Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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14. Mai 2017


Die Sonntage immer den Kühnsten!

Es ist nicht nur lästig, sondern auch unfein, sich zu wiederholen, so weit, so gewiss. Doch erstens hat mein großes schriftstellerisches (und menschliches!) Vorbild Herib. Prantl dank seiner Begabung zur Echolalie sowohl eine Professur als auch einen Ruf wie Donnerhall errungen, zweitens ist die Galerie gemütvoller Exorzisten in den deutschen Massenmedien in diesen Tagen um einen weiteren Gerechten ("Zaddik") bereichert worden – und wenn etwas genuin Deutsches in später Blüte steht, gehört es für alle Zeiten in den Bernstein dieses Diariums, so wie der Entomologe pflichtbewusst auch das trivialste Insekt für die interessierte Nachwelt in seine Schaukästen spießt.

Wolf Biermann hat einmal erzählt, wie er, damals noch nicht lange bzw. noch lange nicht im Westen angekommen, in irgendeiner Zeitung einen Artikel las, dessen Verfasser sich an ihm abarbeitete und ihm allerlei Schlimmes attestierte. Nach der Lektüre sei er bestürzt gewesen und er habe darauf gewartet, dass es an der Tür klingele. Ihm sei damals noch nicht aufgegangen, dass "im Westen" eben jeder Journalist jeden – nein, jeden natürlich nicht, aber zumindest ihn, den Wolf Biermann – nach Belieben lobpreisen oder anpinkeln konnte, ohne dass ein SED-Politbüromitglied zuvor den Artikel in Auftrag gegeben hatte und die Stasi die Sache in die Hand nahm. Es lebe die freie Welt, mag sich der DDR-Dissident gedacht haben, als ihm die Funktionsweise ihrer Medienöffentlichkeit bewusst wurde.

Inzwischen ist alles ein bisschen anders geworden – und politisch motivierte mediale Hexenjagden, jenen Anfängen zu wehren, denen kein Zauber innewohnt, gab es natürlich auch schon in der guten alten Kohl-BRD. Heute kann ein Artikel den darin eines Gesinnungsdeliktes Überführten beruflich vernichten, und wenn er Pech hat, kommt zwar nicht die Stasi, aber immerhin die Antifa zu ihm nach Hause. Was wiederum die Bevölkerungssausschnüffelung betrifft, bei der heutzutage noch breitere zivilgesellschaftliche Bündnisse den Staatsorganen zur Hand gehen als in der DDR, so werden die alten MfS-Kämpen neidisch auf die elektronischen Möglichkeiten schauen, die ihren Kollegen zu Gebote stehen, während sie noch in mühevoller Alltagsarbeit Briefe öffnen mussten. Tempi gottlob passati. Ein Jungbauer aus Coswig bei Dresden etwa, dem sechs Schafe gestohlen und zum Teil direkt auf der Weide brutal geschlachtet – näherhin: geschächtet – worden waren, hatte die Täter kulturunsensibel als "Drecksvolk" geschmäht und dabei deren weitere Traumatisierung billigend in den Kauf genommen, aber "ein Internet-Ermittler der Polizei entdeckte den Facebook-Eintrag" (Bild) und brachte den hetzerischen Hirten vor einen einstweilen noch deutschen Kadi. Und so lange Sie, liebe angeblich konservative Mitbürgerinnen und Mitbürger, weiter die Schlepper- und Spitzelparteien wählen, wird das so weitergehen. Aber ich schweife ab...

... und damit zurück zum Thema: Heute wachsen einem tendenzkonformen Journalisten beinahe wieder dieselben Möglichkeiten beziehungsweise Aufgaben zu wie einem Medienschaffenden im irdischen Sozialistenparadies Erichs des Einzigen. Ein charakterfester, im Dienste der FAZ stehender Scyomant namens Jan Grossarth hat nun versucht, den Geist des Historikers Rolf Peter Sieferle, der unlängst von eigener Hand aus dem Leben geschieden ist und sich damit seinen irdischen Richtern und ihren journalistischen Schöffen entzogen hatte, vor den Tätervolksgerichtshof zurückzubeschwören.

Die Tortura noctis erreichte die gebildete Öffentlichkeit unter der Überschrift: "Am Ende rechts: Rolf Peter Sieferle war ein poetischer Freigeist und großer Wirtschaftshistoriker. Als die Flüchtlinge kamen, schrieb er giftige, rechtsradikale Bücher. Dann nahm er sich das Leben. Die Geschichte einer spätbürgerlichen Verbitterung". Deren Anbräunung vollzog sich nach demselben langweiligen Muster, mit dem in Spiegel, Zeit, Süddeutscher, taz et al. Gesinnungsverbrecher angeprangert werden, und wäre kaum der Rede wert, wenn nicht – wir sind ja in der DDR 2.0 – Amazon unmittelbar nach dem Erscheinen des Artikels Sieferles postum erschienenes Buch "Finis Germania" aus seinem Sortiment genommen hätte. Der hier bereits thematisierte schlaue Trick des Monopolisten aus dem land of the free besteht darin, den Antiquariaten und Second-hand-Händlern den Vertrieb eines inkriminierten Buches weiterhin zu gestatten und so zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Autor und Verlag können nicht mehr daran verdienen, aber niemand kann Amazon vorwerfen, man habe ein Opus aus politischen Gründen gänzlich aus dem Verkehr gezogen.

Nun ist dieses kleine Buch – ich las es gestern zum ersten Mal – allerdings von einer neiderregenden analytischen Brillanz und überdies, hier nimmt ja ein Mensch seinen Abschied, von göttlicher Rücksichtslosigkeit. Verteilte man den Geist des Verblichenen sozial gerecht auf die zehn merkelfrömmsten FAZ-Redakteure, ein Grossarth käme sich wie ein plötzlich Erleuchteter vor und strawanzte stolz durch die Redaktionsflure (nebenbei: Ich wäre mit einem solchen Anteil auch zufrieden). Der feile Bub ist Träger des Axel-Springer-Preises und des "Medienpreises Politik des Deutschen Bundestages", und exakt so schreibt er. Da neuerdings auch progessistisches Publikum in meinem kleinen Ecklädchen vorstellig wird, bislang aber wohl wenig zu kaufen fand, will ich Grossarths Text als Lektion für künftige Anwärter auf diese Preise empfehlen, denn auch sie könnten eines Tages vor der seit 1933 in unserem Land virulenten Frage stehen: Wie denunziere ich als artgerecht gehaltener Medienschaffender einen himmelhoch überlegenen Kopf?

Nun, zunächst einmal, indem man die Kriterien "eher wahr" vs. "eher falsch" durch "korrekte Gesinnung" vs. "böse Gesinnung" ersetzt und sodann anhand des Lasterkatalogs durchbuchstabiert. Immerhin erspart das dem Leser, die Argumente des Begabten in einer Version wiedergekäut zu bekommen, der man eben anmerkt, dass sie zuvor einen etwas engen Kopf passieren mussten.

Das klingt dann wie folgt: "Die politische und gesellschaftliche Entwicklung, mutmaßt Sieferle, ziele darauf, 'daß eine kulturelle Formation, nämlich das indigene Volk, zugunsten anderer Volksgruppen auf seine spezifische Identität verzichten soll'. Es liest sich so, als gebe es ein Geheimprogramm einer ethnischen und kulturellen Auslöschung. Der 'Auschwitz- Mythos', wie Sieferle in toll-dreisten Anführungszeichen behauptet, verlange nach dem Verschwinden der Deutschen. Der 'nationale Sozialismus', spekuliert Sieferle, habe 'vielleicht nur kontingenterweise' – also nicht notwendig – zu 'Ungeheuerlichkeiten' geführt. Widerwärtig ist ihm die Demokratie: 'Die Politiker bilden nur noch den Scheitelkamm großer Wanderdünen.'"

Die Lektüre des Originals, wo auf wenigen Seiten ein atemberaubender Abriss der Kultur- und Mentalitätsgeschichte des Westens skizziert wird, überführt den Pressbengel Zeile für Zeile der Denunziation.

Ad 1: Zum "Auschwitz-Mythos" schreibt Sieferle, er ruhe in Frieden:

"Es gibt noch Mythen, und es gibt noch Tabus. Nacktheit und Sexualpraktiken aller Art gehören nicht dazu, ebensowenig die gute alte Blasphemie. Die christlichen Götter etwa dürfen beliebig gelästert werden, ohne daß dies die geringsten Konsequenzen hätte. Ein Tabu steht jedoch unverrückbar: Es ist der Antisemitismus. (...) Die Gründe dafür liegen auf der Hand.
Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden. Ein Mythos ist eine Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht. Er braucht sich nicht zu rechtfertigen, im Gegenteil: Bereits die Spur des Zweifels, die in der Relativierung liegt, bedeutet einen ernsten Verstoß gegen das ihn schützende Tabu. Hat man nicht gar die 'Auschwitzlüge' als eine Art Gotteslästerung mit Strafe bedroht? Steht hinter dem Pochen auf die 'Unvergleichlichkeit' nicht die alte Furcht jeder offenbarten Wahrheit, daß sie verloren ist, sobald sie sich auf das aufklärerische Geschäft des historischen Vergleichs und der Rechtfertigung einläßt? 'Auschwitz' ist zum Inbegriff einer singulären und untilgbaren Schuld geworden."

Und an anderer Stelle: "'Auschwitz' oder 'die Nazis' stehen innerhalb dieser ideologischen Figur für die totale Negation des 'Menschen', die einst historisch real geworden ist. Mit Hitler und seinen Komparsen sind der säkularisierte Teufel und das Personal der Hölle leibhaftig auf der Erde erschienen. Dieser Teufel hat eine singuläre Tat vollbracht, die Massenvernichtung der Juden, welcher die folgende Bedeutung zugeschrieben wird: Es handelte sich um nichts Geringeres als die praktische Negation des humanitären Universalismus. Hitler hat jedoch nicht etwa 'den Menschen' als solchen vernichtet, sondern das Gegenteil dieser Allgemeinheit, die 'Juden', d.h. eine Partikularität. Gerade dieser Versuch der Vernichtung einer (völkisch-rassischen) Besonderung im Namen einer anderen (völkisch-rassischen) Besonderung ist aber das extremste Dementi des humanitären Universalismus bzw. der Idee der Menschheit und ihrer unveräußerlichen Rechte. Mit dem Faschismus ist daher der Anti-Mensch aufgetreten, so daß der Anti-Faschismus zu einer Religion des Menschen werden kann, die ihre Symbole in ebendieser Negation des Menschen findet.
Dies erklärt den Eifer, mit dem jede 'Historisierung', 'Relativierung' und 'Vergleichbarkeit' von Auschwitz bekämpft werden soll. Wer ‚Auschwitz’ relativiert, relativiert die totale Unmenschlichkeit und somit die Integrität des Menschen. Damit würde aber das einzig Absolute, welches die moderne Gesellschaft, die von Relativismen und Perspektivismen aller Art zerfressen ist, besitzen könnte, ebenfalls relativiert. Die Festschreibung des Auschwitz-Mythos kann daher als Versuch verstanden werden, einer skeptischen Welt Gewißheiten zurückzugeben. (...) Es ist dies eine sensationelle Wende der europäischen Geistesgeschichte: Dreihundert Jahre Erkenntniskritik werden von einer historischen Offenbarung dementiert!“

Ad 2: Was die "Kontingenz" der Untaten des nationalen Sozialismus betrifft, muss man wissen, dass Sieferle sich auf den Seiten zuvor mit dem zeitgenössischen Totemglauben an historische Kausalitäten und Gesetzmäßigkeiten beschäftigt. Der Narr in historicis ist ja leicht daran zu erkennen, dass er aus dem, was geschehen ist, herleiten zu können meint, dass es geschehen musste. Bei antideutschen Linken steht die Kausalitäts-Mythologie deshalb hoch im Kurs. Kontingenz ist die Klippe, an welcher der Marx’sche "historische Materialismus" immer wieder Schiffbruch erleidet und wie der fliegende Holländer nicht erlöst werden kann – und ein Kernbegriff in Sieferles Denken. Insofern ist der in böser Absicht zitierte Satz für ihn bloß eine erkenntnistheoretische Binse. Ein Beispiel:

"Die wirklich entscheidenden Vorgänge der Wirklichkeit können nicht entschieden werden, sondern sie vollziehen sich autonom. Dies wird etwa im Zerfall der Familie deutlich, der kulturellen Differenzierung der Generationen. 'Gewollt' hat dies, von einigen Außenseitern abgesehen, niemand, und nirgendwo sind die Weichen dafür gestellt worden; noch weniger ist es möglich, diesen Vorgang rückgängig zu machen. Wir können bestenfalls versuchen, zu verstehen, was da geschehen ist. (...) Die Auflösung der Familie, deren Abschluß wir in diesem Jahrhundert erleben, schneidet das Individuum von seinen Ahnen, von der Geisterwelt, vom Absoluten ab. Es verbleibt ein Elementarteilchen in einem endlosen kalten und finsteren Raum. Älterwerden bedeutet dann, in eine Zone persönlichen Hoffnungsschwunds zu geraten; die Möglichkeiten blieben ungenutzt, die Gelegenheiten vertan. Man treibt in einen sich verengenden Korridor hinein, aus welchem es nur noch kontingente Auswege gibt."

Außer für in die Jahre, aber nicht zu Verstand gekommene Denunzianten. Da hat Gevatter Grossarth aber noch ein bisschen Zeit.

Ad 3 sei der Vorwurf an Sieferle wiederholt: "Widerwärtig ist ihm die Demokratie: 'Die Politiker bilden nur noch den Scheitelkamm großer Wanderdünen.'"

Im Original lautet der Passus, der dieser Aussage vorausgeht, so: "Der 'Mensch' im alten Sinn ist bereits verschwunden, und er hat die Räume mitgenommen, in denen er gelebt hatte und die auf seine individuell-familiären Dimensionen zugeschnitten waren. Die Leidenschaften etwa, die ihn einst bewegt hatten, sind in irrelevante Zonen der Privatheit oder der öffentlichen Unterhaltung abgesunken – in Teilsegmente der Wirklichkeit also, die fern von den Achsen des Geschehens liegen. War es etwa einmal möglich und sogar üblich, politische Vorgänge auch aus persönlichen Eigenschaften, aus Merkmalen, Vorlieben und Versäumnissen großer Individuen abzuleiten, so ist dies heute schlicht unplausibel geworden. Der letzte Heros dieser Art war der unzeitgemäße Bösewicht Adolf Hitler. Heute beißt niemand mehr in den Teppich. Die Politiker bilden nur noch den Scheitelkamm großer Wanderdünen, die von Elementarkräften bewegt werden." Fragen?

Appendix: "Manche Behauptungen sind schon die Gegenwart betreffend haltlos", weiß der FAZ-Autor. "Von Hunderttausenden Dschihadisten unter den Migranten von 2015 ist die Rede, davon, dass schon in fünf Jahren so viele junge Muslime im Land sein würden wie junge deutsche Männer. Dem Abebben der Migrationswelle, das er erlebte, widmet Sieferle keinen Satz."

Die fragliche Passage im (bei Amazon skandalöserweise noch normal erhältlichen) Buch "Das Migrationsproblem" lautet:

"Ist der Jubel über die Massenimmigration von Muslimen nach Deutschland die geheime Rache der Linken für den Zusammenbruch des Sozialismus? Islamisten und Linke haben ja ein gemeinsames Feindbild: Amerika, Israel, den 'Westen'. Diese Feinde der Linken sollen den Kalten Krieg gewonnen haben? Da importiert man lieber Hunderttausende von Dschihadisten in der Hoffnung, daß diese dem verhaßten Westen den Garaus machen werden. Ist der islamistische Scharia-Staat, der daraus resultieren wird, aber tatsächlich das Ziel der Linken? Oder hoffen sie in ihrer unendlichen Geschichtsblindheit, sie könnten die Dschihadisten gegen den gemeinsamen Feind, den Westen, den Imperialismus, den Neo-Liberalismus instrumentalisieren, um aus den Trümmern der alten Gesellscha schließlich die sozialistische Weltrepublik aufsteigen zu lassen? Was sie dabei übersehen ist die Tatsache, daß die Dschihadisten stärker sein werden als sie selbst – so wie die 'wahren' Sozialisten und Anarchisten sich nach 1917 bald im Gulag wiederfanden, werden auch sie bald Bekanntschaft mit dem Säbel des Dschihad machen."

Wir sehen also, dass die hunderttausenden Dschihadisten als potentielle Kämpfer angesprochen werden, dass sich die Zahl auf den gesamten Westen bezieht, und wenn man in Rechnung stellt, dass allein in Deutschland dank Merkel nunmehr zwischen 5,5 und 6 Millionen Muslime leben und in Umfragen regelmäßig mindestens die Hälfte von ihnen die Gesetze der Scharia für verbindlicher erklärt als die des Landes, in das sie eingewandert sind, ist Sieferles quantitative Prognose völlig korrekt. Niedlich überdies die Behauptung, die Migrationswelle sei "abgeebbt" – als ob man im drei Meter tiefen Wasser weniger solide ertränke als im acht Meter tiefen –, denn immer noch kommt jeden Monat eine Kleinstadt rechtswidrig ins Land, der Sommer und die Familienzusammenführung stehen bevor, die Bundeswehr betätigt sich als Schlepperhilfsorganisation, und die Alltagskriminalität explodiert allerorten (Ungläubige googeln bitte: "Messer"); wirklich "abgeebbt" ist mithin nichts.

Einen gewissen Unterhaltungswert bescheren dem Artikel die namenlosen "Freunde" des Verstorbenen, die der Autor als Zeugen der Anklage zitiert, einen zum Beispiel mit den Worten, dass Sieferle vor allem sein letztes Buch niemals hätte schreiben dürfen, und sei es auch nur, weil besagter "Freund" auf diesem Level keine drei Zeilen hinbekäme. Sela, Psalmenende.

Ich meine, diese Beispiele genügen. Wenn Mollusken mit entstellten Zitaten die Demokratie zu verteidigen vorgeben, steht es wahrscheinlich ziemlich schlecht um Letztere. Die "ganze eingespielte Maschinerie von Verdächtigung, Anschuldigung, Denunziation, Besserwisserei und Heuchelei" (Sieferle) namens bundesdeutsche Öffentlichkeit mag einen Menschen von Geschmack leicht dazu verführen, dass er gleich das gesamte Land verachtet und ihm jene Veränderung ins Nicht-mehr-Wiederzuerkennende durch die massenhafte Einwanderung viriler Analphabeten gönnt, die Sieferle in Thukydides’scher Nüchternheit prophezeit hat, doch, geneigter Leser, bedenken Sie den deutschen Opportunismus und die deutsche Servilität: Wenn sich die Lage ändert, ändern sich auch die Mehrheiten, und nur aus der Angst, es könne so schnell geschehen, dass am Ende doch noch autochthone Mehrheiten zustande kommen, erklärt sich die zunehmende Raserei der Konsensvollstrecker in Politik und Medien. Ihre Zeit läuft ab.

Ich bin am Ende meines sonntäglichen und leider nicht den Künsten gewidmeten Sermons, dessen eigentlicher Zweck im folgenden Link besteht: Hier nämlich können und sollten Sie das Opus postumum des bedeutenden Denkers erwerben.

Ich schließe mit einem letzten Zitat daraus: "Die Vollendung der Zivilisation ist das kulturelle Tierreich: das Reich der niedrigen Bedürfnisse und ihrer unmittelbaren Befriedigung. Hier stirbt keiner mehr für ein Ideal, sondern man bringt sich durch Raubüberfälle oder in Bandenkriegen um, in denen es um Rauschgiftreviere und Schutzgelderpressung geht. Der Naturzustand steht am Ende, nicht am Anfang der bürgerlichen Gesellschaft. Nachdem das Aas des Leviathan verzehrt ist, gehen sich die Würmer gegenseitig an den Kragen."

Und solange die Möglichkeit – in zunehmendem Maße sogar: die Wahrscheinlichkeit – besteht, dass dieses Schicksal auch gewissen schreibenden Würmern blüht, ist Gerechtigkeit, ist Hoffnung, ist Zärtlichkeit. Ist Nemesis.