Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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29. Juli 2017


Schwäbische Medienvertreter und Schuloffizielle wiegeln gerade im üblichen Stil den Vorwurf ab, dass im evangelischen Religionsunterricht an der Oststadtschule zu Ludwigsburg, einer Grundschule, so etwas wie eine Indoktrination von Schülern stattgefunden habe. Viertklässler seien dort genötigt worden, auf islamische Weise zu beten, beklagen sich Eltern. Die Mädchen konnten auch Kopftücher aufsetzen. Eine Mutter schickte mir die Aufzeichnungen ihrer Tochter. Offenkundig wurden dort verschiedene Stationen durchlaufen, an denen das islamische Ritual erklärt und "nachgespielt" wurde. Die interessanteste Formulierung steht links unten: An der Station "Gebetsablauf" fand das Mädchen besonders wichtig, "dass sie und wir beten müssen das Allah der einzige Gott ist und das wir alle uns Allah unterwerfen müssen". Ja wem denn sonst!

Die Streiche sind bei uns im Schwang;
Sie sind bekannt im ganzen Reiche,
M
an nennt sie halt nur Schwabenstreiche.

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Wie immer in solchen Fällen empfiehlt sich das Gedankenspiel der umgekehrten Version: Man stelle sich vor, muslimische Schüler wären gehalten, vor einem Kruzifix auf die Knie zu gehen und das Vaterunser zu sprechen. Das empörte Aufjaulen klänge bis nach Berlin und Ankara. Dergleichen wäre ja auch extrem kulturunsensibel und willkommenskulturfern. Schließlich haben wir Europäer die Muslime jahrhundertelang angegriffen, sie bis nach Südfrankreich, Konstantinopel, Budapest und Wien gelockt, da wäre es ja kulturimperialistisch, ihnen jetzt auch noch christliche Gebete aufzudrängen!

Nicolaus Fest hat in seinem wie immer sehenswerten Video-Wochenrückblick alles Nötige zu dieser Aktion und auch zu dem lächerlichen Argument, die Kinder hätten frei entscheiden dürfen, ob sie an den einzelnen Ritualen teilnehmen wollten, gesagt (hier).

Aber was ist in dieser Schule tatsächlich passiert? Vielleicht üben unsere Protestanten schon, wie man sich dem Islam unterwirft? So jauchzend und frohlockend, wie sie sich den Nazis unterworfen haben? Und mal ehrlich, es glaubt doch in diesem Verein eh kaum mehr einer daran, dass dieser fundamentalistische Wanderprediger und Spuckeheiler (Markus 8,23), den die Römer ans Kreuz schlugen, der Sohn Gottes war. Die Bischöfe Marx und Bedford-Strohm haben schließlich auch auf dem Jerusalmer Tempelberg ihre Kreuze abgelegt, bevor sie in eine Moschee gingen, an deren Wänden der im Koran mehrfach vorkommende Satz steht: "Wir (also Gott) haben keinen Sohn gezeugt!" Und Gott selber bleibt doch übrig!

(Jetzt mal unter uns Betbrüdern im Lande der Kässmanns und Jepsens: Es war bekanntlich nicht alles schlecht bei Adolf, und es ist nicht alles schlecht am Islam. Erinnern wir uns an den genervten Seufzer des heiligen Paulus: Mulier taceat in ecclesia! Die Gelegenheit, ihm Geltung zu verschaffen, ist wirklich günstig wie nie!) 


PS: "Mit breitem Grinsen" hat Leser ***, Oberstudienrat i.R., die Notiz über den Religionsunterricht in Ludwigsburg gelesen. "Als ehemaliger Religionslehrer (kath., Gymn.) kann ich Ihnen aber versichern, es handelt sich wahrscheinlich nicht um eine böse Absicht, sondern um reine Dummheit. Es gibt eine beliebte Unterrichtsmethode, dass man mit den Kindern die Dinge praktiziert, die man ihnen erklären will. Dass man mit den Kindern Brot bäckt, wenn man ihnen die Wirkung der Hefe erklären will, ist ja noch vernünftig. Für viele andere Fragen aber einfach undenkbar.
Aber es gab eine Zeit, in der es üblich war, dass im (katholischen) Religionsunterricht der jüdische Sederabend nachgespielt wurde, mit entsprechendem Unterrichtsmaterial dazu. Ich kann mich an eine Fortbildung erinnern, bei der eine jüdische Religionslehrerin deutlich machte, wie unpassend sie dieses Jüdisch-Spielen findet.
Nach meinem Kenntnisstand ist diese Mode auch schon lange nicht mehr in Gebrauch. Nur hat sich das noch nicht bis nach Ludwigsburg herumgesprochen."


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"Wenn ich mal kurz zusammenfassen darf", schreibt Alexander Wendt auf seiner Facebook-Seite: "Der Spiegel fälscht eine Nachricht – denn eine Bestsellerliste ist eine Nachricht über den Erfolg von Buchverkäufen – weil er sich 'der Aufklärung verpflichtet fühlt'.
Heiko Maas setzt ein Meinungsbeschränkungsgesetz durch, weil ihm die Freiheit des Internets am Herzen liegt.
Ursula von der Leyen handelt, wie sie handeln muss, weil sie sich dem Wohl der Bundeswehr verpflichtet fühlt.
Angela Merkel ist weiter für für die Ankunft von Migranten in Deutschland, die zu 100 Prozent nicht asylberechtigt sind, und überlässt andererseits Alte, Frauen und Kinder in jordanischen Flüchtlingslagern, die gar nicht erst aufbrechen können, mehr oder weniger ihrem Schicksal, weil die Humanität für sie handlungsleitend ist.
Schlussbemerkung: Mir wiederum liegen all die wackeren, zumeist linken Westdeutschen sehr am Herzen, die mir 1989 gleich nach dem Fall der Mauer erklärten, sie hätten die Verlogenheit in der DDR keinen Tag lang ausgehalten."

Mehr als das! Ich erinnere mich an einige kernige Figuren, aus deren Unverständnis darüber, wie man sich als Ostdeutscher diesem Regime alterstarrsinniger Politbürokraten unterwerfen und von ihnen einmauern lassen konnte, die Bereitschaft sprach, Stasi und Vopo, wenn nicht gar SA und Gestapo nachträglich die Stirn zu bieten. Nur vor der Masi und der Gender-Lobby, vor Frauenbeauftragten und grünen Hysterikerinnen beiderlei Geschlechts, vor Rauten und Mikrophonen kuschen sie.


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Vor sieben Jahren, zum 20. Jubiläum des Anschlusses der DDR an die BRD, der, wie sich täglich immer mehr heraustellt, genausogut als der umgekehrte Fall geschildert werden kann, schrieb ich eine Rede, die der Genosse Erich Honecker auf dem Untergrundparteitag der SED an einem geheimen Ort irgendwo in Deutschland gehalten hat (hier; Focus hat so etwas damals sogar noch veröffentlicht und sich damit sub specie aeternitatis himmelhoch über den Spiegel gestellt). Längst könnte einem (also mir nicht!) die Satire im Halse stecken bleiben, und viele, die mir damals Übertreibung bzw. eine absurde Abirrung in der Themenwahl vorwarfen, dürften die Sache inzwischen anders sehen. Zensur, Gleichschaltung der Medien, Überwachung, Gesinnungskontrolle, geistiger Bürgerkrieg gegen "Boykotthetzer", staatliche Planvorgaben für die Wirtschaft, Auflösung des bürgerlichen Rechts zugunsten einer  Gesinnungsjustiz, alle wichtigen politischen Entscheidungen von der Kostümvolkskammer widerspruchslos abgenickt oder vom Politbüro ganz an ihr vorbei durchgesetzt, Ausplünderung der Leistungstträger, Gleichmacherei an den Schulen und Universitäten, Zerschlagung der Familie und andere soziale Menschenexperimente: Überall spielt diese späte Republik auf dem immer bedrohlicher ächzenden Fundament einer Restmarktwirtschaft DDR. Der für satirische Expeditionen nicht gerade bekannte Hadmut Danisch macht sich auf seinem Blog Gedanken, inwieweit die derzeit laufende "Ver-DDR-isierung der BRD" systematisch und planvoll vonstatten geht (hier). Ich will mich an solchen Spekulationen nicht beteiligen und mich stattdessen mit dem Zusammentragen von Symptomen begnügen.

Beschränken wir uns heute auf die Arbeit der sozialistischen Medienschaffenden. "Vertrauen in die Medien erreicht neuen Höchststand", meldet der Branchendienst Horizont unter Berufung auf eine Studie (hier). Vor allem "rechtsgerichtete Menschen" ließen sich nicht mehr länger von den "Lügenpresse"-Kampagnen von AfD, Trump und Pegida manipulieren./ Schnitt/
Einem andereren Branchendienst, Meedia, offenbarte eine WDR-Mitarbeiterin, ihre Karriere sei wegen eines "umstrittenen" Zitats beendet: "Vor rund eineinhalb Jahren sorgte die WDR-Journalistin Claudia Zimmermann für Schlagzeilen. In einer niederländischen Radiosendung erklärte sie mitten während der Flüchtlingskrise, die öffentlich-rechtlichen Medien seien 'angewiesen, pro Regierung zu berichten'. Der WDR reagierte entsetzt und dementierte, Frau Zimmermann ruderte zurück. Heute sagt sie: 'Bei Sendern und Verlagen ist meine journalistische Karriere in Deutschland nach dieser Äußerung zu Ende.'" / Schnitt /
Heute schrieb mir eine Journalistin: "Ich arbeite als Freelancerin für verschiedene Formate des öffentlich rechtlichen Rundfunks und kann nur bestätigen, wie gelenkt, tendenziös und 'linientreu' die tägliche Berichterstattung vor sich geht. Obwohl die Ereignisse, die Statistiken und Alltagserfahrungen mit der aktuellen Zuwanderung und der Politik, die diese verschuldet, eine klare Sprache sprechen, gibt es nach wie vor so etwas wie einen unausgesprochenen Kodex, der eine ungefärbte, faktenbasierte und aufrichtige Auseinandersetzung mit dem Thema nach wie vor unmöglich macht. Das verursacht bei mir mittlerweile einen ausgewachsenen Cassandrakomplex, der für das eigene berufliche Wohl unbedingt zu unterdrücken ist, weswegen oft regelrecht die Luft zum Atmen fehlt. Langsam bekomme ich eine Ahnung, wie 'Andersdenkende' sich in der DDR vor 89 gefühlt haben müssen." / Schnitt / 
Vor wenigen Tagen veröffentlichte die durchaus linke Otto-Brenner-Stiftung eine Studie über "Die ‚Flüchtlingskrise’ in den Medien". Die Forscher analysierten Tausende von Artikeln aus Leit- und Lokalmedien im Zeitraum von Februar 2015 bis März 2016. Resultat: Der mediale Mainstream floss ausnahmslos auf Regierungslinie. Die großen Zeitungen standen ohne Wenn und Aber hinter der Flüchtlingspolitik Angela Merkels: "Statt als neutrale Beobachter die Politik und deren Vollzugsorgane kritisch zu begleiten und nachzufragen, übernahm der Informationsjournalismus die Sicht, auch die Losungen der politischen Elite." Also praktisch DDR-Journalismus. Kritiker der Grenzöffnung habe man entweder nicht zu Wort kommen lassen oder gleich der Fremdenfeindlichkeit verdächtigt, notieren die Forscher. Trotzdem seien die meisten Medienvertreter von Selbstkritik keineswegs angekränkelt. Vielmehr würden "gravierende Dysfunktionen (...) von Journalisten und einzelnen Redaktionen vermutlich für normal gehalten, das heißt gar nicht als solche wahrgenommen oder gar problematisiert".
Was die augenblickliche Situation doch vom DDR-Journalismus unterscheidet, denn dort glaubte ca. jeder zweite mediale Jubelperser den Hurra-Parolen nicht, die er zu verkünden hatte. / Schnitt ...


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"Kinder, still – Merkel spricht!"


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Haben Sie auch schon gehört, etwa von unseren blitzgescheiten Außenamtschef S. Gabriel, dass es die Türken waren, die Deutschland nach dem Krieg aufgebaut haben, und gar nicht so sehr die Trümmerfrauen (obwohl die meist schon die inzwischen wieder vorbildliche Kopfbedeckung trugen)? Die Türken wurden angeworben, weil die Industrie Arbeitskräfte brauchte. Wenn Ihnen Gabriel mal über den Weg walzen sollte, fragen Sie ihn doch, wer diese Industrie aufgebaut haben mag.

PS: Leser *** merkt, unter Verweis auf dieses Buch, an, dass die deutsche Industrie damals mitnichten Arbeitskräfte benötigte, sondern sämtliche Initiativen zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte von 1953 bis 1973 von den Herkunftsländern ausgingen. Für die Anwerbevereinbarungen seien nicht wirtschaftliche, sondern politische Gründe entscheidend gewesen: die Bemühungen um einen potenziellen NATO-Partner oder um Entspannung im Ost-West-Verhältnis. Klappentext: "Die solchermaßen definierte Ausländerpolitik, die ein stärker technikinduziertes Wachstum in der Bundesrepublik Deutschland bis 1973 verhindert hat (Hervorhebung von mir – M.K.), lässt erstmals auch eine fundierte Neubewertung des Anwerbestopps ab diesem Zeitpunkt zu." – Das macht die ganze Angelegenheit noch deprimierender, meine Bemerkung tendeziell nicht falscher, aber das Statement von Gabriel noch verlogener und widerwärtiger.


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Der Sieferle des Tages:

"Das dionysische Individuum (gemeint ist der egozentrische Endverbraucher unseres Epöchleins – M.K.) hat Eigenschaften, die sich fundamental von denen seines Vorgängers, des liberal-bürgerlichen Individuums, unterscheiden. Es ist rebellisch, sinnlich und destruktiv. Es richtet seine Energien nicht auf die Modellierung und Formgebung einer individuellen Persönlichkeit oder eines ‚Charakters’, sondern es rechnet mit der Amorphität der Person. Es zerfließt an seinen Rändern, ist widerspruchsvoll, widerständig, immer auf der Suche nach Lust, Reiz, Sensation, auf der Flucht vor Bindung, Fremdbestimmung, Verpflichtung. Es ist nicht aktiv-gespannt, sondern strömend und schwingend. Es reflektiert nicht die Welt, sondern will in ihr aufgehen, mit dem Leben verschmelzen. Es ist musikalisch-rhythmisch – fühlt sich in musikerfüllten, von ihrem Takt strukturierten Räumen am wohlsten, die ihm das Gefühl vermitteln, in einem elementaren Fluß mitgetrieben zu werden.

Das liberale oder bürgerliche Individuum dagegen verstand sich selbst als eine organisch-geschlossene Struktur im Sinne einer 'Persönlichkeit', die um einen bestimmten Identitätskern zentriert ist. Seine Eigenschaften konstituierten prinzipiell ein harmonisches Ganzes; sie standen im Verhältnis eines wohlabgewogenen Gleichgewichts zueinander. Sofern es sich um gegensätzliche Tendenzen handelte, hielten sich diese wechselseitig in Schach: Geist und Leib, Vernunft und Trieb, Leidenschaften und Interessen, Egoismus und Gemeinwohlorientierung. Das bürgerliche Individuum bildete einen geschlossenen moralischen Mikrokosmos, auf dessen Pflege und Ausbau im Sinne von Selbstdisziplinierung, Entfaltung von Tugend, Bildung und Kultur die liberale Persönlichkeit höchsten Wert legte. Es hegte moralphilosophische Debatten und neigte zur Selbstreflexion, die zuweilen selbstquälerischen Charakter annehmen konnte. Von daher erklärt sich auch seine Gespanntheit, die vielfach als pathologische Verspanntheit, Verdrehtheit oder Zwanghaftigkeit erschien. Das bürgerlich-liberale Individuum war von einer Welt der Arbeit geprägt. Im Prinzip konnte ihm alles zur Arbeit werden, vor allen Dingen aber die Arbeit an sich selbst. Denken war Arbeit, Reden und sozialer Umgang waren Arbeit, Beschäftigung mit 'Kultur' war Arbeit, selbst Liebe, Trauer oder Tod hatten Arbeitscharakter. Der Bürger war, wie das bürgerliche Zeitalter insgeheim wußte, in seinem Kern Arbeiter, und diese permanente Anstrengung sah man ihm auch an. Es lag im Programm seiner Person eine geheime Korrespondenz zum Makrokosmos der bürgerlichen Arbeitsgesellschaft, die analog strukturiert war. Das dionysische Individuum dagegen bildet ein diffuses Bündel von Eigenschaften, Wünschen, Träumen, Trieben und Visionen. Es ist aus Merkmals-Atomen kombiniert, die sich nicht mehr zu einer kohärenten ‚Persönlichkeit’ zusammenschließen, sondern bereit sind, sich auf jede Schwingung einzulassen, die auf sie einwirkt. Sofern von einem Identitätskern die Rede sein kann, handelt es sich um einen Knotenpunkt sich überschneidender Kräftefelder. Es partizipiert vielfach an Verdichtungen, die hinsichtlich eines Massencharakters kompakter sind als hinsichtlich der Einheit einer Person. Die Muster, die in ihm gebildet werden, sind isomorph zu denen des Systems, in welches es hineinschwingt und wogegen es seine rebellische Haltung entfaltet. Es handelt sich um Muster, wie sie der Wind in Dünen einzeichnet. Sie sind ähnlich variabel, komplex, zwingend ungreifbar und unkontrollierbar. Daher bedarf es auch keiner Bildungsanstrengung im Sinne der Modellierung einer moralischen Identität mehr – es genügt, sich dem Rauschen zu öffnen, welches Zugang zu den es durchziehenden Kräftefeldern gewährt. Von daher erklärt sich die sozialisierende Macht und Prägegewalt von bewegten Bildern und Musik, im Gegensatz zu den klassischen reflexiven Texten der bürgerlichen Kultur, in deren mühsamer Lektüre-Arbeit erst ein Ordnungszusammenhang konstruiert werden mußte.

Der liberale Typus setzte, in Anknüpfung an die ältere christlich-aristotelische Anthropologie, darauf, daß die Triebe von der Vernunft gezügelt werden mußten. Der Mensch war vor allem als Vernunftwesen gedacht, das heißt, die Vernunft sollte Herr im Hause sein und den Trieben den ihnen gebührenden untergeordneten, dienenden Platz zuweisen. Das Programm der Vernunftherrschaft galt an erster Stelle für das Individuum selbst, welches seine innere Ordnung gezielt und bewußt herstellen und aufrechterhalten sollte. Die älteren Konzepte einer Ethik, die das Handeln durch Maximen leiten wollte, die Rede von Schuld und Verantwortung, die das Subjekt als ein dauerhaft geordnetes Zweck-Mittel-System ansieht, beruhen alle- samt auf dieser Voraussetzung. Das dionysische Individuum kennt dagegen keine innere hierarchische Ordnung mehr; Ordnung kann ihm kaum etwas anderes sein als eine vorübergehende, lästige oder bestenfalls interessante Kombination fließender Elemente. Es bezweifelt prinzipiell, ob irgend etwas herrschen soll oder auch nur kann, und sei es die Vernunft selbst. Die Triebe gelten ihm nicht als einzudämmende bösartige Kräfte, mit deren Hilfe Chaos und Tod in das Subjekt hineinwandern, sondern als Agenturen lustvoller Entfesselung. Sie sind der Vernunft zumindest gleichzustellen, vielfach in der Erwartung, es sei mit ihrer Hilfe eine Intensivierung von Erfahrungen möglich. Wenn die Dämme brechen – desto besser, denn nur in der Selbstzerstörung seiner Objekte kann das Leben seine Urgewalten zurückgewinnen. Die aus kulturkritischer Perspektive vielfach beklagte Infantilisierung, welche die systemische Massenkultur hervorbringt, hat mit der hohen Attraktivität des dionysischen Musters zu tun: Die schiere Unendlichkeit der Forderungen, die das dionysische Individuum stellt, erinnert an den kindlichen Trotz, an die folgenlosen Wutanfälle angesichts der Verweigerung und an das stille Vertrauen, daß eine allmächtige Mutter die Sache schon in Ordnung bringen wird."

(Rolf Peter Sieferle, "Epochenwechsel", Berlin 1994, S. 161ff.)

Dieses war der zweite Sieferle,
Doch der dritte sinkt noch tieferle.



PS: Ich kann allen Lesern, die mich nach meinem gestrigen Zitat aus diesem im Handel nicht mehr erhältlichen Buch gefragt haben, ob ich eine Idee besäße, wo man es herbekommen könne, die frohe Kunde übermitteln, dass nicht nur "Epochenwechsel" im Herbst neu aufgelegt wird, und zwar im Landt-Verlag, sondern man dort, wie es einem Klassiker gebührt, eine Werkausgabe vorbereitet. Sie nehmen dann einfach den Habermas 'raus und stellen den Sieferle rein; da können Sie nicht nur etwas dazulernen und ein gutes Deutsch genießen, die Bücher, des' bin ich gewiss, werden auch besser gemacht sein als der registerfreie und haptisch reizlose, größtenteils jetzt schon hoffnungslos fossile Suhrkamp-Schamott.