Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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30. Juli 2017


Nein, das ist noch nicht die Monatsendfigur. Von diesem Balkon werde ich dereinst die Freie Süddeutsche Gelehrtenrepublik ausrufen (die Uhr geht ca. 20 Minuten nach):

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Nun ist also auch noch Mick Jagger ein Rolling Rechtspopulist geworden!

"I am tired of talking about immigration", singt Jagger in einem neuen Titel namens "England Lost". "Chaos crisis instability, ISIS" heißt es im anderen Song. "Wohin Jagger mit solchen Zeilen will, bleibt dem Hörer unklar", erklärt die Welt (hier). Wohin der Redakteur mit solchen Zeilen will, wissen wir hingegen. In der noch aufgeklärteren Süddeutschen wiederum steht zu lesen (hier): "An dieser Stelle einmal eine unvollständige Sammlung von Jaggers leeren Polit-Talk-Hülsen: 'I'm tired of talking about immigration, (...), 'The news is all fake', 'Immigrants are pouring in, refugees under your skin', 'Chaos, crisis, instability, ISIS'. Das Ergebnis nach insgesamt knapp neun Minuten: England ist verloren, die Nachrichten lügen, die da oben auch, Flüchtlingskrise und irgendwas mit ISIS. Unklar bleibt, in welche Rolle Jagger da eigentlich schlüpft. Wessen Standpunkt nimmt er ein? Sein eigener wird es kaum sein." Mit dieser Situation kennt sich der Schreiber – Namen tun in dem Gewerbe längst nichts mehr zur Sache – bestens aus.

Die journalistische Klonarmee arbeitet längst redaktionsübergreifend; in jedem Blatt stehen die gleichen Hülsen. Wer kauft so was? Seit ich beruflich zwischen München und Stuttgart pendle, habe ich mir die Bahncard 100 für die Erste Klasse zugelegt. Zum Service dort gehört unter anderem, dass jeden Morgen bei Fahrtantritt ein Schaffner oder eine Schaffnerin mit der Tagespresse durch den Waggon läuft und fragt, ob man eine Zeitung haben möchte. Es ist mir ein inzwischen nahezu rituelles Vergnügen, mit leicht indigniertem Kopfschütteln abzulehnen, stattdessen einen Capuccino zu ordern und mich wieder in meine Lektüre zu vertiefen.


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Der Sieferle des Tages:

"Die Erfahrung von Differenz wirkt unter den Deutschen skandalös. Sie können es nicht ertragen, wenn es irgendwo anders ist als bei ihnen selbst. Deshalb werden sie auch die letzten und eifrigsten Anhänger des Projekts der Modernisierung, vielleicht sogar des Projekts des Sozialismus sein. Bislang glauben sie noch, es seien grundsätzlich nur Nivellierungen nach oben möglich; vielleicht wird sie eine Wirklichkeit, die nur noch Nivellierungen nach unten gestattet, schließlich eines Besseren belehren? (...)

Der deutsche Sozialdemokratismus ist weniger ein politisches als ein tiefverwurzeltes kulturelles Phänomen. Es schwingen in ihm die eifersüchtige Enge der vorindustriellen Kleinstädte, der hundertjährige Neid der Gewerkschaftsbewegung, die Parolen und Erfahrungen der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft wie auch die wohlfahrtsstaatlichen Versprechungen der Wirtschaftswunderzeit mit. Diese Kontinuitätslinie konnte dann mit den Weltverzehrungsansprüchen des dionysischen Individuums verschmelzen, mit dem Schrei nach einer allmächtigen nährenden Mutter, die sich beeilt, jeder Trotzgebärde nachzugeben. Dieser Sozialdemokratismus, dieser Glaube an eine einzige große, sichernde und fütternde Volksfamilie, ruht auf dem brüchiger werdenden Fundament eines Fortschrittsglaubens, dessen Zentrum der tiefverwurzelte Gedanke immerwährenden Wirtschaftswachstums bildet. Daher hoffte man (und hofft vielfach noch heute), die anstehende Nivellierung der deutschen Lebensstandards sei möglich, ohne daß irgend jemand einen Preis dafür zu bezahlen habe (abgesehen von den numinosen, nicht faßbaren 'Besserverdienenden')."

(Aus: "Finis Germania", Schnellroda 2017, S. 28 - 30)

Dieses war der dritte Sieferle,
Doch der vierte sinkt noch tieferle.

(Oder, wie Schahrasad sagen würde: Das ist noch gar nichts, verglichen mit dem, was Sieferle euch morgen erzählen wird.)


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Ach so: Die Sonntage immer den Künsten. Das ist – im Wortsinne – überwältigend!