Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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7. August 2017


Am meisten erzürnt den Buntheitsprediger die Frage nach der Lieblingsfarbe.


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Ich weiß, Kulturpessimismus ist eine allzu bequeme Position, aber mein Ekel lässt mir oft keine Wahl.

Nachdem die online-Plattform eigentümlich frei meine Notiz zur stetigen Verfeinerung der Überwachungssoftware zitiert hatte (Actum diurnum vom 3. August), die in der fröhlichen Aussicht gipfelte, dass mich Freud Hein gottlob dereinst vom technologischen Progress erlösen werden, kommentierte ein Leser: "Wer die Entwicklung der Computertechnik in den letzten fünfzig Jahren etwas verfolgt hat, kann den damit verbundenen enormen Schub neuer Lebensmöglichkeiten nur mit großer Hochachtung und Optimismus registrieren. Auf das Geraune von Klonovsky e.a. pfeife ich."

Nun, das ist ein Missverständnis, ich bekannte lediglich mein Angewidertsein von der Spitzeltauglichkeit dieser Technik und blickte indigniert in eine recht wahrscheinliche Zukunft aus obszöner "Transparenz" und staatlicher Überwachung; geraunt habe ich diesmal nullkomanix, und gegen die Computertechnik als solche habe ich auch nichts gesagt, wie denn, wo ich meine Texte mit so einem Ding schreibe und ins Netz stelle, mit diesem Gerät also meinen kleinen Eckladen betreibe, meine Hotels mit ihm buche (und mir vorher anschaue), Weinpreise vergleiche, vermittels dieses Geräts über Ozeane hinweg in "Echtzeit" Konversation treibe etc.pp. Es ist ja eine Binse, dass jede neue Technik Vorteile und Nachteile hat, dass sie zugleich befreit und versklavt. Ein intelligenter Mensch erschließt sich die Möglichkeiten neuer Techniken als intelligenter Mensch, ein Trottel eben als Trottel. Dass die Revolution der künstlichen Intelligenz vor allem von den Schwachköpfen dieses Planeten benutzt wird, um ihre Trivialitäten in sogenannter Echtzeit auszutauschen, spricht zunächst einmal nicht gegen die künstliche Intelligenz, sondern gegen die Schwachköpfe (am Rande: Gibt es analog zur künstlichen Intelligenz eigentlich auch eine "künstliche Blödheit"? Doch wohl eher nicht). Sofern der Mensch die Technik als Hilfsmittel und Werkzeug der Gattung begreift und nicht als deren Sinn und Zweck, ist es schon recht, auch wenn ich gern einräumen will, dass die neuen Kommunikationsverhältnisse durchaus Züge des rasenden Irrsinns tragen, weil sie den Menschen nicht mehr zur Besinnung kommen lassen (und das noch ganz ohne Bezugnahme auf die Heideggersche "Seinsvergessenheit" geraunt).

Allerdings: Wenn du Pech hast, sitzen im ICE zwei junge Management-Typen hinter dir, die in dröhnender Eitelkeit ihre stupiden Jobs schwanzvergleichen oder über die divergierenden Restaurantpreise in verschiedenen Städten räsonnieren. Und dann ist unsereins plötzlich ganz hingerissen von den Fortschritten auf dem Gebiet der sog. Kommunikationselektronik:

Du aber, herrlicher Laptop, seiest gepriesen,
und auch du, Ohrsteck’, lebest lange und hoch,
sogar das WLAN (ein Tusch!) im Zug funktionieret,
und aus Youtubs schier unendlichen Weiten –
Heil dir, du prangendes Schatzhaus der Musen!, heil dir –
dringet Wohlklang, des Hintermannes Geschwätz
erwürgend: Alexandre Tharaud spielt Scarlatti.

Usw.

PS: "Ich kann Ihre Unsicherheit beseitigen: es gibt mehr künstliche Blödheit, als Sie sich vorstellen", schreibt Leser***. "Ein Beispiel. Nachdem ich bei Amazon 'Die kommende Revolte' von Herrn Ley gekauft hatte, bot mir der 'intelligente' Algorithmus von Amazon einige Tage später das Buch von Herrn Maas an ('Bücher, die Sie interessieren könnten'). Ich bin gespannt, wann ich auf eine gebrauchte Schalmei aus dem Hause Honecker aufmerksam gemacht werde."

Er könne mir, fährt *** fort, "zu einem gesunden Skeptizismus auf diesem Gebiet raten. Ich tue das mit einem gewissen fachlichen Hintergrund (Universitätsprofessur im Gebiet Ingenieurwissenschaften/Informatik). Das meiste, was heutzutage unter 'Künstlicher Intelligenz' läuft, ist Aufschneiderei. Das geht wieder vorbei. Die moderne 'Wissenschaft' kennt solche Wellen, die auch wieder abebben. Sehen Sie sich einfach die Leute an, die sowas entwickeln. Da ist schon bei natürlicher Intelligenz schnell das Licht aus, was nicht bedeuten soll, dass sie nicht gute Fachleute wären."


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"Völlig aus dem Ruder gelaufen", vermeldet Focus, sei das Sommerfest eines Kleintierzuchtvereins in Mannheim. Nach Angaben der Polizei kam es in der Nacht zum Sonntag zu einer Massenschlägerei, bei der "15 Menschen" mit "Gegenständen wie Baseballschlägern" aufeinander einschlugen. Zehn Streifenwagenbesatzungen mussten anrücken, "um die Kontrahenten zu beruhigen" (und keineswegs zu verhaften). Drei "Menschen" wurden bei der Schlägerei so schwer verletzt, dass sie in Kliniken gebracht werden mussten.

Ob auch Kleintiere verletzt wurden, war bis Redaktionsschluss unklar. Nähere Details über die Artung der erzürnten "Menschen" wären wahrscheinlich geeignet gewesen, die Bevölkerung zu verunsichern, weshalb die Redaktion deren Verbreitung verantwortungsvoll unterließ.

In der upgedateten Version des Artikels ein paar Stunden später (hier) heißt es, bei den "Streithähnen" habe es sich um "verfeindete Familien" gehandelt. Ein Polizeisprecher sagte: "Der Kleintierzüchterverein hat damit nichts zu tun. Das waren Personen, die offenbar schon länger im Streit liegen und sich zufällig auf dem Gartenfest getroffen haben." Eine neue Kategorie des Polizeiberichtspersonals taucht am Nachrichtenhorizont auf: Personen, die noch nicht lange hier leben, aber schon länger miteinander im Streit liegen.

Und die Aufgabe derer, die schon länger hier leben, besteht darin, hinterher immer wieder schön aufzuräumen, bis die Gäste derer, die schon länger hier regieren, zur nächsten Party auflaufen.


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Keiner soll glauben, der Osten, sogar der äußerste Osten, wäre nicht längst bunt, und erst recht soll niemand meinen, die armen Moslems stünden dort irgendwelche Ängste wegen der fremdenfeindlichen Eingeborenen aus, im Gegentum: "Asylbewerber prügeln (in Frankfurt/Oder) auf Passanten ein" (hier); syrische Fachkräfte in Cottbus nehmen, da Gegenwehr droht, eine Eisenstange zu Hilfe, in den richtigen Händen eine gute Waffe ("Nur eine Stange taugt"; hier).


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Importierte Schwachsinnige sind eine Plage, aber zur echten Landplage werden sie erst durch Schwachsinnige, die von berufswegen über sie schreiben, hier.


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Leser *** schickt mir diesen nicht mehr ganz taufrischen, aber recht aktuell gebliebenen Link: "Der CDU-Innenexperte weiß, wovon er spricht. Der gebürtige Schwarzwälder hat die Polizeiarbeit von der Pike auf gelernt  Aber er kennt natürlich nicht die Antworten auf die vielen offenen Fragen: 'Keine DNA an den Tatorten. Kein Zeuge, der die Täter zweifelsfrei identifiziert hat. Keine Phantombilder, die so richtig passen. Eigentlich auch kein klares Selbstgeständnis. Tatorte, die so riskant sind, dass man eigentlich zu zweit keine Straftat verüben kann, weil man sonst entdeckt wird. Trotzdem schaffen es Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, 27 Mal nicht entdeckt zu werden. Da haben wir wirklich Zweifel, ob die wirklich alle Taten allein begangen haben.'" Wenn es sich so verhält, besitzt das "allein" im letzten Satz keine semantisch zufriedenstellende Funktion.


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Bei einem deutsch-polnischen Handballturnier, erzählt ***, habe man im polnischen Zuschauerblock ein Transparent hochgehalten mit den Worten: "Beschützt lieber eure Frauen als unsere Demokratie."


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In der Wochenendausgabe der New York Times findet sich auf den Meinungsseiten ein Text über "Shylock and Othello in a time of xenophobia". Dort steht zu lesen, die beiden Shakespeare-Dramen "continue to be relevant also because they not contemporary, showing us where we come from as much as where we are. They remind us that racism, anti-Semitism and Islamophobia are distinct but interlaced forms of intolerance and they have a history. They caution us against our temptation to cancel these texts from our canon, curriculums and stages."

Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Zunächst würde mich interessieren, wo sich im 16./17. Jahrhundert die Islamophobie gezeigt haben mag. In Kleinasien und Konstantinopel war sie längst ausgerottet. Auf dem Amselfeld, bei Mohács, vor den Toren Egers und Wiens oder bei Lepanto soll sie zu spüren gewesen sein, aber keine zentrale Rolle gespielt haben. Im "Merchant of Venice" spielt seinerseits der Islam keine Rolle, im "Othello" auch nicht. Vielleicht war der Titelheld islamophob, immerhin kämpfte er als schwarzer Christ für die Republik Vendig gegen die Türken. Neuere Lesarten wollen aus dem "Mohr" einen "Mauren" machen, dann hätte er laut islamischer Lehre den Tod verdient und dürfte erst recht islamophobe Gefühle gehegt haben. Was nun wiederum den Rassismus im "Othello" angeht, so ist auch der schwer aufzufinden. Ob Jago Rassist ist oder nicht, spielt für das Stück keine Rolle, denn er würde Othello als den ihm Vorgezogenen auch hassen, wenn der ein blütenweißer Venezianer in achter Generation wäre. Benachteiligungen wegen seiner Hautfarbe erfährt der schwarze Feldherr nicht, er wäre ja sonst keiner. Desdemona scheint auch nicht das geringste Problem mit der Rasse ihres Geliebten zu haben, dessen rasende Eifersucht aber selbstredend durch seine ethnische Fremdheit brandbeschleunigt wird. (Man sollte den "Othello" einmal rein aus der Perspektive der Desdemona inszenieren, dann wird das Stück noch eine Spur entsetzlicher.) 

Auch die unermüdlichen Antisemitismus-Diskussionen um den Kaufmann von Venedig halte ich für vollkommen deplaciert. Shakespeare war neben Mozart der größte Menschenschilderer der Kunstgeschichte, seine Figuren sind so lebendig und authentisch wie nichts sonst, und hier sollte er auf einmal versagt haben? Nein, auch der Shylock ist eine echte Shakespeare-Gestalt:

"Er hat mich beschimpft, (...) meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund! Ich bin ein Jude. (...) Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir's euch auch darin gleich tun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben..." (Dritter Aufzug, Erste Szene, Schlegelsche Übersetzung).

Shakespeare, das heißt: göttliche Gerechtigkeit gegen alle Figuren. Was kann der große Dichter dafür, dass Spätere auf die Idee kommen würden, aus dem konkreten "Dieser Jude ist ein Gauner" das verallgemeinernde "Dieser Gauner ist ein Jude" machen würden? Die Rolle würde auch funktionieren – jetzt sind wir wieder analog zum Othello –, wenn Shylock kein Jude wäre. Aber hier ist er eben einer, Punkt. Und last but not least: Wir lesen, spielen, schauen diese beiden Dramen nicht und haben sie nicht kanonisiert, weil sie uns an den ewigen Antisemitismus und Rassismus des argen Menschengeschlechts (außer Ihnen, geneigter Leser) erinnern und uns vor der Versuchung bewahren, mit den Stücken auch die üblen Affekte zu vergessen, sondern weil es große, echte, überwältigende Literatur ist, die uns, so schön, zynisch, unschuldig, brutal und phänomenal wie das Leben selbst, mit erzieherischem Eifer verschont.