Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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19. Juni 2017


Seit Anfang des Monats fahre ich täglich nach Stuttgart, und zwei Dinge stachen mir vom ersten Tag an ins Auge. Zum einen die beachtliche Zahl von Fachkräften mit der Kernkompetenz Herumlungern, die dem Hauptbahnhof sowie die Gegend drumherum Buntheit verleihen und einander dabei in jenen Kultursprachen, die der einheimische Barbar erst noch lernen muss, bedeutende Sentenzen zublaffen. Doch das mag mehr hauptbahnhoftypisch denn kennzeichnend für den Stutengarten sein. Noch auffälliger indes ist die Zahl bestrickender weiblicher Schönheiten, die zumindest die Innenstadt bevölkern. Also strenggenommen sind die Schönen bereits einzeln hinreichend auffällig, aber dass sie sich in so erfreulich großer Zahl versammeln, verleiht der Stadt etwas von grundauf Einnehmendes.  


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Auch vergessen werden sollte man nur in bester Gesellschaft.


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Der Lieblingswitz von Slavoj Žižek passt zu gut in unsere Mediokratie (ich verweise auf den Doppelsinn dieses Wortes!), als dass ich ihn nicht sofort weitertratschen muss:

Anfrage an Radio Jerewan: "Stimmt es, dass Petrow ein Auto in der Lotterie gewonnen hat?"
Antwort: "Im Prinzip ja, aber es handelt sich nicht um ein Auto, sondern um ein Fahrrad, und er hat es nicht gewonnen, sondern es ist ihm gestohlen worden."


PS: Mehrere Leser insistieren auf der Langfassung des Witzes, wo sich Herr Petrow als Frau Iwanowna entpuppt und auch die Stadt nicht stimmt, und ich danke für den Hinweis, finde jedoch die kompakte Version besser.


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Freund *** fühlt sich durch durch die willkommenskulturelle Traktierung des Buches "Finis Germania" – die Welt verspricht eine "nüchterne" Lektüre des "rechtsextremen Pamphlets", die man sich natürlich schenken kann (eine nüchterne Lektüre würde ohnehin zur Kaltstellung des Journalisten durch seine endsiegstrunkene Schriftleitung führen) – an die "Rezeption" des Buches "Der vormundschaftliche Staat" von Rolf Henrich in der Endphase der DDR erinnert. Auch damals sah sich das Gesinnungskartell genötigt, vor der von Hand zu Hand und vor allem Mund zu Mund gehenden oppositionellen Hetzschrift mit dem erstaunlich aktuell wirkenden Titel zu warnen und den Autor zum Unberührbaren zu erklären. Auch damals konnte man den Besprechungen nicht entnehmen, was in dem subversiven Text eigentlich genau drinsteht, aber man wurde stattdessen unterrichtet, dass es sich um ein reaktionäres, gefährliches, den gesellschaftlichen Fortschritt leugnendes Machwerk handele, das Zweifel an der sozialistischen Heilsgeschichte säe und von dem jeder anständige Bürger die Finger zu lassen habe. Und irregeleitete Mitbürger, die mit dem inkriminierten Buch gesehen wurden, durften durchaus zur Rede gestellt und, wenn sie sich verstockt zeigten, gemeldet werden.

Wie die Geschichte ausging, ist bekannt. Aber sie ist noch nicht zu Ende.


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Das vorläufige Schlusswort zum Fall Sieferle will ich gern Frank Böckelmann überlassen, er spricht es hier.


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In seiner Kolumne zitiert Karlheinz Weißmann eine Auflistung von Catholic Word News: "Emmanuel Macron, französischer Staatspräsident, hat keine Kinder, Angela Merkel, Bundeskanzlerin, hat keine Kinder, Theresa May, Premierministerin Großbritanniens, hat keine Kinder, Paolo Gentiloni, Ministerpräsident Italiens, hat keine Kinder, Mark Rutte, Ministerpräsident der Niederlande, hat keine Kinder, Stefan Löfven, Ministerpräsident Schwedens, hat keine Kinder, Xavier Bettel, Premierminister Luxemburgs, hat keine Kinder, Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, hat keine Kinder." Leser *** ergänzt: "Auch Nicola Sturgeon, First Minister of Scotland, hat keine Kinder."

Der Kontinent der Aussterbenden, regiert von Zukunftslosen. Deswegen ist ihnen auch egal, wer hier einwandert. Einstweilen regen sich noch ein paar Intellektuellendarsteller auf, wenn jemand prophezeit, dass eins plus eins zwei ergeben wird, also in den europäischen Ruinen demnächst Fellachen hausen werden (der Begriff hier im Sinne Spenglers verwendet für die heimat-, traditions-, geschichts- und kulturlosen globalisierten Wandermassen, aber vielleicht behandeln sie die Ruinen ja pfleglich.) Freilich, das Schlimmste an dieser Dekadenz ist ihre erstickende Piefigkeit, ihre plärrende Unbewusstheit bei völligem Mangel an Glanz.

PS: Leser *** schickt die "Gegendarstellung der Visegrad-Staaten:

Andrzej Duda, Präsident Polens, 1 Kind
Beata Szydlo, Ministerpräsidentin Polens, 2 Kinder
Milos Zeman, Präsident Tschechiens, 2 Kinder
Bohuslav Sobotka, Ministerpräsident Tschechiens, 2 Kinder
Andrej Kiska, Präsident der Slowakei, 4 Kinder
Robert Fico, Ministerpräsident der Slowakei, 1 Kind
Janos Ader, Präsident Ungarns, 4 Kinder
Viktor Orban, Ministerpräsident Ungarns, 5 Kinder."


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Leser *** ergänzt die von mir "ins Netz gestellten klugen Gedanken Ihrer eifrigen Leser zum deutschen Charakter" mit den Worten:

"Menschliche Schwächen, Mobber, Trittbrettfahrer, Radfahrer, Hass usw. gibt es überall. Die Grundzüge einer Kultur sind m. E. aber zunächst nicht moralischer Art, sondern entwickeln sich aus einer grundsätzlichen Haltung den umgebenden Erscheinungen gegenüber.
 
Hier hat Hermann Graf Keyserling in seinem 'Das Spektrum Europas' von 1928 des Pudels Kern erkannt. Er sagt, dass der Deutsche 'in der Vorstellung' lebe, also zu Deutsch ein Träumer, Denker und Spinner ist, der vom Gedanken ausgehe, nicht von der Wahrnehmung (ähnlich Ortega y Gasset). Weiter führt er aus, dass dann, wenn diese Vorstellung zur Welt passe, der Deutsche besondere Leistungen vollbringen könne, wenn aber nicht, dann 'Wehe Welt'.
An diesen Ideen hängt der Deutsche dann sehr treu fest, wie ja auch kein Unbekannter sagte, dass "Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst Willen zu tun".
 
Das führt dann dazu, dass man einmal bis 5 vor 12 kämpft (1918), ein andermal bis 5 nach 12 (1945), obwohl man natürlich einwenden kann, dass Deutschland 1918 einfach auf die Lügen eines Präsidenten Wilson hereingefallen ist. Aber ein weniger in seiner Traumwelt lebender Mensch hätte erkannt, dass es doch absurd ist, die eigene kampfkräftige Armee aufzulösen, gleichzeitig aber auf milde Behandlung durch den waffenstarrenden Sieger zu hoffen. Die darauf folgende Empörung der Deutschen kann einem als naiv erscheinen, ist aber aus der - nennen wir es ruhig Weltfremdheit der Deutschen zu erklären.
1944/45 hat man daraus dann den ebenso radikalen wie selbstzerstörerischen gegenteiligen Schluss gezogen und über den Untergang hinaus umgesetzt.
 
Und heute glaubt man daraus die richtige Erkenntnis gewonnen zu haben, sich überhaupt nicht mehr bewahren zu dürfen. Das ist genauso weltfremd, radikal und 'naiv'. Beeindruckend bleibt dabei immer wieder, wie stur und eisern 'der' Deutsche, zumindest viele Deutsche, an einem einmal 'erkannten' Gedanken festhält. (Nebenbei bemerkt: Dies Verhalten der Deutschen wirkt wie die verspätete freiwillige Umsetzung von Hitlers 'Nero-Befehl' aus dem Jahre 1945).
G. B. Shaw soll gesagt haben: 'Neben vielen guten Eigenschaften haben die Deutschen auch eine problematische: eine gute Sache solange zu verbessern, bis aus ihr eine schlechte geworden ist'. Das ergibt sich automatisch aus dem Leben in Gedanken, die man geistig ja immer weiter 'verbessern' kann, sofern man die Wirklichkeit nicht berücksichtigt. Wenn man dann aber auf die Wirlichkeit trifft, wird es gefährlich für beide Seiten.
 
Der Hypermoralismus rein rhetorischer Natur unserer deutschen Sozialisten tut sein Eigenes dazu. Er dient ja, wie wir alle wissen, nur dazu, die bestehende Ordnung zu zerstören (auch durch die Auflösung der Begriffe, vgl. den Konstruktivismus u.a.), wie man es etwa ab 1930 wollte, und hofft, dann auf deren Trümmern eine eigene Herrschaft errichten zu können. 1933 haben die deutschen Kommunisten (auch die SPD!) zwar die Weimarer Republik mit zerstört, aber andere Republikfeinde haben die Macht erhalten. Dass die kommunistischen Republikfeinde dann von den nationalsozialistischen Republikfeinden drangsaliert wurden, ist die große Ironie dieser Geschichte. Als Märtyrer, als die sie allerorten gefeiert werden, sind diese Kommunisten überhaupt nicht zu betrachten.
 
Schauen wir, wie sich ihr erneuter Versuch der Machtergreifung weiterentwickelt."


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Der grimmige Hass, den der europäische Faschismus seitens der Linken auf sich zog, hat weniger mit seinem Mordprogramm zu tun – das war der anderen Seite ja nicht nur geläufig, sondern sogar originär in ihre DNA eingeschrieben – als vielmehr damit, dass die Linke nach dem Ersten Weltkrieg wähnte, ihr würden nun die europäischen Staaten wie reife Früchte in den Schoß fallen, und dann erleben musste, wie ihr die Beute vor der Nase weggeschnappt wurde. Die intellektuelle Revanche erleben wir noch heute. – Die heutige Situation ist formell der damaligen nicht unähnlich, praktisch aber, aufgrund der europäischen Demographie, also des Fehlens einer zahlenmäßig relevanten autochthonen Jugend in allen Ländern des Westens, nicht im Ansatz vergleichbar. Die Pointe dürfte diesmal darauf hinauslaufen, dass sich das unter ihrer tätigen Mitwirkung importierte juvenile Ersatzproletariat schließlich gegen die Linke selber wenden wird.


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Ein Wunsch an die eher linken oder linkschristlich schuldzerknirschten Leser dieses Tagebuchs: Kann mir bitte einmal jemand erklären, wie man den Holocaust "relativiert"?

PS: Aus den ersten Reaktionen folgere ich, dass ich die Frage präzisieren muss. Weder § 130 StGB noch die Maxime der Givati-Brigade geben eine adäquate Antwort. Relativieren ist ein theologischer Terminus, wie leicht zu erkennen ist, wenn man dessen Gegenteil formuliert. Wer das Pathos der Frage scheut, muss ja nicht antworten. Diejenigen aber, die immer sofort mit der Mahnung zur Stelle sind, der Holocaust dürfe nicht relativiert werden, sollten eine schlüssige Erklärung in petto haben, warum er absolut (d.i. unvergleichlich, d.i. praktisch gottgleich) ist. Auf die warte ich gespannt. 

Ansonsten bleibe ich bei meiner Feststellung, dass man im Kontext Bundesrepublik keinen Satz mit dem Wort "Auschwitz" bilden kann, der nicht auf eine Obszönität (Heiko Maas: "Ich bin wegen Auschwitz Politiker geworden") oder eine Trivialität ("Nie wieder!") hinausliefe. Und das gilt auch für den ganzen Relativierungsschamott.