Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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17. Juni 2017


Es stimmt, ich wollte mich nicht nochmals zu diesem Thema äußern, aber es muss nun doch ein weiteres Mal sein. Zumal wir heute den 17. Juni schreiben.

Man kann ein Buch zu lesen versuchen, wie Kant es gelesen haben würde oder Husserl oder Gadamer, also mit dem Vorsatz, dem Sinnzusammenhang und der Intention des Autors penibel zu folgen. Und man kann es mit den Augen von Goebbels, Mielke oder Hilde Benjamin lesen, es erkennungsdienstlich nach "Stellen" durchsuchen wie eine Dissidentenwohnung, nach Beweismaterial gegen den a priori als bereits überführt betrachteten Autor fahnden und jeden Sinnzusammenhang bewusst ausblenden. Wenn sich in einem Land die zweite Lesart durchsetzt, spricht man gemeinhin von einer Diktatur, mindestens aber von geistiger Tyrannei.

Ein Autor, ein intellektueller zumal, der keinerlei Anstoß erregt, ist praktisch inexistent, denn er reproduziert nur den Status quo. Ich habe an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, dass nahezu keiner der großen, bislang noch als kanonisch geltenden Denker heute die Zensurschranke der Verlage passieren dürfte. Sie würden samt und sonders als elitäre, rassistische, sexistische, chauvinistische, undemokratische, macht- und gewaltverherrlichende Buntheitsfeinde zum Teeren und Federn freigegeben. Und die Hochbegabten in den Cultural und Gender Studies haben ja längst begonnen, die alten weißen Männer auszusondern und durch rassisch geheiligte Plattköpfe zu ersetzen, wobei ich gespannt bis, wie sie diesen Großen Austausch in der Mathematik und der Physik bewerkstelligen wollen.

Wir leben in einer geistigen Enge und intellektuellen Versklavungsbereitschaft, wie man es sich weder in Goethes Weimar noch im Kaiserreich hätte vorstellen können.

Speziell im Spiegel geht die Angst um, sämtliche Arbeitsplätze sind gefährdet, denn neuerdings werkelt ein Automat dort am Meinungsdesign. Nachdem man ihn mit sämtlichen Debattentexten der vergangenen 25 Jahre aus Spiegel, Zeit, FAZ, Süddeutscher, Humboldt-Uni und ausgewählten Hilfsschulen gefüttert hatte, produzierte er an diesem Wochenende folgenden Text zum Fall "Finis Germania":

"Sieferle gefällt sich in der Pose des Olympiers, der die Weltläufe aus der Ferne wahrnimmt. Doch historische Prozesse laufen anders ab als das berühmte Vorspiel zu Goethes ‚Faust’, wo aus Dunst und Nebel schwankende Gestalten nahen. Sie sind kein nur von Esoterikern zu deutendes Drama im Halbschatten, sondern eine Abfolge von Geschehnissen mit klar benennbaren handelnden Personen, mit Opfern und auch mit Tätern."

Kein Mensch aus Fleisch und Blut, nicht einmal ein deutscher Journalist, käme auf die pietätlose Idee, einem Suizidanten zuzuschreiben, er gefalle sich in einer Pose, in welcher auch immer, und nur ein Automat kann so schamfrei sein, einem der letzten großen Universalhistoriker in zwei Sätzen zu erklären, wie historische Prozesse ablaufen, und sie in ihrem Zustandekommen für so durchschaubar zu erklären wie eine Spiegel-Kolumne. Nachdem aber Computer Schachgroßmeister an die Wand spielen, ist es keine Sensation, wenn sie sich der intellektuell nicht ganz so anspruchsvollen Aufgabe gewachsen zeigen, einen Spiegel-Kommentar zu verfassen. Und da in diesem Magazin inzwischen ein Kommentar dem anderen gleicht wie eine Sardine der anderen, sind echte Sardinen mit ihren sensiblen Seitenlinien wohl bald nicht mehr nötig.

"Versuche, den Holocaust zu relativieren, hat es viele gegeben", rattert der Bekenntnisautomat fort, "der Historikerstreit der Achtzigerjahre entzündete sich an Ernst Noltes Vergleich nationalsozialistischer und stalinistischer Verbrechen. Sieferle geht viel weiter: Bei ihm sind aus Tätern Opfer geworden. Der Zweite Weltkrieg mit seinen über 60 Millionen Toten, den Vernichtungslagern, den ermordeten Juden (Sieferle nennt sie mokant 'die ominösen sechs Millionen') kennt am Ende nur einen Leidtragenden, 'den Deutschen'. Was für eine ahistorische, paranoide Betrachtungsweise."

Ah, nun hat sich doch ein Redakteur eingeschaltet. Einen Buchinhalt erfinden, um ihn dann zu denunzieren, das kann nicht mal der paranoideste Computer. Jeder, der "Finis Germania" gelesen hat, reibt sich bei diesem Passus natürlich die Augen und fragt: Von welchem Buch ist hier die Rede?

Sieferle zieht eine heilsgeschichtliche Parallele zwischen der Stigmatisierung der Juden als Gottesmörder und der Stigmatisierung der Deutschen als Judenmörder. Zarte Gemüter mögen solche Vergleiche erschrecken – Du sollst nicht vergleichen!, lautet bekanntlich das Erste Gebot der neudeutschen Zivilreligion –, doch der Vorwurf, Christus ans Kreuz geliefert zu haben (den der Babylonische Talmud stolz auf sich nimmt, sofern es der Kubitschek nicht nachträglich reinredigiert hat; dieser Jesus war halt ein Ketzer), wog im glaubensdurchtränkten Mittelalter ebenso schwer wie der heutige Vorwurf, dem Tätervolk wenn nicht direkt anzugehören, so doch "in einer Lebensform aufgewachsen" zu sein, "in der d a s möglich war", wie Pastor Habermas, geistliches Oberhaupt der Einsiedelei Berg am Starnberger See, an St. Höllenfahrt gegen die Noltes und ihre Lügen predigte. Wir haben es mit Gläubigen, also z.T. aggressiven Narren, zu tun, das muss man in Rechnung stellen, und deshalb hat der Redakteur auch eingegriffen, denn ein Automat vermag jene Aggressivität nicht zu produzieren, die in ein anständig gebliebenes Missverstehenwollen hineingehört.

Sieferle stellt die These auf, die Durchtränktheit des deutschen Selbstverständnisses mit einer unsühnbaren, rituell immer wieder neu zu beschwörenden Schuld werde für das Kollektiv der im weitesten Sinne ethnischen Deutschen auf kein gutes Ende hinauslaufen. (Das Problem an solchen Prognosen ist, dass sie, falls sie zutreffen, auf kein Publikum mehr stoßen, welches ihnen beipflichten könnte, während diejenigen, die daran interessiert sind, dass sie zutreffen, verhindern wollen, dass sie überhaupt geäußert werden.) Der Historiker geht, wie andere vor ihm, nur vielleicht etwas tiefer, einer religiösen Mentalität auf den Grund, die in der nationalen Selbstauflösung das Heil sucht, da sie, nach dem Wegfall des echten Heilands als vergebende Kraft, sich anders als durch Selbstauflösung nicht entsühnen kann. Wir dürfen die Vertreter dieser Heilsbewegung gerade bei ihren Willkommensexzessen gegenüber virilen Analphabeten aus dem Orient studieren, was ja nichts anderes als eine zivilreligiöse Selbstfeier mit dem Ziel ist, der Welt endlich einmal ein aus Schmach und Schanden sich erhebendes gutes Deutschland zu präsentieren. Leider hat die Empfängerseite dieses Bruderkusses kein Organ für dergleichen zivilreligiösen Enthusiasmus und erkennt instinktiv dessen Kehrseite: die Selbstaufgabe. Deswegen wird die Sache schlimm enden. Sagt Sieferle – und sage u. a. auch ich.

Pikant wird der ganze Vorgang, um mich zu wiederholen, was ich ungern tu’, da ich ja nicht Heribert oder Claus heiße, deswegen, weil hier Leute den Import von Antisemiten gutheißen und gleichzeitig zur Hatz auf einen unbescholtenen Gelehrten blasen, dem sie antisemitische Ansichten unterstellen, die es überhaupt nicht gibt. Und ich schwöre auf den Koran, Freunde, dass dieselben Figuren, wenn der importierte Antisemitismus stark genug geworden ist, kein Problem mehr mit ihm haben werden. Er wird dann anders heißen: Emanzipation, Teilhabe, Diversity, Respekt, Antirassismus und so. Glauben Sie mir, liebe jüdische Leser dieses Diariums, all die Pressstrolche, Politiker, Theaterleute, Pfaffen und Schickeriaschachteln werden die Solidarität mit der Judenheit sofort aufkündigen, wenn sie sich die Finger dabei verbrennen können. Wir leben in einer "Canaillokratie" (der schöne Begriff stammt, soviel ich weiß, von Karl Mager), und in einer solchen wird ganz ungeniert gelogen und unterstellt! Was sich hier gegen einen freien Geist wie Sieferle in Stellung bringt, ist exakt dieselbe Mentalität, die sich 1933 zu Fackelzug und Judenboykott versammelte. Die Nazimentalität auf Nazisuche: ein routiniertes Spiel und meutenhaftes Selbstvergewisserungsspektakel mit einem neuen Opfer. C'est tout.

An keiner Stelle seines Buches und mit keiner Silbe erklärt Sieferle "die" (oder "den") Deutschen zu den eigentlichen Opfern des Zweiten Weltkrieges. (Lesen Sie am besten hier, in einem seiner letzten Briefe, was für ein "Antisemit" Sieferle gewesen ist). Und die "ominösen sechs Millionen" sind nur eine andere Formulierung für Martin Broszats "symbolischer Zahl".

"Es gibt keinen Zweifel", schreibt der Spiegel in seiner öffentlichen Selbstkritik: "Das Werk ist rechtsradikal, antisemitisch, geschichtsrevisionistisch." Wir haben jetzt nicht mehr nur ein heiliges Buch, "in dem kein Zweifel ist" (Sure 2,2), sondern auch ein des Zweifels sich entschlagendes, von manchen allen Ernstes noch so genanntes Nachrichtenmagazin.

Heute ist der 17. Juni. Ein deutscher Tag der Freiheit.


                              ***


Immer wieder zitierenswert ist die treffliche, in die Zeiten hallende Prognose, die Alexis de Tocqueville 1835 stellte und die von Jahr zu Jahr mehr zutrifft (mal sehen, wie lange "Finis germania" brauchen wird):  

"Ketten und Henker sind die groben Werkzeuge, die einst die Tyrannei verwandte; heutzutage hat die Kultur selbst den Despotismus vervollkommnet, der doch scheinbar nichts mehr zu lernen hatte.
Die Fürsten hatten gleichsam die Gewalt materialisiert; die demokratischen Republiken der Gegenwart haben sie ins Geistige gewandelt gleich dem Willen, den sie zwingen wollen. Unter der unumschränkten Alleinherrschaft schlug der Despotismus in roher Weise den Körper, um die Seele zu treffen; und die Seele, die diesen Schlägen entwich, schwang sich glorreich über ihn hinaus; in den demokratischen Republiken jedoch geht die Tyrannei nicht so vor; sie übergeht den Körper und zielt gleich auf die Seele. Der Herrscher sagt nicht mehr: entweder du denkst wie ich oder du bist des Todes; er sagt:
du bist frei, nicht so zu denken wie ich; du behältst dein Leben, deinen Besitz, alles; aber von dem Tage an bist du unter uns ein Fremdling.
Du behältst deine Vorrechte in der bürgerlichen Gesellschaft, aber sie nützen dir nichts mehr; denn bewirbst du dich um die Stimme deiner Mitbürger, so werden sie dir diese nicht geben, und begehrst du bloß ihre Achtung, so werden sie tun, als ob sie dir auch diese verweigerten. Du bleibst unter den Menschen, aber du büßest deine Ansprüche auf Menschlichkeit ein. Näherst du dich deinen Mitmenschen, werden sie dich wie ein unreines Wesen fliehen; und selbst die an deine Unschuld glauben, werden dich verlassen, denn auch sie würden gemieden. Ziehe hin in Frieden, ich lasse dir das Leben, es wird aber für dich schlimmer sein als der Tod."

"Über die Demokratie in Amerika" (in der – gekürzten – Reclam-Ausgabe S. 152; ich sollte mir mal eine vernünftige Ausgabe kaufen).


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PS: Wirklich amüsant wird es, wenn "Finis Germania" in für die Spiegel-Bestellerliste relevante Verkaufsränge klettert. Was dann? Man kann dieses Buch ja unmöglich empfehlen. Die ganze Liste abschaffen? Jede Woche eine Erklärung abdrucken? Einfach nicht beachten, mithin an Glaubwürdigkeit auch hier einbüßen, aber in der Gesinnung nicht wanken?

PPS: So geht's natürlich auch, wenn die Nazi-Mentalität erst mal von der Leine ist:




Sie führen sich auf wie Polynesier, denen jemand den Verzehr ihres Totemtieres empfohlen hat. Und das hält sich für aufgeklärt und frei. Es ist scho oa Mordsgaudi.