Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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4. August 2017


Man sollte eine Ode auf die Scheurebe schreiben.


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Der Schauspieler und Autor Hans Zischler bemerkte einmal im Gespräch, es gebe in Deutschland bzw. in der deutschen Geschichte eine Sehnsucht nach "nichtstaatlicher Gemeinschaftsseligkeit". Die Deutschen seien lieber ein Kollektiv als andere Nationen. Eine Figur, um die sich der Gegenwartsdeutsche heutzutage noch guten Gewissens symbolisch versammeln kann, wenn auch nur in der Gemeinschaft der Fernsehschauer, ist der "Tatort"-Kommissar. "Ich habe manchmal den Eindruck, dass der Kommissar bei uns der aktuelle Meister der Gemeinschaft – also der bedrohten Gemeinschaft – ist", sagte Zischler. – Das teilweise absurd treue Wahlverhalten vieler Deutscher hat sicherlich auch mit diesem Wunsch zu tun, sich um etwas Verlässliches zu scharen. Es wird also Zeit, dass der TV-Kommissar einmal, im Sinne der Aufklärung, selber als der Mörder auftritt.


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Wenn ich mir früher hinter dem Eisernen Vorhang in der Sportschau die Bundesliga ansah, pflegte mein Genosse Vater, so er dergleichen Sakrilegien überhaupt duldete, zu erklären, der Fußball im Westen sei kein Sport mehr, sondern bloßes Geschäft, und überdies würden die TV-Zuschauer manipuliert, weil man den Film etwas schneller ablaufen lasse und so den Eindruck erwecke, die Spiele seien spannender als im Osten (vielleicht eine Empfehlung für die Wiedergabe des Frauenfußballs, allerdings müssten Liveübertragungen dann zeitversetzt gesendet werden). Die gute alte Bundesliga mit ihren fünfstelligen Spielermonatsgehältern, wo zehn Millionen Mark Ablöse für den Wechsel von Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern zu Inter Mailand anno 1984 als unangemessen hoher Sensationstransfer gewertet wurden! Gestern wurde bekannt, dass Neymar da Silva Santos Júnior für 222 Millionen Euro von Barcelona nach Paris wechselt. Das ist Geschäft! Als ein Mensch, der sich der Faszination eines Fußballspiels ab einem gewissen Niveau nicht zu entziehen vermag (und der keine Scheu hat, den genialen Pass eines Xavi, Pirlo, Kagawa oder Thiago durchaus mit dem genialen Satz eines Dichters, das Dribbling eines Cruyff, Zidane, Messi oder Dembélé duchaus mit einem Mozartschen Presto zu vergleichen), kann ich mich über die Resultate dieses Geschäfts schwerlich empören. Käme ein Außerirdischer auf diesen unscheinbaren Planeten und zöge Erkundigungen über die dort lebende Primärspezies ein, er würde unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass der Hauptkult dieser Wesen in sogenannten Stadien stattfinde, wo 22 Spieler einem Ball nachlaufen, sich jedenfalls global die meisten Menschen kultisch versammeln, und zwar mit ritueller Regelmäßigkeit, die Übertragung solcher Veranstaltungen von mehr TV-Zuschauern betrachtet werden als alle anderen Übertragungen (hier wieder die Regelmäßigkeit eingerechnet), und wo, von kriegerischen Auseinandersetzungen abgesehen, auch die größte kollektive emotionale Aufwallung herrscht. Kurzum, wenn ein Verein bereit ist, für Neymar mehr Geld zu bezahlen, als der eigentliche Messias des beschriebenen Kultes, Lyonel Messi, kostet, dann ist das zwar aus einem gewissen Blickwinkel absurd, rein geschäftlich indes wahrscheinlich immer noch rentabel. Auch hier triumphiert die Marktwirtschaft.

Allerdings sollten sich die großen Vereine nicht zu sicher sein, dass die Sympathien der Anhänger nicht allmählich bröckeln. Wenn drei, vier europäische Spitzenclubs denen hinter ihnen nach Kolonialherrenart praktisch jeden Spieler wegkaufen, sich ihre Mannschaften nach Belieben zusammenbasteln und die Titelgewinne abonnieren können, schwindet das immer mehr, was diesem Sport neben dem ästhetischen Genuss seinen eigentlichen Reiz verschafft: die Spannung, die Dramatik. Verträge gelten nichts mehr, zwielichtige Spielerberater mit hohen Provisionen treiben hinter den Kulissen ihr sinistres Spiel, Spitzenmannschaften bestehen praktisch nur noch aus Legionären, denen es einerlei ist, in welcher Farbe sie spielen, die Kicker versichern einem Verein zu Saisonbeginn ihre Loyalität und spielen sechs Monate später bei einem anderen – Globalisierung allüberall. Neymar ist weg, und Barcelona wedelt mit den Millionen, ein Nachfolger muss her, sofort, am besten Dembélé, dessen Vertrag läuft zwar bis 2021, aber was gilt das schon? Ich hoffe, dass der BVB da nicht mitspielt, denn jeder Verein, der einknickt, lässt das Karussell schneller laufen, Verträge noch unbedeutender, die Kluft zwischen den wenigen Spitzenclubs und dem Rest immer größer werden. Seit vier Jahren versammeln sich im Halbfinale der Champions League Real Madrid, Barcelona, der FC Bayern und ein variabler Vierter, der aber am Ende nie gewinnt. Wozu soll man dann noch zuschauen? Die Marktwirtschaft muss sich vor dem Kartell schützen, aber wie das geschehen mag, darüber soll mal der Lichtschlag schreiben. Ich weiß nicht, ob ich andernfalls jemals die Kraft zum Boykott aufbringe, beim Boykott der Winzer etwa habe ich jämmerlich versagt...      


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‪Auf meinen sachten Spott über die allmählich kanonische Version der deutschen Nachkriegseinwanderungsriesenerfolgsstory, welcher zufolge das Wirtschaftswunderland im Grunde von Türkenhand entstanden sei (Acta diurna vom 29. Juli), verweist Leser *** auf ein Interview, das die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney anno 2011, zum 50 Jahrestag des Zuwanderungsabkommens von 1961, der Deutschen Welle gegeben hat (hier).

‪Gleich zu Beginn erklärt Frau Öney: "Die Gastarbeiter kamen unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, da war Deutschland buchstäblich am Boden zerstört, und das Land war auf Arbeitskräfte angewiesen."

In Deutschland kannst du Minister werden, auch bzw. gerade wenn du nichts über die Voraussetzungen deines Jobs weißt. In der Osttürkei und in der Hand Allahs mögen 16 Jahre praktisch nichts bedeuten, der gemeine Deutsche stellt in einer solchen Spanne einiges an bzw. auf die Beine.

Schauen wir auf die allgemein und leicht zugänglichen Fakten:

‪Im Jahr 1961 herrschte in (West-)Deutschland Vollbeschäftigung. Vorausgegangen war ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum, das anno 1955, im wachstumsstärksten Jahr der deutschen Geschichte, den Begriff "Wirtschaftswunder" hervorbrachte. Sowohl die Wirtschaft als auch die Reallöhne (damals ging das noch zusammen) wuchsen in diesem Jahr um jeweils mehr als zehn Prozent.

Die Investitionen in der Bundesrepublik stiegen von 1952 bis 1960 um 120 Prozent, das Bruttosozialprodukt nahm um 80 Prozent zu.

Die deutsche Fahrzeugindustrie hat ihre Produktion zwischen 1950 und 1960 verfünffacht. Industrie und Dienstleister konnten innerhalb weniger Jahre zwei Millionen Arbeitslose sowie die Arbeitsfähigen unter den acht Millionen Vertriebenen und den 2,7 Millionen Menschen, die aus der DDR geflohen waren, in Lohn und Brot bringen. Die erwähnte Vollbeschäftigung trat in den späten 1950er Jahren ein. 1961, im Jahr des Anwerbeabkommens, lag die Arbeitslosigkeit unter einem Prozent, eine absurd niedrige Quote, die tatsächlich einen akuten Arbeitskräftemangel beschreibt. Nur weil das Land mitsamt seiner Industrie und Infrastruktur wieder aufgebaut war, konnte es überhaupt ausländische Arbeitnehmer beschäftigen.

Ab Anfang der 1960er Jahre ging der Investitionsboom langsam zurück.

Das sind die Fakten, man findet sie in jedem Wirtschaftslexikon und jeder Chronik dieser Zeit. Den staunenswerten Wiederaufbau haben die Deutschen allein bewältigt. Nur zur Demolierung seines Landes brauchen dieses skurril-emsige Volk, so eifrig vor allem die eigenen sogenannten Eliten auch daran mittun, fremde Hilfe, sei es nun vor 1918, vor 1945 oder nach 2015.

‪"Viele Türken fühlen sich vernachlässigt, sowohl von der deutschen als auch von der türkischen Politik", sagte Frau Öney in dem Interview auch noch. Das ist entweder AKP-Propaganda, also die indirekte Rechtfertigung der permanenten Einmischung der Türkei in die Innenpolitik eines anderen Staates unter Indienstnahme der türkischen Minderheit als Hebel, oder die Beschreibung des Weltbildes von Kindern. Zeigen Sie mir einen deutschen Auswanderer in, sagen wir Panama, der USA oder Australien, der sich "von der deutschen Politik vernachlässigt fühlt" (also ich meine: nach seiner Auswanderung, vorher wahrscheinlich schon). Zeigen Sie mir einen Vietnamesen, Russen oder Spanier, der zu uns eigenwandert ist und sich nun von der Politik seines Herkunftslandes vernachlässigt fühlt. Sollte es solche Empfindungen bei Türken in Deutschland wirklich geben – zumindest die Angehörigen der fünften Kolonne Rayyps des Prächtigen werden dergleichen Schwächen in ihrer stolzen Türkenbrust kaum hegen –, dann empfehle ich die Auswanderung in ein sicheres Drittland. Jeder ist für sein Schicksal selbst verantwortlich, außer vielleicht in Nordkorea, in Somalia oder bei den Saudis, und wenn sich jemand ausgerechnet im Einwandererhätschelland BRD vernachlässigt fühlt, sollte er oder sie vielleicht einfach nur erwachsen werden oder sich ein Land suchen, wo man sich besser um ihn kümmert. Viel Glück bei der Suche!