Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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6. August 2017


Die Sonntage immer den Künsten!

Ein guter Bekannter, Musik- und Literaturkritiker, schenkte mir unlängst ein Buch des Lyrikers Peter Gan (eigentlich Richard Möhring; 1894-1974), der mir kein Begriff war und dessen Werke nur antiquarisch erhältlich sind. Gan veröffentlichte 1935 seinen ersten Gedichtband und überstand die Nazijahre als Emigrant in Frankreich sowie später in Spanien. Seinen Zeitgenossen wurde er als Verfasser ironischer Preislieder bekannt, etwa auf eine Seifenblase ("Schaumgeborene und Schaumgesäugte,/ in der Taufe wunderlich Erzeugte,/ mühelos geboren durch ein Kind:/ Adamsatem, Gottesatem, Wind"); auf das Schneien: ("Könnt’ ich schneien,/ bliebe stumm:/ aber muß verzichten./ Kann nicht schneien,/ muß darum/ übers Schneien dichten"), auf seine Lampe, ein verlorenes Bilderbuch oder eine Oktoberrose. Rudolf Borchardt hat seine Gedichte gelobt, mehr kann ein Lyriker auf Erden nicht erreichen.

Peter Gan war in der Sphäre Jean Pauls, Christian Morgensterns und Robert Gernhardts beheimatet. Er scheint ein gewisses Bedürfnis verspürt zu haben, sich vom lyrischen "Raunen" abzusetzen, vom hohen Ton Georges ebenso wie vom nihilistischen Distanzpathos Benns (das ganz ohne Wertung gesagt; ich schätze George über die Maßen).

Unsagbares bleibe unaussprechlich;
Sprache: Herz, Haut, Heimat jeden Dings!
Sei’n wir reinen Herzens oberflächlich!
Greifen wir zum Griffel: Schach der Sphinx!

Oder:

Sei ferne, Taumel, diesen kargen Zeilen,
und, Trunkenheit des Sängers, sei verbannt!
Ich habe kein Geheimnis mitzuteilen,
denn was ich kenne, ist mir gut bekannt.

Der holde Wahnsinn, Privileg der Seher,
ist nicht mein Amt, und vor dem Firmament
steh’ ich verzagt, ein armer Eckensteher,
durch eine Glaswand vom Besitz getrennt.

Durch Glas! Die Dinge scheinen nah zum Greifen
Und sind verbotner als der Horizont.
Unendlichkeit in einem schmalen Streifen!
Ich habe nie das Ewige gekonnt.

Folgerichtig erscheint auch der Poet selber nicht als lorbeerumkränzter Entrückter, sondern als eher tragikomische Person, wie die "Epistel über das Entstehen von Gedichten" verrät, welche anhebt mit den Versen:

Sie fragen mich, verehrtester Herr Bender:
wie eigentlich so ein Gedicht entsteht?
ob ich zum Beispiel vieles wieder änder’?
ob gleich beim Schreiben oder später, wenn der
Enthusiasmus schon zum Teil verweht?

Du lieber Gott, was soll ich Ihnen sagen?
Ich schreibe meistens so 'in einem' fort,
ohne nach Form und Inhalt viel zu fragen.
Und soll ich Ihnen ganz die Wahrheit sagen:
Ich komm’ beim Dichten manchmal kaum zu Wort.

Das geht manchmal so weit, daß mir die Worte
vorschreiben möchten, was ich schreiben soll
...

Zugleich aber schreibt diese Spottdrossel Verse hin, die einem Sterblichen die Augen übergehen lassen.

Plötzlich

Wenn du weiterschwimmst im Strom der Zeit
Und ich dann nicht mehr am Ufer steh’,
sondern im verfallnen Bretterkleid
blind, nur ein 'nicht mehr', ins Blinde seh’

und dich nimmermehr begleiten kann,
wenn bei euch vielleicht die Sonne lacht
und ein leicht gebeugter junger Mann
etwas früher Feierabend macht...

Denk’ doch mal, vielleicht schon jetzt, daran,
da wir’s still vorm Fenster schneiden sehn.
Plötzlich sieht es dich von draußen an
und geschieht, und ist auch schon geschehn.

Einer der großartigsten Sätze Gottfried Benns lautet: "Ich habe Größeres nicht gesehen als den, der sagen konnte: Trauer und Licht, und Beides angebetet; und dessen Sein sich auf der Waage maß, deren Schalen sich gegeneinander wohl bewegen, sinken und steigen, aber sie selber wiegt sich nicht." Auf Peter Gan mag er zutreffen.

In "Meine Toten" dreht er die Perspektive von "Plötzlich" um:

Meine Freunde liegen in der Erde,
meine Lieben wohnen unterm Gras.
Und ich weiß, in ein paar Jahren werde
ich, der dieses schreibe, auch so was.

Etwas unausdenkbar Fürchterliches,
welt- und selbstzerfallen lieg ich da:
hier ein Bein und da ein Schleim; bin ich es
wirklich, dem so Gräßliches geschah?

Und ich kann dies wissen und kann leben?
Kann am Schreibtisch sitzen und heut’ Nacht
mich der Liebe süßem Spiel ergeben,
grad als wäre ich aus Stein gemacht?

Liebstes Kind, und hab’ ich dich vergessen,
weil du, o wie lange schon, im Grund
kaum noch übrig bist? denn Würmer fressen
deine Augen und den schönen Mund.

Gestern bin ich durch den Wald gegangen;
nichts zu suchen, Liebstes, war mein Sinn.
Und es hat zu regnen angefangen,
und es wehte, und die Wipfel sangen,
daß ich dein, solang ich atme, bin.

Ja, wie soll der Mensch das aushalten? So:

Oktober

Stille Gefährten wir. Kein Wolkengruß;
nur sonnenfröstelnd dieses graue Blau;
nur dieses schollenbraun gepflügte Feld;
nur eine Dankbarkeit für ein Vorbei.

(Peter Gan, Ausgewählte Gedichte, herausgegeben von Friedhelm Kemp, Göttingen 1994; wie gesagt nur noch antiquarisch erhältlich.)


                          ***


Wenn wir bei nicht im Handel zuhandenen Büchern sind: Gestern fragte mich ein finnischer Tenor, ob man denn eine englische Ausgabe meines Buchs "The Pain of Beauty" erwerben könne. Nicht mal eine deutsche, musste ich ihm gestehen. Und ich erzählte ihm, dass ich vor ein paar Jahren die Restauflage des Taschenbuchs erworben habe und es über meine Webseite verkaufe. Allerdings weist mich heute Leser*** darauf hin, dass die angebenen gmx-Mailadresse offenbar nicht funktioniere. Ich Huschelchen! Ich habe in der Tat dort eine Bestellanschrift angegeben, die schon seit einem Jahr stillgelegt ist. Wer auch immer dort das Buch geordert haben sollte und ohne Antwort blieb, möge mir verzeihen, jetzt ist die korrekte Version eingestellt: hier