschen Journalismus mit dem Hinweis zu kontern pflegen, ich sei doch selber einer gewesen: War ich praktisch nie! Mein Verhältnis zum Journalismus ist erschöpfend beschrieben worden im Milos-Forman-Film "Einer flog über das Kuckucksnest", nur dass ich am Ende nicht mehr Jack Nicholson war, dem sie das Gehirn herausgeschnitten haben, sondern der Indianer, und auf Nimmerwiedersehen entsprang. Darum geht es am Ende immer und überall: dass man rechtzeitig entspringt...