Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

Artikelsuche

Service Menu

Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


...mehr

 

 

1. April 2017


Eine große deutsche Zeitung lud zu einem Symposion und schönen Gespräch zum Thema Populismus und mich als Quotenpopulisten dazu. Der Einwand, dass mir die populistische Pose ungefähr so anstünde wie, sagen wir, Hugo von Hofmannsthal, geht fehl, denn was ein Kerl ist, der nimmt eine ihm zugewiesene Rolle an, solange sie nur exklusiv genug ist. So saß ich denn als ein morscher Balken unter lauter Stützen der Gesellschaft, Professoren zumeist, achtbare, ehrenwerte Herren und vereinzelte Damen, um mit ihnen über ein Symptom zu diskutieren, dessen Hauptursache selbstredend vor der Tür bleiben musste (sie aber in den nächsten Jahren womöglich schwungvoll eintreten wird). Aus Princeton kam eigens der sanftstimmige Zwillingsbruder von Gilderoy Lockhart angereist, um die gefährlichen magischen Kreaturen von Orban bis Trump hübsch in seine entomologischen Schaukästen einzusortieren, ohne zu ahnen, dass ihm ein Entomologe gegenübersaß, der... – ich schweife ab.

Solche Runden sind meist so organisiert, dass sich unsereiner mit seinem rechtspopulistischen Irrglauben an die Sinkbarkeit der "Titanic" wie ein Spielverderber vorkommt. Ein paar exponierte Hydrophile in der Runde starrten mich dementsprechend giftig an, sobald ich mich zu Wort meldete. Ein besonders gesinnungszäher Atlant der Diversität wollte sogar "kämpfen", seines bereits tonsurartig gelichteten Haupthaars ungeachtet, notfalls "bis zum Verbot" der übelsten Rechtspopulisten. Wenngleich auch einige Herren versammelt waren, die Zweifel an der Tauglichkeit des trendigen Schwefel- bzw. Schwafelwortes über die Stigmatisierung Andersmeinender hinaus anmeldeten und darauf insistierten, dass der Populist typischerweise immer der andere sei. Ich gestattete mir mehrfach die Bemerkung, es sei recht fruchtlos, über ein Phänomen zu diskutieren, ohne die Frage aufzuwerfen, worauf es reagiere, was aber als nicht wirklich tagungsthemenrelevanter Vorschlag ignoriert wurde. Ein knuffiger Soziologe wies mich freundlich darauf hin, dass ich in allen meinen Statements quasi dasselbe gesagt und mich damit als echter Populist präsentiert hätte. Ich schwöre hiermit coram publico, dass ich nie wieder an einer solchen Veranstaltung teilnehmen werde, ohne selber als Referent nominiert zu sein, denn wozu anderen lauschen, wenn man selber reden kann?

Was ich in meinen Kurzstatements vortrug, war beispielsweise Folgendes: In Deutschland sei eine Rechtspartei etabliert worden. Dabei handele es sich um einen völlig normalen Vorgang – unnormal sei der parlamentarische Mitte-Links-Zustand davor gewesen –, der nicht nur europäischen Üblichkeiten entspräche, sondern auch das Erste Gebot des demokratischen Katechismus (ich sagte wörtlich "der demokratischen Klippschule") erfülle, nämlich dass sämtliche relevanten politischen Strömungen, die in einer Gesellschaft existieren, sich auch in den Parlamenten abbilden mögen. Allerdings sei das Mitte-Links-Establishment nicht gewillt, diesen Machtverlust einfach hinzunehmen, weshalb der neue parlamentarische Konkurrent in bewährter "Kampf gegen rechts"-Manier zur Tschandala-Partei erklärt und der Aggression der Anständigen anheimgestellt worden sei. Ein exponiertes AfD-Mitglied zu sein, bedeute: Man wird tätlich angegriffen, das Haus wird beschmiert, das Auto angezündet, die Kinder werden in der Schule gemobbt, man kommt in keinem Hotel mehr unter, Gaststätten verweigern die Reservierung, Arbeitgeber kündigen den Job und dergleichen zivilgesellschaftliche Disziplinierungsmaßnahmen mehr. Menschen, die sich auf dergleichen einließen, seien nicht unmittelbar karriereorientiert. Sie gehörten in der Regel nicht zur Elite. Man könne unter einem praktischem Gesichtswinkel sogar sagen, sie seien nicht besonders klug. Menschen, die sich auf dergleichen einließen, seien folgerichtigerweise nicht im jenem edlen Kreise zu finden, der sich hier versammelt habe, um darüber zu befinden, ob man sie zu Recht Populisten nenne oder ob nicht andere Termini zutreffender seien. Menschen, die sich auf dergleichen einließen, hätten in der Regel nicht gelernt, ihre Worte genau abzuwägen und gewählt zu setzen, alle Fettnäpfchen der politischen Korrektheit elegant zu umtänzeln und das Stahlbad der herrschenden Euphemismen zur Bezeichnung ihrer Probleme nervlich unerschüttert zu bestehen. Diese Leute redeten vielmehr, wie ihnen der Schnabel gewachsen bzw. zurechtgesetzt worden sei, oft derb, vulgär, beleidigend, ohne den Willen zur Differenzierung* – ich hatte keine Zeit zu erwähnen, dass Politik und vor allem Medien heute im Netz nur jene Verachtung ernten, die sie jahrelang als Monopolisten und Einbahnstraßenfunker gesät haben –, und genau das bezeichne man in den besseren Rängen eben indigniert als Populismus beziehungsweise als ein Resultat desselben.

Auch diese Bemerkung fiel komplett durch. Mein Hinweis auf die Saturnalien der anständig Gebliebenen löste keine Reaktion aus. Wer will schließlich der Solidarität mit den Bösmeinern verdächtigt, selber ausgegrenzt, verfolgt, gerufmordet und nicht mehr eingeladen werden? Wie schnell das gehen kann, haben sie alle bei Safranski gesehen, bei Baberowski, sogar bei Sloterdijk, um hier nur in der Ersten Klasse zu verweilen. Ein falscher Satz kann genügen, und alle vermeintlichen Verdienste sind dahin, und das Gift der Verleumdung wird ausgestreut. Und weil er das genau weiß, sagte ein Diskutant unbeeindruckt: Jeder könne in Deutschland seine Meinung äußern, er müsse nur mit den Folgen rechnen. Das gilt bekanntlich in jedem Land der Welt, das galt auch unter Erich dem Einzigen, wo ich, der ich ja aus der Zukunft komme, schon vor vierzig Jahren auf FDJ-Veranstaltungen in querulantischer Isolation auf meinem Armesünderstühlchen saß, nur einen Panthersprung entfernt vom Austragungsort dieses Symposions übrigens, und meinen Menschenekel nährte, vor allem jenen gegenüber, die dasselbe dachten wie ich, aber schwiegen. Dieser Ekel wuchs mit jedem Jahr und wächst und wird reiner und ist heute ungefähr so rein wie jenes Kokain, das Pablo Escobar sich für seinen Privatgebrauch vorbehielt.

Für den zweiten Tag war sogar eine leibhaftige SPD-Generalsekretärin angekündigt. Vorstellig wurde aber nur eine ihr aufs Haar gleichende aparte Sprechpuppe, die zwischen Rassismusvorwurf, Bürgernähebeteuerung und der ersten Standardabweichung auf der Glockenkurve der Intelligenzverteilung ihr Biwak aufschlug. Sie verkündete, das Engagement gegen jede totalitäre, homophobe, die Rechte der Frauen einschränkende Bestrebung gehöre "zur DNA der SPD". Als getreuer Nathanael fragte ich: "Sind Sie etwa islamophob?" Das sei doch wohl eine Provokation, versetzte die Maid. Ich hätte zurückfragen sollen, ob sie etwas gegen Provokationen habe, riet Freund *** später, aber wo denkt dieser Schelm hin, eine Dame provoziert man doch nicht, nicht einmal eine aufziehbare, man sagt: Madame, ce pays nous ennuie, sowohl Baudelaire als auch Ihren ergebenen Diener am Konferenztische, und wer sich auf der "Titanic" langweilt, muss ein Rettungsboot haben, woraus Sie folgern dürfen, dass ich... – aber wir wollen von schönen Dingen reden, von Weinfesten und Listenplätzen, von Martin Schulz und Doktor Spalanzani. Doch schon war meine Olimpia entschwebt, zur nächsten Tagung und auf der Suche nach noch mehr Bürgernähe – –


* "Bisweilen ist der Ruf nach mehr Differenzierung die letzte Zuflucht des Feiglings." (Selbstzitat)


                                  ***


Auf der Konferenz ward auch die Frage aufgeworfen, erörtert und als letztlich nicht hundertprozentig beantwortbar zu den Akten gelegt, warum der "Populismus" nicht eher entstanden sei, etwa in den Siebzigern zu den Hochzeiten der RAF. Dabei ist die Antwort so simpel, dass man schon Soziologieschamane oder journalistischer Regenzauberer sein muss, sie zu verfehlen: Weil damals der Staat die Banditen und ihre Unterstützer bekämpfte (und nicht importierte), weil weiland die Europäische Gemeinschaft ein loser Wirtschaftsverband war (und kein zentralistischer politischer Gleichschaltungsmoloch), weil überdies die Restdeutschen damals mit der solidesten aller Währungen so etwas wie eine Rückgrats-Prothese besaßen, mit welcher sie die unglaubliche Last ihrer geschichtlichen Verantwortung zu tragen gelernt hatten, und weil es last but not least seinerzeit noch eine halbwegs konservative Union gab.