Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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4. September 2017


Die erste staatsbürgerliche Pflicht des aus dem Urlaub heimkehrenden deutschen Kosmopoliten besteht selbstverständlich darin, sich den als "TV-Duell" angekündigten Paarlauf der beiden Spitzenkandidaten für das längst messianische Amt des deutschen Bundeskanzlers anzuschauen. Merkel gegen Schulz, das ist wie Al Bano gegen Romina Power, wie Jakob Augstein gegen Heribert Prantl, wie Margot gegen Erich, wie Judäische Volksfront gegen Volksfront von Judäa, wie Göring gegen Eckardt, wie Horkheimer gegen Adorno. Und wir sind dabeigewesen.

Das "Duell" bescherte uns tiefe, humane Einsichten – "Im Grundgesetz steht, die Würde des Menschen ist unantastbar, nicht des Deutschen" (Schulz) – und philosophische Fingerzeige in jede Art Zukunft – "Manche Dinge sind noch nicht so, wie sie sind" (Merkel). Außerdem das basartaugliche Märchen, der Familiennachzug werde nach "Einzelfallprüfung" (Schulz) entschieden. Ferner ein Euphemismen-Limbo der beiden Kandidaten nach der Frage, auf welchen Zeitraum wir bei der sogenannten "Integration" der (ja gottlob ohnehin bestens in ihre Stammes- bzw. Religionsgemeinschaft integrierten) "Flüchtlinge" unsere willkommenskulturellen Anstrengungen zu kalkulieren hätten; es werde "sicherlich nicht in ein, zwei Jahren" zu schaffen sein (Merkelschulz). In summa: anderthalb Stunden Floskeln, Worthülsen, Gestammel, Problemverleugnung, Schönfärberei. DDR-Fernsehen zur besten Sendezeit! Nur die Moderatoren spielten nicht ganz mit, vor allem der Herr Strunz von Sat.1, der deswegen heute auch, wie uns das oppositionskritische Leitmedium bzw. -fossil Spiegel online mitteilt, in den sozialen Medien heftig angegangen wird. Zum Beispiel vom auf Spiegel online zitierten Spiegel-Journalisten Cordt Schnibben, ein typischer Vertreter jener "Der-Kampf-gegen-rechts-als-inneres-Erlebnis"-Bruderschaft übrigens, die unser Land so liebens- und lebenswert macht: Nazikind, DKP-Mitglied, als Westdeutscher extra ein Jahr in der DDR "Gesellschaftswissenschaften" studiert, um sich für Zeit und Spiegel fit zu machen, welcher – also Schnibben – im organisierten Chor mit Gleichgesinnten Strunz auf twitter vorwarf, AfD-Fragen gestellt zu haben. Womit auch unser charakterfester Cordt zum Ausdruck brachte: Opposition = AfD. Wussten einige aber schon vorher, während der Süddeutsche Beobachter Strunz bereits einen Tag vor der Debatte als schlimmen Finger entlarvte (hier).  

Man kann von einem Zuschauer, an dem die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts nicht ganz folgenlos vorübergegangen ist, freilich nicht erwarten, dass er anderthalb Stunden Merkelschulz ohne schwere Gemütsverdüsterungen durchsteht (raffinierterweise harmonieren bei beiden Bild und Ton derart, dass es egal ist, ob man eins von beiden abschaltet, auch wahlweise ohne Ton oder ohne Bild gibt es immer die volle Dröhnung). Als Antidot gegen das deutsche hat sich bei mir das tschetschenische Staatsfernsehen bewährt. Tschetschenien ist halb so groß wie Belgien und hat etwa so viele Einwohner wie München, Frauen, die ausnahmslos Kopftücher tragen, und stolze bärtige Männer. Alle sprechen tschetschenisch und russisch. Das Land wird regiert von Ramsan Kadyrow, und offen gestanden schaue ich tschetschenisches TV vor allem wegen ihm. In gewisser Weise ist Kadyrow Merkel und Schulz, Führer und Herausforderer, Regierung und Opposition zugleich. Es gibt zum Beispiel die Abendnachrichten, die Sprecherin trägt natürlich ein Kopftuch, ist aber doppelt so kuhl wie Judith Rakers. Leider verstehe ich kein Tschetschenisch, weshalb ich immer nur auf Kadyrow warte, der aber verlässlich ca. alle anderthalb Minuten auf dem Bildschirm erscheint. Zum Beispiel, wenn er mit Wirtschaftsleuten zusammensitzt und die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes bespricht. Oder wenn er in einer Stadt vorbeischaut, wo gerade ein Häuserblock abgebrannt ist. "Allah wollte es so, aber Kadyrow wird uns helfen", sagt eine Frau, und im Grunde dürfte sie damit das Staatsmotto formuliert haben. Nächster Beitrag: Kadyrow besucht syrische Flüchtlinge. Dann trifft er schwarzgekleidete junge Männer, die in den Bergen leben und zum Empfang eine Gasse für ihn bilden. In der nächsten Filmsequenz redet er mit einem älteren langbärtigen Mann über offenbar Lustiges, denn beide lachen herzlich. Besonders gern lässt sich Kadyrow beim Sport filmen, wobei Sport in Tschetschenien weitgehend identisch mit Kampfsport ist. Kadyrow hat aber auch einmal, 2011 war’s, in der Hauptstadt Grosny ein großes Fußballspiel veranstaltet, eine tschetschenische Mannschaft, in der nicht nur der temporäre Ehrentschetschene Lothar Matthäus, sondern auch er selber mitspielte, gegen eine Auswahl brasilianischer Beinahe- und Ex-Weltmeister (darunter Dunga, Romario, Bebeto und Giovane Elber). Brasilien gewann 6:4 – Allah wollte es so –, aber Kadyrow schoss zwei Tore.

Vom sympathischen tschetschenischen "голова" (Oberhaupt, Kopf) – Kadyrow sagte einmal, er wolle sich nicht als "Präsident" anreden lassen, weil es in Russland nur einen Präsidenten gebe – schaltete ich schließlich entspannt zurück zum deutschen Gesinnungskuscheln. Kanzlerin und Herausforderer einigten sich gerade darauf, "verliebt ins Gelingen" (Schulz) zu sein ("Liebe/ kennt der allein, der ohne Hoffnung liebt"; Schiller, "Don Carlos"). Womit sie sich von den feindlich-negativen Gestalten des Neuen Forums und des Demokratischen Aufbruchs distanzierten. Schulz distanzierte sich dann noch extra von Donald Trump (man sollte den Trump-Hass verstehen; viele Transatlantiker fühlen sich heutzutage schrecklich unbehaust ohne ein wärmendes amerikanisches Rektum). Ich musste an den US-Wahlkampf denken – diese kontroversen Positionen, dieser Streit, dieser Schmutz! Und am Ende siegt der Schmutz! – und fühlte mich doch säuisch wohl im Seim einer sozialdemokratischen Konsensdemokratur. Festlich klang die Sendung aus mit der Aufforderung an die Bürgerinnen und Bürger, die Kandidaten der Nationalen Front zu wählen. Ich weiß nicht, warum, aber ich musste danach wieder umschalten, Kadyrow gucken. Vielleicht bin ich selber verliebt ins Gelingen...


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Jemand sagte: "Was gestern Abend im Fernsehen lief, war kein Streit um die Kanzlerschaft, sondern eine Bewerbung von Schulz für den Job als Vizekanzler und Außenminister."


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Die alte Leier. Lügenpresse? Infamie! Lückenpresse? Paranoia! Lumpenjournalismus? Eine mögliche Antwort findet sich hier. Der Kandidat heißt Claus Hanischdörfer, steht in Diensten bei der ARD und hetzt abwechslungshalber gegen Ausländer. Auf Facebook hat er zwischenzeitlich seinen Selbstmord angekündigt ("Außerdem träume ich nicht vom Pulitzerpreis, sondern von einer arschlochfreien Welt"), inzwischen ist die Notiz allerdings verschwunden. Wahrscheinlich hat er einen lebensrettenden Auftrag bekommen.