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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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28. Juli 2017


Da sich Woche für Woche mindestens ein schreibendes Mitglied des Bundes Deutscher Merkelianer (BDM) berufen fühlt, seine meist originell und profund formulierte Ansicht über den Historiker Rolf Peter Sieferle darzutun, welcher durch Suizid zwar seinem irdischen Richter, aber keineswegs einer publizistischen Sonderbehandlung und postmortalen Exkommunikation entwischen konnte, will auch ich meinen Beitrag leisten und in dieser Sache nicht abseits stehen. Ich werde deshalb ausgewählte Scheußlichkeiten aus dem Œuvre des Entsprungenen – 

"Vor diesem Schauspiel steh' ich lang
Gefängnis atmend, Gram und Groll und Gruft,
Dazwischen Weihrauch-Wolken, Kirchen-Huren-Duft
Hier wird mir bang:
Die Narrenkappe werf' ich tanzend in die Luft!
Denn ich entsprang – –"
(Nietzsche)

– an dieser Stelle exemplarisch zur Schau stellen, dem Toten zur Schande, den Lebenden zur Mahnung. Die neue Rubrik wird heißen: "Der Sieferle des Tages". Das erste Zitat aus dem Werk des schlimmen Schelms wird etwas länger ausfallen, jener Maxime folgend, die ein Bekannter in die Worte kleidete: Wenn du deinem Kind die Oper näherbringen willst, dann beginne nicht mit "Hänsel und Gretel" oder "Zauberflöte", sondern geh mit ihm gleich in den "Siegfried". Es handelt sich um einen Passus aus dem Buch "Epochenwechsel", das dieser Laokoon bereits 1994 bei Propyläen veröffentlichte; Gustav Seibt, der dem Schleppfuß noch 2016 bescheinigte, Verfasser "atemberaubende(r) Übersichten von der Urzeit bis zur Digitalisierung" gewesen zu sein, erhält wegen mangelnder internationalsozialistischer Wachsamkeit eine Rüge vor dem Fahnenappell. Wohlan denn (elementare staatsphilosophische Kenntnisse über den ewigen Zwist zwischen Behemoth und Leviathan setze ich voraus):    

"Der historische Vorgang einer Zerschlagung von Personenverbänden zwecks Herstellung des nackten Individuums als ‚Staatsbürger’ ist auf wenige Länder Mittel- und Westeuropas beschränkt geblieben. Schon in Italien, mehr aber in anderen Mittelmeerländern, auch wenn sie nicht direkt zur Dritten Welt zählen, spielen Personen- und Klientelverbände noch immer eine große Rolle, ganz zu schweigen von den mehr oder weniger hochkulturell geprägten Entwicklungsländern selbst. Die Loyalität gilt hier in erster Linie den ‚Nächsten’, den Mitgliedern von Sippen, von Genossenschaften und Schwurverbänden, die Schutz gewähren und Einfluß ausüben. Besonders in der Fremde wird man gerne auf solche Traditionen zurückgreifen, welche es möglich machen, spezielle Solidargemeinschaften aufzubauen, die nach ihren eigenen Regeln funktionieren, aber auch einen eigenen Zwang ausüben. Von daher liegt der Schluß nahe, daß Einwanderer aus Gebieten, die nach dem Personenverbandsprinzip organisiert sind, den Ordnungen des Behemoth näher stehen werden als denen des Leviathan. Dies mag ihnen aber in der künftigen multikulturell-segmentierten Gesellschaft mit unter Einfluß des dionysischen Musters erodierendem staatlichem Gewaltmonopol große Vorteile verschaffen.

Aus der Selbstaufgabe des Nationalstaats und dem mir ihr verbundenen Zusammenbruch des Sozialstaats werden daher neuartige Ordnungszustände hervorgehen. An die Stelle der abstrakten Beziehung von atomisierten Individuen und einem territorial definierten Nationalstaat, der prinzipiell darauf setzte, sämtliche ihm unterstellten Räume rechtlich zu erfassen und zu regulieren, tritt ein hochkomplexes Konglomerat von Herrschaftsverbänden und Machtzonen, die sich auf vielfache Weise überschneiden und miteinander kollidieren, zugleich aber auch normativ leere, rechtsfreie Zonen enthalten. Neben den gefährlichen Innenstädten finden sich dann vielleicht schwerbewachte Naturschutzgebiete; neben einem florierenden Markt für Rauschgift Warnungen vor den Gefahren des Zigarettenrauchens; neben Rentnern, die sich in Wohnungen verbarrikadieren, und Autofahrern, die sich weigern, ihre mobilen Festungen zugunsten kriminalitätsträchtiger öffentlicher Verkehrsmittel zu verlassen, begegnet man umherschweifenden Abenteurern, denen kein Risiko zu hoch ist, sofern es nur einen endomorphinen Kitzel erzeugt. Innerhalb einer solchen segmentierten Gesellschaft von Personenverbänden, Korporationen, Konzernen, Schwurgenossenschaften, Nachbarschaftsvereinen, Streetgangs und Bürgerwehren agiert weiterhin der ‚Staat’, allerdings als eine relativ schwache Agentur von Partikularinteressen, als Verband der atomisierten Restindividuen, das heißt als Partei unter Parteien. Die Steuern, die er der seinem Zugriff noch zugänglichen, nicht anderweitig gebundenen Population abfordert, sind ein Tribut, welcher neben die diversen Nebensteuern, Schutzgelder, Nachbarschaftsabgaben und Klientelbeiträge tritt. Es ist dies die ultima ratio des postnationalen Zustands: An die Stelle des spezifisch nationalstaatlichen Musters einer Integration nach innen und Abgrenzung nach außen tritt ein eigentümliches Ineinander von abstrakten systemischen Strukturen, die weiterhin eine eindrucksvolle soziale Syntheseleistung erbringen, und personalisierten bzw. politisierten Verbandskräften, die unterhalb der Staatsebene, aber auch einzelne staatliche Territorien übergreifend agieren. Der herkömmliche Staat hat damit nicht nur sein Monopol auf legitime Gewaltausübung verloren; es ist vielmehr auch eine Vielzahl von genuin öffentlichen Funktionen auf Verbände übergegangen, die nicht mehr nach dem Territorialprinzip, sondern nach dem Personenverbandsprinzip strukturiert sind. (...)

Im Zuge der Globalisierung hetzt der überkommene Rechtsstaat in einem hoffnungslosen Wettlauf hinter den Tendenzen zur Bildung übernationaler Muster her. Er kämpft an zwei Fronten: gegen diejenigen, welche seine Macht fürchten, und die, welche seine Ohnmacht ausnutzen. Das dionysische Individuum ist nach wie vor auf den Leviathan als seinen gefürchteten Hauptfeind fixiert. Es wendet sich gegen ihn in der irrigen Hoffnung, dadurch anarchische Freiräume zu gewinnen – in Wahrheit schafft es jedoch nur Raum für die Ordnungen des Behemoth. So zeigt sich der liberale Rechtspolitiker, der das Individuum vor staatlichen Zugriffen schützen möchte, als Verbündeter des organisierten Verbrechens. (...)

Als Verlierer stehen wohl diejenigen schwachen Individuen fest, die sich nicht jenseits ihrer abstrakten Eigenschaft, Staatsbürger oder 'Menschen' zu sein, organisieren können. Wer dagegen in der Lage ist, sich in einen mächtigen Personenverband wie etwa einen Industriekonzern, eine Gewerkschaft oder eine mafiose Schutzgenossenschaft zu integrieren, kann von den Ordnungen des Behemoth durchaus Vorteile erwarten. (...)

Am Ende der universalistisch-emanzipierten Gesellschaft steht jedoch kein sanftes Arkadien, sondern die harte Ordnung des Behemoth, der Sieg der Stärksten, Skrupellosesten und Durchsetzungsfähigsten, die den Schwachen nur insofern Schutz gewähren, als sie sich in ihren Einfluß- und Interessezonen befinden. Der vollendete humanitär-ökonomische Universalismus hätte sich dann als Mittel zur Durchsetzung seines extremen Gegenteils erwiesen: des segmentären Partikularismus. Am Ende stünde nicht die durchgeführte Menschheitsunmittelbarkeit des atomisierten Individuums, sondern der feste Klientelverband disziplinierter Abhängiger innerhalb neuer dezentraler Machtstrukturen."

(Aus Rolf Peter Sieferle, "Epochenwechsel", Berlin 1994, S. 333-337)

Die gehässige, diabolisch-scheindialektische Conclusio will ich Ihnen nicht ersparen: "Der Nationalist kann bestenfalls versuchen, das Tempo zu verlangsamen, mit dem er (oder seine Nation) den Abhang der Nivellierung hinunterrutscht. Der Universalist will dagegen dieses Abrutschen beschleunigen, da er in ihm eine Bewegung moralisch besseren Zeiten entgegen vermutet. Der Universalist verbindet Moral mit Illusion; der Nationalist verbindet dagegen Realismus mit Ressentiment. (...) Letztlich ist aber der Universalist angesichts des Prozesses der Globalisierung eben doch eine tragische Figur: Die reale Universalisierung wird im Vollzug dessen, was man einmal Dialektik der Aufklärung genannt hat, in die Ordnungen des Behemoth hineinführen, das heißt zum Sieg des realen Partikularismus im Namen des Universalismus." (ebenda, S. 365)

Ich meine, der offenkundige Nihilismus, völkische Kulturpessimismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus sowie die Menschenverachtung, die aus solchen Passagen sprechen, zeugen hinreichend für sich und machen jede Diskussion – nicht aber die tägliche Fortführung dieses Prangers! – überflüssig.

Dieses war der erste Sieferle,
Und der zweite sinkt noch tieferle.


                               ***


An dieser Stelle ist eine Selbstanzeige fällig. Im Nachwort zum zweiten Band meiner "Acta diurna" schrieb ich nämlich, in Unkenntnis des eben zitierten Buches:





Sieferle lag das bereits nach dem Zusammenbruch des Ostblocks klar vor Augen. Das ist doch teuflisch!


                              ***


"Den Deutschen geht es so gut wie nie zuvor", lese ich im aktuellen Spiegel, und wer würde widersprechen? Außer vielleicht jenem Mann, der gerade in einem Hamburger Edeka-Markt von einem "Allahu akbar!" rufenden Araber erstochen wurde, also nicht so viel Glück hatte wie vier andere Eingeborene, die von demselben frommen Menschen nur angestochen wurden und nach ihrer Krankenhausentlassung weiterhin das beste Deutschland, das es je gab, unbeschwert genießen dürfen. Und außer vielleicht jener Frau, die in Teningen bei Freiburg mitsamt ihrer vierjährigen Tochter von einem "deutschen Staatsbürger mit algerischen Wurzeln" erstochen wurde (während beim Hamburger Messermann immer noch über das Motiv gerätselt wird, vermutet die Polizei in diesem Fall "eine Beziehungstat", etwas Privates also, kein Grund, voreilige Schlüsse zu ziehen, irgendwas werden die beiden schon gemacht haben). Vielleicht auch mit Ausnahme jener 17jährigen, der ihr Ex-Freund, ein "Bottroper", aus Eifersucht mit einer Pistole in den Mund schoss und sie danach mit 19 Messerstichen resp.  -schnitten mehr oder weniger fachgerecht zu tranchieren suchte (mehr hier), ein Einzelfall, der dieser Tage vor Gericht verhandelt wird, wobei sich der Angeklagte die Tat so wenig erklären kann wie hoffentlich die Richter keine Motive unterstellen, die der Bewährung des allzu ehrpusseligen Buben im Wege stehen.

Ich will den geneigten Leser hier nicht, wie ich es haltloserweise sonst zuweilen schon tat, mit der weiteren Aufzählung der jährlich höchstens in die Tausende gehenden Einzelfälle ennuieren. Es geht uns allen gut wie nie zuvor. Man muss nur vergessen, dass die nächste Fachkräftemillion bereit steht, nicht denjenigen auf den Leim gehen, die hinter der rapiden Häufung importierter Einzelfälle den Import als Ursache vermuten, in einer guten Gegend wohnen, vorsichtig und nicht zur falschen Zeit am falschen Ort sein, keine Polizeiberichte lesen, möglichst keine Kinder und das Gemüt eines Fleischerhundes haben. Und zu der leider schwindenden Schar von Freaks mit einem Spiegel-Abo gehören.