Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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9. April 2017


Die Sonntage immer den Künsten! Ich habe diese schöne Maxime zuletzt hier kaum mehr eingelöst, weil ständig etwas, wie man sagt, dazwischenkam. Jeder Tag hat seine Plag'. Doch auch seine Freuden! Ich vergnügte mich soeben auf dem mondbeschienen Balkone, nachdem das Vogelpack endlich das Lärmen eingestellt hatte, mit Händels göttlich diesseitiger Chaconne in G-Dur, jenen 21 Variationen oder besser Veränderungen über ein julisonniges Thema, die wie ein Mahlstrom ins Glück nach einem unendlichem Da capo verlangen – "War das das Leben? Wohlan! Noch ein Mal!" ("Also sprach Zarathustra") – geschmackvoll auf dem Pianoforte exekutiert von Ragna Schirmer hier.


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Alsdann stieß ich bei meinen Streifzügen durch die musikalischen Offerten von Youtube auf diese eindrucksvolle Darbietung des Ariosos "Hai ben raggione" aus Puccinis Einakter "Il tabarro", in dem der junge Löscher Luigi, gesungen von Sandor Konya, sein elendes Leben beklagt. Triste c-Moll-Akkorde verklangbildlichen die eintönige Last seiner Arbeit. "Alles ist ein Kampf, alles wird uns genommen, der Tag ist schon am frühen Morgen düster", klagt Luigi, "senk den Kopf und beug den Nacken." Tatsächlich aber ballt er die Fäuste. Am Schluss seiner Klage hebt sich bedrohlich die Stimme. Luigis Schicksalsergebenheit kann jederzeit in Aggression umschlagen. Puccini lässt einen Proletarier, einen der "Verdammten dieser Erde", auf der Opernbühne aufreten. Wahrscheinlich zum ersten Male überhaupt (die Uraufführung war 1918) in der Geschichte des Genres trifft, auf eine griffige Formel gebracht, Victor Hugo Karl Marx. Ich liebe dieses Stück.


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Kehren wir in die Gegenwart zurück. Dem (deutschsprachigen) zeitgenössischen Kabarett normalerweise abhold bis zur Aversion, verfolge ich seit einiger Zeit mit großer Sympathie die Auftritte der österreichischem Kabarettistin resp. "Poetry-Slammerin" Lisa Eckhart. Ich suche in den Äußerungen zur Kunst welcher Art auch immer begabter Seelen niemals nach "weltanschaulichen" Übereinstimmungen, sondern etwa nach Talent, Esprit, Originalität, Heiterkeit, Eleganz, Könnerschaft. Dass diese Maid sich überhaupt die Mühe macht, in Versen zu sprechen, löst bereits eine tiefe Befriedigung in mir aus. Einige spätpubertär wirkende Einsprengsel kann unsereins, der bis heute nicht dieser Periode seines Lebens entwachsen ist und sich auch keine großen Illusionen macht, jemals dort herauszukommen, bei einer Mittzwanzigerin spielend tolerieren. Allein wie sie ihre Stimme moduliert, ist buchenswert (hier und hier und hier und hier).