Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

Artikelsuche

Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


...mehr

 

 

29. Mai 2017


Es ist dem Anblick einer Stadt förderlich, wenn sie an einem Fluss liegt; das an der bayerisch-österreichischen Grenze gelegene Passau hat gar derer drei vorzuweisen, die es in malerischer Perspektivenschönheit umspülen. Das Städtchen rühmt sich, von so grundverschiedenen Kapazitäten wie Napoleon und Alexander von Humboldt seiner reizvollen Ansicht wegen gepriesen worden zu sein; Humboldt soll Passau zu den zehn schönsten Städten der Welt gerechnet haben. Wie ein gewaltiger Dampfer liegt die Altstadtinsel zwischen Inn und Donau, die Türme des Domes St. Stephan bilden sozusagen die Schlote, und der Anblick, wie sich die bemerkenswert unterschiedlich gefärbten Wasser von Inn und Donau an dieser Stelle zögerlich vermischen, ist "buchenswert", wie ein gewisser Concierge des Weimarer Hotels "Elephant" sagen würde. Wenngleich ein nicht enden wollender Reigen von Selfie-Knipsern den Blick auf den Zusammenfluss noch dichter zustellt als später am Abend die Frankfurter Abwehr die Räume für die BVB-Stürmer.

Wer hier absteigt, kommt um eine Donauschiffahrt nicht herum. Fünf Stunden lang ist man der traumhaften Landschaft, den gewöhnungsbedürftigen Speisen, dem miserablen Wein und den in vielerlei Hinsicht deformierten Mitreisenden ausgeliefert. Es ist drückend heiß, für die meisten "Jetztsassen" (Thomas Kapielski) bekanntlich eine Lizenz, sich gehen zu lassen. Auf dem Sonnendeck fühlen sie sich am ungezwungensten. Längst scheinen noch mehr Tätowierte als Merkel-Wähler in diesem traurigen Volk zu leben. Darüber hinaus gelten unter den späten Deutschen bzw. Europäern Anstrengungen um ein apartes Äußeres als eher überholt, jedenfalls als überflüssig. Es dürfte nicht ein Mangel an Geld sein, der viele Leute sich dermaßen gleichgültig und unvorteilhaft kleiden lässt, sondern die schiere Indolenz. Ein Hemd ist nicht teuer, ein Bügeleisen auch nicht. Doch niemand scheint die allgemeine Stillosigkeit von Stange und Casual als solche zu empfinden. Johannes Gross’ schöne Maxime, wer nicht für fünf Sterne verreisen könne, müsse eben für fünf Sterne daheim bleiben, kommt mir in den Sinn. Der Kommunismus der Schiffahrtsgesellschaft hat die Klassen planiert, über die Inbesitznahme der besten Plätze würde ohnehin die Reihenfolge in der Schlange am Kai entschieden haben, aber es gibt ja keine besten Plätze.

Die Landschaft entschädigt am Ende doch für alles.

Am Abend geraten wir zufällig in die "Lange Nacht der Musik". Aufgrund eines sichtbaren und nahezu erschütternden Mangels an "geschenkten Menschen" (K. Göring-Eckardt) ist die Stimmung in den vor Passanten wimmelnden Straßen bemerkenswert entspannt, obwohl die – im Gegensatz zum Rundfahrtvolk mehrheitlich juvenilen – Frauen sich mit ihrer Kleidung der herrschenden Schwüle anbequemt haben. Gegen Mitternacht die besten Calamaretti im Norden des Südens in einem italienischen Ristorante mit Live-Musik: ein einsamer Pianist spielt und singt italienische Weisen, neben unserem ist nur ein Tisch besetzt, mit Italienern und Rumänen, die Runde beginnt, dem Pianisten zu assistieren, eine Art spontaner Karaoke-Party entsteht. Die Gattin spielt und singt russische Romanzen. Der Padrone spendiert eine Flasche Grappa. Europa "degeneriert in Inzucht" (W. Schäuble). Soviel aus Passau. Nächste Woche melden wir uns mit identischen Vorbehalten und späten Freuden, alles ins XXL geweitet, aus Venedig.


                             ***


Die Wahrheitspresse hat die Weltformel gefunden: Merkel ist jetzt die "Verteidigerin Europas". Gegen Trump. Das hätte der Völkische Beobachter nicht durchtriebener postulieren können. Endlich hat die Regentin, die mit Erdogan paktiert, der jeder Musulmane ein willkommener Gast ist und die Europa ungefähr so wertschätzt wie Süleiman der Prächtige, einen Gegner gefunden.


                            ***


Wir sind gehalten, in Treue fest daran zu glauben, dass die Identitären ganz besonders gefährliche Gesellen sind.
"In einem unauffälligen Gebäude des Verfassungsschutzes, in einer stillen Straße Magdeburgs, am Ende eines Gangs, der mit geräuschschluckendem Gummi ausgelegt ist, befindet sich eine Akte über eine junge Frau aus Halle. Name: Melanie Schmitz.
Alter: 24 Jahre.
Beruf: Studentin der Kommunikationswissenschaften.
Verdacht: rechtsextrem",
präludiert, ja tremoliert der Spiegel sozusagen ad usum Delphini, sein Publikum auf den Auftritt der Orks einstimmend (hier). "Schreckliches wird geschehen" (Page zu Narraboth, "Salome").

Die Aktionen der Finstermänner und -maiden sind spektakulär, doch bislang ist nicht eine Gewalttat der Identitären bekannt; was sie tun, war früher links und schick und nannte sich "ziviler Ungehorsam". Dass sie staatsgefährdend schlimme Dinge fordern, etwa, wie der Name vermuten lässt, das Recht auf Identität und auf, kein Witz!, Heimat – dabei hat doch Merkel gesagt, Heimat ist dort, wo möglichst viele Menschen leben, egal woher sie kommen, wenn nur von weit her, sonst ist diese sog. Heimat nämlich nicht mehr ihr Land, und Schäuble sagt, Heimat ist, wo du von Moslems lernen kannst, was Toleranz ist, und wo du dich nicht abschotten darfst, weil du sonst in Inzucht degenerierst, wie Europa es die letzten 2000 Jahre auf übelste Weise vorgemacht hat, und Maas sagt, Heimat ist dort, wo du bespitzelt wirst, wenn du was dagegen hast, dass dort möglichst viele Menschen leben –, dass sie, diese Identitätskriminellen und Heimatverbrecher also mit "völkischen", völkervermischungshinderlichen, wenn auch nicht wirklich gundgesetzkonträren Ansichten Sand ins Getriebe der allgemeinen Buntwerdung streuen, lasen wir zuletzt da und dort wenn nicht überall. In welcher Weise die Identitären aber gegen geltende Gesetze verstoßen, diese Information ist man uns bis heute schuldig geblieben. Mehr als das bedrohliche Tremolo war fürs erste nicht zu haben.

Ganz anders die fidelen Rabauken von der Antifa. Die brechen im Wochentakt Gesetze und verletzen Beamte oder "Rechte", beschmeißen Polizisten mit Steinen, demolieren die Unterschlupfe und Neidhöhlen von Falschmeinern, eilen der Masi hilfreich zur Seite, wenn AfD-Hetzer das längst anachronistisch gewordene Recht auf Versammlungsfreiheit zu instrumentalisieren wagen. Nie lasen wir oder hörten von Merkel, Maas, Schwesig oder Stegner, diese Lausbuben seine eine Gefahr für die Bunte Republik, diese Frechdachse stünden im Verdacht, schlimme Linksextremisten zu sein, denn was wäre das auch für ein Verdacht, wenn er, zumindest auf der Sympathisantenebene, gegen die halbe Regierung der Hauptstadt oder die Thüringens ebenso erhoben werden könnte? Es handelt sich schließlich um die Kinder des eigenen, des rotgrünen Milieus, da muss man differenzieren, den Spreu vom Weizen trennen, sich Strategien des Miteinander ausdenken, deeskalieren, das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, die guten Absichten erkennen, und vor allem: alimentieren.

In der Rigaer Straße in Berlin haben diese Buschmänner jetzt Polizeibeamte mit einem simulierten Brand in einen Hinterhalt gelockt, um sie dort mit Steinen zu bewerfen – im taz-, Spiegel- Zeit-Sprech: "es flogen" Steine –, was in der Hauptstadt der DDR 2.0 offenbar möglich ist, ohne im Gegenzug wenigstens ein Gummigeschoss zwischen die Zähne bekommen. (Man male sich aus, wie die Sache mit texanischen Cops ablaufen würde.) Nie liest man, dass einer dieser Gratismutigen dafür bestraft worden ist, dass er Staatsbeamte, also Personen, die den Staat u.a. vor den Identitären schützen sollen, vorsätzlich verletzt und sogar ihren Tod in den Kauf genommen hat (das AfD-Pack wird man ja wohl ungestraft attackieren dürfen, das hat der Stegner schließlich gesagt). Und genau so werden auch die jetzt gebrauchten und stracks als unverhältnismäßig kritisierten Kraftworte ("Linksfaschisten ausräuchern") verhallen, denn diese sog. Antifa ist staatlich gewollte Drohkulisse im "Kampf gegen rechts", wird indirekt mit staatlichen Geldern gefördert, unterhält Kontakte und genießt Unterstützung bis weit hinein ins Grüne und Hellrot-Küstenbarbarische bzw. -barbirinische. Aber immer wieder die Frage: Wer wählt so was?


                             ***     


"Über Käßmanns Auslassungen sinnierend und angeregt durch einige kurze Hinüberzapper in den heutigen Wittenberger Gottesdienst, wo es einem sofort die Schuhe auszog", notiert Leser*** zu meinem gestrigen bzw. ewiggestrigen Eintrag, "kam mir folgendes Bonmot in den Sinn:

Die Ev.-Luth. Kirche Deutschlands feierte ihre Deformation.

Dieser Kirchentag hat mich noch einmal innerlich voll bestärkt, mit meinem Kirchenaustritt im vergangenen Jahr alles richtig gemacht zu haben."