Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

Artikelsuche

Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


...mehr

 

 

1. August 2017


Die wirklich brennenden Fragen unserer Zeit werden, wenn bento mal ausfällt, bei jetzt gestellt, dem Jugendmagazin der Süddeutschen. Etwa: "Mädchen, warum knutscht ihr so oft miteinander? Und wie fändet ihr es, wenn wir Jungs das auch öfter täten? Können wir da vielleicht von euch lernen?" (hier). Wenn die Spermienqualität der europäischen Männer sinkt, sollte man sich beim Kuscheln mit Kumpels über die Folgen beratschlagen.

In der Rubrik, um die es hier geht, schreibt ein Autor stellvertretend für das Kollektiv der "Jungs" jenem der "Mädchen" zu kollektiven Jungs- und Mädels-Fragen einen Brief, und die jeweils andere Seite antwortet. Trans-, Inter-, Auto-, Autoaggro-, Kontra-, Unklar- und Asexuelle werden durch heteronormative Nichtbeachtung diskriminiert, aber wir wollen hier mal nicht päpstlicher sein als zumindest der aktuelle Papst. Der Ton der Briefe ist im Teenager-Modus gehalten, wobei ich nicht glaube, dass dort wirkliche Teenager schreiben, dafür ist der Stil zu pädagogisch (auch in der DDR wurden die Jugendseiten ja von erfahreneren Genossinnen und Genossen gemacht, die einfach besser wussten, wie man Teenager-Probleme behandelt als Teenager selber).

"Liebe Mädels", beginnt also der aktuelle Brief, "viele von uns Jungs halten ja Homophobie für eine Sache von vorgestern. ‚Schwul’ als Schimpfwort zu benutzen kommt uns nicht mehr in den Sinn, wir feiern die LGBT-Bewegung mit eingefärbten Regenbogen-Profilbildern und erzählen uns gegenseitig von der Männer-Hochzeit neulich, die ja echt total romantisch war."

Nichts davon stimmt. "Schwul" ist auf deutschen Schulhöfen inzwischen ein genauso gebräuchliches Schimpfwort wie "Jude", und sogar in der jetzt-Redaktion weiß man, warum das so ist. An den Eingeborenen liegt's eher nicht. Doch selbst von den Kartoffeln war praktisch noch nie einer bei einer Schwulen-Hochzeit.

Weiter: "So offen wir aber auch scheinen mögen, so sehr wir allen Menschen ihr Glück gönnen, hält sich eine Angst, eine Phobie doch sehr wacker: Die davor, selbst für schwul gehalten zu werden. Oder trotz überzeugten Hetero-Daseins schwul zu ‚werden’, wenn wir Männern ein bisschen zu nahe kommen. Über die Gründe kann man nur spekulieren, wirklich vertretbare kann es für uns aufgeklärte Menschen ja eigentlich nicht geben. Ihr Frauen scheint da irgendwie schon weiter zu sein. Ihr knutscht und kuschelt in der Öffentlichkeit, ohne euch Gedanken zu machen. Körperliche Nähe ist bei euch kein Problem und nach ein paar Gläsern Wein hat so ziemlich jede von euch schon mal ihre beste Freundin ‚weggeknutscht’, auf der Tanzfläche die Brüste begrabscht oder mehr als eindeutige Moves ausgepackt, die mit Tanzen nur noch entfernt zu tun haben."

Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der sich als "aufgeklärt" bezeichnete und nicht ein ausgemachter Trottel war, das nur am Rand. Ich habe darüber hinaus bei meinen inzwischen ein halbes Jahrhundert währenden Menschenbeobachtungen noch nie Frauen oder Mädchen sich in der Öffentlichkeit knutschen, gegenseitig die Möpse befondeln oder mit "eindeutigen Moves" auf der Tanzfläche was eigentlich? Oralverkehr? darstellen gesehen, außer, was Knutscherei coram publico angeht, zwei Mädels damals in der Schule, die aber nur uns Jungs heiß machen wollten und dann brav mit den Kerlen mitgingen, um zu knutschen, ihre Möpse und "eindeutige Moves auszupacken". Kann aber sein, dass ich ein unrepräsentatives Leben führe und an unrepräsentativen Orten verkehre, während anderswo zwischen den Weibern die Post abgeht, speziell wenn die Kopftücher fallen.

"Könnt ihr uns diese Unverkrampftheit mal näherbringen?", seufzt der Briefschreiber. "Sollten wir auch öfter mit Männern rumknutschen?" Es scheint sich bei jetzt um einen periodisch wiederkehrenden Anfall zu handeln, eine Art homophiles Tourette-Syndrom; "Jungs, warum küsst ihr euch nicht öfter?", fragten "die Mädchen" im März 2015 (hier).

Statt den Mädchen antworte mal ich. Die Sache ist eigentlich ganz einfach. Es gibt ein evolutionär entstandenes Phänomen namens Ekel. Der Ekel steuert Überlebensfunktionen, sowohl beim Erkennen verdorbener Nahrungsmittel als auch beim Erkennen des falschen Sexualpartners. Diese Mechanismen sind in den Jahrmillionen entstanden, als Heterosexualität sich als der zumindest für höhere Tierarten verbindliche Modus der Fortpflanzung einbürgerte, und für den nächsten Äon wird daran nicht zu rütteln sein, auch wenn ein paar LSBTTI-Aktivisten und Lann Hornscheid das zu glauben scheinen. Wir haben es hier einmal mehr mit der typisch linken Obsession der Einebnung möglichst sämtlicher Unterschiede zu tun, weshalb sich für die Schreiber auch die Frage gar nicht erst stellt, ob nicht etwa die (im vorliegenden Fall freilich bloß unterstellten) Differenzen von Jungen und Mädels betont und gehegt werden sollten. 

„Alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe, ja ist durchaus nur ein näher bestimmter spezialisierter, wohl gar im strengsten Sinn individualisierter Geschlechtstrieb“, schreibt Schopenhauer, woraus umgekehrt folgt, dass eine nicht im Geschlechtstriebe wurzelnde Verliebtheit keine ist. Warum aber, wenn nicht aus Gründen einer wie schwach auch immer ausgeprägten Verliebtheit, sollte man mit anderen Menschen "herumknutschen"? Der innerfamiliäre Kuss wiederum ist die sublimierte Form der Nahrungsweitergabe an das Kind, der Wangenkuss bzw. der Kuss "ins Leere" unter Freunden symbolisiert die Erweiterung der Familiarität auf Nichtblutsverwandte. Der Kuss zwischen Verliebten indes "ist die Weitergabe des Schöpfungsaufrages" (Botho Strauß).

Der Großteil der Männer auf diesem Planeten empfindet schlichtweg Ekel beim Gedanken daran, einen anderen Mann zu küssen, selbst wenn es ihr bester Freund ist, nein, gerade weil es ihr bester Freund ist. Es gibt Ausnahmen, die empfinden diesen Gedanken anziehend. Das sind, wie man weiß, die Schwulen, und sie mögen in Frieden leben. Es geht hier um etwas anderes. Der zivilisierte Mensch, egal ob Hetero oder Homo, lebt seine Sexualität beharrlich, aber diskret. Der obszöne Mensch indes, über den Freud befand, der Verlust der Scham sei immer ein Zeichen von Schwachsinn, praktiziert sie öffentlich, missionarisch und behelligt die Allgemeinheit damit. Gerade junge Menschen – und das ist ja wohl das Publikum von jetzt – lassen sich leicht manipulieren, etwas gegen ihren Willen und gegen ihre Interessen zu tun, wenn man es ihnen nur konsequent genug einredet. Placet experiri, gewiss, doch mitunter verläuft die Selbstfindung schmerzhaft. Ich geriet als spätpubertierender Jüngling mit einigen meiner gleichaltrigen Freunde an eine Gruppe deutlich älterer schwuler Akademiker, deren Interesse uns natürlich enorm schmeichelte, wobei mir erst einige Jahre später aufging, worin dessen eigentlicher Grund bestanden hatte – entweder war ich zu unattraktiv, oder die Brüder hatten mir angesehen, dass meine Abneigung bereits voll ausgeprägt war –, während die aus homoerotischer Sicht attraktiveren meiner Freunde den Grund eher erfuhren. Für zwei von ihnen kam der Ekel im Nachhinein, aber gewaltig. Gewiss, progressiven Pädagogen in die Hände zu fallen oder Leuten, die einem das Ticket ins Paradies verschaffen wollen, ist schlimmer.

Zurück zum Jugendmagazin der Süddeutschen. Anstatt zu fragen, warum Jungs nicht gern Jungs küssen, und ihnen bereits damit auf manipulative Weise Verklemmtheit zu unterstellen, könnte man sich dort ebenso gut erkundigen, warum Jungs keine krummbeinigen, übergewichtigen und schielenden Mädchen küssen wollen, obwohl sie ihnen aus Freundschaft, Gutherzigkeit oder Mitleid ansonsten nahezu jeden Gefallen tun würden. Ihr evolutionäres Programm will keine Paarung mit solchen Exemplaren der Gattung. Aber mit schwulen Freunden haben sie nicht das geringste Problem. Um das fragile Gleichgewicht zwischen Heteronormativität und tolerierter Abweichung nicht zu gefährden, sollte sich niemand anmaßen, die Regel therapieren zu wollen, denn dieser Ekel ist nicht therapierbar. Aber wahrscheinlich ist kein Emanzipationskollektiv weise genug, kurz vor dem Überspannen des Bogens innezuhalten.


                             ***



v.l.: Volker, der Spielmann, Hagen, Kriemhild, ein Hunne. Warum ich das "poste"? Ja, warum nur...


                              ***


Der Sieferle des Tages:

"Ein zentraler Vorgang der letzten zweihundert Jahre kann als Verschwinden des anthropomorphen Raums gekennzeichnet werden. Der ältere anthropomorphe Raum war etwa als 'Kulturlandschaft' in Erscheinung getreten. Es war dies eine unter konkreten lokalen Bedingungen von menschlichen Aktivitäten geprägte Landschaft, deren Dimensionen auf die Bewegungen und die Arbeit des Menschen bezogen waren. Diese in langen Zeiträumen entstandene und sich nur sehr langsam umformende Kulturlandschaft wurde seit dem 19. Jahrhundert zunehmend industriell mobilisiert und überlagert. Etwas Vergleichbares geschah dann aber auch in Hinblick auf die Beziehungsräume der Menschen. Auch ihnen kam der Charakter der 'Persönlichkeit' abhanden. Kategorien wie Wille, Absicht, Ausdruck usw., mit deren Hilfe Geschehen herkömmlich beschrieben und interpretiert werden konnte, wurden zunehmend zur Orientierung unbrauchbar. Sie verloren an Plausibilität, während andere Begriffe angemessener erschienen.

Vor allem funktionale Kategorien rückten in breiter Front vor. Der einzelne wurde zu einer Chiffre innerhalb eines Gefüges, dessen Struktur nicht mehr sinnvoll in Begriffen individueller Eigenschaften, Leidenschaften, Wünsche usw. beschrieben werden konnte. Er wurde zum Typus innerhalb einer abstrakten Struktur. Die Reste kontingenter Individualität wurden an den Rand verwiesen, in Zonen der Pathologie oder der fiktionalen Verständigung. All diese Vorgänge, die hier nur benannt werden sollen, gehören ins Standardrepertoire der kulturkritischen Suada und sind allgemein geläufig. Hier kommt es jedoch auf das folgende an:

Es tritt eine Beziehungsunsicherheit auf, eine Isolation einzelner Elemente. Man kann diesen Vorgang an Darstellungen von Interieurs ablesen, von Gruppenbildern etwa. Die Figuren trennen sich, lösen sich voneinander, verlieren ihren Bezug. Sie werden schließlich zu einem feingemahlenen Treibsand, in den der Wind größere Muster einzeichnet, die aus dem Blickwinkel der individuellen Körner nicht mehr nachvollziehbar sind. Diese neuen Muster sind aber das eigentlich Interessante: Sie bilden die Struktur des funktionalen, postanthropomorphen Raums.

Aus diesem Vorgang, der schon zu Beginn unseres Jahrhunderts sichtbar werden konnte, erklärt sich die merkwürdige Diskrepanz zwischen den verbreiteten Versuchen, mit der Wirklichkeit umzugehen, und ihrem tatsächlichen Gehalt an Durchdringung. In den meisten Menschen schlummert noch immer der überkommene anthropo-teleomorphe Zugang zu einer Welt, die sich diesem Zugang immer weiter entzieht. So entsteht etwa die übliche Klage angesichts des Vordringens neuer Technostrukturen oder der sich abzeichnenden Umweltkrise. Es handelt sich dabei um die Konfrontation zweier Daseinsschichten: Das alte Erbe des Familienmenschen, des Hordenmitglieds und des Polisbürgers, der mit psychologischen Kategorien operiert (Schuld, Initiative, Zwecksetzung, Gut und Böse, Entscheidung, Verantwortung usw.) trifft auf eine neue Struktur der Wirklichkeit, die sich in weit größeren Dimensionen organisiert. Diese Diskrepanz drückt sich dann in einer Haltung aus, welche als Anmoralisierung der Wirklichkeit bezeichnet werden kann und in welcher eine große Affinität zum Verhalten einer Hundemeute ausgemacht werden kann, welche den Mond anheult.

Wir erleben heute nicht mehr das Verschwinden des 'Menschen', sondern wir haben es bereits hinter uns. Der 'Mensch' im alten Sinn ist bereits verschwunden, und er hat die Räume mitgenommen, in denen er gelebt hatte und die auf seine individuell-familiären Dimensionen zugeschnitten waren. Die Leidenschaften etwa, die ihn einst bewegt hatten, sind in irrelevante Zonen der Privatheit oder der öffentlichen Unterhaltung abgesunken – in Teilsegmente der Wirklichkeit also, die fern von den Achsen des Geschehens liegen. War es etwa einmal möglich und sogar üblich, politische Vorgänge auch aus persönlichen Eigenschaften, aus Merkmalen, Vorlieben und Versäumnissen großer Individuen abzuleiten, so ist dies heute schlicht unplausibel geworden. Der letzte Heros dieser Art war der unzeitgemäße Bösewicht Adolf Hitler. Heute beißt niemand mehr in den Teppich. Die Politiker bilden nur noch den Scheitelkamm großer Wanderdünen, die von Elementarkräften bewegt werden."

("Finis Germania", S. 51 ff.)