Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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9. Juli 2017


Die Sonntage immer den Künsten!

Seit Juni laufe ich auf dem Weg zur Arbeit an der Stuttgarter Oper vorbei, aber erst vor ein paar Tagen fiel mir auf, dass ich bei dieser Gelegenheit stets den "Wolfgang-Windgassen-Weg" passiere. Windgassen war der omnipräsente Wagner-Tenor der 1950er und 1960er Jahre, vor allem in Bayreuth, wo Wieland Wagner das Löwengebrüll von Führers Lieblingstenor Max Lorenz (der übrigens schwul und mit einer Jüdin verheiratet war, aber davon erzähle ich ein andermal) durch pathosfreien, gleichsam abgerüsteten, die Entnazifizierung gewissermaßen in sich tragenden Gesang zu ersetzen suchte. Wagners Enkel suchte aber nicht nur nach neuen Stimmen, sondern auch nach Sängern mit darstellerischen Qualitäten, und da kam ihm Windgassen sehr zupass. Dessen Tenor war zwar nicht besonders voluminös, aber schlank und – für das riesige Wagner-Orchester unabdingbar – durchschlagsfähig, und der Mann besaß Bühnenpräsenz. Windgassen war sich der Möglichkeiten und der Grenzen seiner stimmlichen Mittel vollkommen bewusst, und er setzte sie so intelligent ein, dass sein Organ über 20 Jahre Hochleistungssport durchstand, ohne an Frische einzubüßen. Wenn man etwa diese konzertante Aufnahme des "Lohengrin"-Finales hört und vor allem sieht, kann man nur staunen, wie gleichmütig, sozusagen im Small-Talk-Modus der Tenor hier seinen Part heruntersingt. (Die gefürchtete Florestan-Arie aus "Fidelio" bewältigte er übigens auch sehr achtbar, hier).

Beide Eltern Windgassens waren Sänger, die Mutter Koloratursopranistin, der Vater ebenfalls Heldentenor, und wie der Sohn später hat auch Fritz Windgassen der Staatsoper Stuttgart zeitlebens die Treue gehalten. Sohn Wolfgang absolvierte zwar Gastspiele in aller Welt, unterschrieb aber nirgendwo anders ein festes Engagement. Es heißt, er habe immer, wenn er in Stuttgart war, am Nachmittag in seinem Stammhaus angerufen und sich erkundigt, ob der Tenorpart für den Abend besetzt sei oder ob er einspringen solle. Nach dem Ende seiner Bühnenkarriere, von 1972 bis 1974, war Windgassen künstlerischer Direktor der Oper. Sein Grab liegt auf dem Stuttgarter Waldfriedhof.


Ebenfalls am Staatstheater Stuttgart engagiert, allerdings bereits von 1932 an, war der Tenor Ludwig Suthaus. Weil er sich beharrlich weigerte, in die NSDAP einzutreten, wurde er dort 1942 als "politisch untragbar" entlassen. Die Berliner Staatsoper engagierte ihn trotzdem, auch in Bayreuth trat er ab 1943 auf. Nach dem Krieg war er Furtwänglers bevorzugter Wagnertenor, er sang beim sogenannten RAI-Ring beide Siegfriede, in der "Walküre" mit den Wiener Philharmonikern, vielleicht der vollendungsnahesten Einzelaufnahme einer Wagner-Oper überhaupt, den Siegmund, außerdem in der berühmten EMI-Aufnahme mit der schon etwas in die Jahre gekommenen Kirsten Flagstad den Tristan. Stimmlich noch besser ist sein live gesungener Tristan am 3. Oktober 1947 im Berliner Admiralspalast, ebenfalls unter Furtwängler und mit Erna Schlüter als Isolde (allerdings nur zweiter und dritter Akt, hier).

Der Krieg verhinderte jene Weltkarriere, die Suthaus ohne Zweifel zugestanden hätte. Für meinen Geschmack ist er, trotz der gewaltigeren Organe eines Lorenz, eines Vickers und vor allem eines Lauritz Melchior, der bedeutendste Wagner-Tenor der Tonträgergeschichte. Seine Stimme ist einfach die schönste von allen (hier). Niemand hat den Tristan so gesungen wie er (ein Auszug aus dem sängermörderischen Monolog im Dritten Akt hier).

Gewaltig auch sein Gebet des Rienzi (hier), vor allem im Vergleich mit demselben Stück, gesungen nach Absolvierung der bundesrepublikanischen Männergruppe (hier).


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Der Fall Sieferle hat die USA erreicht. In einem betont unaufgeregten, gewissermaßen von einem sachten Kopfschütteln begleiteten Artikel berichtet die New York Times über "Germany’s Newest Intellectual Antihero" und dessen postume Verfolgung durch die Gesinnungsschickeria. Das Fazit sei zitiert: "Whatever becomes of Mr. Sieferle’s reputation, the scandal around him reveals certain unsuspected problems. When the German literary establishment unanimously denounced Mr. Sieferle’s work as an extremist tract, readers did not nod in agreement. They pulled out their wallets and said, ‚That must be the book for me.’ This is a sign that distrust of authority in Germany has reached worrisome levels, possibly American ones." (Der ganze Artikel hier.)