Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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15. Juni 2017, Fronleichnam


Geneigter Leser, die auf der anderen Seite des Grabens, um sie mal so zu nennen, wissen natürlich so gut, wie es die Briten im Ersten Weltkrieg wussten, dass man dem Gegner eine langwierige Materialschlacht aufzwingen muss, wenn man selber weniger Qualität, aber deutlich mehr Menschen und Material auffahren kann (Hut ab vor der britischen Kampfkraft gleichwohl). Ich befinde mich zwar, wie gesagt wird, im unermüdlichen Einsatz für die Verbreitung von Aufklärung, Liberalität und Esprit in meinem intellektuell ja seit ca. 1933 von mehrheitlich erstaunlich uninspirierten und unfreien Geistern repräsentierten armen Vaterland – aber tatsächlich gestaltet sich diese Mission durchaus ermüdlich. Ich bin in eine Art publizistischer Materialschlacht geraten, und zwar auf der quantitativ unterlegenen Seite – auf der anderen würde ich nie mitmachen –, und begreife allmählich, worauf ich mich eingelassen habe. Der Hydra wachsen täglich neue, kaum voneinander unterscheidbare und nur dank ihrer schieren Zahl überhaupt so etwas wie Drohpräsenz ausstrahlende Köpfe nach.

Nun hat sich auch das postheroische Haupt des Gustav Seibt aus einem der hydräischen Hälse gestülpt und giftig zu fauchen begonnen. Seibt ist insofern schlachterprobt, als er schon Ernst Nolte, der damals das deutsche Feuilleton praktisch im Alleingang zu zerquetschen sich anschickte, couragiert als ca. 217. Publizist die Stirn bot. Jetzt wendet sich der sublimste Geist der Süddeutschen Zeitung kühn gegen Rolf Peter Sieferles nachgelassenes Buch "Finis Germania" und dessen staatsfeindliche Empfehlung durch einen Spiegel-Kollegen, gerade noch ehe es zu spät (für ihn, Seibt) ist bzw. hätte sein können.

Beiseite und in diesem Land wohl eher in den Wind gesprochen: Es ist kein Problem, sich gegen welches Buch und welche Theorie auch immer zu erklären, aber was ein Kerl ist, der schneidet sich eher beide Schwurfinger ab, als sich an einer Hexenjagd gegen einen Autor zu beteiligen, was auch immer der geschrieben haben mag. Schluss. Aus. Ende.

Was die aktuelle Wortmeldung Seibts für den Gesellschaftspathologen interessant macht, ist die geradezu kopernikanische Wende seiner Einstellung zu dem postum nunmehr einer leider nicht ganz beispiellosen, sondern mit gewohnter Infamie ablaufenden Denunziationskampagne ausgesetzten Universalhistoriker Sieferle. Also reiben Sie sich, geneigter und geplagter Leser, sofern Sie kein routinierter Pathologe sind, irgendeine Mentholpaste unter die Nase, und auf geht’s!

Am 9. Oktober 2016 schrieb Seibt in der Süddeutschen Zeitung:

"Der 1949 geborene, seit 2000 in St. Gallen lehrende Rolf Peter Sieferle war ein Autor, dessen Register von terminologisch verdichteter Theorie bis zu kulturphysiognomischer Polemik reichte. Sieferles weitgehend selbstgeschaffenes Fachgebiet war die Naturgeschichte der menschlichen Gesellschaften, deren Funktionieren er aus ihrem Energiestoffwechsel ableiten konnte, und zwar bis in die Verästelungen von Verfassung und Lebensstil.
In atemberaubenden Übersichten von der Urzeit bis zur Digitalisierung lieferte er die Theorie, also die gedankenreiche Anschauung des Ausnahmezustands, in den sich die Menschheit seit der Industrialisierung begeben hat (...)
Sieferle war ein unerschrockener, immer rationaler Denker, der sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen ließ, wenn er apokalyptische Möglichkeiten erwog. Konservativ war allenfalls sein Bewusstsein für natürliche Grenzen.
2010 verfasste er für den 'Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen' der Bundesregierung eine auch im Netz abrufbare Abhandlung 'Lehren aus der Vergangenheit'. Sie liefert auf nur 30 Seiten eine theoretisch hochverdichtete Gesamtsicht zur Menschheitsgeschichte von der neolithischen Revolution bis zur Energiewende. Sollte es im Bundesumweltministerium Beamte geben, die diesen Text verstehen, könnte man sich in jene Zeiten zurückversetzt fühlen, als Gelehrte wie die Humboldts den preußischen Staat berieten." (Hier.)

Am 8. Dezember beendete Seibt einen weiteren Nekrolog auf Sieferle mit den Worten: "Die treuen Leser dieses großen Autors warten nun auf sein letztes Werk." (Hier.)

Vor drei Tagen erklärt derselbe Seibt in einem Interview mit dem Deutschlandfunk zu Sieferles allerletztem Werk "Finis Germania":

"Nein, ich würde es nicht als Sachbuch weiterempfehlen. Es ist ein Text, der symptomatisch von einem gewissen Interesse ist für eine bestimmte Denkform, aber in einer Liste, die ein allgemeines Publikum erreichen soll, das sich Belehrung und Erkenntnis und möglicherweise auch intellektuelle Unterhaltung verspricht, hat ein solches Buch nichts zu suchen."

"Es sind zugespitzte kürzere oder längere Essays aus dem Nachlass dieses als Wissenschaftler nicht völlig unbedeutenden Autors, die er wohl so gar nicht publizieren wollte. Also das war eine Entscheidung seiner Erben und der mit ihm verbundenen Verleger, das an die Öffentlichkeit zu bringen. Es gibt nicht mal ein Nachwort (das Buch hat ein Nachwort von Sieferles Freund Prof. Raimund Th. Kolb – M.K.), es gibt nicht mal eine biografische Erläuterung, es gibt gar nichts dazu. Das heißt, das Buch wird nicht einmal irgendwie eingeordnet, und schon das macht es hoch problematisch."

"Sieferle war zunächst einmal ein ernsthafter Wissenschaftler (...) Umso erschreckender und bedrückender ist eigentlich dieser Absturz jetzt in seiner letzten Phase in auch wüstes Schimpfen und Primitivität. Also er verliert dann auch den Glanz seiner Differenzierungsfähigkeit, wenn er zum Beispiel auch in diesem kleinen Büchlein sich dann kulturkritisch lustig macht über die massendemokratische Gesellschaft, wo eben jedermann konsumieren darf und alles in die Richtung Verprollung geht, aber eben so eine anspruchsvoll verbrauchende Verprollung und so weiter. All das kann man ja irgendwie wahrnehmen und wiedererkennen, aber das Problem bei Sieferle ist in dieser letzten Zeit der gnadenlose Zynismus.
Er hat auch gar keinen Gegenvorschlag."

"Aber das hat natürlich nichts zu suchen auf einer Liste empfohlener Bücher jetzt für den Gabentisch – ich nehm mir mal was mit, was ich im Flugzeug mit Interesse lese –, also da hat so ein Buch eigentlich nichts zu suchen."

Einem Menschen, der sich den Freitod gegeben hat, vorzuwerfen, er unterbreite in seiner quasi testamentarischen Schrift* keine Vorschläge, zeugt schon von einem besonders zarten Gemüt. Und ob sich künftig eine Kommission unter der Leitung z.B. von Herrn Seibt zusammenfindet, um Bücher, vor allem die fürs Flugzeug, mit "einordnenden" Nachworten zu versehen? Im praktisch nicht existierenden Nachwort zu "Finis Germania" schreibt Raimund Kolb: "Vom Wunsch einer posthumen Publizierung des Textes" dürfe man "zweifelsfrei ausgehen". Sieferles schriftliche Hinterlassenschaft auf dem Rechner "befand sich in einer akribischen Ordnung, gereinigt von allem, was nicht einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte". Seibt unternimmt jetzt, wie andere vor ihm, den Versuch, Sieferles letztes Opus, das so luzide ist wie seine anderen Arbeiten, wenngleich durchaus atemloser, aphoristischer und apodiktischer, für nicht zur Veröffentlichung vorgesehen zu erklären. Willkommen in der Welt der Canaillen!        

Die Überschrift des Interviews lautet "Ein erschreckender Absturz", und sie passt, sofern wir das Attribut in "possierlich" oder "ergötzlich" ändern, zu dieser Selbstdemaskierung eines Opportunisten und publizistischen Feiglings. "Mit mächtigen Kraulbewegungen", wie ein Bekannter notierte, "schwimmt Seibt ans rettende Ufer" – obwohl in seinem Fall Waten genügt hätte –, vor allem aber zurück auf die Einladungslisten der Kulturschickeria. "That one may smile, and smile, and be a villain" (Hamlet).

War es schon drollig, dass der Spiegel-Chefredakteur K. Brinkbäumer das Land wissen ließ, welches Buch ein Angestellter seines Hauses zu empfehlen nach seiner, Brinkbäumers, Meinung (natürlich nicht wirklich nach seiner, der hatte nie eine) zu unterlassen hat, pflichtet dem nun ein Autor bei, also einer, der sich schon seiner Standesehre wegen eigentlich hinstellen müsste und sagen: Nun ist aber gut, wir leben in einem freien Land, und ein Juror kann jedes Buch empfehlen, das er will, sofern es nicht explizit verboten ist, weil darin zum Beispiel zum Analsex mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten oder zur Ermordung der AfD-Spitze aufgerufen wird. (Sagte ich Standesehre? Geben Sie mir Pardon für meine Neigung, gelegentlich geschmacklose Witze zu reißen...)

Was mag Seibt widerfahren sein, dass aus dem "unerschrockenen Denker" Sieferle ein "erschreckender", aus dem "großen Autor" ein "nicht völlig unbedeutender", also quasi ein Ranggenosse Seibts werden konnte? Haben ihm die Häscher der Reichsschrifttumskammer die Instrumente gezeigt? Hat ihn ein Büttel der Agitationskommission im dunklen Flur der SZ erschreckt? Man muss diesen Leuten, die ja selber nie in einer Dikatur gelebt haben und deshalb wahrscheinlich auch kein Empfinden dafür besitzen, immer wieder unter die Nase reiben, dass sie gerade dabei sind, eine zu errichten, Steinchen auf Steinchen, Denunziatiönchen für Denunziatiönchen,  Verbötlein für Verbötlein, und zwar mit exakt denselben Worten, mit denen zum Beispiel in Honeckers Drecksstaat feindlich-negative Personen traktiert wurden: "Er hat keinen Gegenvorschlag." Wo bleibt das Positive, Genosse? Es gibt eben für manchen keinen Gegenvorschlag zum Sterben, weil er inmitten gewisser Kreaturen nicht länger leben mag.

Ich will hier nicht nochmals über Inhalt und Thesen von "Finis Germania" referieren; jeder Leser dieses Diariums weiß, dass ich ähnlich denke und zu vergleichbaren Folgerungen komme wie Sieferle, allerdings, da ich Kinder habe, weiterleben muss, also zwischen politischer Betätigung, innerer Emigration und Exilvorbereitung changiere. Mit diesem Eintrag werde ich es zum Fall Sieferle bewenden lassen; ich erwarte von den Besuchern meines schöngeistigen Eckladens, dass sie sich selber ein Bild machen – das unverhofft, wenn auch hochverdient zum Bestseller aufgestiege Buch wird gerade nachgedruckt und ist in Kürze wieder lieferbar hier – und auch meinen Einschätzungen zutiefst misstrauen, ja mich auf den rechten Weg zurückzuführen suchen, wenn ich in den Irrgärten meiner Spekulationen und polemischen Übertreibungen herumirre wie Jack Torrance. (Wobei: Am Ende ist er vielleicht sogar ein gutes Vorbild, der Jack...)


* Nachtrag vom 17. Juni: Die Formulierung "in seiner quasi testamentarischen Schrift" bedarf einer Ergänzung. Wie Sieferles Witwe angibt, ist "Finis Germania" kein Alterswerk, sondern in den 1990er Jahren parallel zur Überarbeitung von "Epochenwechsel" geschrieben worden. "Peter hatte ja damals nicht viel Zeit für ein größeres Werk, aber er mußte schreiben, so wie andere atmen. Natürlich war er sich der Brisanz seiner Gedanken bewußt." Nun hat Testament nicht zwingend mit Alter zu tun; ich kann mein Testament mit 40 machen, und nach meinem Tode wird es eröffnet und tritt in Kraft. Ob Sieferle zuletzt noch Hand an den Text gelegt hat, steht dahin. Dessen testamentarische Qualität bleibt von all dem unberührt.