Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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13. August 2017


Die Sonntage immer den Künsten!

Meine Bemerkung zu Shakespeares Shylock zum Anlass nehmend (Actum diurnum vom 7. August), verweist Leser *** auf einen Filmmitschnitt, in dem der alte Fritz Kortner dem jungen August Everding seine Auffassung der Rolle beschreibt und Teile der Partie vorträgt, selbstverständlich auch den berühmten Monolog (er beginnt bei 5,40). Leser *** spricht von seinem theatralischen „Ur-Erlebnis“. Kortner sei „einer der Gründe, weshalb mir das derzeitige Theater egal ist“. O ja. Diese fünf Minuten genügen, und man wird mit der zeitgenössischen Bühne nimmermehr froh. Ich will die Dämonie, die prachtvolle Diktion und die Verwandlungskraft Kortners, der, selber Jude, die Nazijahre im Exil verbrachte, hier nicht eigens in dürren Worten zu beschreiben versuchen, denn sie werden einer solchen Kolossalität kaum gerecht, das muss man gesehen und gehört haben, und zwar hier.

Mit sicherem Instinkt für die kommenden Katastrophen verlegte Kortner seinen Wohnsitz bereits im Frühjahr 1932 nach Ascona in die italienische Schweiz. 1934 emigrierte die Familie nach Großbritannien, wo der Schauspieler sehr unter dem Verlust seiner Muttersprache litt, was in New York, wohin er 1937 umsiedelte, nicht besser wurde. Dem US-Theater bescheinigte er, es sei "ein Theater der Tagessorgen", alles Hohe und Tiefe sei dieser Kunst fremd. Obwohl die Nationalsozialisten viele seiner Verwandten ermordet hatten, kehrte Kortner 1947 nach Deutschland zurück.

Aus dieser Zeit kursiert eine Anekdote – ich habe meine von grundauf positive Einstellung gegenüber diesem fragwürdigen Genre hier wiederholt erklärt: Fast alle sind um einen Wahrheitskern erfunden, aber die gut erfundenen und ausgesponnen sind oft "wahrer" als die Wirklichkeit –, die in Berlin spielt und mit Kortner nur insofern zu tun hat, als darin eine witzige Bemerkung an seine Adresse gerichtet wird, aber es handelt sich um schwarzen Humor allerhöchsten Karats und eine meiner Lieblingsanekdoten. Also: Kortner kommt 1947 nach Berlin, steigt am Flughafen in ein Taxi, der Fahrer erkennt den berühmten Mimen im Rückspiegel, fährt ihn eine Weile durch die Trümmerberge einer Metropole, die vor kurzem Reichshauptstadt und davor eines der kulturellen Zentren des Planeten war, und sagt schließlich, ohne sich umzudrehen: "Sehn Se, Herr Kortner, viel versäumt ham Se nich."


                              ***

Nochmals zur Gattung Anekdote. Im Grunde handelt es sich bei diesem Genre um die Sage im Zeitalter der schreibfähigen Augenzeugen. Der überlieferte Kern stimmt immer – man würde eine Überlieferung, die nicht mit dem Charakter der Person korrespondiert, schwerlich glauben –, aber eine gute Anekdote lebt mindestens ebenso sehr von der fiktiven, stets das Typische vergrößernden literarischen Ausschmückung und Erfindung. Da sie etwas Typisches zum Ausdruck bringen, stimmen Anekdoten immer; jede gehört in die Kategorie Das-hätte-so-geschehen-sein-können.

Während Anekdoten dem Historiker oder Biographen Winke geben, denen er vertrauen darf, führen ihn Mutmaßungen der Zeitzeugen über das, was hinter den verschlossenen Türen der prominenten historischen Gestalt geschah, verlässlich oft auf die falsche Fährte. Joachim Fest hat zum Wert solcher vertraulichen Mutmaßungen ein amüsantes Beispiel erzählt, das selber schon wieder eine Anekdote ist.

In einer Unterhaltung mit Hitlers Vertrautem und späterem Auslandspressesprecher Ernst ("Putzi") Hanfstaengl habe er, so Fest, das Gespräch auf das Sexualleben des Führers gelenkt, ein Thema, zu dem keine Quellen existieren und bei dem niemals jemand über die Mutmaßung hinausgekommen ist. "Wissen Sie, Hitler war ein Egomane, er war der geborene Onanist, der konnte nicht einmal das bisschen Zuwendung aufbringen, das für den Geschlechtsakt nötig ist", habe Hanfstaengl erklärt. Eva Braun sei zeitlebens unberührt geblieben. Darauf Fest: "Woher wissen Sie das?" Hanfstaengl versetzte: "Wenn Sie 12, 13 Jahre lang fast täglich mit jemandem zusammen sind, müssen sie nicht die Lampe gehalten haben, um das zu wissen, das weiß ich eben."

Dieselbe Frage, erzählte Fest weiter, habe er Albert Speer gestellt. Der Rüstungsminister gehörte wie Hanfstaengl zu den engsten Vertrauten Hitlers (mehr als das; "Sie sind Hitlers unglückliche Liebe", soll dessen Bürochef Karl Maria Hettlage zu Speer gesagt haben). Speer habe geantwortet: "Das ist doch ganz einfach, der war ein Mann und musste irgendwie seinen Hormonhaushalt regulieren, der hat natürlich ständig mit ihr geschlafen." Wiederum erkundigte sich Fest: "Woher wissen Sie das?", und neuerlich bekam er zur Antwort: "Wenn man 12, 13 Jahre lang fast täglich mit jemandem zusammen ist, dann weiß man das einfach."


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Jemand sagte: "Es muss doch einmal die Frage gestellt werden, was aggressiver ist: die sogenannte Hasssprache irgendwelcher Durchschnittsmenschen im Internet, oder der belehrende und anmaßende Ton vieler Journalisten und TV-Kommentatoren."


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Heute ist Sonntag, der 13. August. Bei Leuten meiner Herkunft klingelt es bei diesem Datum. Wer hätte am 9. November 1989, als der von ideologischen Starrköpfen geführte Mauerstaat in so atemberaubender Geschwindigkeit zusammenbrach, unter den von dieser Grenze Kujonierten und an der Bildung einer Weltanschauung Gehinderten gedacht, nicht einmal ein halbes Menschenleben später beobachten zu müssen, wie ihr von ideologischen Starrköpfen geführtes Gemeinwesen sich in Ermangelung einer Grenze in Richtung Kollaps bewegt?

Ich bin mir allerdings vergleichsweise sicher, dass diese Art Grenze, die nach innen gerichtete, die Ausreise mehr als die Einreise erschwerende Grenze hierzulande durchaus eine Zukunft hat, wenn sich in den nächsten vielleicht drei, vier Jahren nicht die Vernunft durchsetzt und Europa aufhört, sich wandernden Völkerschaften als Sehnsuchtsort und Beute anzubieten. Aber wer glaubt angesichts der zahllosen Kollaborateure der Selbstpreisgabe wirklich daran? Dann könnte die "Republikflucht" der Leistungsträger wieder sanktioniert werden, nicht gleich mit Gefängnis oder Blattschuss, aber mit einer neuen Variante der Reichsfluchtsteuer (die Linke hat derartiges wohl schon mal vorgeschlagen). Eine unmittelbare Folge der Masseneinwanderung von virilen Analphabeten mit all den Begleitkosten, der Begleitkriminalität (in der WEF-Liste der sichersten Reiseländer ist Deutschland 2016 um 31 Plätze auf Rang 51 abgestürzt, zwischen die Mongolei und Gambia, hier) und dem unausweichlichen Begleiterror (meditieren Sie mal darüber, warum es Anschläge immer dort gibt, wo bereits eine hinreichend große muslimische Community existiert) wird die Auswanderung der sogenannten Leistungsträger sein, zudem der Wohlhabenden – nach Berechnungen der südafrikanischen Beratungsgesellschaft "New World Wealth" haben 2016 rund 4000 Millionäre Deutschland den Rücken gekehrt, ein sprunghafter Anstieg, meldet das Manager Magazin (hier) – und zuletzt der übrigen Zivilisierten. Da der ganze Sozialstaat hier nur von ein paar Millionen klugen Köpfen und fleißigen Buckelkrummachern zusammengehalten wird, schlägt gerade die Auswanderung der Begabten ins Kontor; irgendwann muss man anfangen, ihre Ausreise zu erschweren, Immobilien zwangszubesteuern und im Zweifelsfall ("mangelnde Solidarität mit sozial Benachteiligten") zu enteignen. Vorher werden sie das Bargeld abgeschafft haben, und wer auch immer hinauswill, muss einen Teil seines Barvermögens zurücklassen. So in etwa stelle ich mir das vor, der ich aus der DDR, also aus der Zukunft komme, was an einem Sonntag und 13. August bei mir geradezu zwanghaft Reminiszenzen hervorruft. Und immer noch treffe ich täglich Plattköpfe, die mir sagen, dass sie magels Alternativen Merkel wählen werden. Und ich pflege zu antworten, dass ich es zu schätzen wisse, dass durch Merkels Einwanderungspolitik wenigstens Nordafrika etwas sicherer werde. Habe ich Ihnen jetzt den Sonntag versaut? Immer noch nicht?